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Von diesen Gefühlen beseelt, sank der Krieger auf ein Knie vor Evelinen nieder, ergriff die Hand, die sie ihm mehr ließ, als gab, drückte sie freudig an seine Lippen, und ehe er sich von ihr trennte, benetzte er sie mit einer der wenigen Tränen, die man ihn je vergießen sah. Aber, obgleich selbst überrascht und durch diese plötzliche Regung aus seiner Art gerissen, gewann er bald seine Fassung wieder, als er bemerkte, daß die Aebtissin seine Erniedrigung, wenn diese Gefühlsäußerung so genannt werden konnte, mit der Miene des Triumphes betrachtete. So begann er demnach seine Verteidigung vor Evelinen mit einem männlichen Ernst, zwar nicht ohne Wärme oder innere Bewegung, aber doch in einem festen, stolzen Ton, den er deswegen anzunehmen schien, um damit dem gleichen Tone der beleidigten Äbtissin entgegenzutreten.

»Lady,« sagte er in seiner Anrede an Eveline, »Ihr habt von der hochwürdigen Aebtissin gehört, in welche unselige Stellung ich seit gestern durch die Strenge des Erzbischofs versetzt worden bin – ich sollte vielleicht besser sagen, durch seine gerechte, wiewohl zu genaue Auslegung meines Gelübdes für den Kreuzzug. Ich kann nicht zweifeln, daß alles dies die hochwürdige Frau Euch genau, der Wahrheit gemäß, vorgelegt hat; aber da ich sie nicht länger meine Freundin nennen darf, so laßt mich hören, ob sie mir auch Gerechtigkeit widerfahren ließ in ihrer Erläuterung der unglücklichen Umstände, die mich zwingen, sogleich mein Vaterland zu verlassen und damit die schönsten Hoffnungen, die je ein Mann in seiner Brust nährte, aufzugeben – im günstigsten Falle aufzuschieben. Die hochwürdige Frau macht es mir zum Vorwurf, daß ich selbst die Vollziehung des gestern abgeschlossenen Vertrages verschöbe und Euch dabei doch gerne auf eine unbestimmte Reihe von Jahren an den Vertrag gebunden sähe. Niemand entsagt gern solchen Rechten, wie mir der gestrige Tag verlieh, und um auch einmal ein prahlerisches Wort zu sprechen: ehe ich sie einem vom Weibe geborenen Manne abträte, wollte ich mit gewetztem Schwert und scharfem Speer, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, drei Tag lang offenes Feld halten gegen alle, die da kommen wollten. Aber was ich mir erhalten wollte, und sollte es tausend Leben kosten, dem bin ich bereit zu entsagen, wenn es Euch nur einen einzigen Seufzer kosten würde. Wenn Ihr demnach glaubt, als die Verlobte de Lucys nicht glücklich bleiben zu können, so braucht Ihr von mir nur die Zustimmung zur Vernichtung des Kontrakts zu fordern, und Ihr dürft einen vom Schicksal begünstigteren Mann glücklich machen.«

Er würde noch mehr gesagt haben, aber er fühlte die Gefahr, wieder von jenen zärtlichen Gefühlen überwältigt zu werden, die seinem festen Charakter so neu waren, daß er sich schämte, ihnen abermals Raum zu geben,

Eveline schwieg noch immer, und die Aebtissin nahm das Wort. – »Ihr hört, Nichte,« sagte sie, »daß die Großmut oder die Gerechtigkeit des Connetable infolge seiner nahen Abreise zu einem entfernten und gefährlichen Unternehmen, Euch den Vorschlag macht, einen Kontrakt aufzuheben, bei welchem ausdrücklich vereinbart wurde, daß er zu seiner Vollziehung in England bleiben solle. Mir scheint, Ihr könnt nicht zögern, die Euch angebotene Freiheit mit Dank für seine Güte anzunehmen.«

»Meine gnädige und hochwürdige Verwandte!« sagte Eveline, indem sie alle ihre Entschlossenheit sammelte, »und Ihr, edler Lord! verzeiht es mir, wenn ich Euch bitte, nicht durch heftige Empfindlichkeit Eure und meine schwierige Lage zu verschlimmern. Mylord, was ich Euch schuldig bin, werde ich nie abtragen können; denn ich danke Euch Glück, Leben und Ehre. Wisset, als ich von den Wallisern in meinem Schlosse Garde Douloureuse belagert wurde, habe ich in der Angst meines Herzens, der heiligen Jungfrau gelobt, daß ich, meine Ehre ausgenommen, dem völlig zu eigen sein wolle, den Unsere liebe Frau zum Werkzeuge brauchen würde, mich aus jener Stunde der Todesangst zu erretten. Indem sie mir einen Befreier gab, gab sie mir einen Herrn; und ich konnte keinen edleren finden als Hugo de Lacy.«

»Gott verhüte, edle Lady!« rief der Connetable schnell, als fürchte er, sein Entschluß möchte sinken, ehe er bis zum Ende der Entsagung käme, »daß durch eine Fessel, die Ihr selbst Euch auf dem Gipfel der Not anlegtet, auch ich Euch an einen Entschluß binden sollte, der Euren Neigungen Gewalt antut.«

Selbst die Aebtissin konnte nicht umhin, dieser Gesinnung Beifall zu zollen, und erklärte, das sei gesprochen, wie ein normannischer Edelmann; aber dennoch richteten sich ihre Augen auf ihre Nichte und schienen sie zu ermahnen, sich wohl zu bedenken, ehe sie de Lacys ritterliches Entgegenkommen ungenützt lasse. Aber Eveline, die Augen auf den Boden geheftet, während eine leichte Röte in ihre Wangen stieg, ließ sich durch kein Zwischenreden von ihrer Meinung abbringen. »Ich will es Euch bekennen, edler Herr,« sagte sie, »damals, als Eure Tapferkeit mich vom Untergange errettete, hätte ich – denn ich ehrte und achtete Euch nicht minder hoch als Euren Freund, meinen vortrefflichen Vater – wohl wünschen mögen, Ihr hättet einer Tochter Dienste von mir gefordert. Ich kann auch nicht behaupten, dieses Gefühl ganz besiegt zu haben, obwohl ich es als Undankbarkeit gegen meinen Retter wacker bekämpfte. Aber von dem Augenblicke an, da es Euch gefiel, mich durch die Bewerbung um meine geringe Hand zu beehren, habe ich sorgfältig meine Gesinnungen gegen Euch geprüft und sie soweit mit meiner Pflicht in Übereinstimmung gebracht, daß ich mich überzeugt halten kann, de Lacy wird in Eveline Berenger keine gleichgültige, viel weniger eine unwürdige Braut finden. Hierauf, Sir, könnt Ihr Euch verlassen, möge die Vereinigung, die Ihr herbeiwünscht, sogleich stattfinden oder auf eine lange Zeit aufgeschoben sein. – Noch mehr, ich muß bekennen, daß der Aufschub der Vermählung mir angenehmer ist, als ihre unmittelbare Vollziehung. Ich bin jetzt sehr jung und völlig unerfahren. Nach zwei oder drei Jahren werde ich, das glaube ich bestimmt, der Achtung eines Edelmannes noch würdiger sein.«

Bei dieser Erklärung zu seinen Gunsten, so kalt und abgemessen sie auch war, mußte de Lacy sich ebenso sehr zusammenraffen, sein Entzücken zurückzuhalten, wie vorher, seine Bewegung zu mäßigen.

»Ein Engel an Güte und Freundlichkeit!« rief er aus, kniete noch einmal nieder und ergriff ihre Hand. »Vielleicht sollte nur die Ehre gebieten, freiwillig jenen Hoffnungen zu entsagen, die Ihr mir nicht gewaltsam rauben wollt; aber wer ist einer solchen unerschütterlichen Seelengröße fähig? – Laßt mich hoffen, daß meine Anhänglichkeit – daß alles, was Ihr aus der Entfernung von mir hören werdet, Euren Empfindungen eine noch zärtlichere Wärme verleihen werde, als Ihr jetzt zeigt. Tadelt mich indessen nicht, daß ich unter jeder Bedingung, die Ihr mir jetzt stellen mögt, von neuem das Pfand Eurer Treue entgegennehme. Ich weiß es wohl, meine Bewerbung fängt in späten Jahren an, und ich darf nicht mehr die lebendige Erwiderung erwarten, die der jugendlichen Leidenschaft eigen ist. Tadelt mich nicht, wenn ich mit den sanfteren Empfindungen zufrieden bin, die das Leben glücklich machen, wenngleich sie nicht die Leidenschaft berauschen. – Eure Hand bleibt in der meinen, aber sie scheint meinen Druck nicht zu fühlen. – Sollte sie sich weigern, das zu bestätigen, was Eure Lippen aussprachen?«

»Niemals, edler de Lacy!« sagte Eveline mit mehr Wärme, als sie bis jetzt gezeigt hatte; und durch diesen innigeren Ton ermutigt, zog der Bräutigam sie an sich und küßte sie auf die Lippen.

Mit einem gewissen Stolz, vermischt mit Ehrfurcht, wandte sich de Lacy, als er dieses Pfand der Treue empfangen hatte, zur Aebtissin, die Beleidigte zu versöhnen und zu besänftigen. »Ich hoffe, hochwürdige Mutter,« sagte er, »daß Ihr Eure frühern gütigen Gesinnungen gegen mich annehmen werdet, die, wie ich überzeugt bin, nur durch Eure zärtliche Sorge für das Wohl derjenigen, die uns beiden am teuersten sein muß, gestört wurden. Laßt mich hoffen, daß ich diese schöne Blume unter dem Schutze der hochverehrten Frau zurücklassen darf, die ihre nächste Blutsverwandte ist, in Glück und Sicherheit, wie es ja nicht anders sein kann, wenn Sie auf Euren Rat hört und in diesen heiligen Mauern wohnt.«