»Allerdings, Mylord,« antwortete der Squire, »ich kenne Wilkin Flammock. – Ich sprach ihn noch gestern.«
»Wirklich!« erwiderte der Connetable. – »Hier sagst Du? – Hier in der Stadt Gloucester?«
»Gewiß, mein edler Herr. Er ist hierhergekommen teils seines Handels wegen, teils, denke ich, seine Tochter Rose zu sehen, die sich im Gefolge der gnädigen Lady Eveline befindet.«
»Er ist ein tüchtiger Soldat, nicht wahr?«
»Wie die meisten seiner Landsleute, – ein Wall für eine Burg, aber ein Sandhaufen im Felde,« sagte der normännische Knappe.
»Treu auch, nicht wahr?« fuhr der Connetable fort.
»Treu, wie die meisten Flamländer, solange Ihr ihre Treue bezahlen könnt,« erwiderte Guarine, sich ein wenig über den ungewöhnlichen Anteil wundernd, den sein Gebieter an einen seiner Meinung nach so niedrig stehenden Menschen nahm, aber nach einigen weiteren Fragen gebot der Connetable, sogleich den Flamländer herbeizurufen.
Jetzt kamen andere Geschäfte des Morgens an die Reihe (denn seine schnelle Abreise verlangte noch manche schleunige Anordnungen), und als der Connetable noch mehreren Offizieren seiner Truppen Audienz gab, erschien schon die gewaltige Gestalt Wilkin Flammocks am Eingange des Zeltes. Er trug eine Jacke von weißem Zeuge, und seine einzige Waffe war ein Messer an der Seite.
»Verlaßt das Zelt, meine Herren,« sagte de Lacy, »aber wartet in der Nähe auf mich; hier kommt jemand, mit dem ich allein zu sprechen habe.«
Die Offiziere entfernten sich, und der Connetable war mit dem Flamländer allein. »Ihr seid Wilkin Flammock, der so wacker gegen die Walliser zu Garde Douloureuse focht?«
»Ich tat mein Bestes, Mylord!« antwortete Wilkin. – »Ich war durch meinen Kaufbrief dazu verpflichtet, und ich hoffe, stets wie ein Mann von Treue und Glauben zu handeln.«
»Mich dünkt,« sagte der Connetable, »daß Ihr mit einem so eisenfesten Körper und, wie ich höre, einem so kühnen Geiste den Blick wohl etwas höher, als auf dieses Euer Weberhandwerk, richten könnt.«
»Keiner hat was dawider, seine Lage zu verbessern, Mylord!« sagte Wilkin. »Doch ich bin soweit entfernt, über die meinige zu klagen, daß ich sehr gern zufrieden sein würde, wenn sie auch niemals besser werden sollte, nur freilich müßte man mir auch die Versicherung geben, daß sie nie schlechter werden solle.«
»Und dennoch, Flammock,« sagte der Connetable, »habe ich größere Dinge für Euch im Sinn, als Eure Bescheidenheit Euch ahnen läßt. – Ich gedenke Dich in einem Amte hier zu lassen, zu dem ich einen sehr zuverlässigen Mann brauche.«
»Wenn es Tuchballen betrifft, Mylord, so soll keiner die Sache besser verrichten,« sagte der Flamländer.
»Fort damit, Du denkst zu niedrig von Dir,« sagte der Connetable. – »Was meinst Du, wenn ich Dich zum Ritter schlage, wie Deine Tapferkeit wohl verdient hat, und Dich als Kastellan von Garde Douloureuse zurücklasse?«
»Was die Ritterwürde anbetrifft, Mylord, da muß ich um Vergebung bitten, sie würde mir passen wie der Sau ein goldener Helm. Aber die Bewachung eines Schlosses oder einer Hütte, – ich glaube, das würde ich so gut verrichten wie ein anderer.«
»Ich fürchte doch, Dein Rang muß etwas erhöht werden,« sagte der Connetable, indem er die unkriegerische Kleidung der Gestalt vor sich betrachtete, »in Deiner jetzigen niedrigen Stellung kannst Du nicht gut zum Beschützer und Hüter einer jungen Lady von Geburt und Rang gemacht werden.«
»Ich der Hüter einer jungen Lady von Geburt und Rang!« sagte Flammock, und seine großen hellen Augen wurden bei diesen Worten noch größer und heller und drehten sich rascher als sonst.
»Eben Du,« sagte der Connetable. »Lady Eveline will im Schlosse Douloureuse Aufenthalt nehmen. Ich habe es mir überlegt, wem ich die Obhut über sie und die Feste anvertrauen soll. Wollte ich irgend einen berühmten Ritter erwählen, wie ich deren mehrere in meinem Hofstaat habe, so würde er aus Lehnspflichten Taten gegen die Walliser verrichten wollen und sich in Unruhen einlassen, die die Sicherheit des Schlosses gefährden könnten; oder er würde die Feste verlassen, um sich an Ritterfesten, Turnieren, Jagdpartien zu beteiligen; oder er würde vielleicht gar dergleichen lockere Schauspiele vor den Wällen, ja Wohl gar in dem Schloßhofe veranstalten, und in dem einsamen stillen Aufenthalt, welcher sich für Evelinens Lage schickt, die Zügellosigkeit der ausgelassensten Gelage einführen. – Dir kann ich vertrauen – Du wirst fechten, wenn es erforderlich ist, aber nicht die Gefahr um ihrer selbst willen herausfordern. Deine Geburt, Deine Gewohnheiten werden Dich diese Lustbarkeiten vermeiden lassen, die, wie verführerisch sie auch für andere sein mögen, Deinem Geschmack durchaus nicht entsprechen. – Du wirst alles so pünktlich verwalten, wie ich Sorge dafür tragen werde, daß es Dir an nichts fehle. Deine Verwandtschaft mit ihrem Liebling Rose, wird Deine Obhut der Lady Eveline angenehmer machen, als wäre dazu einer ihres Ranges bestimmt. – Und, um mit Dir eine Sprache zu sprechen, die Euer Volksschlag rasch begreift. Dein Lohn, Flamländer, wenn Du dieses wichtige Amt ordentlich verwaltest, soll Deine schmeichelhaftesten Hoffnungen übertreffen.«
Der Flamländer hatte den ersten Teil dieser Rede mit einem Ausdruck des Erstaunens angehört, das allmählich einem tiefen, besorgten Nachdenken Platz machte. Er starrte fest auf den Boden hin, und erst als der Connetable wohl eine Minute lang schon geschwiegen, riß er plötzlich die Augen auf und sagte: »Es ist unnütz, mich rundherum nach Entschuldigungen umzusehen. Das kann nicht Euer Ernst sein, Mylord – und wenn auch, so wird doch nichts daraus.«
»Wie? und weshalb?« fragte der Connetable mit unwilligem Erstaunen.
»Ein anderer mag nach Eurem Anerbieten gierig greifen und sich nicht weiter drum grämen, ob Ihr den gehörigen Gegenwert dafür erhaltet; aber ich bin ein ganz gerader Mann und will nicht Zahlung nehmen für Dienste, die ich nicht leisten kann.«
»Aber ich frage noch einmal, warum kannst Du nicht, oder vielmehr warum willst Du nicht dieses Amt übernehmen?« sagte der Connetable. »Wahrlich, wenn ich dir ein solches Vertrauen schenken will, so solltest Du doch an Deinem Teile mir auch entgegenkommen.«
»Ganz wahr, Mylord,« sagte der Flamländer, »aber mich dünkt, der edle Lord de Lacy sollte es fühlen, und der kluge Lord de Lacy sollte es vorhersehen, daß ein flamländischer Weber nicht der beste Hüter für eine verlobte Braut ist. – Denkt sie Euch nur einmal in jenem einsiedlerischen Kastell eingesperrt, unter so geringem Schutze, und überlegt wohl, wie lange es in diesem Lande der Liebe und der Abenteuer eine Einsiedelei bleiben würde. Da werden wir Minstrels haben, die zu Dutzenden unter unsern Fenstern Balladen singen und die Harfe klimpern werden, daß unsere Mauern in ihren Grundfesten zittern werden, wie die Geistlichen sagen, daß es zu Jericho geschah. – Da werden wir recht viel irrende Ritter um uns haben, wie zu Karls des Großen oder König Arthus Zeiten. – Gott sei mir gnädig! Eine feine, edle Einsiedlerin, in einen Turm gesperrt und von einem flamländischen Weber bewacht, so wird es heißen, und die halbe Ritterschaft von England wird sich um uns her versammeln, Lanzen zu brechen, Gelübde zu tun, Liebesfarben zur Schau zu tragen und was weiß ich der Narrheiten mehr zu treiben. – Denkt Ihr, daß solche galanten Herren, mit einem Blute, das durch ihre Adern wie Quecksilber fliegt, sich daran kehren würden, wenn ich ihnen geböte, uns zu verlassen?«