Aber die Aebtissin war zu ungehalten, um sich durch eine Schmeichelei versöhnen zu lassen, die vielleicht klüger bis zu einem günstigeren Augenblicke verschoben worden wäre. »Mylord,« sagte sie, »und Ihr, schöne Verwandte, Ihr solltet es doch bedenken, wie wenig mein Rat, den ich wohl nicht sehr oft da geben möchte, wo man so ungern drauf hört, denen nützlich sein kann, die so in weltlichen Trieben befangen sind. Ich habe mich der Religion, der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit – kurz dem Dienste Unserer Frau und des heiligen Benedikts geweiht. Ich habe mir bereits den Tadel meines Vorgesetzten zugezogen, weil ich aus Liebe zu Euch, schöne Nichte, mich tiefer in weltliche Angelegenheiten hineingemischt habe, als es der Vorsteherin eines Nonnenklosters geziemt. Ich will mir keinen weitern Vorwurf in diesen Stücken zuziehen, und Ihr könnt das nicht von mir erwarten. Meines Bruders Tochter, ungefesselt von weltlichen Banden, ist mir willkommen gewesen, als sie meine arme Einsamkeit teilen wollte; aber dieses Haus ist zu geringe, um der verlobten Braut eines mächtigen Freiherrn zur Wohnung zu dienen; auch fühle ich mich in meiner Niedrigkeit und Unerfahrenheit unfähig, sie als solche in die gleiche Botmäßigkeit zu nehmen, zu der doch sonst jeder unter diesem Dache mir verpflichtet ist. Der ernste Gang unserer Andachtsübungen und die stillen Betrachtungen, denen die Frauen unseres Hauses obliegen,« fuhr die Aebtissin in wachsender Hitze und Heftigkeit fort, »sollen nicht meiner weltlichen Verbindungen wegen und durch die Einmischung einer Person gestört werden, deren Gedanken bei dem weltlichen Spielwerk von Liebe und Heirat weilen müssen.«
»Ich glaube es in der Tat, hochwürdige Mutter,« sagte der Connetable, der nun auch seinem ganzen Unmut Raum gab, »daß ein reich begütertes Mädchen, die unverheiratet ist und wohl nicht heiraten wird, eine passendere und willkommenere Bewohnerin des Klosters wäre, als eine, die nicht von der Welt getrennt werden kann und deren Reichtum wahrscheinlich nicht des Hauses Einkünfte vermehren wird.«
Die unangebrachte Bemerkung des Connetable bestärkte die Aebtissin in dem Entschluß, den sie bereits in ihrer Heftigkeit gefaßt hatte. »Möge der Himmel Euch, Herr Ritter,« erwiderte sie, »die ehrenrührigen Gedanken über eine Dienerin des Herrn vergeben! Es ist in der Tat zum Heil Eurer Seele hohe Zeit, daß Ihr im heiligen Lande Buße tut, da Ihr solche raschen Urteile zu bereuen habt. – Was Euch anbelangt, meine liebe Nichte, so kann es Euch an einer gastfreundlichen Aufnahme nicht gebrechen, die ich Euch nicht gewähren kann, ohne einen solchen ungerechten Verdacht wahrzumachen, oder mindestens den bösen Anschein zu erregen. Ihr habt in Euer Großtante von Baldringham eine weltliche Verwandte, die Euch fast so nahe steht wie ich, und die Euch ihre Tore öffnen kann, ohne sich dem unwürdigen Urteil auszusetzen, daß sie sich auf Eure Kosten bereichern wollte.«
Der Connetable sah die Totenblässe, die bei diesem Vorschlag Evelinens Wangen überzog, und ohne die Ursache ihres Abscheus zu wissen, eilte er, sie von der Furcht zu befreien, die sie offenbar quälte. »Nein, hochwürdige Mutter,« sagte er, »da Ihr so hart die Sorge für Eure Verwandte ablehnt, so soll sie auch für keine ihrer Angehörigen eine Last sein. Solange Hugo de Lacy sechs stattliche Schlösser und viele Landgüter sein eigen nennt, die Feuer auf ihrem Herde haben können, soll seine verlobte Braut keinem die Ehre ihrer Gesellschaft zukommen lassen, der diesen Vorzug nicht zu schätzen weiß, und ich müßte mich für ärmer halten, als der Himmel mich gemacht hat, könnte ich nicht genug Freunde und Mannen aufbieten, ihr zu dienen, zu gehorchen, ihr Schutz zu sein.«
»Nein, Mylord,« sagte Eveline und überwand den Kummer, in den die Unfreundlichkeit ihrer Verwandten sie versetzt hatte. »Da ein unglückliches Schicksal mir den Schutz der Schwester meines Vaters raubt, dem ich mich so zuversichtlich überlassen hätte, so will ich kein Obdach bei irgend einem feineren Verwandten suchen, noch das annehmen, was Ihr mir, Mylord, so großmütig anbietet. Täte ich das letztere, so würde dies harte, und ich bin überzeugt, unverdiente Vorwürfe derjenigen zuziehen, die mich zwang, einen weniger ratsamen Wohnsitz zu wählen. Mein Entschluß ist gefaßt. Wahr ist es, nur eine Freundin ist mir geblieben, aber eine mächtige, und sie ist imstande, mich sowohl gegen das besondere Unglück zu schützen, das mich zu verfolgen scheint, als auch gegen die gewöhnlichen Unfälle des menschlichen Lebens.«
»Die Königin, meint Ihr, wie ich vermute,« sagte die Aebtissin, sie ungeduldig unterbrechend.
»Die Königin des Himmels, hochwürdige Tante,« antwortete Eveline, »Unser Frau von Garde Douloureuse, immer gnädig unserm Hause, und noch vor kurzem meine besondere Hüterin und Beschützerin. Es scheint mir, da die Geweihte der Jungfrau mich zurückweist, so ist es die Schutzheilige selbst, deren Hilfe ich anrufen muß.«
Die hochwürdige Frau, die sich dieser Antwort nicht versehen hatte, stieß bloß den Ausruf aus: »Hem!« aber in einem Tone, der sich besser für einen Bilderstürmer, als für eine katholische Aebtissin und eine Tochter aus dem Hause Berenger geschickt hätte. Allerdings hatte die erbliche Verehrung, die die Aebtissin für die Frau von Garde Douloureuse hegte, sich sehr verringert, seit sie die Wirkungen eines andern Wunderbildes kennen gelernt hatte, das im Besitz ihres Klosters war.
Indessen beherrschte sie sich und schwieg, während der Connetable an die Nachbarschaft der Walliser erinnerte, die einen Aufenthalt zu Garde Douloureuse wieder gefährlich machen könnte, wie seine Braut ja schon einmal erfahren hätte. Diesem stellte aber Eveline die Stärke ihrer väterlichen Burg, die vielen Belagerungen, die sie abgeschlagen, und den wichtigen Umstand entgegen, daß sie bei der letzten Gelegenheit bloß darum in Gefahr geraten sei, weil eines Ehrenhandels wegen ihr Vater Raymond mit der Garnison ausgezogen wäre und zu seinem Nachteil sich vor den Wällen in einen Kampf eingelassen hätte. Ferner führte sie an, daß es für den Connetable leicht sein würde, aus seinen oder ihren Vasallen einen Seneschall auszuwählen, der klug und tapfer genug wäre, um für die Sicherheit des Platzes und der Braut hinlänglich sorgen zu können.
Ehe de Lacy hier etwas erwidern konnte, stand die Aebtissin auf, indem sie sich für völlig unfähig erklärte, in weltlichen Dingen Rat zu erteilen, und hinzusetzte, daß die Regeln ihres Ordens sie nunmehr zu ihren klösterlichen Pflichten riefen. Mit diesen Worten verließ sie die Verlobten.
Der Ausgang ihrer Unterredung schien beiden angenehm zu sein; und als Eveline Rosen erzählte, daß sie sogleich unter hinlänglicher Bedeckung nach Garde Douloureuse zurückkehren und dort während des Kreuzzuges bleiben würden, so geschah das im Ton einer so aufrichtigen Zufriedenheit, wie ihre Dienerin seit manchen Tagen nicht an ihr wahrgenommen hatte. Auch sprach Eveline mit großen Lobeserhebungen über die Bereitwilligkeit, mit der der Connetable sich ihren Wünschen gefügt hätte, und über sein ganzes Benehmen sprach sie mit einer so warmen Dankbarkeit, die fast an zärtlichere Empfindung grenzte.
»Und dennoch, meine teuerste Lady,« sagte Rose, »wenn Ihr ohne Verstellung reden wollt, so müßt Ihr, davon bin ich überzeugt, zugestehen, daß Euch dieser Zeitraum von mehreren Jahren, der nun zwischen Verlobung und Vermählung liegt, gewissermaßen als Gnadenfrist sehr erwünscht ist.«
»Ich gestehe dies,« sagte Eveline, »auch habe ich es meinem künftigen Herrn nicht verhehlt, daß dieses meine Empfindungen sind, so mißfällig sie auch erscheinen mögen. Aber Rose, meine Jugend ist es, meine große Jugend, die mir vor den Pflichten einer Gattin de Lacys Scheu einflößt. Auch liegen mir alle die üblen Vorbedeutungen am Herzen. Dem Leiden geweiht von meiner Verwandten, ausgestoßen fast aus dem Hause der andern, erscheine ich mir beinahe selbst als ein Geschöpf, das Unglück mit sich führt, wohin es tritt. Doch die jetzige bange Stunde und, was noch mehr ist, die Furcht vor der künftigen wird die Zeit hinwegräumen. Wenn ich das zwanzigste Jahr erreicht habe, Rose, so werde ich ein vollkommen erwachsenes Weib sein, das mit der starken Seele einer Berenger alle Zweifel und Aengste überwinden wird, die jetzt das Mädchen erschüttern.«