Die Männer schienen sie zu verstehen, und obwohl sie ihr eine Binde um die Augen legten und ihr die Arme mit ihrem eigenen Schleier fesselten, so beobachteten sie doch bei diesen gewalttätigen Handlungen eine gewisse Zartheit und Aufmerksamkeit, Anstand zu bewahren und ihr nicht wehe zu tun. Sie banden sie auf dem Sattel ihres Zelters fest und führten sie mit sich durch die Schluchten der Berge. Zu ihrem tiefsten Schmerze vernahm sie hinter sich das Getöse eines Kampfes und erkannte daran, daß ihr Gefolge sich vergebens bemühte, sie zu erretten.
Erstaunen hatte zuerst die Jäger ergriffen, als sie von ferne ihre Jagdlust durch den gewalttätigen Angriff auf ihre Gebieterin unterbrochen sahen. Der alte Raoul setzte nun wieder die Sporen ein, rief den andern zu, ihm zu folgen, und sprengte wütend auf die Räuber los; aber da er keine andern Waffen, als seine Falkenstange und ein kurzes Schwert hatte, so wurden er und die ihm folgenden bei diesem tapfern, wenn auch nutzlosen Versuch leicht überwältigt. Raoul und ein paar der vordersten wurden jämmerlich zerschlagen, indem die Räuber ihre Knüttel gegen sie schwangen, bis sie in Splitter zerbrachen, wiewohl sie sich großmütig des Gebrauches gefährlicherer Waffen enthielten. Die übrigen des Gefolges, die allen Mut verloren hatten, ergriffen die Flucht, um Lärm zu machen; nur der Kaufmann und die Dame Gillian blieben am See und erfüllten die Luft mit unnützem Geschrei. Die Bösewichter sammelten sich indessen, sandten den Flüchtlingen einige Pfeile nach, doch mehr, um sie zu erschrecken, als um ihnen Schaden zuzufügen, und verließen zusammen den Platz, um zu ihren Gefährten zu stoßen, die mit der geraubten Lady Eveline vorausgezogen waren.
Achtes Kapitel
Solche Abenteuer, die jetzt nur in Werken bloßer Erdichtung geschildert werden, waren in jener Zeit des Faustrechts, wo Gewalt allgemein über das Recht ging, nichts Ungewöhnliches. Daraus folgte, daß die, deren Lage sie öftern Gewalttätigkeiten aussetzte, fertiger im Widerstande, aber auch geduldiger im Ertragen waren, als man sonst von Alter und Geschlecht hätte erwarten sollen. Lady Eveline fühlte, daß sie eine Gefangene war. Furcht beschlich sie freilich, wenn sie sich fragte, zu welchem Zwecke man sie geraubt hätte; aber weder ihre eigene Unruhe noch die Raschheit, mit der man sie fortführte, hinderten sie, ihre Sinne zusammenzunehmen und mit Geistesgegenwart alle Vorgänge zu beobachten. Aus dem lauten Hufeklappern um sie her schloß sie, daß der größte Teil der Räuber sich zu Pferde gesetzt hatte; dies stimmte, wie ihr bekannt war, mit dem Gebrauch der welschen Landstreicher überein, deren Pferde zwar schwach und klein und zum Dienste im Gefechte untauglich, aber doch schnellfüßig genug waren, ihre gewandten Reiter mit der notwendigen Eile am Schauplatz ihrer Taten auftauchen und dann wieder verschwinden zu lassen. Diese Tiere schritten auch ohne Schwierigkeit und unter der Last eines schweren Kriegers über die wilden Bergpfade, von denen die Gegend durchschnitten war, und auf deren einem Lady Eveline Berenger sich jetzt befand. Am Schritt ihres Zelters, der von jeder Seite durch einen Mann zu Fuß gehalten wurde, glaubte sie zu merken, daß er eben eine Anhöhe erklommen und nachher mit noch größerer Gefahr hinabzusteigen schien.
In diesem Augenblicke wandte sich eine Stimme, die sie bisher noch nicht unter den andern gehört hatte, in anglo-normännischer Sprache zu ihr, fragte mit scheinbarer Teilnahme, ob sie auch sicher in ihrem Sattel säße, und erbot sich, wenn dem nicht so sei, alles zu ihrer Bequemlichkeit herzurichten.
»Spottet nicht über meine Lage, daß Ihr von Sicherheit redet,« sagte Eveline, »Ihr könnt es nur immer glauben, daß ich nach solcher Gewalttat mich nicht sicher wähnen kann. Ist es Lösegeld, was Ihr begehrt, so nennt die Summe, und ich will Befehl geben, sie herbeizuschaffen, aber haltet mich nicht in Gefangenschaft, das kann mich nur beleidigen und Euch nichts helfen.«
»Lady Eveline,« antwortete die Stimme, noch immer im Tone der Höflichkeit, der so schlecht mit der verübten Gewalttätigkeit übereinstimmte, »wird sehr bald erfahren, daß unsere Handlungen rauher sind als unsere Absichten.«
»Wenn Ihr wißt, wer ich bin,« sagte Eveline, »so könnt Ihr nicht zweifeln, daß dieser Frevel gerächt werden wird. Ihr müßt wissen, wessen Banner jetzt meine Länder beschützt.«
»De Lacys Banner,« antwortete die Stimme, sehr gleichgütig, – »Was weiter! – Ein Falke fürchtet nicht den andern.« In diesem Augenblick wurde Halt gemacht, und ein verworrenes Gemurmel erhob sich unter den Leuten um sie her, die bisher geschwiegen hatten, außer wenn sie zuweilen in welscher Sprache, und so kurz wie möglich, sich über den Weg verständigten oder einander zur Eile ermuntert hatten.
Das Murmeln hörte auf, und ein Stillschweigen von einigen Minuten erfolgte. Endlich vernahm Eveline wieder die Stimme, die sich zuvor an sie gewandt hatte, und die jetzt Befehle austeilte, die sie nicht verstand. Darauf sprach der Mann zu ihr selbst: »Ihr werdet jetzt selbst sehen,« sagte er, »ob ich wahr sprach, wenn ich erklärte, daß ich Euch nicht gerne Fesseln anlegen ließ. Aber Ihr seid zugleich die Ursache des Kampfes und der Preis des Sieges. Für Eure Sicherheit muß demnach so gut gesorgt werden, als die Zeit es erlaubt. So befremdend auch die Art des Schutzes sein mag, dem wir Euch vertrauen wollen, so hoffe ich, daß der Sieger in dem bevorstehenden Kampfe Euch unverletzt wiederfinden wird.«
»O, laßt doch nicht, um der heiligen Jungfrau willen, Kampf und Blutvergießen entstehen!« sagte Eveline. »Bindet mir lieber die Augen auf und laßt mich mit denen reden, deren Annäherung Ihr fürchtet. Sind es meine Freunde, wie es mir scheint, so will ich die Friedensvermittlerin zwischen Euch sein.«
»Ich verachte den Frieden,« sagte der Fremde. »Ich habe ein so entschlossenes und gewagtes Abenteuer kühn unternommen und sollte nun, wie es ein Kind beim Spielen macht, bei dem ersten Gedanken, es könnte unglücklich ablaufen, die Hand davon ziehen? Habt die Güte, vom Pferde zu steigen, edle Lady! oder vielmehr nennt es nicht ungütig, daß ich Euch vom Sattel hebe und auf den Rasen niedersetze.«
So wie er sprach, so fühlte sich auch Eveline vom Pferde gehoben und sorgfältig auf den Erdboden in sitzender Stellung niedergelassen. Den Augenblick darauf nahm ihr derselbe Mann, der sie vom Pferde herabgehoben hatte, den Hut ab, dieses Meisterstück der Dame Gillian, und dann den Mantel. »Ich muß Euch ferner ersuchen,« sagte der Banditenhauptmann, »auf Händen und Füßen in diese enge Oeffnung zu kriechen. Glaubt mir, es tut mir leid, daß ich Euch, der Sicherheit wegen, in eine so enge Festung bringen muß.«
Eveline kroch vorwärts, wie ihr geheißen worden war, indem sie wohl begriff, daß Widerstand hier von keinem Nutzen wäre und daß dieser Mann, der in gebietendem Tone sprach, sie gegen die zügellose Wut der Welschen in Schutz nehmen würde. Von den Wallisern aber durfte sie nichts Gutes erwarten, weil sie an Gwenwyns Tod schuld war, und um ihretwillen die Britonen unter den Wällen von Garde Douloureuse eine schwere Niederlage erlitten hatten.
Sie kroch durch einen engen, dumpfigen Gang, der zu beiden Seiten von unbehauenen Steinen gebildet und so niedrig war, daß man nur kriechend hineinkommen konnte. Als sie etwa neun Fuß vorwärts gedrungen war, dehnte sich dieser Durchgang zu einer Höhle oder Kammer aus, die sonst unregelmäßig und enge, dennoch hoch genug war, daß sie bequem darin sitzen konnte. Zu gleicher Zeit bemerkte sie an einem Geräusch hinter sich, daß die Räuber den Weg verrammelt hatten, durch den sie so in den Schoß der Erde gelangt war. Sie konnte ganz deutlich das Rasseln der Steine hören, womit sie den Eingang verschlossen, und sie merkte es, wie der frische Luftstrom, der zuvor durch die Oeffnung gedrungen war, allmählich aufhörte und die Atmosphäre dieses unterirdischen Gemaches immer dumpfiger, feuchter und drückender wurde.