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»Ach, Mylady,« sagte Dame Gillian, deren Unterhaltung in solchen Fällen sich niemals über einige Phrasen der gröbsten Schmeichelei zu erheben pflegte, »mancher schöne Ritter möchte schulterhoch springen, wenn er die Erlaubnis hätte, Euch so dreist anzuschauen, wie dieser Bach, besonders jetzt, da Ihr diesen Reithut aufgesetzt habt, der an ausgezeichnet schöner Empfindung nach meiner Meinung alles, was ich bisher erdachte, um eine Bogenschußweite übertrifft. – Was meinst Du dazu, Raoul?«

»Ich denke,« antwortete ihr gutherziger Ehemann, »daß Weiberzungen dazu gemacht sind, alles Wild aus der Gegend zu vertreiben. – Hier kommen wir der Stelle näher, wo es uns gelingen muß; darum bitte ich, meine süßeste Gebieterin, seid jetzt hübsch still. Wir wollen uns am Ufer des Teiches entlangschleichen, unter dem Winde die Hauben unserer Falken losbinden und alles zum Auffliegen fertig machen.«

Während sie so sprachen, ritten sie ein paar hundert Schritte an dem rauschenden Flusse hin, bis das kleine Tal, durch das er floß, eine ziemlich scharfe Biegung machte, worauf der rote Teich sich zeigte, der eben durch den kleinen Bach gebildet wurde.

Dieser Bergsee oder Sumpf war ein tiefes Becken von ungefähr einer englischen Meile im Umfange, mehr länglich als rund. Auf der Seite, wo unsere Falkenjäger standen, erhob sich ein Felsrücken von einer dunklen Farbe, der dem See den Namen gab, da diese starke düstre Wand sich in ihm spiegelte und ihm ihre Farbe zu verleihen schien. An der entgegengesetzten Seite war ein Hügel, mit Heidekraut bedeckt, dessen herbstliche Blüten noch nicht ganz von der Purpurfarbe zum Dunkelbraun hingewelkt waren. Zwischen dem Heidekraut zeigten sich an manchen Stellen graue Klippen oder auch lose Steine von derselben Farbe, die einen Gegensatz zu der gegenüberliegenden roten Felsenwand bildeten. Ein von der Natur gebildeter schöner Sandweg am Ufer zog sich rings um den See und trennte sein Wasser auf der einen Seite von dem schroffen Felsen, auf der andern von dem steilen Hügel, und da er nirgends weniger als fünfzehn bis achtzehn Fuß breit, an mehreren Stellen sogar noch weit breiter war, so bot er in seinem ganzen Umfange Platz genug für einen Reiter, der sein Pferd tummeln und in Atem setzen wollte. Der Rand des Teiches an der Seite des Felsens war hin und wieder mit Blöcken von beträchtlicher Größe bedeckt, die sich oben von der Felsmasse losgerissen hatten. Viele von diesen Felsstücken, die im Sturz über den Rand weggerollt waren, lagen im Wasser, wie kleine Inselchen – und zwischen diesen entdeckte das scharfe Auge Raouls – den Reiher, den sie suchten.

Auf einen Augenblick wurde Rat gepflogen, wie man am besten den ernsten, einsamen Vogel beschleichen könnte, der nicht ahnte, daß er selbst der Gegenstand eines furchtbaren Hinterhalts sei, während er bewegungslos auf einem Steine am Ufer stand und auf ein kleines Fischchen oder Wassertierchen lauerte, das sich seinem einsamen Standort nähern möchte. Ein kurzer Wortwechsel fand zwischen Raoul und dem Falkenverkäufer statt, die nicht einig miteinander waren, wie das Wild am besten aufzuscheuchen sei, so daß auch Eveline und ihre Begleiterin die Beize gut mitansehen könnten. Ob es am leichtesten sei, den Reiher »far jette« oder »jette ferré,« das heißt, auf dieser oder auf der andern Seite des Teiches – zu erlegen, das wurde, als handelte es sich um ein großes Unternehmen, so gewichtig und eifrig besprochen, daß sie fast außer Atem kam.

Endlich wurden die beiden Sachverständigen einig, und die Gesellschaft näherte sich dem Wassereinsiedler, der sie jetzt gewahr wurde, sich in voller Höhe aufrichtete, seinen langen dünnen Hals emporstreckte, sein gewöhnliches helltönendes Geschrei ausstieß und, seine dünnen Beine hinter sich weisend, in die heitere Luft emporstieg. In diesem Augenblick warf der Kaufmann mit einem lauten Hussah den edlen Falken, den er trug, ab, nachdem er ihm erst die Haube abgezogen, damit er den Reiher sehen konnte.

Hitzig, wie eine Fregatte auf der Jagd nach einer reichen Gallione, schoß der Falke auf den Feind zu. Der Reiher, der sich auf den Kampf vorbereitete, falls es ihm unmöglich sein sollte, durch die Flucht zu entrinnen, bot alle seine Schnelligkeit auf, einem so furchtbaren Jäger zu entgehen. Mit der unvergleichlichen Kraft seiner Schwingen stieg er in kleinen Kreisen immer höher und höher in die Luft, so daß der Falke keinen Punkt erreichte, von wo aus er mit Vorteil auf ihn stoßen konnte. Mit seinem spitzen Schnabel aber, der am Ende eines so langen Halses saß, konnte der Reiher im Umkreis von fast drei Fuß jeden Gegenstand nach jeder Richtung hin treffen.

Jetzt wurde ein zweiter Falke aufgeworfen, um, durch das Halloh des Falkners ermuntert, sich mit seinem Kameraden zu vereinigen. Beide erhoben sich oder stiegen in die Luft, immerfort in kleinen Kreisen sich bewegend, und bemühten sich, die Höhe zu erreichen, in der der Reiher seinerseits sich zu behaupten trachtete, und zum auserlesensten Vergnügen der Zuschauer setzte sich dieser Wettkampf so lange fort, bis alle drei sich in leise gekräuselten Wolken verloren, von wo aus man nur zuweilen noch das scharfe klagende Geschrei des Reihers hörte, als ob er den Himmel, dem er sich näherte, gegen die mutwillige Grausamkeit seiner Verfolger anrufen wollte.

Endlich war einer der Falken über den Reiher emporgestiegen, um nun auf ihn herabzustoßen; aber das Tier verteidigte sich so besonnen, daß es mit seinem Schnabel den Stoß auffing, den der Falke, mit voller Kraft herniederschießend, gegen seinen rechten Flügel richtete; so daß einer seiner Feinde, durch seine eigene Schwere von dem Schnabel durchbohrt, auf der von den Falkenieren abgelegenen Seite flatternd in den See stürzte und dort umkam.

»Da wandert ein wackerer Falke zu den Fischen,« sagte Raoul. »Kaufmann! Dein Kuchen ist nicht gar!«

Aber während er noch sprach, hatte der andere Vogel seinen Bruder gerächt. Das Glück, das der Reiher auf der einen Seite hatte, schützte ihn nicht vor einem Angriff von der andern Seite; der Falke stieß kühn auf ihn zu, und sich einkrallend oder wie es in der Falknerei heißt, »seine Beute bindend«, sanken beide aus der großen Höhe, sich untereinander wälzend, herunter. Es war nun keine kleine Mühe, so schnell wie möglich hinzuzueilen, damit der Falke nicht von dem Schnabel und den Klauen des Reihers verwundet würde. Die ganze Gesellschaft also, die Männer die Sporen einsetzend, die Frauen die Reitgerte schwingend, flog wie der Wind dahin über das schöne, weiche Ufer zwischen den Felsen und dem Wasser.

Lady Eveline, die bei weitem besser beritten war als ihr Gefolge, und deren Lebensgeister, sich an dem Vergnügen und der schnellen Bewegung aufgefrischt hatten, erreichte weit früher, als die Leute ihrer Begleitung, den Flecken, wo der Falke und der Reiher, noch immer in tödlichem Kampfe begriffen, im Sumpfe lagen; dem letztern war durch den Stoß des erstern der Flügel gebrochen worden. In solchem entscheidenden Augenblicke war es die Pflicht des Falkners, hinzuzueilen und dem Falken beizustehen, indem er den Schnabel des Reihers in die Erde bohrte, ihm die Beine zerbrach und es dann dem Falken überließ, ihm mit leichter Mühe den Garaus zu geben.

Auch eine Edeldame vom Range und der Zartheit Evelinens durfte nicht davor zurückschrecken, auf so grausame Weise dem Falken beizustehen; aber gerade als sie zu diesem Zweck vom Pferde gestiegen war, fühlte sie sich zum größten Schrecken von einer wilden Gestalt ergriffen, die in welscher Sprache ausrief, daß man Pfand von ihr begehre, weil sie auf dem Grunde von Dawfyd Falkenjagd triebe. Zu gleicher Zeit zeigten sich viele andere, mehr als zwanzig, hinter den Felsen und Gebüschen, alle mit Aexten oder welschen Krummhacken, langen Messern, Wurfspießen Bogen und Pfeilen bewaffnet.

Eveline erhob ein Geschrei, die Ihrigen zu Hilfe zu rufen, zugleich redete sie die Fremden, so gut sie konnte, in welscher Sprache an; denn sie zweifelte nicht, daß es Walliser wären, in deren Gewalt sie geraten war. Als sie merkte, daß ihre Bitten unbeachtet blieben und jene sie als Gefangene behalten wollten, so würdigte sie sie weiter keiner Anrede, sondern verlangte nur, mit Achtung behandelt zu werden. Sie versprach ihnen in diesem Falle ein reichliches Lösegeld, drohte aber auch mit der Rache des Lords und besonders des Damian de Lacy, wenn sie ihr ein Leides täten.