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Eveline hätte gern den Zwang fallen lassen, der ihren Verkehr mit Damian beschränkte; Rosens Äußerung hatte auch sie auf den Gedanken gebracht, daß dieser Zwang zu einem herabwürdigenden Argwohn führen müßte. Warum sollte sie an ihrem Beschirmer nur durch die Dienste, die er ihr leistete, durch die Sorge, die er für ihre Sicherheit trug, durch den Mund anderer, die von seiner ritterlichen Gesinnung sprachen, erinnert werden, ohne daß sie sich jemals sahen, ganz als ob eins von ihnen mit der Pest oder sonst irgend einem ansteckenden Uebel befallen sei, das ihr Zusammenkommen dem andern gefährlich machen könnte. Wenn sie sich wirklich gelegentlich einmal sähen, was könnte die Folge sein, als daß die Sorge eines Bruders für seine Schwester, eines treuen und freundlichen Hüters für die verlobte Braut seines nahen Verwandten und verehrten Oberherrn die melancholische Abgeschiedenheit von Garde Douloureuse erträglicher für ein so junges Mädchen machen würde, das zwar jetzt durch die Umstände in gedrückter Stimmung, von Natur aber so fröhlichen Gemütes war.

Obwohl nun eine solche Gedankenreihe der sich selbst überlassenen Eveline ganz folgerecht zu sein schien, so daß sie mehrmals ihre Ansicht Rose Flammock mitteilen wollte, so fürchtete sie doch, wenn sie in die klaren, ruhigen blauen Augen des flamländischen Mädchens blickte, im Herzen ihrer bis zur Grobheit aufrichtigen Dienerin einen Argwohn zu erwecken, von dem ihr eigenes Gewissen sie freisprach. Und ihr stolzer normannischer Geist empörte sich bei dem Gedanken, sich vor irgendwem rechtfertigen zu sollen, wo ihr eigenes Gewissen sich unschuldig wußte. »So mögen die Dinge bleiben, wie sie sind,« sagte sie, »und ich will lieber dieses langweilige Leben ertragen, das so leicht angenehmer gemacht werden könnte, als daß diese eifrige, aber fast zu streng denkende Freundin, die so zärtlich um mich besorgt ist, mich für fähig halten sollte, die Hand zu einem Verkehr zu reichen, der mißdeutet werden oder zu irgend welchem Argwohn Veranlassung geben könnte.« – Aber eben dieser Mangel an Ablenkung, dieses Schwanken im Entschluß, diente nur dazu, das Bild des schönen jungen Damian um so öfter vor Lady Evelinens Phantasie zu zaubern. Solchen Gedanken indessen überließ sie sich niemals lange; denn das Gefühl des sonderbaren Schicksals, das sie bisher betroffen, führte sie bald zu den melancholischen Betrachtungen zurück, aus denen nur auf eine kurze Zeit die Schwungkraft jugendlichen Geistes sie herausgerissen hatte.

Siebentes Kapitel

An einem hellen Septembermorgen war der alte Raoul in dem Hause beschäftigt, wo er seine Falken aufbewahrte. Er murrte in sich hinein, während er jeden Vogel einzeln untersuchte, und abwechselnd der Sorglosigkeit des Unterfalkoniers, der Lage des Gebäudes, dem Wind und dem Wetter, kurz allem um ihn her schuld daran gab, daß der Falkenbestand von Garde Douloureuse so arg gelitten hatte. In diesen unangenehmen Betrachtungen wurde er durch die Stimme seiner vielgeliebten Ehehälfte, Dame Gillian, unterbrochen, die sonst selten so früh aufstand und ihn noch seltener in seinem eigenen Herrschergebiet aufsuchte. »Raoul! Raoul! wo steckst Du, Mann? – Ewig muß man Dich suchen, wenn Du für Dich oder für mich was gewinnen kannst.«

»Und was fehlt Dir, Frau!« rief Raoul, ärger kreischend, als die Seemöwe vor dem Regen. – »Die Pest hole Deine Stimme, sie reicht hin, jeden Falken von seiner Stange aufzuscheuchen.«

»Falke!« antwortete Dame Gillian, »hier ist wohl Zeit, nach solchen kläglichen Falken zu sehen, wenn hierher zum Verkauf Falken von der edelsten Gattung gekommen sind, die je über See, Moor und Wiesen flogen, tüchtige Geierfalken mit breiten Nasenlöchern, starken Fängen und kurzen, etwas bläulichen Schnäbeln.«

»Pah! mit Deinem Geschwätz! – Wo kommen sie her?« sagte Raoul; denn die Nachricht lockte ihn, er wollte nur seiner Frau nicht das Vergnügen machen, es sich merken zu lassen.

»Von der Insel Man,« erwiderte Gillian.

»Dann müssen sie wahrlich gut sein, obgleich ein Weib die Nachricht brachte,« sagte Raoul und lachte sauersüß über seinen eignen Witz. Dann verließ er den Falkenhof und fragte, wo der berühmte Falkenhändler anzutreffen sei.

»Wo? Zwischen den Barrieren und dem inneren Tore,« erwiderte Gillian, »wo sonst noch andere Kaufleute zugelassen werben. – Wo sollte es wohl sein?«

»Und wer ließ ihn herein?« fragte der argwöhnische Raoul.

»Nun, der Herr Hofmeister, Du Eule!« sagte Gillian. »Er kam soeben nach meiner Stube und schickte mich hierher, Dich zu rufen.«

»Aha! Der Haushofmeister! Der Haushofmeister! – Das hätte ich erraten können. Und er kam auf Deine Stube, ohne Zweifel, weil er nicht ebenso leicht hierher zu mir kommen konnte. – War es nicht so, süßes Herzchen?«

»Ich weiß nicht, warum er lieber zu mir als zu Euch kam, Raoul,« sagte Gillian, »und wenn ich es wüßte, so würde ich es Euch doch vielleicht nicht sagen. – Nun fort! Macht Euren Handel oder macht ihn nicht, ich bekümmere mich nicht darum – der Mann wird nicht auf Euch warten, – er hat schon ein gutes Gebot vom Seneschall von Malpas und vom Walliser Lord von Dinevawr.«

»Ich komme – ich komme,« sagte Raoul, der diese Gelegenheit, seine Falknerei zu verbessern, nicht ungenützt lassen wollte. Er eilte zum Tore, wo er den Kaufmann in Begleitung eines Dieners antraf, der in besonderen Käfigen drei Falken trug, die zum Verkauf ausgeboten wurden.

Auf den ersten Blick überzeugte sich Raoul, daß sie zu der besten europäischen Gattung gehörten und nach guter Dressur selbst für eine königliche Falknerei kein schlechter Zuwachs gewesen wären. Der Kaufmann verfehlte nicht, sich über all ihre Vorzüge auszulassen, über die Breite ihrer Oberflügel, die Stärke ihres Schweifes, ihre großen und feurigen dunklen Augen, die Lebendigkeit, mit der sie ihre Federn putzten und sich schüttelten. Er ließ sich über die Schwierigkeiten und Gefahren aus, unter denen sie auf den Felsen von Ramsey gefangen wurden, wo ein Horst wäre, der selbst an den Küsten Norwegens nicht seinesgleichen hätte.

Anscheinend hatte Raoul für alle diese Empfehlungen nur taube Ohren, »Freund Kaufmann,« sagte er, »ich kenne einen Falken so gut wie Du und will nicht leugnen, daß die Deinigen eine feine Sorte sind; aber wenn sie nicht sorgfältig zum Auffliegen und Zurückkommen abgerichtet sind, so wollte ich lieber einen Stockfalken auf meiner Stange haben, als den schönsten Falken, der je die Schwingen in die Luft hob.«

»Wenn wir erst über den Preis einig sind, denn das ist die Hauptsache,« sagte der Kaufmann, »sollst Du die Vögel fliegen sehen. Dann magst Du sie kaufen oder nicht, wie Du willst. Ich will kein ehrlicher Kaufmann sein, wenn Du je Vögel so schön, wie diese stoßen sähest, sei es im Aufsteigen oder im Niederschießen.« »Das nenne ich billig,« sagte Raoul, »wenn nur der Preis auch danach ist.«

»Er soll danach sein,« sagte der Falkenhändler. »Ich habe auf Erlaubnis des guten Königs von Man, Reginald, sechs Paar von dieser Insel gebracht, und ich habe schon jede Feder davon bis auf diese verkauft. Da ich nun so meine Käfige geleert und meinen Beutel angefüllt habe, so will ich mich mit dem Rest nicht lange schleppen, und wenn einem guten Kameraden und einem Kenner, wie Du zu sein scheinst, die Falken gefallen, nachdem er sie fliegen gesehen, so soll er den Preis selbst bestimmen.« »Nur zu,« sagte Raoul, »wir wollen nicht die Katz im Sack kaufen. Sind die Falken gut, so kann meine Gebieterin sie noch eher bezahlen, als Du sie wegschenken kannst. – Wird ein Byzantiner genug sein für das Paar?«

»Ein Byzantiner, Herr Falkenier! – Bei meiner Ehre! Ihr bietet niedrig. – Doch verdoppelt Euer Gebot, und – ich will es überlegen.«

»Wenn sich die Falken gut zurückrufen lassen,« sagte Raoul, »will ich Euch anderthalb Byzantiner geben, aber erst will ich sie auf einen Reiher stoßen sehen, ehe ich so rasch den Handel mit Euch abschließe.«