Durch die Vorschriften der Religion, in der er erzogen worden, und durch die Furcht, seines Neffen Krankheit und Gefahr sei die Strafe seines Zögerns, gleichsam niedergezogen, sank der Connetable auf die Knie vor dem Prälaten, dem er kurz zuvor Trotz geboten, beichtete als eine Sünde, die tief bereut werden müßte, seinen Vorsatz, die Abreise nach Palästina aufzuschieben, und unterwarf sich wenigstens mit Geduld, wenn auch nicht mit williger Ergebung, der ihm vom Erzbischof auferlegten Buße, die in dem Verbot bestand, die Vermählung mit Lady Eveline zu betreiben, ehe er von Palästina zurückgekehrt wäre, wo er kraft seines Gelübdes drei Jahre zu weilen hatte.
»Und nun, edler de Lacy,« sagte der Prälat, »aufs neue mein geliebtester und geehrtester Freund – fühlst Du nicht Dein Herz erleichtert, nachdem Du Deine Schuld so edelmütig abgetragen und Deinen herrlichen Geist von dem selbstsüchtigen, irdischen Flecken gereinigt hast, der seinen Glanz trübte?«
Der Connetable seufzte: »In diesem Augenblicke würde die Nachricht von der Besserung meines Neffen mein glücklichstes Gefühl erregen.«
»Beunruhigt Euch nicht über das Los des edlen Damian, Eures hoffnungsvollen und tapferen Verwandten,« sagte der Erzbischof. »Ich hoffe, Ihr sollt in kurzem von seiner Heilung hören, oder sollte es Gott gefallen, ihn zu einer besseren Welt abzuberufen, so wird sein Uebergang so leicht und seine Ankunft in jenem Hafen der Seligkeit so schnell sein, daß es besser für ihn sein wird, gestorben zu sein, als zu leben.«
Der Connetable sah ihn an, als wolle er in seinem Gesichte mehr Gewißheit von seines Neffen Schicksal lesen, als seine Worte in sich zu fassen schienen. Der Prälat aber, damit jener nicht weiter in ihn dränge, weil er fühlte, daß er sich selbst vielleicht zu weit verraten habe, schellte mit einer silbernen Glocke, die vor ihm auf dem Tische stand, und gebot dem hierauf eintretenden Kaplan, einen zuverlässigen Boten zur Wohnung von Damian de Lacy zu senden und genaue Nachricht von dessen Befinden einzuziehen.
»Ein Fremder,« erwiderte der Kaplan, »ist eben aus dem Krankenzimmer des edlen Damian de Lacy angekommen und wartet, mit dem Mylord Connetable zu sprechen.«
»Laßt ihn sogleich vor,« sagte der Erzbischof, »mein Herz sagt es mir, er bringt uns frohe Kunde. – Jederzeit ist solche demütige Buße, solche willige Aufopferung der eigenen Begierden, ein solches Verlangen, des Himmels Willen zu tun, hoch belohnt worden, ob schon hinieden oder erst im Himmelreich!«
Während er so sprach, trat ein wunderlich gekleideter Mann ins Zimmer. Seine buntfarbige, auffallend geordnete Tracht war weder die neueste, noch die reinste, auch ziemte sie sich keineswegs vor der Gesellschaft, vor der er jetzt stand.
»Was soll das, Bursche?« sagte der Prälat. »Seit wann ist es Sitte, daß Possenreißer und Minstrels sich in eine Gesellschaft wie die unsrige ohne Erlaubnis eindrängen?«
»Wenn es Euch gefällig ist,« entgegnete der Mann, »ich komme nicht zu Ew. Hochwürden, sondern zum Lord Connetable, der, wie ich hoffen will, um meiner guten Nachrichten willen über mein schlechtes Aeußere hinwegsehen wird.«
»Sprich, Bursche, lebt mein Verwandter noch?« fragte der Connetable begierig.
»Und wird wohl leben bleiben, Mylord,« antwortete der Mann. »Eine günstige Krisis, wie die Aerzte es nennen, ist eingetreten, und er befindet sich außer aller Lebensgefahr.«
»Nun, Gott sei gepriesen, der mir solche Gnade erwiesen hat!« sagte der Connetable,
»Amen! Amen!« stimmte der Erzbischof feierlich ein. – »Um welche Zeit trat diese gesegnete Veränderung ein?«
»Kaum vor einer halben Stunde,« sagte der Bote. »Ein sanfter Schlaf sank auf den kranken jungen Mann, wie der Tau auf ein ausgedörrtes Feld im Sommer – er atmete freier – die brennende Hitze ließ nach – und wie ich sagte, die Aerzte fürchten nicht länger für sein Leben.«
»Bemerkt Ihr die Stunde, Mylord Connetable?« sagte der Bischof mit Begeisterung. »Gerade, als Ihr Euch demütigtet vor den Ratschlägen, die der Himmel durch den geringsten seiner Knechte Euch vorlegte. – Nur zwei Worte der Reue – nur ein kurzes Gebet – und irgend ein huldreicher Heiliger hat mit seiner Fürsprache augenblickliche Erhörung und vollste Bewilligung Deiner Bitte bewirkt. – Edler Hugo!« fuhr er fort, und ergriff seine Hand mit einer Art von Schwärmerei, »gewiß hat der Himmel beschlossen, große Dinge durch die Hand dessen auszuführen, dessen Fehler so bereitwillig vergeben, dessen Gebet so augenblicklich erhört worden ist. – Darum soll ein Tedeum laudamus in jeder Kirche und in jedem Kloster von Gloucester gesungen werden, ehe der Tag vergeht.«
Der Connetable, nicht weniger voll Freude, doch vielleicht minder fähig, eine ganz besondere Vorsehung in seines Neffen Genesung zu entdecken, bewies dem Ueberbringer der frohen Nachricht seine Dankbarkeit, indem er ihm seine Börse hinwarf.
»Ich danke Euch, edler Lord,« sagte der Mann. »Aber wenn ich mich bücke, diesen Beweis Eurer Güte aufzuheben, so geschieht es nur Euch die Habe zurückzureichen.«
»Herr! was soll das!« sagte der Connetable. »Ich dächte Deine Jacke ist nicht so reich besetzt, daß Du Dir's leisten kannst, ein solches Geschenk von Dir zu stoßen.«
»Wer Lerchen fangen will, Mylord,« sagte der Bote, »muß nicht sein Netz über Sperlinge auswerfen. – Ich habe einen größern Lohn von Eurer Herrlichkeit zu erbitten, und daher weise ich das gegenwärtige Geschenk von mir.«
»Einen größern Lohn, ha!« sagte der Connetable. »Ich bin kein irrender Ritter, mich durch ein Versprechen zu binden, ehe ich seinen Inhalt kenne. Aber komme morgen zu meinem Zelte, und Du sollst mich nicht abgeneigt finden zu tun, was recht ist.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich von dem Prälaten und kehrte nach Hause zurück, doch nicht ohne seinen Neffen im Vorbeigehen zu besuchen, wo er die angenehme Bestätigung der Nachricht erhielt, die ihm der Bote mit dem buntfarbigen Mantel überbracht hatte.
Drittes Kapitel
Die Ereignisse des verflossenen Tages waren ihrer Natur nach so ergreifend und zuletzt so anstrengend, daß der Connetable sich ermüdet fühlte wie nach einer schwer durchkämpften Schlacht, und fest schlief, bis die frühesten Morgenstrahlen ihn durch die Oeffnung des Zeltes begrüßten. Da begann er mit einem von Schmerz und Zufriedenheit gemischten Gefühl zu bedenken, wie sich seine Lage seit dem gestrigen Morgen verändert hatte. Gestern noch stand er auf als feuriger Bräutigam, nur besorgt, einen wohlwollenden Blick in den Augen seiner schönen Braut zu finden, und sorgsam bedacht auf seine Kleidung und jede andere Anordnung, als wäre er noch so jung an Jahren wie an seinen Hoffnungen und Wünschen. Das war nun alles vorbei, und nun lag vor ihm die schwere Aufgabe, seine Verlobte auf mehrere Jahre zu verlassen, bevor noch das Band der Ehe sie unauflöslich aneinander geknüpft hatte, und dabei immer denken zu müssen, daß sie allen den Gefahren ausgesetzt sei, von denen in einer solchen kritischen Lage die weibliche Treue bedroht ist. Als die unmittelbare Sorge um seinen Neffen gehoben war, fühlte er sich versucht zu denken, er habe ein wenig zu schnell den Vorstellungen des Erzbischofs sein Ohr geliehen, als er geglaubt hatte, Damians Tod oder Genesung hänge von der buchstäblichen ungezögerten Erfüllung seines Gelübdes für das heilige Land ab. »Wie viele Fürsten und Könige,« dachte er bei sich selbst, »haben das Kreuz genommen und die Fahrt aufgeschoben oder sich ganz losgesagt, und sie haben trotzdem gelebt und sind gestorben in Reichtum und Ehre, ohne eine solche Züchtigung zu erfahren, wie Balduin mir androhte. Und weshalb und wodurch verdienten diese Männer mehr Nachsicht als ich? Doch der Würfel ist gefallen, und wenig kann es jetzt nützen, nachzuforschen, ob mein Gehorsam gegen die Befehle der Kirche das Leben meines Neffen rettete, oder ob ich nicht, wie es den Laien gemeinhin im Streite mit der Geistlichkeit zu gehen pflegte, in die Falle geraten bin. Gebe Gott, es möge sich anders ausweisen, da ich ja als des Himmels Kämpe, um so sichrer auf den Schutz des Himmels für die rechnen kann, die ich unglücklicherweise zurücklassen muß.«