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Bei dieser Förmlichkeit wurde die Einsamkeit, in der sich Evelinens Rückreise vollzog, noch unausstehlicher, und hätte sie nicht Roses Gesellschaft gehabt, so wäre sie sich fast wie eine Gefangene vorgekommen. Sie wagte selbst gegen ihre Begleiterin einige Bemerkungen über das sonderbare Benehmen de Lacys, der doch das Recht habe, sich ihr zu nähern, und sich doch davor so sehr zu fürchten schien, als ob sie ein Basilisk wäre.

Rose ließ die erste Bemerkung dieser Art vorübergehen, als ob sie sie nicht gehört hätte; aber als ihre Gebieterin eine zweite Bemerkung der gleichen Art machte, antwortete sie mit der gewohnten Offenheit und Freimütigkeit ihres Charakters, doch vielleicht mit weniger Klugheit wie sonst: »Damian de Lacy urteilt sehr richtig, edle Lady. Wem ein königlicher Schatz zur sichern Bewahrung anvertraut ist, der darf sich's nicht erlauben, zu oft die Blicke daran zu werfen.«

Eveline errötete, wickelte sich fester in ihren Schleier und nannte während der ganzen Reise den Namen Damian de Lacys nicht wieder.

Als am Abend des zweiten Tages die grauen Türme von Garde Douloureuse ihr Auge begrüßten und sie wiederum ihres Vaters Banner vom höchsten Wachturm zu Ehren ihrer Ankunft wehen sah, mischte sich tiefer Schmerz in ihre Empfindungen; doch blickte sie im ganzen auf die altertümliche Heimat als auf einen Zufluchtsort hin, wo sie über ihre neue Lage als Braut in der alten Umgebung nachdenken konnte, die ihr schon als Kind und Tochter lieb und wert gewesen war. Sie trieb ihren Zelter vorwärts, das altertümliche Portal so schnell wie möglich zu erreichen, und verneigte sich flüchtig gegen die wohlbekannten Gesichter, die sich auf allen Seiten zeigten; aber mit keinem sprach sie, bis sie vor der Kapelle vom Pferde gestiegen und zu dem Heiligtum geeilt war, worin das wundertätige Bild sich befand. Hingesunken auf den Boden, erflehte sie sich hier der heiligen Jungfrau Führung und Beschirmung in den verwickelten Verhältnissen, in die sie sich selbst gebracht hatte, um das Gelübde zu erfüllen, das einst sie in der Angst ihres Herzens vor dem heiligen Schrein tat.

Sechstes Kapitel

Der Haushalt Evelinens war zwar ihrem jetzigen und zukünftigen Range entsprechend eingerichtet, hatte aber doch auch etwas Einsiedlerisches, denn das Schloß sollte nicht nur ihre Residenz, sondern auch der unberührte Zufluchtsort sein, den ihre Lage erheischte, weil sie nicht mehr zu der Klasse der Mädchen gezählt werden konnte, deren Hand noch frei war, und doch auch nicht zu den Frauen gehörte, die unter dem unmittelbaren Schutze des ehelichen Namens stehen. Ihre nächsten weiblichen Dienerinnen, mit welchen der Leser bereits bekannt ist, bildeten fast ihre ganze Gesellschaft. Die Garnison des Schlosses, außer dem Hausgesinde, bestand aus Veteranen geprüfter Treue, den Gefährten Berengers und de Lacy, auf manchem blutigen Gefilde, denen die Pflicht der Wachsamkeit zur zweiten Natur geworden war, die dabei aber doch, durch Alter und Manneszucht gemäßigt, sich nicht leicht zu einem unbesonnenen Abenteuer oder einem vom Zaun gebrochenen Streit hinreißen ließen. Diese Leute hielten beständig und sorgsam Wache, befehligt durch den Haushofmeister, der obendrein unter der Aufsicht des Pater Aldrovand stand, da dieser neben seinen geistlichen Verrichtungen gern zuweilen noch sich an seinen alten kriegerischen Beruf erinnerte.

Während diese Garnison gegen jeden plötzlichen Angriff von seiten der Walliser Sicherheit gewährte, lag eine starke Mannschaft fünf englische Meilen von Garde Douloureuse in Bereitschaft, beim geringsten Lärm vorzurücken, um den Platz gegen jeden Ueberfall der Feinde zu decken, falls diese, ungeschreckt durch Gwenwyns Schicksal, die Dreistigkeit haben sollten, eine förmliche Belagerung zu beginnen. Zu diesen Truppen, die unter Damians Oberbefehl beständig schlagfertig gehalten wurden, konnte im Notfall die ganze militärische Macht der Grenzen stoßen, die zahlreiche Menge der Flamländer und andere Ansiedler, denen unter der Bedingung, im Kriegsfalle Dienste zu tun, Grund und Boden überlassen worden war.

Während die Festung so vor feindlicher Gewalt sicher war, floß das Leben ihrer Bewohner so gleichförmig und einfach dahin, daß man es einem Mädchen von Jugend und Schönheit nicht verübeln konnte, wenn es selbst auf einige Gefahr hin etwas Veränderung wünschte. In die Arbeiten der Nadel brachte höchstens ein Spaziergang entweder um die Wälle, wo Eveline, Arm in Arm mit Rose, von jeder Schildwache einen militärischen Gruß erhielt, oder im Schloßhofe, wo die Hüte und Mützen der Diener ihr dieselben Ehren erwiesen, etwas Abwechslung. Wünschte sie sich noch weiter ins Freie außerhalb des Tores zu begeben, so war es nicht damit abgetan, Tore zu öffnen und Brücken hinabzulassen; es mußte sogleich eine Bedeckung unter Waffen treten, die zu Fuß ober zu Pferde, wie es nötig war, für die Sicherheit Evelinens zu sorgen hatte. Ohne diese Bedeckung konnte sie nicht einmal zu den Mühlen gehen, wo der ehrliche Wilkin Flammock, seine kriegerischen Taten vergessend, sich mit den Arbeiten seines Gewerbes beschäftigte. Beabsichtigte man gar noch Ergötzungen in weiterer Entfernung, wollte die Lady von Garde Douloureuse der Jagd oder Falkenbeize einige Stunden widmen, so wurde ihre Sicherheit nicht einer so schwachen Bedeckung anvertraut, wie die Burg sie stellen konnte. Da war es nötig, daß Raoul am Abend vorher durch einen besonderen Boten Damian ihren Vorsatz bekannt machte, damit er Zeit hatte, vor Tagesanbruch die Gegend, in der sie sich dieses Vergnügen machen wollte, durch einige Leute der leichten Reiterei absuchen zu lassen; und so lange sie draußen blieb, wurden an allen verdächtigen Punkten Posten aufgestellt. Zwar versuchte sie in der Tat einmal oder zweimal, einen Ausflug zu wagen, ohne dies erst bekannt zu geben; aber alle ihre Pläne schien Damian eben so schnell, wie sie entstanden, zu erfahren, und kaum war sie draußen, so sah man Abteilungen von Bogenschützen und Reitern aus seinem Lager die Täler durchziehen und die Bergpässe besetzen, und Damians eigener Federbusch ragte gewöhnlich unter den entfernten Soldaten hervor.

Die Förmlichkeit all dieser Maßregeln vergällte Evelinen so sehr das Jagdvergnügen, daß sie selten zu einem Zeitvertreib ihre Zuflucht nahm, die mit so großen Umständen verbunden war und so viele Menschen in Bewegung setzte.

Wenn der Tag, so gut es gehen wollte, hingebracht war, pflegte Pater Aldrovand des Abends aus irgend einer heiligen Legende oder aus den Homilien eines verewigten Heiligen solche Stellen vorzulesen, wie er sie für diese seine kleine Gemeinde geeignet fand. Zuweilen las er auch und erklärte ein Kapitel aus der heiligen Schrift; aber dann war des guten Mannes Aufmerksamkeit so sonderbar auf den kriegerischen Teil der jüdischen Geschichte gerichtet, daß er nicht imstande war, sich von dem Buche der Richter oder der Könige und von den Siegen des Judas Maccabäus zu trennen, wiewohl seine Weise, die Siege der Kinder Israels zu schildern, ihm selbst mehr Vergnügen machte, als sie seine Zuhörerin erbaute.