Der Jüngling horchte wie auf eine Stimme im Traume, die zu unterbrechen ihm die Kraft fehlte, obgleich in ihm etwas war, das ihm zuflüsterte, daß Klugheit und Rechtlichkeit es erheischten, gegen den veränderten Entschluß seines Oheims Einwendungen zu machen. Sobald der Connetable schwieg, versuchte er deshalb auch wirklich etwas vorzubringen; aber er redete zu schwach, um einen zwar schnell, aber fest gefaßten Entschluß erschüttern zu können, zumal er einen Mann vor sich hatte, der nicht gewöhnt war, zu sprechen, ehe sein Vorsatz feststand, oder ihn zu ändern, wenn er ausgesprochen war.
Auch wurden die Gegenvorstellungen Damians – wenn sie so genannt werden konnten – in so widersprechenden Ausdrücken vorgebracht, daß sie kaum verständlich waren. In dem einen Augenblick äußerte er seinen Schmerz, sich die Lorbeeren entrissen zu sehen, die er in Palästina zu sammeln gehofft hatte, und beschwor seinen Oheim, seinen Vorsatz nicht zu ändern, sondern ihm zu gestatten, seinen Fahnen dahin zu folgen; in der nächsten Wendung der Rede, erklärte er seine Bereitwilligkeit, Lady Eveline bis auf den letzten Tropfen Blutes zu verteidigen. De Lacy sah nichts Unzusammenhängendes in diesen Gefühlen, ob sie gleich für den Augenblick einander widersprachen. Es war natürlich, dachte er, daß ein junger Ritter ein Verlangen trug, Ehre zu gewinnen – aber auch natürlich, daß er gern ein so ehrenvolles und wichtiges Amt übernehmen wollte, mit welchem er ihn bekleiden wollte; und daher dachte er, es wäre nicht sehr zu verwundern, daß bei der willigen Uebernahme der neuen Pflicht der junge Mann zugleich einen Schmerz darüber fühle, die Aussicht auf ehrenvolle Abenteuer zu verlieren. Er lächelte daher nur zu den abgebrochenen Einwendungen seines Neffen, und seine Anordnungen noch einmal bekräftigend, verließ er den jungen Mann, damit er mit Muße über den Wechsel seiner Bestimmung nachdenken könnte. Er selbst begab sich zum zweitenmale in die Benediktinerabtei, um den gefaßten Entschluß der Aebtissin und seiner erwählten Braut mitzuteilen.
Der Mißmut der ersteren Dame wurde durch diese Mitteilung nicht verringert, an der sie überhaupt sehr wenig Anteil zu nehmen schien. Sie betonte fortwährend ihre religiösen Pflichten und ihre geringe Kenntnis in weltlichen Angelegenheiten; im übrigen, meinte sie, wären bisher wohl immer noch die Beschützer der jungen Schönen ihres Geschlechts aus den Kreisen der reiferen Männer gewählt worden.
»Eure eigene Unfreundlichkeit, Lady,« antwortete der Connetable, »hat mir keine bessere Wahl gelassen. Da Lady Evelinens nächste Freunde ihr den Aufenthalt unter ihrem Dache versagen, weil sie mich eines Anrechts auf ihren Besitz würdigt, so würde es von meiner Seite noch mehr als undankbar sein, wenn ich Ihr nicht den Schutz meines nächsten männlichen Erben zusicherte. Damian ist jung, aber er ist zuverlässig und achtungswert, und die ganze Ritterschaft Englands bietet mir keine bessere Wahl dar.«
Eveline schien mit Staunen, ja fast mit Schrecken den so plötzlich ausgesprochenen Entschluß ihres Bräutigams zu vernehmen, und es traf sich vielleicht recht glücklich, daß die Bemerkung der Aebtissin eine Antwort des Connetables notwendig machte und ihn abhielt, zu bemerken, wie ihre Farbe mehr wie einmal von der Blässe zum höchsten Rot abwechselte.
Rose, die von der Zusammenkunft nicht ausgeschlossen war, zog sich dicht zu ihrer Gebieterin, und indem sie sich stellte, als lege sie ihr den Schleier zurecht, drückte sie insgeheim recht innig ihre Hand und flößte ihr dadurch Mut ein, sich zu einer Antwort zu sammeln. Diese wurde kurz und mit einer Festigkeit ausgesprochen, die bewies, daß die Ungewißheit des Augenblicks verschwunden oder unterdrückt worden war. Im Falle einer Gefahr, sagte sie, würde sie nicht verfehlen, Damian de Lacy aufzufordern, zu ihrem Beistand zu eilen, wie er es schon früher getan; aber sie fürchte jetzt in ihrem eigenen sichern Schlosse von Garde Douloureuse keine Gefahr und wäre entschlossen, dort allein mit ihrem eigenen Haushalt zu verweilen. Sie wäre überdies entschlossen, fuhr sie fort, ihrer ganz eigentümlichen Lage wegen, dort in der strengsten Abgeschiedenheit zu leben, die, wie sie erwarte, auch selbst von dem edlen jungen Ritter, den sie zum Beschützer erhalten, nicht gestört werden würde; es sei denn, daß irgend eine Besorgnis ihrer Sicherheit wegen seinen Besuch unbedingt notwendig mache.
Die Aebtissin stimmte, wiewohl sehr kalt, diesem Vorschlag, bei, den ihre Begriffe von Anstand billigten; und somit wurden denn schnelle Vorbereitungen zu Lady Evelinens Rückkehr in die Burg ihres Vaters getroffen. Zwei Zusammenkünfte, welche, noch ehe sie das Kloster verließ, stattfanden, waren ihrer Natur nach höchst peinlich. In der ersten wurde ihr Damian feierlich von seinem Oheim vorgestellt als der Bevollmächtigte, dem er die Aufsicht über sein Eigentum und, was ihm noch teurer sei, wie er versicherte, die Obhut über ihre Person anvertraut hatte.
Kaum gestattete sich Eveline einen einzigen Blick; aber auch dieser einzige Blick erkannte schon all die Verwüstungen, welche Krankheit, mit Gram vereint, an der männlichen Gestalt und auf dem schönen Antlitz des Jünglings vor ihr angerichtet hatte. Sie empfing ihn ebenso verlegen, wie er sie verlegen begrüßte, und erwiderte, als er ihr stotternd seine Dienste angeboten, sie hoffe, während der Abwesenheit seines Oheims nur für seinen guten Willen ihm Dank schuldig zu werden.
Ihr Abschied vom Connetable war die höchste Prüfung, der sie sich unterziehen mußte. Sie schieden nicht ohne Rührung, obwohl sie ihre bescheidene Fassung und de Lacy seinen ruhigen Ernst behauptete. Doch schwankte seine Stimme, als er zu äußern begann: Es sei ungerecht, daß sie auf immer durch eine Verpflichtung gebunden sein solle, welcher sie mit so ungemeiner Güte sich unterzogen habe. Drei Jahre wären die abgemachte Zeit, da der Erzbischof Balduin eingewilligt hätte, bis auf diese Dauer die Zeit seiner Abwesenheit abzukürzen. »Erscheine ich nicht, wenn diese Jahre verstrichen sind,« sagte er, »so mag Lady Eveline schließen, daß de Lacy das Grab umfängt, und sich einen glücklicheren Mann zu ihrem Gefährten aussuchen. Einen dankbareren wird sie nirgends finden, obgleich viele ihrer würdiger sein mögen als er.«
Hiermit trennten sie sich. – Der Connetable schiffte sich sehr bald darauf ein, durchschnitt das schmale Meer bis zu den Küsten von Flandern, wo er seine Macht mit dem Grafen dieser reichen und kriegerischen Landschaft vereinigte, um dann mit ihm zusammen auf dem besten Wege, dem gemeinsamen Ziel zuzusteuern. Das breite Panier mit dem Wappen der de Lacys wallte auf dem Vorderteil des Schiffes, das ein günstiger Wind vorwärts trieb, und wenn man den Ruhm des Anführers und die Trefflichkeit seiner Krieger betrachtete, so war wohl noch nie eine tapfrere Schar zu einem Rachezuge wider die Sarazenen gen Palästina gesegelt.
Nach einem kalten Abschiede von der Aebtissin trat nun auch Eveline die Rückreise nach dem väterlichen Schlosse an, wo ihr Haushalt so eingerichtet werden sollte, wie es der Connetable angegeben und sie gebilligt hatte.
Dieselben Maßregeln, wie auf ihrer Reise nach Gloucester, waren auch jetzt zu ihrer Bequemlichkeit an jedem Platz, wo man Halt machte, getroffen worden, und eben wie damals, war der Mann unsichtbar, der das alles für sie befolgte, obwohl es ihr nicht schwer sein konnte, seinen Namen zu erraten. Für alle Bedürfnisse und Bequemlichkeiten, wie im größten Maße für ihre Sicherheit, war allenthalben auf dem ganzen Wege gesorgt; aber es waltete dabei nicht mehr die zarte, geschmackvolle Galanterie ob, welche verriet, daß diese Aufmerksamkeiten einer jungen schönen Dame galten. Nicht mehr wurde die reinste Quelle, der schattigste Hain zum Platz ihres Mittagsmahles erwählt; sondern das Haus irgend eines Landwirts oder ein kleines Kloster gewährte die erforderliche Gastfreundschaft. Alles war mit der strengsten Rücksicht auf Rang und Stand geordnet, – es schien, als ob eine Nonne irgend eines strengen Ordens, nicht ein junges Mädchen von hoher Geburt und großem Reichtum durch das Land reiste, und obwohl Eveline an dem Zartgefühl Wohlgefallen fand, mit dem auf ihre schutzlose, ganz eigentümliche Lage Rücksicht genommen wurde, so kam es ihr doch bisweilen unnötig vor, daß sie durch so manche indiskreten Andeutungen an das Sonderbare ihrer Lage erinnert wurde. Auch schien es ihr sonderbar, daß Damian, dessen Obhut sie so feierlich übergeben wurde, auch nicht einmal auf dem Wege ihr seine Aufwartung machte. Zwar flüsterte eine Stimme ihr zu, es sei ungeziemend, wohl gar gefährlich, öfters mit ihm zusammen zu sein; jedenfalls aber hätte es ihm die Pflicht als Ritter und Edelmann gebieten sollen, sich hin und wieder vor der unter seinen Schutz gestellten Jungfrau sehen zu lassen, wäre es auch nur geschehen, um sie zu befragen, ob sie mit den getroffenen Einrichtungen zufrieden sei oder ob sie einen besonderen Wunsch hätte, der noch zu erfüllen wäre. Allein der Verkehr zwischen beiden blieb darauf beschränkt, daß Amelot, Damian de Lacys junger Page, des Morgens und Abends erschien, Evelinens Befehle betreffs der ferneren Reise und der ihr gefälligen Ruhestunden zu vernehmen.