»Riegel vor! Zugbrücke auf! Fallgitter nieder!« sagte der Connetable mit einem gezwungenen Lächeln.
»Und glaubt Ew. Herrlichkeit, daß solche Galane sich um dergleichen Hindernisse kümmern? Das ist ja erst die rechte Würze der Abenteuer, die sie suchen. – Der Ritter des Schwanes wird durch den Graben schwimmen – der des Adlers über die Mauern fliegen – der des Donnerkeils die Tore sprengen.«
»Laß Armbrust und Steinschleuder spielen!« sagte de Lacy.
»Und laß Dich in aller Form belagern,« sagte der Flamländer, »wie das Kastell von Tintadges auf den alten Tapeten, alles aus Liebe zu einer schönen Dame! – Und dann die lustigen Frauen und Fräulein, die von Schloß zu Schloß auf Abenteuer ausziehen, von Turnier zu Turnier, mit bloßem Busen, wallenden Federn, Dolche an der Seite, Wurfspieße in den Händen, schnatternd wie die Elstern, flatternd wie die Dohlen, und zuweilen girrend wie die Tauben, – wie soll ich diese von Lady Evelinen fernhalten?«
»Indem Du die Tore gut verschlossen hältst, sage ich Dir,« antwortete der Connetable, noch immer in dem Tone einer erzwungenen Scherzhaftigkeit, »dagegen dient schon ein hölzerner Riegel.«
»So? aber wenn der flamländische Weber sagt: Zu! und die normannische Edle sagt: Auf! bedenkt einmal, wer sich da am sichersten Gehorsam verschaffen wird. Mit einem Wort, Mylord, – was eine solche Hüterschaft und dergleichen anbetrifft, da sage ich: Hände weg! Ich wollte es nicht unternehmen, der keuschen Susanne Hüter zu sein, lebte sie auch in einem bezauberten Schlosse, dem sich kein lebendes Wesen nähern könnte.«
»Du sprichst und denkst wie ein gemeiner Wüstling, der über weibliche Beständigkeit lacht, weil er nur mit den Unwürdigsten des Geschlechts gelebt hat,« sagte der Connetable. »Aber Du solltest doch das Gegenteil kennen, da Du, wie ich weiß, eine so tugendhafte Tochter hast.«
»Deren Mutter es nicht weniger war,« unterbrach Wilkin den Connetable etwas aufgeregter als sonst. »Aber das Gesetz, Mylord, verlieh mir die gebührende Gewalt, mein Weib zu beherrschen und zu behüten, wie auch Natur und Gesetz mir Macht und Pflicht gegen meine Tochter gaben. Was ich beherrschen kann, dafür kann ich verantwortlich sein; aber ob ich ebensogut meine Pflicht erfüllen kann, wo ich bloß ein Stellvertreter sein soll, das ist eine andere Frage. – Bleibt zu Hause, mein guter Lord,« fuhr der ehrliche Flamländer fort, da er merkte, daß seine Worte einigen Eindruck auf de Lacy machten, »laßt eines Narren Rat einmal dazu dienen, eines weisen Mannes Vorsatz zu ändern, den er, ich sage es dreist, nicht in einer weisen Stunde faßte. Bleibt in Eurem eigenen Lande – regiert Eure eigenen Vasallen – und schützt Eure Braut, Ihr allein könnt von ihr herzliche Liebe und bereitwilligen Gehorsam fordern; und ich bin gewiß, ohne daß ich mir anmaße, zu erraten, was sie, von Euch getrennt, tun wird, unter Euren eigenen Augen wird sie die Pflichten einer treuen, liebenden Gattin erfüllen.« »Und das heilige Grab?« fragte seufzend der Connetable, dessen Herz die Weisheit des Rates anerkennen mußte, den zu befolgen die Umstände ihm nicht gestatteten.
»Laßt die, die das heilige Grab verloren, es wiederzugewinnen suchen, Mylord,« erwiderte Flammock. »Wenn jene Lateiner und Griechen, wie sie sie nennen, nicht bessere Leute sind, als ich gehört habe, so hat es nicht viel zu sagen, ob sie oder die Heiden das Land besitzen, das Europa schon soviel Blut und Schätze gekostet hat.«
»Bei meiner Treu,« sagte der Connetable, »was Du sagst, hat Sinn. Doch warne ich Dich, es zu wiederholen, oder sie halten Dich für einen Ketzer oder Juden. Was mich anbetrifft, Wort und Schwur sind ohne Widerruf verpfändet; ich habe nur noch zu überlegen, wen ich am besten zu der wichtigen Stelle ernennen soll, die Du als vorsichtiger Mann, nicht ohne einen Schatten von Recht, ausschlägst.«
»Es gibt keinen, dem Ew. Herrlichkeit so natürlich und so geziemend diese Stelle übertragen können,« sagte Flammock, »als dem nahen Verwandten, der so ganz Euer Vertrauen besitzt. Aber viel besser wäre es, Ihr brauchtet in dieser Sache überhaupt niemand.« »Wenn Ihr,« sagte der Connetable, »unter meinem nächsten Verwandten Randal de Lacy versteht, so mache ich mir nichts daraus, es Euch zu sagen, daß ich ihn für gänzlich unwürdig halte, ein ehrenvolles Vertrauen zu verdienen,«
»Nein, ich meinte einen andern,« sagte Flammock, »der Euch noch näher steht durch die Bande des Bluts und, wenn ich mich nicht sehr irre, noch viel näher durch Zuneigung – Ich hatte Euren Neffen, Damian de Lacy im Sinne.«
Der Connetable schrak zusammen, als hätte ihn eine Wespe gestochen; aber er antwortete zugleich mit gezwungener Fassung: »Damian sollte an meiner Stelle nach Palästina gehen – es scheint nun so, als müsse ich an der seinigen gehen. Denn seit dieser letzten Krankheit haben die Aerzte gänzlich ihre Meinung geändert und halten ein warmes Klima jetzt für so gefährlich, als sie es vorher für zuträglich hielten. Aber unsere gelehrten Aerzte müssen, wie unsere gelehrten Priester, immer recht haben, mögen auch ihre Meinungen sich ändern, wie sie wollen; wir armen Laien haben aber immer nur unrecht. Ich kann, das ist wahr, auf Damian mich mit der größten Zuversicht verlassen; aber er ist jung, Flammock – sehr jung – und gerade darin gleicht er nur allzusehr ihr, die ich sonst wohl seiner Fürsorge anvertrauen möchte.«
»Dann noch einmal, Mylord! bleibt zu Hause, und seid selbst der Beschützer dessen, was Euch naturgemäß so sehr teuer ist.« –
»Noch einmal wiederhole ich, ich kann nicht,« antwortete der Connetable. »Der Schritt, zu dem ich mich verpflichtet habe, mag vielleicht ein großer Irrtum sein – ich weiß nur, daß er unwiderruflich ist.«
»So vertraut denn Eurem Neffen, Mylord, – er ist redlich, und treu, und es ist immer noch ein besserer Verlaß auf junge Löwen als auf alte Wölfe. Er kann vielleicht irren, aber nicht aus vorbedachter Verräterei.«
»Du hast recht, Flammock,« sagte der Connetable, »vielleicht hätte ich Dich eher um Rat fragen sollen, derb wie er ist. Aber laß das, was zwischen uns vorgefallen, ein Geheimnis unter uns sein und besinne Dich auf etwas, womit ich Dir eine Gunst erweisen kann.«
»Die Rechnung können wir bald aufsetzen, Mylord,« erwiderte Flammock, »denn ich hatte die Absicht, Ew. Herrlichkeit Fürsprache mir zu erbitten, um in jenem wilden Winkel, wohin wir Flamländer uns gezogen haben, eine gewisse Ausdehnung unserer Privilegien zu erhalten.« »Die soll Dir werden, wenn Du nichts Uebertriebenes forderst,« sagte der Connetable. Und der ehrliche Flamländer, unter dessen guten Eigenschaften ein ängstliches Zartgefühl nicht die erste war, beeilte sich bis auf das kleinste, alle Punkte seines Gesuchs auseinanderzusetzen, das schon früher vergebens vorgelegt worden war und nun durch diese Unterredung Erfüllung fand.
Begierig, den einmal gefaßten Beschluß auszuführen, eilte der Connetable nun zur Wohnung Damians und verkündete seinem Neffen, zu dessen nicht geringem Erstaunen seinen veränderten Vorsatz. Er führte seine eigene beschleunigte Reise, Damians letzte und noch dauernde Krankheit, vereint mit dem für Eveline nötigen Schutz, als die Gründe an, weswegen sein Neffe notwendig zurückbleiben müsse, um während seiner Abwesenheit sein Stellvertreter zu sein, die Rechte des Hauses de Lacy und die Ehre der Familie zu beschützen – vor allem aber der Hüter der jungen, schönen Braut zu sein, die sein Oheim und Schutzherr eine Zeitlang zu verlassen gezwungen sei. Als ihm sein Oheim diese Veränderung seines Vorsatzes ankündigte, hütete Damian noch das Bett. Vielleicht war ihm dies nur angenehm, weil er in dieser Stellung leichter vor den Augen seines Oheims die mannigfaltigen Bewegungen verbergen konnte, die er nicht zu unterdrücken vermochte. Der Connetable dagegen, mit der Hast eines Mannes, der nur das eilig zu enden wünscht, was er über einen unangenehmen Gegenstand zu sagen hat, erörterte in großer Hast die Vorkehrungen, welche er schon getroffen hatte, damit sein Neffe die Mittel in Händen hätte, mit gehörigem Nachdruck sein wichtiges Geschäft auszuführen.