In diesem Augenblick drangen entfernte Töne von draußen zu ihrem Ohre, in denen Eveline Geschrei, starke Schläge, Pferdegetrappel, Flüche, Jauchzen und Heulen von Fechtenden unterschied, aber alles klang gedämpft durch die Felsenmauer ihres Gefängnisses, wie ein verworrenes, hohles Gemurmel.
In so furchtbarer Lage durch Verzweiflung getrieben, arbeitete Eveline, fast mit der Kraft einer Wahnsinnigen, um sich zu befreien, so daß es ihr zum Teil gelang, ihre Arme aus den Banden herauszupressen. Aber dies allein genügte, sie zu überzeugen, daß eine Flucht unmöglich sei; denn als sie den Schleier wegriß, der ihr Haupt umhüllte, fand sie sich in der tiefsten Finsternis, und indem sie mit den Armen rasch umherfühlte, entdeckte sie, daß sie in einer unterirdischen, sehr engen Höhle eingesperrt war. Die Hände, mit denen sie umhertastete, fanden nur Stücke von verrostetem Metall, und noch etwas, das zu anderer Zeit ihr Entsetzen eingeflößt hätte, da es in der Tat nichts anders, als die Gebeine eines Toten waren. Jetzt konnte dieser Umstand kaum ihre Furcht vermehren, eingemauert wie sie sich wähnte, um eines gräßlichen Todes unter der Erde zu sterben, indes ihre Freunde und Befreier wahrscheinlich wenige Schritte von ihr entfernt waren. Wild streckte sie die Arme aus, um irgend eine Oeffnung zur Flucht zu finden, aber jeder Versuch, den sie machte, sich aus diesem lastenden Bau um sie her zu befreien, war so unwirksam, als hätte sie versucht, den Dom einer Kathedrale umzustoßen.
Der Lärm, den sie zuerst vernommen, nahm immermehr zu, und einen Augenblick schien es, als ob die Decke des Gewölbes, unter dem sie sich befand, von Gestampf oder Stößen widerhalle. Unmöglich hätte ein menschliches Gehirn diese Schrecken überstehen können; aber glücklicherweise dauerte dieser höchste Grad der Angst nicht lange. Töne, die immer hohler wurden und endlich in der Ferne erstarben, ließen erkennen, daß einer oder der andere Teil sich zurückgezogen hatte; zuletzt war es still.
Eveline konnte nun ihre schreckliche Lage ungestört erwägen. Das Gefecht war vorbei, und allem Anscheine nach waren ihre Freunde Sieger geblieben. Denn wäre es anders gewesen, so hätten die Sieger sie aus ihrem Gefängnisse befreit und ihre Gefangene mit sich genommen. Aber was konnte nun der Sieg ihrer treuen Freunde und Anhänger Evelinen nützen, die in einem verborgenen Winkel eingeschlossen war, wo sie niemand finden würde? Waren dann ihre Freunde abgezogen, so kehrten gewiß die Feinde zurück, und sie fiel ihnen aufs neue in die Hände, oder aber sie starb in Finsternis und Einsamkeit eines gräßlichen Todes. Daran konnte das unglückliche Mädchen nicht denken, ohne ein Gebet zum Himmel zu schicken, daß wenigstens ihre Todesangst abgekürzt werden möge.
In dieser furchtbaren Stunde gedachte sie des Dolches, den sie trug, und der finstere Gedanke durchzuckte ihre Seele, daß, wenn jede Hoffnung des Lebens schwände, es wenigstens in ihrer Hand läge, sich einen schnellen Tod zu geben. Als ihre Seele bei diesem traurigen Troste zusammenschauerte, drängte sich plötzlich die Frage vor, ob sie diese Waffe nicht zu ihrer Befreiung benützen könnte, statt damit ihre Leiden auf einmal zu endigen?
Sobald diese Hoffnung einmal gefaßt war, so zauderte auch die Tochter Raymond Berengers nicht, den Versuch zu machen, und es gelang ihr durch wiederholte Anstrengung, wiewohl mit großer Beschwerde, ihre Stellung zu verändern, so daß sie den Raum ihres Kerkers ringsumher umschauen und besonders den Gang finden konnte, durch den sie hereingekommen war, und nun wieder zum Tageslicht zurückzukehren versuchen wollte. Sie kroch bis zum äußersten Ende und fand, wie sie erwartete, die Oeffnung mit großen Steinen und Erde versperrt, die so zusammengestampft waren, daß gegenüber diesem Wall alle Hoffnung auf Flucht schwinden mußte. Doch war die Mauer sehr schnell errichtet worden, und Leib und Leben waren ja ein Preis, um den man alle Kräfte wohl aufbieten konnte. Mit ihrem Dolche schaffte sie die Erde und die Rasenstücke weg, und mit den Händen, die an solche Arbeit nicht gewöhnt waren, schob sie mehrere Steine fort, bis sie schließlich einen Schimmer von Licht sah und, was nicht weniger kostbar war, ein wenig frische Luft schöpfen konnte. Aber zu gleicher Zeit mußte sie erkennen, daß die Größe und Schwere eines gewaltigen Steines, der den Durchgang von außen schloß, ihr jede Hoffnung raubte. Hier konnten ihre Kräfte allein, ohne einen Beistand von außen, nichts mehr ausrichten. Doch war ihr Zustand jetzt wenigstens erträglich: denn sie hatte nun wenigstens Luft und Licht und konnte vielleicht auch jemand zur Hilfe rufen.
Aber ein solches Geschrei um Hilfe stieß sie eine Zeitlang vergebens aus – wahrscheinlich lagen nur Tote oder Sterbende in der Nähe; denn leise, unverständliche Klagelaute waren einige Minuten lang die einzige Antwort, die sie erhielt. Endlich, als sie wiederholt rief, sprach eine schwache Stimme, wie die eines Menschen, der eben aus einer Ohnmacht erwacht, folgende Worte: »Edris aus dem unterirdischen Hause, rufst Du aus Deiner Gruft den Elenden, der zu seiner eigenen hinabeilt? – Sind die Schranken zerbrochen, die mich mit den Lebenden zusammenhielten? – Höre ich schon mit meinen leiblichen Ohren die schwachen Klagelaute der Toten?«
»Es ist kein Geist, der hier spricht,« erwiderte Eveline überfroh, daß sie endlich einem lebenden Wesen sagen konnte, wo sie sich befand, »kein Geist, sondern ein sehr unglückliches Mädchen, namens Eveline Berenger, eingemauert in diesem dunklen Gewölbe und in Gefahr, gräßlich umzukommen, wenn Gott nicht Erlösung sendet.«
»Eveline Berenger!« rief derjenige, zu welchem sie sprach, mit dem Tone der Verwunderung. – »Es ist unmöglich. – Ich sah ihren grünen Mantel – ihren Federhut, als die Feinde mit ihr davonjagten und ich nicht imstande war, sie zu retten.«
»Getreuer Vasall, oder besser getreuer Freund, oder freundlicher Fremdling, oder wie ich Dich nennen soll,« erwiderte Eveline, »wisse, Du bist durch die List der Walliser Räuber getäuscht worden, Mantel und Hut Eveline Berengers haben sie in der Tat bei sich, aber sie haben sie nur gebraucht, meine treuen Freunde, die wie Du um mein Schicksal besorgt sind, irre zu führen. Deshalb, tapferer Herr, ersinne irgend eine Hilfe, wenn Du kannst, für Dich und mich. Denn ich fürchte, wenn die Räuber der Verfolgung entronnen sind, so kehren sie hierher zurück wie der Dieb zu dem Schlupfwinkel, in dem er das gestohlene Gut niedergelegt hat.«
»Nun, die heilige Jungfrau sei gepriesen,« sagte der verwundete Mann, »daß ich mit dem letzten Atemzug noch Dir einen Dienst erweisen kann. Ich wollte zuvor nicht ins Horn stoßen, um niemand von den Verfolgern zurückzurufen, weil ich glaubte, sie könnten Dich retten. Gebe der Himmel, daß der Ruf jetzt gehört und meine Augen noch Lady Eveline in Freiheit und Sicherheit sehen mögen!«
In so schwachem Tone auch diese Worte gesprochen wurden, so atmeten sie doch eine wahre Begeisterung, und nun folgte ein Stoß in ein Horn, das nur sehr schwach ertönte und keine Antwort als nur den Widerhall aus der Grube selbst erhielt. Jetzt wurde schärfer und lauter ins Horn gestoßen, doch brach der Ton so plötzlich ab, daß es schien, der Atem habe den Verwundeten mitten in der Anstrengung verlassen. – Ein sonderbarer Gedanke ging in diesem Augenblick der Ungewißheit und des Schreckens durch Evelinens Seele. – »Das,« sagte sie, – »war das Signal eines de Lacy. – Ihr seid doch nicht mein edler Verwandter, Sir Damian?«
»Ich bin der unglückliche Elende, der den Tod dafür verdient, daß er für seine Schutzbefohlene so schlecht gesorgt hat. – Wie konnte ich nur unbekannten Boten trauen? – Ich hätte die Heilige, welche meinem Schutz übergeben war, stets mit wachsamem Blick anbeten sollen. Nirgends hätte ich verweilen sollen, als an Eurem Tore, länger davor wachen, als der glänzendste Stern am Himmel. Ungesehen und von keinem gekannt, hätte ich nie aus Eurer Nähe weichen sollen. Dann wärt Ihr nicht in die gegenwärtige Gefahr geraten, und Du, Damian de Lacy, wärst nicht als meineidiger, nachlässiger Schurke in die Gruft gefahren!«