»Wenn es Ew. Herrlichkeit gefällt,« entgegnete der Arzt, mit einem Gefühl von Wichtigkeit, worin ihn selbst die Gegenwart des Connetable nicht beirrte. »Curatio est canonica non coacta; das heißt, Mylord, der Arzt unternimmt die Heilung nach, den Regeln der Kunst und Wissenschaft. Durch Rat und Vorsicht, aber nicht durch Macht und Gewalt zwingt er den Kranken, dem er nur dann helfen kann, wenn die Vorschriften willig befolgt werden.« – »Schweigt mit Eurem Kauderwelsch!« sagte de Lacy. »Wenn mein Neffe so gedankenlos war, in der Hitze der Fieberphantasie hierherzukommen, so hättet Ihr Verstand genug haben sollen, ihn abzuhalten, wäre es auch mit Gewalt geschehen.«
»Vielleicht,« sagte Randal de Lacy, der sich in die um Damian versammelte Menge mischte, »war der Magnet, der unseren Verwandten hierherzog, stärker als alles, was der Arzt hätte tun können, ihn zurückzuhalten.«
Der Connetable, noch immer mit seinem Neffen beschäftigt, blickte auf, als er Randal reden hörte, und als er fertig war, fragte er mit steifer Kälte: »Nun, werter Vetter, sagt doch, von welchem Magnet redet Ihr da?« – »Von welchem andern, als von Eures Neffen Liebe und Achtung gegen Ew. Herrlichkeit,« antwortete Randal. »Die hat ihn, ganz zu schweigen von seiner Ehrerbietung gegen Lady Eveline – hertreiben müssen, solange ihn noch seine Füße tragen konnten. – Hier kommt ja auch schon die Braut, ich denke, um ihm aus Barmherzigkeit für seinen Eifer zu danken?«
»Was für ein unglücklicher Vorfall ist das!« sagte Lady Eveline, hinzueilend, ganz in Verwirrung über die Nachricht von Damians Gefahr, die man ihr so plötzlich mitgeteilt hatte. »Gibt es hier nichts, wobei mein geringer Dienst helfen kann?« – »Nichts, Lady,« sagte der Connetable, sich von der Seite seines Neffen erhebend und ihre Hand ergreifend. »Eure Güte ist hier zur Unzeit. Diese bunten Haufen, diese unziemliche Verwirrung ist nicht für Eure Gegenwart geeignet.« – »Ausgenommen, wenn ich mich nützlich machen könnte,« antwortete Eveline, mit Eifer. »Es ist Euer Neffe, der in Gefahr ist, – mein Befreier, – einer meiner Befreier, wollte ich sagen.«
»Sein Wundarzt wird ihn schon bedienen, wie es sich gehört,« sagte der Connetable und führte seine widerstrebende Braut in das Kloster zurück, während der Arzt triumphierend ausrief: »Sehr richtig geurteilt von dem Lord Connetable, daß er seine edle Lady aus dieser Schar von Quacksalbern in Weiberröcken fortzieht, die den Amazonen gleich sich eindrängen und den kunstgemäßen Gang der ärztlichen Praxis mit ihren kecken Vorhersagungen, ihren gleich fertigen Rezepten, ihren Schlaftränken, ihren Amuletten, ihren Besprechungen in Unordnung bringen.«
Darauf wandte sich der Wundarzt seinem Geschäfte zu, und ließ den jungen Damian in ein nahe gelegenes Haus bringen, wo sein Zustand sich noch zu verschlimmern schien und eiligst alle Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit, deren der Arzt nur fähig war, in Anspruch nahm.
Wie gesagt, die Unterschrift des Heiratskontrakts war soeben vollzogen worden, als die Versammlung durch die Nachricht von Damians Uebelbefinden unterbrochen wurde. Als der Connetable seine Braut aus dem Hofe in das Zimmer zurückführte, wo die Gesellschaft sich befand, verrieten ihre Züge Verwirrung und Unmut. Als die Braut bemerkte, daß die Hand des Bräutigams mit frischem Blut befleckt war, entriß sie ihm hastig die ihrige. »Was bedeutet dies?« rief sie, sich an Rosa wendend, »Ist es die Rache des blutigen Fingers; die jetzt schon beginnt?«
Indessen hatte auch der Connetable bemerkt, daß bei seinem Eifer, seinem Neffen zu helfen, Spuren von dessen Blute von seiner Hand auf Evelinens Kleidung geraten waren. Er trat zu ihr, um sie dieserhalb zu beruhigen. »Schöne Lady,« sagte er, »das Blut eines echten de Lucy kann Euch nie etwas anderes als Freude und Glückseligkeit verkünden.«
Eveline schien antworten zu wollen, aber nicht gleich Worte finden zu können. Die treue Rosa erwiderte, selbst auf die Gefahr hin, wieder als vorlaut gescholten zu werden: »Jede Jungfrau ist verpflichtet, das zu glauben, was Ihr sagt, mein edler Herr, da man weiß, wie bereitwillig Ihr dieses Blut immer vergösset, die Bedrängten zu beschützen, und noch letzthin zu unserer eigenen Errettung.«
»Das war gut gesagt, Du Kleine!« erwiderte der Connetable, »Glücklich ist Lady Eveline, ein Mädchen zu besitzen, die ihre Rede so gut zu setzen weiß. Kommt, Lady,« fügte er hinzu, »laßt uns hoffen, daß dieser Unfall unseres Verwandten nur ein kleines Opfer ist auf dem Altar des Schicksals, das nun einmal auch über die heiterste Stunde immer einen Schatten fallen läßt. Damian, hoffe ich, wird bald hergestellt sein, und erinnern wollen wir uns, daß die Blutstropfen, die Euch beunruhigen, durch einen freundlichen Stahl vergossen und mehr Vorzeichen der Genesung als der Krankheit sind. – Kommt, teuerste Lady, Euer Schweigen macht unsere Freunde mutlos und erregt in ihnen Zweifel an der Aufrichtigkeit unseres Willkommens. – Laßt mich Euer Aufwärter sein,« sagte er, indem er ein silbernes Handbecken und eine Serviette von den reich mit Gerichten versehenen Schanktische nahm und es auf den Knien seiner Braut darreichte.
Eveline suchte wenigstens äußerlich die Unruhe zu verscheuchen, in die sie der Zufall, daß der eben beschriebene Vorfall mit der Erscheinung Baldringhams zusammentraf, versetzt hatte; sie ging also auf ihres Verlobten Scherz ein und wollte ihn eben von der Erde erheben, als sie durch die eilige Ankunft eines Boten unterbrochen ward, der, ohne Umstände in das Gemach dringend, dem Connetable berichtete, sein Neffe wäre so äußerst elend geworden, daß, wenn er ihn noch lebend sehen wollte, er sich augenblicklich nach seiner Wohnung begeben müßte.
Der Connetable sprang auf, nahm kurz Abschied von Eveline und den Gästen, die, über die neue Unglücksbotschaft erschrocken, eben Anstalt machten, sich gleichfalls zu entfernen, als ihm, da er sich der Tür näherte, ein Gerichtsdiener oder Vorlader des geistlichen Gerichts, entgegentrat, der auf Grund seiner Amtskleidung Zutritt in das Innere der Abtei erlangt hatte.
»Deus vobiscum!« sagte der Gerichtsdiener. »Ich wünsche zu wissen, wer in dieser edlen Versammlung der Connetable von Chester ist.« –»Das bin ich,« antwortete der ältere de Lacy, »aber wenn Dein Geschäft nicht das allerdringendste ist, so kann ich jetzt nicht mit Dir sprechen. – Mich ruft eine Sache auf Leben und Tod.« – »Ich nehme alle Christen hier zu Zeugen, daß ich meiner Pflicht ein Genüge geleistet habe,« sagte der Gerichtsdiener und übergab dem Connetable ein Pergamentblatt.
»Was soll das bedeuten, Bursch?« rief der Connetable, aufs höchste empört. »Für wen oder was hält mich Euer Gebieter, der Erzbischof, daß er auf eine so unhöfliche Weise mit mir verfährt und mich vorladet, vor ihm zu erscheinen wie ein Delinquent, nicht wie ein Freund oder Edelmann?« – »Mein gnädiger Herr,« erwiderte der Vorlader trotzig, »ist keinem als dem heiligen Vater, dem Papste, Rechenschaft über die Ausübung der Macht schuldig, die ihm die Canones der Kirche erteilen. – Eurer Herrlichkeit Antwort auf meine Vorladung?« – »Befindet sich der Erzbischof in der Stadt?« sagte der Connetable nach einigem Nachdenken. »Ich wußte nichts von seiner Reise hierher, noch weniger von seiner Absicht, außerhalb seiner Grenzen seine Gewalt auszuüben.« –»Mein gnädiger Herr, der Erzbischof,« sagte der Gerichtsbote, »ist soeben in der Stadt angekommen, von welcher er Metropolitan ist; überdies hat er vermöge apostolischen Auftrags eine vollkommene Jurisdiktion durch ganz England, und wer es wagt, auf seine Vorladungen nicht zu achten, wird es büßen, wie hoch sein Stand auch sei.«
»Merk' es Dir, Bursch!« sagte der Connetable und blickte den Boten mit zornigem Gesicht an. »Hielten mich nicht gewisse Rücksichten ab, womit, ich gebe Dir mein Wort, Deine braune Kapuze wenig zu tun hat, so würdest Du besser getan haben, Deine Zitation zu verschlucken mit Siegel und allem, als sie mir mit so unverschämten Worten zu überreichen. Mache Dich fort und sage Deinem Gebieter, ich werde ihn in Zeit von einer Stunde sehen; solange bin ich aber genötigt, einen kranken Verwandten zu besuchen.«