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»Gut denn,« sagte der Kaufmann, »ich tue besser, Euer Anerbieten anzunehmen, als sie lange auf dem Hals zu haben. Denn brächte ich sie nach Wales, könnte ich vielleicht noch schlechter mit einem ihrer langen Messer bezahlt werden. – Wollt Ihr sogleich zu Pferde?«

»Allerdings,« sagte Raoul, »und wiewohl der Herbst besser für die Reiherbeize ist, so will ich Euch doch einen von diesen Froschvertilgern zeigen, wenn wir etwa eine Meile weit auf dieser Seite des Wassers reiten.«

»Ich bin es zufrieden, Herr Falkenier,« sagte der Kaufmann. »Aber machen wir uns allein auf den Weg? Gibt es hier keinen Herrn, keine Dame im Schlosse, die Vergnügen daran fänden, einer solchen stattlichen Jagd beizuwohnen? Ich fürchte mich nicht, diese Falken einer Gräfin zu zeigen.«

»Meine Gebieterin liebte sonst derlei Vergnügen sehr,« sagte Raoul, »aber ich weiß nicht, seit ihres Vaters Tode ist sie so betrübt und wie im Traum und lebt in ihrem schönen Schlosse wie eine Nonne im Kloster, ohne irgend einen Zeitvertreib und Jubel. – Jedoch, Gillian, Du vermagst etwas über sie. – Geh' hin, tue einmal etwas Gutes – und bringe sie dazu, sich aufzumachen und dieser Jagdlust beizuwohnen – Das arme Kind hat den ganzen Sommer über keine Zerstreuung gehabt.«

»Das will ich tun,« sagte Gillian, »und was noch mehr ist, ich will ihr einen so schönen neuen Reithut zeigen, den kein Weib auf Erden ohne den Wunsch ansehen kann, ihn ein wenig im Winde umherflattern zu lassen.«

Als Gillian so sprach, kam es ihrem eifersüchtigen Manne so vor, als ob Blicke zwischen ihr und dem Handelsmanne gewechselt würden, die ein größeres Einverständnis verrieten, als eine so kurze Bekanntschaft erwarten ließ. Wenn auch selbst bei Dame Gillians großer Dreistigkeit gar manches möglich war. Als er den Kaufmann schärfer ansah, kam es ihm auch vor, als ob dessen Gesichtszüge ihm nicht ganz unbekannt wären, er sagte ihm also ziemlich trocken: »Wir haben uns schon einmal gesehen, Freund, doch kann ich mich nicht mehr entsinnen, wo?«

»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Kaufmann. »Ich habe oft diese Gegend besucht und mag auch schon von Euch Geld für Ware erhalten haben. Wäre hier nur ein schicklicher Ort dazu, so möchte ich gerne eine Flasche Wein auf bessere Bekanntschaft spendieren.«

»Nicht so schnell, Freund,« sagte der alte Jäger. »Ehe ich mit jemand auf bessere Bekanntschaft trinke, muß mir das, was ich bis dahin von ihm sah, sehr wohl gefallen haben. – Wir wollen Deine Falken stoßen sehen, und wenn ihre Zucht Deinem Prahlen entspricht, dann brechen wir vielleicht zusammen einer Flasche den Hals. – Aber siehe, da kommen Knechte und Stallmeister. – Meiner Treu! Meine Gebieterin hat eingewilligt zu erscheinen.«

Die Veranlassung, diesem Vergnügen auf freiem Felde beizuwohnen, hatte sich Evelinen in dem Augenblicke dargeboten, als die erfreuliche Heiterkeit des Tages, die milde Luft und das fröhliche Treiben der Ernte rings um sie her die Versuchung, sich diese Bewegung zu erlauben, fast unwiderstehlich machten.

Da sie auf dem diesseitigen Ufer bleiben wollten, ohne eine Brücke zu überschreiten, auf der sich beständig eine kleine Wache von Fußvolk befand, so verlangte Eveline keine weitere Bedeckung und nahm, ganz gegen die bisherige Gewohnheit, niemand mit sich, als Rose und Gillian, und ein paar Diener, welche die Hunde führten oder Jagdgerätschaften trugen. Raoul, der Kaufmann und ein Stallmeister begleiteten sie natürlich auch, jeder einen Falken auf der Faust, wobei gleich ausgemacht worden war, wie sie sie fliegen lassen sollten, um sich von ihren Kräften und von ihrer Abrichtung zu überzeugen.

Als diese wichtigen Punkte gehörig verabredet worden waren, ritt die Gesellschaft den Fluß hinab, sorgfältig auf allen Seiten nach einem Wild für die Jagd ausspähend; aber keinen Reiher sah man auf dem Sand umherschreiten, obgleich sich ein sogenannter Reiherstand in geringer Entfernung befand.

Wohl die verdrießlichste Enttäuschung ist die eines Jägers, der, reichlich versehen mit allem Jagdzubehör, auszieht, aber kein Wild antreffen kann; denn er sieht sich mit seinem vollen Schießbedarf und seiner leeren Jagdtasche dem Hohnlächeln jedes vorbeigehenden Bauern preisgegeben. Die Jagdgesellschaft der Lady fühlte alle die Unannehmlichkeit einer solchen Enttäuschung.

»Ein schönes Land das,« sagte der Kaufmann, »wo man zwei Meilen weit an einem Fluß nicht einen armseligen Reiher finden kann.«

»Das kommt von dem Geklapper der verdammten Flamländer, von ihren Wasser- und Walkmühlen,« sagte Raoul. »Sie zerstören gute Jagd und gute Gesellschaft, wohin sie nur kommen. Aber wenn meine Gebieterin nur Willens wäre, noch eine Meile und etwas darüber zum roten Teiche zu reiten, so will ich Euch einen solchen langbeinigen Burschen zeigen, der Eure Falken im Wirbel herumdrehen soll, bis ihr Gehirn ganz schwindlig wird.«

»Der rote Teich,« sagte Rose, »Du weißt Raoul, das ist mehr als drei Meilen jenseits der Brücke und liegt gegen die Berge zu.«

»Ja, ja,« sagte Raoul, »wieder eine flämische Grille, einem die Lust zu verderben. Sie sind nicht so selten hier auf den Märkten, die flamländischen Dirnen, daß sie sich zu fürchten brauchten, gebeizt zu werden von dem welschen wilden Falken.«

»Raoul hat recht, Rose,« antwortete Eveline, »es ist albern, wie Vögel in einem Käfig eingesperrt zu sein, wenn alles um uns her so völlig ruhig ist. Ich bin entschlossen, ein für allemal diese Schranken zu durchbrechen und der Jagd einmal auf die alte Weise beizuwohnen, ohne immer mit Bewaffneten wie eine Staatsgefangene umgeben zu sein. Wir wollen lustig auf den roten Teich los, Mädchen, und auf Reiher jagen, wie freie Mädchen von den Marken.«

»So laßt mich nur meinem Vater sagen, daß er zu Pferde steige und uns nachfolge,« bat Rose, denn sie befanden sich jetzt in der Nähe der wieder erbauten Mühlen des kräftigen Flamländers.

»Mir ist es gleich, ob Du das tust,« entgegnete Eveline, »aber glaube mir, Mädchen, wir werden am roten Teich und wieder zurück sein, ehe Dein Vater sein bestes Wams anlegt, sein gewaltiges Schwert umgürtet und seinen starken flandrischen Elefanten von einem Pferde sattelt, das er sehr vernünftig Faultier nennt. Nein, runzle nicht die Stirne und beginne keine Lobrede auf Deinen Vater, benütze die Zeit lieber dazu, ihn herbeizurufen.«

So ritt also Rose nach den Mühlen, wo Wilkin Flammock alsbald, dem Befehl seiner Lehnsherrin gemäß, sich beeilte, Stahlhaube und Halsberge anzulegen, und einem halben Dutzend seiner Verwandten und Knechte gebot, gleichfalls die Pferde zu besteigen. Rose blieb bei ihm, ihn zu größerer Eile zu ermahnen, da es seine Weise war, alles hübsch langsam der Reihe nach zu tun. Aber trotz all ihrer Mühe, ihn anzutreiben, hatte Lady Eveline schon länger als eine halbe Stunde die Brücke hinter sich, ehe diese Bedeckung gerüstet war, ihr zu folgen.

Indessen sprengte, kein Unheil fürchtend, mit der Empfindung einer entflohenen Gefangenen, Eveline fröhlich auf dem lustigen Zelter dahin, leicht, wie die Lerche in der Luft! die Federn, mit denen Gillian ihren Reithut geschmückt hatte, flatterten im Winde; ihre Begleiter galoppierten hinter ihr her, mit Hunden, Taschen, Leinen und allem, was zur edlen Falkenjagd gehörte. Nachdem man über den Fluß geritten war, begann der wilde, grüne Wiesenpfad, den sie verfolgten, sich zwischen kleinen Anhöhen hinaufzuziehen, die bisweilen kahl und felsig, bisweilen mit Haselbüschen, Schlehdorn und anderm niedrigen Gesträuch bewachsen waren; endlich senkte er sich plötzlich hinab, und führte sie an den Rand eines Bergbaches, der wie ein spielendes Lamm lustig von Fels zu Fels hüpfte, als sei er ungewiß, welches Weges er rinnen sollte.

»Dieses kleine Flüßchen war stets mein Liebling, Frau Gillian,« sagte Eveline, »und es kommt mir vor, als hüpfe es jetzt leichter, da es mich wiedersieht.«