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Der Primas, im Bewußtsein de Lucy zum Bruch des Kontrakts veranlaßt zu haben, hielt sich durch Ehre und Gewissen für verpflichtet, den für seinen Freund so unangenhmen Folgen vorzubeugen und das Verlöbnis aufrecht zu erhalten. Er verwies der Aebtissin ihre fleischlichen, irdischen Ansichten, die sie über den Ehestand und das Interesse ihres Hauses hege. Er warf ihr sogar vor, daß es Selbstsucht sei, die Fortpflanzung des Hauses Berenger der Befreiung des heiligen Grabes vorzuziehen, und er kündigte ihr die Rache des Himmels an für die kurzsichtige, bloß menschliche Klugheit, die die Sache des ganzen Christentums dem Interesse einer einzelnen Familie nachsetze.

Nach dieser strengen Predigt entfernte sich der Prälat und ließ die Aebtissin in sehr gereizter Stimmung zurück, wiewohl sie es klüglich vermied, auf seine väterliche Mahnung irgend eine unehrerbietige Antwort zu geben.

In dieser Laune traf nun der Connetable die ehrwürdige Frau, als er mit einiger Verlegenheit begann, ihr die Notwendigkeit seiner schleunigen Abreise nach Palästina auseinander zusetzen.

Mit finsterer Würde vernahm sie seine Erklärung. Ihr breites, schwarzes Gewand mit dem Skapulier schien sich in noch stolzere Falten zu legen, als sie ihn die edlen Gründe und die Geschehnisse berichten hörte, die ihn zum Aufschub seiner Vermählung zwängen, die, wie er bekenne, der teuerste Wunsch seines Herzens wäre, die aber doch erst nach seiner Rückkehr vom Kreuzzuge, den er auf der Stelle antreten müsse, erfolgen dürfe.

»Mich dünkt,« erwiderte die Aebtissin mit vieler Kälte, »wenn diese Erklärung ernstlich gemeint ist – und die Sache eignet sich nicht zum Scherze – mich dünkt, dann hätte des Connetables Entschluß gestern uns bekannt gemacht werden sollen, ehe er und Eveline Berenger durch das Verlöbnis sich zu gegenseitiger Treue verpflichteten.«

»Beim Worte eines Ritters und Edelmanns, ehrwürdige Frau! gestern hatte ich noch nicht den geringsten Gedanken daran, daß ich zu einem Schritte gezwungen würde, der mir ebensoviel Kummer macht, wie er Euch mißfällt.«

»Kaum vermag ich doch,« erwiderte die Aebtissin, »die zwingenden Gründe zu begreifen, die doch schon gestern vorhanden sein mußten und dabei doch erst heute zur Geltung gekommen sein sollen.«

»Ich gestehe,« sagte de Lacy, mit einem gewissen Sträuben, »daß ich zu leicht der Hoffnung Raum gegeben hatte, meines Gelübdes entbunden zu werden. Jedoch Mylord von Canterbury glaubte in seinem Eifer für des Himmels Dienst mir dies versagen zu müssen.«

»Dann,« sagte die Aebtissin, ihren Zorn unter äußerster Kälte verbergend, »werdet Ihr uns wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren lassen, uns in dieselbe Lage zurück zu versetzen, in der wir uns gestern morgen befanden. In Uebereinstimmung mit meiner Nichte und ihren Freunden fordere ich die Aufhebung des Ehekontrakts, dem Eure gegenwärtigen Absichten zuwiderlaufen. Gebt einer jungen Dame die Freiheit wieder, deren sie augenblicklich durch den Vertrag mit Euch beraubt ist.«

»Ach, Madame,« sagte der Connetable, »was verlangt Ihr von mir? Und in welchem kalten, gleichgiltigen Tone begehrt Ihr, daß ich den teuersten Hoffnungen entsagen soll, die je mein Busen genährt hat?«

»Mir ist die Sprache solcher Gefühle unbekannt, Mylord!« erwiderte die Aebtissin, »aber ich dachte, Aussichten, die so leicht auf Jahre verschoben werden, könnten wohl auch durch einen kleinen, sehr kleinen Zwang, den man sich selbst antut, auf immer aufgegeben werden.«

Hugo de Lacy schritt, heftig bewegt, im Zimmer auf und nieder, auch antwortete er erst nach einer langen Pause: »Wenn Eure Nichte, Madame, die Meinung teilt, die Ihr soeben geäußert habt, so kann ich in der Tat, will ich gerecht gegen sie, ja vielleicht gegen mich selbst sein, nicht mehr das Anrecht auf ihr Herz beanspruchen, das unsere feierliche Verlobung mir zugestand. Aber ich muß mein Urteil von ihren eigenen Lippen hören; und wenn es so streng ist, wie Eure Aeußerungen mich fürchten lassen, so will ich nach Palästina ziehen und um so besser für den Himmel kämpfen, da ich dann wenig auf der Erde zurücklasse, was Wert für mich hat.« Ohne weitere Antwort rief die Aebtissin ihre Vorsängerin und trug ihr auf, ihre Nichte sogleich herbeizurufen. Die Vorsängerin verbeugte sich ehrfurchtsvoll und ging.

»Darf ich so frei sein, zu fragen,« sagte de Lacy, »ob Lady Eveline schon die Umstände kennt, die mich zu dieser unglücklichen Veränderung meines Vorsatzes bewogen haben?«

»Ich habe ihr, Punkt für Punkt, alles mitgeteilt,« entgegnete die Aebtissin, »genau so, wie es mir diesen Morgen vom Mylord von Canterbury auseinandergesetzt wurde (denn mit ihm sprach ich schon über diesen Gegenstand), und wie es mir jetzt durch Ew. Herrlichkeit eigenen Mund bestätigt wird.«

»Ich bin dem Erzbischof wenig verbunden,« sagte der Connetable, »daß er mir hier vorgegriffen hat, wo es für mich von großer Wichtigkeit war, meine Verteidigung persönlich zu führen und freundliches Verständnis meines Handelns zu erzielen.«

»Das,« sagte die Aebtissin, »habt Ihr mit dem Prälaten selbst abzumachen – uns geht's nichts an.«

»Darf ich hoffen,« fuhr de Lacy fort, ohne sich von der Trockenheit im Benehmen der Aebtissin beleidigen zu lassen, »daß Lady Eveline diese höchst unglückliche Veränderung der Umstände ohne Bewegung – ich wollte sagen ohne Unwillen vernommen hat?«

»Sie ist die Tochter Berengers, Mylord, und es ist unsere Gewohnheit, einen Wortbruch zu strafen oder zu verachten – nicht uns darüber zu grämen. – Was meine Nichte in diesem Falle tun wird, weiß ich nicht. Ich bin eine Dienerin der Kirche, abgeschieden von der Welt, und würde ihr raten, die unwürdige Behandlung, die ihr widerfuhr, christlich zu verzeihen. Aber sie hat Anhänger, Vasallen, Freunde und Ratgeber, die im blinden Trachten nach weltlicher Ehre ihr anempfehlen werden, sich eine solche Beleidigung nicht bieten zu lassen, sondern vor den König selbst zu gehen oder die Lehnsleute ihres Vaters zu den Waffen zu rufen und durch die Vernichtung des Kontrakts sich die Freiheit wieder zu verschaffen. – Doch hier erscheint sie, für sich selbst zu antworten.«

Eveline trat in dem Augenblick ein, auf Roses Arm gelehnt. Sie hatte die Trauer seit der Verlobung abgelegt und trug ein weißes Unterkleid und darüber eine blaßblaue Robe. Ihr Haupt deckte ein Schleier von weißem Flor, so dünn, daß er sie umfloß wie eine durchsichtige Nebelwolke. Ihre Glieder zitterten, ihre Wangen waren blaß, die leichte Röte um ihre Augenlider verriet frische Tränen. Trotz dieser natürlichen Zeichen des Kummers und der Unruhe trugen ihre Züge den Ausdruck tiefster Erregung und des Entschlusses, ihre Pflicht zu erfüllen. Und so herrlich mischten sich diese entgegengesetzten Eigenschaften von Furcht und Entschlossenheit auf ihrer Wange, daß Eveline in der höchsten Pracht ihrer Schönheit nie bezaubernder als in diesem Augenblicke erschienen war; und Hugo de Lacy, bis dahin mehr ein Liebhaber ohne große Leidenschaft, stand vor ihr mit Gefühlen, als ob alle Uebertreibungen in den Romanzen in die Wirklichkeit getreten und seine Gebieterin ein Wesen aus höheren Sphären wäre, von deren Urteil Glückseligkeit oder Elend, Leben oder Tod abhinge.