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Während diese Gedanken seinem Geiste vorschwebten, riefen die Wachen vor seinem Zelte jemand an, dessen sich nähernde Schritte er schon innen hören konnte. Der Kommende blieb auf ihren Anruf stehen, und gleich darauf hörte man den Ton einer Leier, einer kleinen Art von Laute, deren Saiten mit Hilfe eines kleinen Rades geschlagen wurden. Das Spiel verstummte jedoch alsbald, und Philipp Guarine trat herein, ihm zu melden, daß jemand, der auf das Geheiß des Connetables erschienen sei, um die Erlaubnis bäte, ihn zu sprechen.

»Auf mein Geheiß?« sagte de Lacy, »laß ihn sogleich herein!«

Der Bote des vergangenen Abends trat in das Zelt, in der einen Hand seine Mütze mit der kleinen Feder, in der andern die Leier haltend, auf der er eben gespielt hatte. Sein phantastischer Anzug bestand aus einem Wams von verschiedenen Farben, und zwar den glänzendsten, schreiendsten, die so aneinander gereiht waren, daß sie die grellsten Kontraste bildeten. – Das Obergewand war ein hellgrüner, normannischer Mantel, An dem gestickten Gürtel befanden sich statt der Waffen ein Tintenfaß mit Zubehör auf der einen und ein Tischmesser auf der andern Seite. Sein Haar war so verschnitten, daß es der geistlichen Tonsur ähnlich erschien, ein Kennzeichen, daß er zu einem gewissen Rang in seiner Kunst gestiegen war. Denn die fröhliche Wissenschaft (»Joyeuse science«), wie das Gewerbe der Minstrels genannt wurde, hatte ihre verschiedenen Stufen wie die Grade in der Kirche und der Ritterschaft. Die Züge und Manieren des Mannes schienen mit seinem Gewerbe und seiner Kleidung im Widerspruch zu stehen; denn so lustig und phantastisch diese waren, so hatten jene einen Anstrich von Ernst, beinahe von Strenge, der, wenn ihn nicht die Begeisterung bei seinen poetischen und musikalischen Leistungen entflammte, eher die Neigung zu tiefem Nachdenken zu verraten schien als die gedankenlose Lebendigkeit, die die meisten seiner Brüderschaft kennzeichneten. – Sein Antlitz, sonst nicht schön, hatte daher etwas Eindrucksvolles und Ergreifendes, das auch noch den Kontrast mit seinen buntscheckigen Farben und flatternden Gewändern erhöhte. Der Connetable fühlte sich instinktiv gesonnen, den Mann freundlich zu behandeln: »Guten Morgen, Bursch! Ihr hattet eine Belohnung von mir zu fordern. Macht schnell und sagt, was Ihr von mir verlangt. – Meine Zeit ist kurz.« »Es ist die Erlaubnis, Euch in das heilige Land zu begleiten, Mylord,« sagte der Mann.

»Du forderst etwas, was ich schwerlich zugestehen kann, mein Freund!« antwortete de Lucy, »Du bist ein Minstrel; bist Du es nicht?«

»Ein unwürdiger Meister der fröhlichen Wissenschaft, Mylord,« antwortete der Tonkünstler, »doch laßt es mich selbst sagen, daß ich es sogar mit dem Könige der Minstrels, Geoffrey Rudel, aufnehmen würde, obgleich der König von England ihm vier Landgüter für einen Gesang gab. Ich wollte mit ihm einen Wettkampf eingehen in der Romanze, im Lied und in der Fabel, und wäre König Heinrich selbst der Richter.«

»Euer Wort mag ganz wahr sein, daran will ich nicht zweifeln,« sagte de Lacy, »demungeachtet, Herr Minstrel, gehst Du doch nicht mit mir. Am Kreuzzug nehmen schon so viele von Deiner unnützen Profession teil; willst Du ihre Zahl vermehren, so geschehe es nicht unter meinem Schutze. Ich bin zu alt, durch Deine Kunst bezaubert zu werden.«

»Wer jung genug ist, die Liebe der Schönheit zu suchen und zu gewinnen,« sagte der Minstrel mit unterwürfigem Tone, als fürchte er, seine Dreistigkeit könne beleidigen, »der sollte sich nicht zu alt nennen, den Zauber der Minstrelkunst zu fühlen.«

Der Connetable lächelte, nicht unempfindlich gegen die Schmeichelei, die ihm den Charakter eines jungen Liebhabers zusprach. »Du bist ein Spaßmacher,« sagte er. »Wenn Du Dich in die Ordnung eines so strenge geordneten Haushaltes, wie ich ihn führe, fügen kannst, so ist es möglich, daß wir wohl noch besser zusammenstimmen, als ich's dachte. – Wie ist Dein Name, was Dein Vaterland? Deine Sprache kommt mir etwas fremd vor.« –

»Ich bin aus Armorika, Mylord, von den lustigen Küsten von Morbihan. Daher hat meine Aussprache noch einen Anklang von meinem heimischen Dialekt. Mein Name ist Renauld Vidal.«

»Da sich die Sache so verhält, Renauld!« sagte der Connetable, »so sollst Du mich begleiten, doch werde ich meinem Haushofmeister Befehl erteilen, Dich zwar Deinem Geschäfte gemäß, aber doch ordentlicher, als Du jetzt erscheinst, zu kleiden. – Verstehst Du auch die Waffen zu führen?«

»So leidlich, Mylord!« sagte der Armorikaner und nahm ein Schwert von der Wand, zog und führte damit einen Hieb so dicht vor dem Connetable, der auf dem Lager saß, daß dieser aufsprang und rief: »Schurke, was soll das?«

»Seht Ihr, edler Herr,« erwiderte Vidal und neigte untertänigst die Spitze des Schwertes zur Erde, – »ich gab Euch eine Probe von meiner Gaukelkunst, die selbst Euch, den Erfahrenen, überraschte. Ich kann noch mit hundert andern aufwarten.«

»Das mag sein,« sagte de Lacy, etwas beschämt, daß er sich durch den überraschenden, gewandten Streich des Gauklers hatte erschrecken lassen. »Aber ich liebe nicht das Spielen mit spitzigen Werkzeugen und habe genug zu tun mit Schwert und Schwerthieben im Ernst, um mit ihnen spielen zu wollen. Ich bitte Euch also, von dergleichen nichts mehr; aber ruft mir meinen Squire und meinen Kämmerling, ich will mich ankleiden und zur Messe gehen.«

Nach geendigter Morgenandacht war es des Connetables Absicht, die Aebtissin zu besuchen und ihr mit der nötigen Vorsicht mitzuteilen, wie sich sein Verhältnis zu ihrer Nichte geändert hätte, nachdem er zu dem Entschluß gezwungen worden sei, zum Kreuzzuge aufzubrechen, bevor er nach dem bereits eingegangenen Vertrage seine Vermählung vollziehen könnte. Er wußte wohl, daß es schwer halten würde, die gute Lady mit dieser veränderten Sachlage zu versöhnen, und er ließ sich daher einige Zeit nachzudenken, auf welche Art er am besten diese unangenehme Mitteilung machen und mildern könnte. – Eine geraume Zeit nahm auch der Besuch seines Neffen hinweg, dessen Gesundheitszustand fortwährend günstig blieb, als wäre es in der Tat ein durch ein Wunder bewirkter Lohn dafür, daß der Connetable sich den Anweisungen des Erzbischofs gefügt hatte.

Von der Wohnung Damians begab sich nun der Connetable ins Kloster zur Aebtissin. Aber ein früherer Besuch des Erzbischofs Balduin hatte sie schon mit allem, was er ihr mitteilen wollte, bekannt gemacht. Der Primas hatte das Amt eines Vermittlers übernommen, da er wohl wußte, daß der Sieg, den er tags zuvor über den Connetable errungen, diesen in eine sehr heikle Lage mit der Verwandten seiner Verlobten bringen mußte; er wollte also durch sein Ansehen und durch seine Beihilfe die Zwistigkeiten beilegen, die entstehen könnten. Vielleicht hätte er besser getan, Hugo de Lacy selbst seine Sache vertreten zu lassen. Denn die Aebtissin, wiewohl sie seine Mitteilung mit all der Ehrfurcht annahm, die dem höchsten Würdenträger der englischen Kirche gebührte, leitete aus des Connetables verändertem Entschluß Folgerungen, die der Primas nicht erwartete. Sie versuchte es durchaus nicht, de Lacy bei der Erfüllung seiner Gelübde Hindernisse in den Weg zu legen, aber sie erklärte rundheraus, daß nun der Ehekontrakt mit ihrer Nichte gänzlich aufgehoben und jedem Teil Freiheit gelassen sei, eine neue Wahl zu treffen.

Umsonst versuchte der Erzbischof, die Aebtissin durch den künftigen hohen Ruhm zu blenden, den der Connetable im heiligen Lande davontragen würde, umsonst hielt er ihr vor, daß dieser Glanz sich nicht nur auf seine Gattin, sondern auf alle, die auf die entfernteste Weise mit ihr verwandt oder verbunden wären, verbreiten würde. Ohne Wirkung blieb seine Beredsamkeit, obwohl er sie bei einem solchen Lieblingsgegenstande aufs äußerste anstrengte. Wahr ist's, die Aebtissin schwieg einen Augenblick, nachdem er seine Gründe erschöpft hatte; doch es geschah bloß, um zu überlegen, wie sie es auf eine schickliche, ehrbare Weise anbringen könne, daß Kinder, ohne die das Haus ihres Bruders und Vaters aussterben würde, wohl schwerlich noch zu erwarten wären, wenn der Verlobung nicht die Vermählung folgte. Sie bestand also darauf, da der Connetable in diesem wichtigen Punkt seine Meinung geändert habe, so müßte die Verlobung gänzlich aufgehoben und vergessen sein, und sie forderte es von dem Primas, als eine Sache der Gerechtigkeit, daß, nachdem er den Bräutigam zur Aufgabe seines ursprünglichen Vorsatzes bestimmt hätte er jetzt seinen Einfluß gebrauchen solle, eine Verbindung, deren Voraussetzungen umgestoßen worden seinen, gänzlich rückgängig zu machen.