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Zuweilen, doch selten, erhielt Rose Erlaubnis, einen wandernden Minstrel einzuführen, um mit seinem Sang von Liebe und Rittertaten eine Stunde auszufüllen; zuweilen vergalt ein Pilger, der von einem fernen Gnadenbilde kam, die in Garde Douloureuse genossene Gastfreundschaft mit langen Erzählungen von den Wundern, die er in andern Ländern gesehen hatte; zuweilen geschah es auch, daß auf Verwendung der Kammerfrau, die darin ihren Vorteil fand, reisende Kaufleute und Hausierer Zutritt erhielten, welche mit Gefahr ihres Lebens von Schloß zu Schloß ihre Stoffe zu reichen Kleidern oder andern weltlichen Schmuck herumtrugen.

Die Ankunft von Bettlern, Taschenspielern und Gauklern darf bei dieser Aufzählung von Vergnügungen nicht vergessen werden, und selbst der Walliser Barde mit seiner großen, mit Pferdehaar bezogenen Harfe wurde zuweilen zugelassen, um die Gleichförmigkeit ihres einsamen Lebens zu unterbrechen, nur daß man wegen seiner Herkunft aus Feindesland ein scharfes Auge auf ihn hatte. Aber außer diesen Unterhaltungen und den regelmäßigen Andachten in der Kapelle, hätte das Leben unmöglich in langweiligerer Einförmigkeit dahinfließen können als auf der Burg Garde Douloureuse. Seit dem Tode des tapfern Besitzers, bei dem ein Festgelage mit zahlreichen Gästen ebenso zur Natur gehörte wie das Streben nach Ehre und Rittertaten, hätte man sagen mögen, die Finsternis eines Klosters umhülle den alten Wohnsitz von Raymond Berenger, wenn nicht die Gegenwart so vieler Wachen in Waffen, die auf den Zinnen auf und niedergingen, ihm vielmehr das Ansehen eines Staatsgefängnisses erteilt hätte. Auch nahm die Stimmung der Einwohner nach und nach den Charakter ihrer Wohnung selbst an.

Besonders fühlte sich Eveline so niedergedrückt, daß ihr sonst so lebendiges Gemüt sich kaum aufrecht erhalten konnte. Je mehr sie sich ins Grübeln einließ, desto mehr verfiel sie in still beschauliche Stimmung, die so oft mit feurigem, schwärmerischem Wesen verbunden ist. Sie dachte tief über die früheren Vorfälle ihres Lebens nach, und da kann es nicht wundernehmen, daß ihre Gedanken immer auf zwei Zeitabschnitte zurückkamen, in denen sie eine übernatürliche Erscheinung erfahren hatte oder erfahren zu haben glaubte. Dann kam es ihr oft vor, als ob eine gute und eine böse Macht um die Herrschaft über ihr Geschick kämpften.

Einsamkeit begünstigt das Gefühl eigner Wichtigkeit, und nur wenn sie allein und einzig mit dem Gedanken an ihr Ich beschäftigt sind, haben Fanatiker Träume, und vermeinte Heilige verlieren sich in Schwärmereien ihrer Einbildungskraft. Bei Evelinen gelangte nun zwar die Schwärmerei nicht zu solcher Höhe, doch kam es ihr in ihren nächtlichen Träumen so vor, als sähe sie bisweilen die Gestalt von Unserer Frau von Garde Douloureuse, die Blicke des Mitleids, des Trostes und des Schutzes auf sie richtete, bisweilen die Gestalt aus dem sächsischen Schlosse Baldringham, wie sie die blutige Hand als Zeugin des Unrechts, das ihr zugefügt worden, aufrecht hielt und dem Abkömmling des Mörders Rache drohte.

Wenn sie aus solchen Träumen erwachte, dann kam sie auf den Gedanken, daß sie der letzte Zweig ihres Hauses sei, eines Hauses, das seit langen Jahren ganz besonders unter dem Schirm und Schutz des Wunderbildes, aber auch unter dem Einfluß und der Feindschaft der rachesüchtigen Vanda stand. Ihr kam es vor, als wäre sie der Preis, um dessen Besitz die milde Heilige und der rächende böse Geist jetzt ihr letztes und gewagtestes Spiel spielten.

Voll von diesen Betrachtungen und wenig darin von äußern Zerstreuungen gestört, ward sie tiefsinnig, zerstreut, verlor sich in Betrachtungen, die ihr Augenmerk ganz von der nächsten Umgebung abwandten, und wandelte in der wirklichen Welt, als befände sie sich noch im Traum. Wenn sie an ihre Verpflichtung gegen den Connetable von Chester dachte, so geschah es mit Ergebung, aber ohne einen Wunsch, ja ohne, daß sie erwartet hätte, jemals in die Lage zu kommen, diese Verpflichtungen einhalten zu müssen. Sie hatte ihr Gelübde erfüllt, indem sie mit ihrem Befreier den Treuschwur wechselte, und wenn sie selbst sich entschlossen wähnte, ihr Wort zu lösen, und sich's nicht gestehen mochte, mit welchem Widerwillen sie daran dachte, es zu tun, – so hegte sie im Innersten doch, wenn sie sich dessen auch kaum bewußt war, die Hoffnung, Unsre Frau von Garde Douloureuse werde kein strenger Gläubiger sein, sondern, zufrieden mit dem guten Willen, nicht auf der Forderung in ihrer vollen Strenge bestehen. Nur die schwärzeste Undankbarkeit hätte wünschen können, daß ihrem tapferen Befreier, für den zu beten sie so viele Ursache hatte, einer von den Unglücksfällen zustoßen möchte, die im heiligen Lande schon so oft den Lorbeer in die Cypresse verwandelten; aber es hatte sich ja wohl manchmal schon ereignet, daß Menschen, die lange außerhalb des Landes waren, bewogen wurden, die Vorsätze zu ändern, mit denen sie die Heimat verlassen hatten.

Ein wandernder Minstrel, der Garde Douloureuse besuchte, hatte zur Ergötzlichkeit der Lady und ihrer Umgebung, die berühmte Geschichte vom Grafen von Gleichen vorgetragen, der, schon verehelicht in seinem Vaterlande, im Morgenlande eine sarazenische Prinzessin, die die Mittel gefunden hatte, ihm seine Freiheit zu verschaffen, aus Dankbarkeit heiratete. Der Papst und sein Konsistorium bewilligten in diesem außerordentlichen Falle die Doppelehe, und der gute Graf von Gleichen teilte sein Bett zwischen zwei Frauen zu gleichem Rechte und schläft jetzt zwischen beiden unter demselben Monument.

Die Bemerkungen der Schloßbewohner über diese Sage waren verschieden und widersprechend. Pater Aldrovand hielt diese Geschichte für durchaus unwahr und die Behauptung, der Papst würden dergleichen Gesetzwidrigkeiten gutheißen, für eine Lästerung des kirchlichen Oberhauptes. Die alte Marjory, mit dem zärtlichen Herzen einer alten Amme, weinte aus Mitleid bitterlich während der Erzählung, und es war ihr recht lieb, daß bei einer solchen Verwicklung von Liebesunfällen, aus denen kein Ausweg zu sein schien, eine so schöne Lösung gefunden worden war. Frau Gillian nannte es unbillig, daß, da einer Frau nur ein Ehemann erlaubt sei, einem Manne, unter welchen Umständen es auch sei, gestattet sein sollte, zwei Frauen zu haben; aber Raoul, ihr einen Blick wie Essig zuwerfend, nannte den Menschen albern, der nicht an einer Frau vollauf genug hätte.

»Schweigt all ihr übrigen,« sagte Lady Eveline, »und sagt Ihr, meine treue Rose, Euer Urteil über den Grafen von Gleichen und seine beiden Frauen.«

Rose errötete und erwiderte, sie wäre nicht gewöhnt, über solche Dinge nachzudenken, aber nach ihrer Ansicht hätte die Frau, welche sich nachher mit der halben Liebe ihres Mannes begnügen könnte, nie verdient, auch nur den kleinsten Teil derselben besessen zu haben.

»Du hast im allgemeinen recht, Rose,« sagte Eveline. »Mir scheint es, die europäische Frau würde, als sie sich von der jungen, schönen Prinzessin überstrahlt sah, am besten ihrer Würde genügt haben, wenn sie ihrer Rechte entsagt hätte. Der heilige Vater würde gewiß, wie dies mehrfach schon stattgefunden hatte, ihre Ehe aufgelöst haben.«

Sie sagte dies mit einer Art von gleichgiltigem, ja vergnügtem Wesen, woraus ihre treue Dienerin sah, daß es ihr selbst wenig Mühe gekostet, ein solches Opfer zu bringen. Doch lag darin auch eine Andeutung, daß es mit ihrer Liebe zum Connetable nicht sehr weit her sei. Es gab eben doch einen andern Mann, zu dem ihre Gedanken, wenn auch unwillkürlich, so doch öfter, als es klüglicherweise hätte geschehen sollen, zurückkehrten.

Die Erinnerung an Damian de Lacy war schon zuvor nicht in Evelinens Seele erloschen. Nun wurde sie gar täglich an ihn erinnert, weil sie so oft seinen Namen nennen hörte und wußte, daß er fortwährend in ihrer Nähe sei und seine ganze Aufmerksamkeit auf ihre Bequemlichkeit, ihren Vorteil, ihre Sicherheit richtete. Doch er selbst ließ sich nie vor ihr sehen und befragte sie nie persönlich nach ihrem Willen, mochte es sich auch um die wichtigste Angelegenheit handeln.