Nach kurzer Zeit wurde de Lacy endlich eingeladen in den bischöflichen Palast zu treten, um dort bei dem Primas von England Audienz zu erhalten. Aber nun gab es noch mehr als einen Aufenthalt in der Halle und dem Vorzimmer, ehe er endlich vor Balduin gelassen wurde.
Der Nachfolger des berühmten Becket hatte weder die weitsichtigen Pläne noch den hochstrebenden Geist jenes berühmten Mannes, aber anderseits läßt sich bezweifeln, ob dieser, wiewohl er heilig gesprochen worden, für das Wohl der Christenheit halb so aufrichtig besorgt war, als der gegenwärtige Erzbischof. Balduin war in der Tat vollkommen wohlgeeignet, die Macht, die die Kirche gewonnen hatte, zu verteidigen, obwohl vielleicht sein Charakter zu aufrichtig und zu ehrlich war, um ihr zu noch weiterer Ausdehnung zu verhelfen. Die Beförderung des Kreuzzuges war die Hauptbeschäftigung seines Lebens, dessen Gelingen das Hauptziel seines Stolzes; und wenn das Bewußtsein, die Macht der Beredsamkeit zu besitzen und die Gemüter der Menschen nach seinem Willen lenken zu können, sich seinem religiösen Eifer beimischte, so hat doch sein ganzes Leben und später sein Tod vor Ptolomais bewiesen, daß die Befreiung des heiligen Grabes aus den Händen der Ungläubigen das aufrichtige Endziel aller seiner Bemühungen gewesen ist.
Der Prälat, ein Mann von einer schönen, stattlichen Gestalt, mit Zügen, die zu strenge waren, um angenehm zu sein, empfing den Connctable mit allem Pomp der geistlichen Würde. Er saß auf einem reich mit gotischem Schnitzwerk versehenen Stuhle von Eichenholz, der auf einer Erhöhung des Zimmers in einer Nische stand. Er trug den reich gestickten bischöflichen Mantel, der sich vorne auf der Brust öffnete und ein Untergewand zeigte zwischen dessen Falten, als sei es nicht gut verdeckt, das Hemd von Haartuch hervorsah, das der Prälat auf bloßem Leibe unter allen seinen Prachtgewändern trug. Seine Bischofsmütze lag neben ihm auf einem eichenen Tische, an dem sein Hirtenstab lehnte, ein wirklicher Schäferstab von der einfachsten Gattung, der aber, geschwungen von der Hand des Thomas a Becket, sich mächtiger und furchtbarer denn Lanze oder Säbel erwiesen hatte.
In einer geringen Entfernung kniete vor einem Pult ein Kaplan mit einem weißen Chorhemd und las aus einem buntbemalten Buche irgend einen theologischen Traktat vor, und Balduin schien so vertieft zu lauschen, daß er den eintretenden Connetable unbeachtet ließ, der, über diese neue Geringschätzung höchst empört, am Eingänge stehen blieb, unentschlossen, ob er den Vorleser unterbrechen und den Erzbischof anreden oder ohne weiteres sich wieder entfernen sollte. Ehe er aber mit sich selbst darüber einig werden konnte, kam der Kaplan an eine Stelle, wo die Vorlesung abgebrochen werden konnte, und der Erzbischof tat ihm mit den Worten Einhalt: »Satis est, mi fili!«
Umsonst bemühte sich der stolze weltliche Große, die Verlegenheit zu verbergen, mit der er sich dem Prälaten nahte, der offenbar nur in der Absicht, ihn mit Scheu und Sorge zu erfüllen, diese Haltung angenommen hatte. Zwar versuchte er es, ein so unbefangenes Wesen zu zeigen, als bestehe noch ihre alte Freundschaft oder wenigstens eine stolze Gleichgiltigkeit, als ob er sich vollkommen ruhig fühle; aber beides gelang nicht, und seine Anrede verriet gekränkten Stolz, vermischt mit einem nicht geringen Grad von Verwirrung.
»Ich bemerke,« sagte de Lacy, indem er seine Gedanken sammelte und sich darüber schämte, daß dies ihm schwer wurde, »daß eine alte Freundschaft sich hier aufgelöst hat. Ich sollte meinen, Hugo de Lacy hätte durch einen andern Boten zu dieser hochwürdigen Audienz beschieden werden und einen andern Empfang erwarten können.«
Langsam erhob sich der Erzbischof in seinem Sessel und machte gegen den Connetable eine halbe Verbeugung, die dieser aus Verlangen nach Versöhnung gleichsam instinktmäßig tiefer erwiderte, als er selbst wollte oder diese karge Höflichkeit es verdiente. Zu gleicher Zeit gab der Prälat dem Kaplan ein Zeichen, worauf dieser aufstand und sich ehrerbietig zurückzog, ohne die Augen aufzuschlagen, die auf den Boden geheftet blieben, die Hände über der Brust gekreuzt.
Sobald dieser stumme Diener verschwunden war, entwölkte sich zwar des Prälaten Stirn etwas, doch behielt sie noch immer einen finsteren Schatten ernsten Unmuts, und er antwortete auf de Lacys Anrede, noch immer ohne seinen Sitz zu verlassen. »Es kommt jetzt nicht darauf an, Mylord, dessen zu erwähnen, was der tapfere Connetable von Chester dem armen Geistlichen Balduin gewesen, oder mit welcher Liebe, mit welchem Stolz wir ihn das heilige Zeichen der Erlösung nehmen sahen, und wie er gelobte, sich zu Ehren dessen, durch den er selbst zu Ehre und Würden gelangt ist, der Befreiung des heiligen Landes zu weihen. Sehe ich nun noch diesen edlen Lord vor mir, mit demselben heiligen Entschlusse, so laßt mich diese freudenvolle Wahrheit wissen, und ich will Chorrock und Mitra ablegen und seines Pferdes warten wie ein Stallknecht, wenn es nötig sein sollte, durch einen solchen Knechtesdienst ihm die herzliche Achtung zu beweisen, die ich für ihn hege.«
»Hochwürdiger Vater,« antwortete de Lacy mit einigem Stocken, »ich hoffte, daß die Vorschläge, welche Euch von meiner Seite durch den Dechant von Hereford gemacht wurden, Euch triftiger erscheinen würden.« Darauf sein natürliches Selbstvertrauen wiedergewinnend, fuhr er mit mehr Zuversicht in Sprache und Haltung fort, denn die kalten unbeweglichen Blicke des Erzbischofs reizten ihn auf. »Können diese Vorschläge noch verbessert werden, Mylord, so laßt es mich wissen, in welchen Stücken, und Euer Verlangen soll, wenn es möglich ist, erfüllt werden, selbst wenn es etwas unbillig sein sollte. Ich wünsche Frieden mit der heiligen Kirche, Mylord, und bin der letzte, der ihre Weisungen mißachten wollte. Das haben meine Taten im Felde, meine Ratschläge in der Staatssitzung bewiesen; und ich kann nicht glauben, daß meine Dienste kalte Blicke und kalte Sprache vom Primas Englands verdienen.«
»Wollt Ihr der Kirche Eure Dienste vorhalten, eitler Mann!« sagte Balduin. »Ich sage Dir, Hugo de Lacy, was der Himmel durch Deine Hand für die Kirche tun ließ, hätte, wenn es dem göttlichen Willen so gefallen hätte, ebenso leicht auch durch den geringsten Pferdejungen in Deinem Heere geschehen können. Nur Du bist es, der geehrt worden ist, da Du zum Werkzeug erwählt wurdest, durch welches große Dinge in Israel geschahen. – Nein! unterbrich mich nicht. – Ich sage Dir, stolzer Baron, vor dem Angesicht des Himmels ist Deine Weisheit nichts als Torheit – Dein Mut, dessen Du Dich rühmst, nichts als die Zaghaftigkeit eines Dorfmädchens – Dein Speer eine Weidenrute und Dein Schwert eine Binse.«
»Alles das weiß ich, heiliger Vater,« sagte der Connetable. »Und ich habe es wiederholt gehört, daß solche armen Dienste, wie ich sie geleistet habe, vorbei und abgetan sind. Jawohl, als man einer hilfreichen Hand bedurfte, da war ich der gütige Lord bei Priestern und Prälaten, ein Mann, der verehrt und angebetet werden müsse, wie die Schutzheiligen und Stifter der Kirche, die im Chor und unterm Hochaltar schlummern. Da war kein Gedanke, wahrlich! an Weide und Binse, wenn man mich darum anflehte, die Lanze einzulegen oder mein Schwert zu ziehen; nur wenn man ihrer nicht mehr nötig hat, gelten sie und ihre Besitzer nichts mehr. Wohl, mein hochwürdiger Vater! mag es so sein! Wenn die Kirche die Sarazenen aus dem heiligen Lande mit Stallknechten und Pferdejungen verjagen kann, warum predigt Ihr die Ritter und Edlen von ihrer Heimat und ihrem Vaterlande hinweg, das zu beschützen und zu verteidigen sie geboren sind?«
Fest richtete der Erzbischof seinen Blick auf ihn, indem er folgendes erwiderte: »Nicht zum Besten ihres Fleisches stören wir Eure Ritter und Barone in ihren rohen Festgelegen und mörderischen Fehden, worunter Ihr die Verteidigung des Landes versteht, nicht darum, weil der Allmächtige zur Ausführung des großen Befreiungswerkes ihrer Hilfe bedarf – nein, bloß um ihres eignen Seelenheiles willen!«