Sampsons Los wäre nicht minder traurig gewesen, wenn nicht Mannering, der für menschliche Absonderlichkeiten immer eingenommen gewesen, und der von Mac Morlan erfahren hatte, wie brav der wackre Mensch an der Tochter seines alten Gönners gehandelt, denselben gebeten hätte, Sampson mitzuteilen, daß er ihn recht nötig brauche für die Verwaltung der Büchersammlung, die er von seinem Oheim, dem Bischof, geerbt habe und zur See nach Schottland bringen lasse; auch seien manche Handschriften zu kopieren, Register anzulegen usw. »Bestimmen Sie seinen Gehalt nach Ihrem Gutdünken!« schloß der Oberst; »aber besorgen Sie dem braven Mann einen anständigen Anzug und lassen Sie ihn zusammen mit dem Fräulein nach Woodbourne kommen.«
Mac Morlan empfing diesen Auftrag mit lebhafter Freude; es machte ihm aber manches Kopfzerbrechen, wie er es anstellen solle, den alten Mann neu zu kleiden, so notwendig dies auch schon lange war. Ihm das Geld dazu auszuhändigen und ihn für die Anschaffung selbst sorgen zu lassen, hätte kaum etwas anderes bedeutet, als ihm Gelegenheit zu geben, sich lächerlich zu machen; denn wenn Sampson einmal an seinem Anzüge Veränderungen vorgenommen hatte, waren dieselben immer so merkwürdiger Natur gewesen, daß ihm die Dorfjugend tagelang nachlief. Ihm aber durch einen Schneider Maß nehmen zu lassen und ihm den neuen Anzug zuzuschicken, hätte er wahrscheinlich, wenn er sich dazu verstand, äußerst ärgerlich aufgenommen.
Mac Morlan fragte Lucy um ihren Rat. Sie meinte, wenn sie auch selbst keinen Mannsrock ausbessern oder machen könne, so sei wohl nichts leichter als Sampson mit solchem zu versorgen ... »Mein Vater,« setzte sie hinzu, »ließ, wenn Sampson etwas Neues brauchte, ihm durch einen Dienstboten nachts, wenn er schlief, das alte Kleidungsstück wegnehmen und das neue an die Stelle legen. Daß Sampson solche Veränderung in seiner äußern Tracht je wahrgenommen, sei ihr niemals aufgefallen.«
Mac Morlan wandte sich nun an einen Schneider, der es auf sich nahm, Sampson zwei Anzüge, einen schwarzen und einen grauen, ohne vorherige Maßnahme zu fertigen; Mac Morlan verhielt sich nun so, wie Lucys Vater, und machte mit den Beinkleidern den Anfang am ersten Abend, mit der Weste am zweiten die Fortsetzung, und mit dem Rock am dritten den Schluß. Als nun Sampson vollständig verwandelt und zum erstenmal in seinem Leben anständig gekleidet war, glaubte man doch wahrzunehmen, daß ihm eine dunkle Ahnung von einer Handlung in seinem äußern Menschen aufdämmerte; wenigstens sah man, daß er bald auf den Rockärmel, bald auf die Knie guckte und wohl nach Stellen suchte, wo er die mit blauem Zwirn gestopften Risse und aufgehefteten Flicken vermißte; und das ging so lange, bis er sich endlich an den neuen Anzug gewöhnt hatte. Er machte aber bloß die einzige Bemerkung dazu, daß die Luft in Kippletringan so gut sei, daß sie selbst Kleidern zu bekommen scheine, denn sein Rock sehe fast so neu aus, wie an dem Tage, da er ihn zum erstenmal angezogen, als er nämlich die Predigtamtsprüfung abgelegt hätte.
Als die Nachricht von Mannerings Anerbieten einer Bibliothekarsstelle in Kippletringan eintraf, warf Sampson zuerst einen besorgten Blick auf Lucy, als sei es auf eine Trennung von ihr abgesehen; sobald aber Mac Morlan ihn durch die Versicherung beruhigt hatte, daß auch sie eine Zeitlang als Gast in Woodbourne wohnen solle, rieb er sich die großen Hände und lachte seit langer Zeit wieder einmal aus vollstem Halse. Nach diesem Ausbruche seines Behagens verhielt er sich aber allen weitern Zurüstungen gegenüber völlig passiv.
Zwanzigstes Kapitel
Der Tag im Dezember, an welchem Mannering mit seiner Tochter in Woodbourne erwartet wurde, erschien. Jeder in dem kleinen Kreise sah dem Ereignis mit eigener Besorgnis entgegen. Mac Morlan wünschte sich in der Gunst eines so reichen, bedeutenden Mannes wie Mannering zu befestigen. Es war ihm nicht entgangen, daß Mannering, so großmütig und wohltätig er war, die Schwachheit hatte, seine Wünsche bis aufs kleinste genau erfüllt zu sehen; er hielt deshalb peinliche Umschau, von der Dachstube bis herab zu den Ställen, ob alles in Ordnung sei. Seine Frau tat das gleiche in ihrem engeren Kreise, dem Speisezimmer und der Küche, war aber in ständiger Bange, daß das Mittagessen verderben und ihr guter Ruf als Hauswirtin Schaden erleiden möchte. Selbst Sampson wurde in seiner Gemütsruhe gestört, trat zweimal an das Fenster, das nach der Landstraße hinaussah, und rief zweimal, wie es nur käme, daß die Räder so langsam rollten?
Lucy, die ruhigste von allen, hatte von allen die trübsten Gedanken; sollte sie doch nun, auf fremde Wohltätigkeit angewiesen, abhängig von Fremden leben, mit deren Denkungsart, so freundlich sie sich auch bisher gezeigt hatten, sie doch kaum bekannt war.
Endlich hörte man den Wagen rollen. Zuerst kam die Dienerschaft und stellte sich im Hausflur zum Empfange auf mit einer Wichtigkeit und Geschäftigkeit, die für Lucy, die weder an Gesellschaft gewöhnt war, noch die Sitten der vornehmen Welt kannte, höchst beunruhigend waren.
Mannering, bei wie gewöhnlich die Reise zu Pferde zurückgelegt hatte, trat herein, mit seiner Tochter am Arm. Julie war von Mittelgröße und eine zierliche Gestalt, mit durchdringenden dunklen Augen und tiefschwarzem langgelockten Haare, das gut zu dem lebhaften, klugen Gesichte stand, das ein seltsames Gemisch von Stolz und Scheu, von Humor und Sarkasmus zeigte. Lucys erste Empfindung war: »meine Freundin wird sie nie werden,« als sie das Gesicht aber zum zweitenmal musterte, meinte sie: »vielleicht wird sie es doch!«
Julie war bis ans Kinn gegen die rauhe Winterkälte in Pelze vermummt; ihr Vater hatte den Oberrock bis an den Hals zugeknöpft. Er grüßte Frau Mac Morlan, der auch Julie eine kurze Verbeugung machte, die ihr nicht eben schwer fiel und der Mode und dem Anstande gerecht wurde. Mannering führte darauf seine Tochter zu Lucy, die er freundlich, fast mit väterlicher Zuneigung, bei der Hand faßte, und sagte: »Hier, Julie, ist Fräulein Bertram; hoffentlich ist es unserem Freunde gelungen, sie zu einem recht langen Besuche zu bestimmen. Es wird mich sehr freuen, Julie, wenn Du dem Fräulein den Aufenthalt in Woodbourne so angenehm machen kannst, wie ich ihn zu Ellangowan fand, als ich das erstemal im Leben als Fremder in dieses Land kam.«
Julie faßte die neue Freundin liebreich bei der Hand, und Mannering wandte sich nun zu Sampson, der seit dem Eintritt des Obersten unaufhörlich Verbeugungen gemacht, die Beine gespreizt und den Rücken gekrümmt hatte, wie ein Automat, der sich so lange dreht, bis er abgestellt wird. Mannering stellte ihn seiner Tochter vor, indem er sie mit strengem Blick ansah; aber es fiel ihm schwer, das Lachen zu verbeißen, das Julie anzustimmen große Lust hatte ... »Mein lieber Freund, Herr Sampson,« hob er an; »er wird meine Bücherei in Ordnung bringen, sobald sie ankommt, und ich rechne darauf, von seiner ausgebreiteten Gelehrsamkeit großen Nutzen zu ziehen.«
Julie verlor, als ihr Vater die Stirn runzelte, die Lust zu einem Scherze, der ihr auf den Lippen schwebte, und wandte sich schnell zu Lucy. »Wir haben heute eine starke Tagreise gemacht,« sagte sie ... »Sie nehmen es mir wohl nicht übel, wenn ich mich vor Tische auf ein paar Augenblicke entferne?«
Die ganze Gesellschaft zerstreute sich bis auf Sampson, dem es nicht in den Sinn kam, sich zu anderer Zeit, als beim Aufstehen, an- und beim Schlafengehen auszuziehen. Er blieb allein und kaute an einem mathematischen Beweise, bis die Gesellschaft sich wieder versammelte, um sich ins Speisezimmer zu begeben.