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Der Gerichtsbote verließ mit mehr Demut das Zimmer und die versammelten Gäste, die schweigend und bange einander anblickten.

Der Leser wird sich ohne Zweifel erinnern, wie streng das Joch der römischen Obergewalt sowohl auf der Geistlichkeit, wie auf den Laien in England während der Regierung Heinrichs II. lastete. Und gerade eben der Versuch dieses weisen, mutigen Monarchen, in der denkwürdigen Sache des Thomas a Becket die Unabhängigkeit des Thrones aufrecht zu erhalten, hatte einen so unglücklichen Ausgang, daß man, wie es bei einer unterdrückten Empörung geschieht, es für nötig erachtete, der Herrschaft der Kirche neue Kräfte zu verschaffen. Seit der Unterwerfung des Königs nach diesem unglückseligen Kampf hatte die Stimme von Rom aus, wo sie ertönte, eine doppelte Gewalt, und die kühnsten Großen von England hielten es für geraten, diesen gebieterischen Aussprüchen sich zu unterwerfen. So erfüllte die verächtliche Art, mit der der Connetable von dem Prälaten Balduin behandelt wurde, die zu Zeugen seines Verlöbnisses versammelten Freunde mit frostigem Schauder; und als er seinen stolzen Blick umherwarf, sah er viele, die sonst in jedem andern Kampfe ihm auf Leben und Tod zur Seite gestanden waren, jetzt bloß bei dem Gedanken an einen Zwist mit der Kirche erblassen. In Verlegenheit, aber auch zugleich erzürnt über ihre Zaghaftigkeit, eilte der Connetable, sie zu entlassen, mit der allgemeinen Versicherung, es werde alles gut gehen; seines Neffen Krankheit sei nur ein leichtes Unwohlsein, das ein eingebildeter Arzt übertreibe und das durch des Patienten eigene Sorglosigkeit vermehrt werde. Daß aber die Botschaft des Erzbischofs ihm ohne gehörigen Anstand übergeben worden, sei die Folge ihrer gegenseitigen freundschaftlichen Vertraulichkeit, die sie zuweilen veranlasse, scherzweise die gewohnten Formen des Umgangs zu vernachlässigen oder gar umzukehren. »Wenn ich mit dem Prälaten Balduin in irgend einem Geschäfte eilig zu sprechen hätte, so ist die Demut und Gleichgültigkeit gegen äußere Formen bei diesem würdigen Pfeiler der Kirche so groß, daß ich nicht fürchten würde, ihn zu beleidigen, schickte ich auch meinen geringsten Stallknecht zu ihm, Gehör bei ihm zu erbitten.«

So sprach er wohl, es war aber etwas in seinen Gesichtszügen, was seine Worte Lügen strafte, und seine Freunde und Verwandten verließen die glänzende, fröhliche Festlichkeit seiner Verlobung mit ängstlichen Gedanken und niedergeschlagenen Augen, als ob sie sich von einem Leichenmahle entfernten. Randal war der einzige, der, als er das Haus verließ, sich seinem Vetter zu nahen und die Frage an ihn zu richten wagte, ob er ihm, nachdem ihre Freundschaft wiederhergestellt sei, keine Befehle zu erteilen habe?« Dabei sah er ihn mit einem Blicke an, der noch ausdrucksvoller, als seine Worte, die Versicherung enthielt, er solle ihn nicht fahrlässig in seinen Diensten finden. – »Ich habe nichts, wobei Ihr Euern Eifer betätigen könntet, mein lieber Vetter,« erwiderte der Connetable mit einer Miene, die die Aufrichtigkeit des Sprechers gar sehr zu bezweifeln schien, und die abweisende Handbewegung, mit der er diese Worte begleitete, ließ Randal keinen Vorwand, noch länger bei ihm zu bleiben, wie es eigentlich seine Absicht gewesen war.

Zweites Kapitel

Der sorgenvollste, unglücklichste Moment in Hugo de Lacys Leben war ohne Frage der, in welchem er durch die unter allen bürgerlichen und religiösen Gebräuchen vollzogene Verlobung mit Eveline sich dem zu nähern schien, was er seit einiger Zeit am innigsten gewünscht hatte. Der Besitz einer schönen liebenswürdigen Gattin, ausgestattet mit so vielen weltlichen Vorteilen, die seinem Ehrgeiz und seinen Neigungen ein Genüge leisten konnten, stand ihm nahe und gewiß bevor. Aber eben selbst in diesem glücklichen Augenblicke verdunkelte sich der Horizont um ihn her dermaßen, daß er nichts wie Sturm und Unwetter vor sich sah. In seines Neffen Wohnung hörte er, daß der Puls des Patienten noch heftiger schlüge, sein Delirium sich vermehrt hätte, alles um ihn her an seinem Aufkommen zweifelte, vielmehr befürchtete, er werde die schnell sich nähernde Krisis nicht überleben. Der Connetable schlich sich an die Tür des Zimmers, das zu betreten ihm eine Art von Schuldbewußtsein nicht gestattete, und lauschte auf die wahnwitzigen Reden, die der Kranke im Fieber tat. Es gibt nichts Traurigeres als anzuhören, wie der Geist in den gewöhnlichen täglichen Geschäften gleichsam weiterarbeitet, während der Körper in Schmerzen und Gefahren auf einem schweren Krankenlager hingestreckt liegt. Dieser Kontrast gegen den gewöhnlichen gesunden Zustand und dessen Freuden und Lasten macht die Hilflosigkeit des Kranken, vor dem diese Visionen emporsteigen, doppelt ergreifend, und wir fühlen um so regere Teilnahme für den Leidenden, dessen Gedanken so weit von seinem wahren Zustand abschweifen.

Der Connetable fühlte dies bis ins Innerste, als er seinen Neffen das Kriegsgeschrei seines Hauses zu wiederholten Malen ausstoßen hörte, der, nach den Kommandoworten und Anordnungen zu urteilen, die er von Zeit zu Zeit erteilte, sich damit beschäftigt glaubte, seine Reisigen gegen die Walliser anzuführen. Dann murmelte er wieder Redensarten von der Reitschule, der Falkenbeize, der Jagd – er nannte dabei sehr oft seines Oheims Namen, als ob das Bild seines Verwandten mit seinen Kriegestaten, seinen Jagden aufs innigste verbunden sei. Es gab noch andere Laute, die er aber so leise flüsterte, daß sie durchaus unverständlich blieben.

Zweimal legte der Connetable die Hand auf den Drücker der Tür, um in das Krankenzimmer zu treten, und zweimal zog er sie zurück, da seine Augen sich mit Tränen füllten, die er den Leuten drinnen nicht zeigen mochte. Zuletzt gab er den Vorsatz auf und verließ eilig das Haus, stieg zu Pferde, und nur in Begleitung von vieren seiner Diener ritt er dem bischöflichen Palast zu, wo der Erzbischof jetzt seinen Sitz aufgeschlagen hatte.

Der Zug von Reitern, Handpferden und Packmaultieren, von weltlichen und geistlichen Dienern und Knechten, die das Tor des bischöflichen Wohnsitzes umringten, zugleich mit der gaffenden Menge von Einwohnern, die sich hinzudrängte, teils um das glänzende Schauspiel selbst zu sehen, teils um einen Anteil an der Segenssprechung des Prälaten zu erhaschen, war so groß, daß der Connetable nicht bis zum Tore des Palastes gelangen konnte. Als dieses Hindernis überwunden war, fand er ein anderes in der Hartnäckigkeit der erzbischöflichen Bedienten, die ihm, obgleich er Namen und Titel nannte, nicht erlaubten, über die Schwelle zu kommen, bis sie den ausdrücklichen Befehl ihres Herrn erhalten hätten. Der Connetable empfand das volle Gewicht dieses geringschätzigen Empfanges. Er war in der Gewißheit vom Pferde gestiegen, daß er wenigstens sogleich in den Palast gelassen würde, wenn auch nicht gleich vor den Prälaten selbst; und als er nun zu Fuß stand unter Knappen, Dienern, Stallknechten und geistlichen Herren, war ihm das so empörend, daß sein erster Gedanke der war, wieder zu Pferde zu steigen, zu seinem vor den Stadtmauern errichteten Zelt zurückzukehren und es dem Erzbischof zu überlassen, ihn hier aufzusuchen, wenn er wirklich eine Zusammenkunft mit ihm wünschte. Aber die Notwendigkeit, ihn sich geneigt zu machen, trat unmittelbar darauf vor seine Seele und unterdrückte den ersten Entschluß seines beleidigten Stolzes. »Wenn unser weiser König,« sagte er zu sich selbst, »einem Erzbischofe, als er lebte, die Steigbügel hielt, und sich, als er tot war, den erniedrigendsten Gebräuchen vor seinem Grabe unterwarf, so darf ich in der Tat nicht so bedenklich sei.,« Ein anderer Gedanke, den er sich selbst kaum zu sagen wagte, empfahl ihm denselben demütigen, unterwürfigen Gang. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er durch seine Bemühung, von dem Gelübde als Kreuzfahrer entbunden zu werden, sich dem gerechten Tadel der Kirche preisgab, daher überließ er sich gern der Hoffnung, daß der kalte, verächtliche Empfang von Balduins Seite schon als ein Teil der Buße anzusehen wäre, die, wie sein Gewissen ihm sagte, sein Benehmen ihm zuziehen müßte.