»Sie werden mir zugeben, daß es unter solchen Umständen für mich das geratenste war, meine Zeche zu begleichen und das Feld zu räumen, wenn ich nicht meinen Wirt ins Vertrauen ziehen wollte, wozu ich aber gar keine Lust verspürte. Zudem kam mir zu Ohren, daß der ehemalige Herr Oberst im Begriff stehe, Schottland zu seinem künftigen Domizil zu erküren und die arme Julie mit sich dorthin zu nehmen. Von den Leuten, die sein Gepäck transportieren, habe ich gehört, daß er beabsichtige, auf einem Landsitze, Woodburne in der Grafschaft C ..., Winterquartiere zu beziehen. Ich vermute, daß er jetzt wohl auf der Hut sein wird, und lasse ihn deshalb in seine Verschanzung retirieren, ohne ihn vorderhand zu beunruhigen ... Dann aber, mein teurer Herr cidevant-Oberst, dem ich zu so großem Danke verpflichtet bin, dürften Sie Anlaß haben, sich auf Ihre Defensive zu rüsten. Fürwahr, mein lieber Delaserre, mir schwant zuweilen, als käme der Geist des Widerspruchs über mich, wenn mich der Eifer, mein Vorhaben auszuführen, übermannt. Mir schwant zuweilen, als sei es gescheiter, wenn ich diesen hochmütigen Herrn dazu zwänge, seine Tochter zur Frau Brown zu machen, gescheiter als wenn ich mich darauf vertröstete, sie einst mit seiner Einwilligung zu nehmen und mit Königs Erlaubnis, Titel, Wappen und Namen Mannerings weiter zu führen, auch wenn ich all sein Moos damit erhielte. Eins nur macht mir dabei Bedenken: Julie ist eine schwärmerische Natur und ist noch sehr jung, und es widerstrebt mir, sie zu einem Schritte zu treiben, den sie in reiferen Jahren vielleicht doch bereuen möchte. Ebensowenig möchte ich den Vorwurf auf mich laden, ihr Glück zertreten zu haben, und mich in die Gefahr setzen, solchen Vorwurf später einmal aus ihrem Munde zu hören; es wäre mir schrecklich, dann Worte zu hören, wie: »Ja, wäre mir Zeit geblieben, mich zu bedenken, mir die Sache zu überlegen, dann hätte ich wohl klüger und richtiger gehandelt!« Vorgekommen sein sollen solche Dinge im lieben Leben, und mögen Wohl täglich vorkommen ... Nein, Delaserre, so etwas soll nicht passieren, wenigstens mir nicht. Gerade dieser Umstand macht mir Sorge, weil mir recht gut bekannt ist, daß ein Mädchen in Juliens Situation von dem Opfer, das sie bringt, keine bestimmte und sichere Vorstellung hat. Erschwerende Umstände kennt sie doch eben nur dem Namen nach, und von Drangsalen des menschlichen Lebens hat sie gar keinen Begriff; wenn sie an Liebe und daran denkt, daß Raum für eine liebendes Paar in der kleinsten Hütte sei, so stellt sie sich unter einer solchen Hütte doch keine andere vor als eine in einem romantischen Lustparke eines hohen Herrn, der wenigstens über zwölftausend Pfund Revenuen zu verfügen hat, denn in andere Situationen sich hineinzudenken, ist für sie ganz ausgeschlossen. Sollte sie sich in einer ärmlichen Schweizerhütte einrichten müssen, von der wir so oft uns unterhalten, und all die Drangsale überstehen müssen, ehe wir solchen Nothafen erreichten, möchte bei ihr vielleicht bald in Erfüllung gehen, was ein anderer Dichter nicht minder schön gesagt, wenn auch einige Töne tiefer: daß Hunger wohl der beste Koch, aber auch das schärfste Gift für die Liebe sei. Kurz und gut: dieser Punkt will scharf überlegt sein. Juliens Schönheit und Zuneigung haben ja unstreitig auf mich einen ewig unauslöschlichen Eindruck gemacht, aber das muß für mich dabei feststehen, daß sie die Lebensvorteile, die sie um meinetwillen eventuell in die Schanze schlagen will, vollauf würdigt, oder würdigen lernt, ehe ich mich damit einverstanden erkläre, daß sie sie in die Schanze schlägt.
»Meinen Sie, Delaserre, ich sei zu stolz, zu eingenommen von mir, wenn ich mich in dem Gedanken wiege, daß auch diese Prüfung meinen Wünschen genehm bestanden wird? ...wenn ich meine, daß die paar persönlichen Vorzüge, die ich besitze, im Bunde mit den beschränkten, um nicht zu sagen, dürftigen Mitteln, die mir für die Führung eines Haushalts zur Verfügung stehen, und mit dem Vorsatze, ihrem Glück mein Leben zu weihen, einem solchen Mädchen Entschädigung sein könnten für die großen Opfer, die sie mir bringen soll? Oder wird sie für die Wandlung, die dann in Garderobe, Bedienung, vornehmer Lebensführung, wie man die Möglichkeit, sein Domizil je nach Gefallen, je nach dem Unterhaltungsbedürfnis, das man fühlt, wechseln zu können, nun einmal nennt, oder zu nennen sich gewöhnt hat, ... wird sie für solche durchgreifende Wandlung all ihrer Lebensverhältnisse Ersatz, genügenden Ersatz finden in der Aussicht auf ein sogenanntes Glück? in der Zuversicht inniger Zuneigung? Von ihrem Vater spreche ich nicht: seine guten und schlimmen Eigenschaften stehen in einem so seltsamen Mischungsverhältnis, daß die ersteren von den letzteren sattsam aufgewogen werden, und was Julie als Tochter ungern vermissen möchte, ist mit jenem, was sie als Mädchen, als Weib so innig herbeisehnt, ebenfalls derart verschmolzen, daß mir vorkommen will, als sei die Trennung vom Vater ein Umstand, auf den hier wenig Gewicht gelegt werden kann. Immerhin bin ich guten Mutes, so weit es in solcher Lage möglich ist, ihn aufrecht zu erhalten. Ich habe des Ungemachs und der Beschwerden im Leben zuviel ertragen, als daß ich so verwegen sein könnte, voreilig auf glücklichen Erfolg zu rechnen, aber anderseits wieder zu häufig unverhoffte Hilfe gefunden, als daß ich ohne weiteres mutlos verzagen sollte.
Ich wünschte, Sie könnten dieses Land, diese Gegend sehen! Sie würden, wie ich überzeugt bin, Freude an allem haben, was Ihr Auge hier sieht. Mich wenigstens erinnert die ganze Szenerie an die feurigen Schilderungen, die Sie mir von Ihrem Heimatlande entworfen haben. Freilich haben sie für mich auch den Reiz der Neuheit. Von den schottischen Bergen habe ich, obgleich mir gesagt worden, ich sei dort geboren, nur eine sehr unklare Vorstellung. Daß mein jugendliches Gemüt, wenn ich das Auge über die Ebenen von Neuseeland schweifen ließ, eine schreckliche Oede fühlte, dessen erinnere ich mich nur allzu deutlich; ich schließe aber daraus, daß ich solche Empfindung wohl kaum gehabt hätte, wenn mir nicht in meinem früheren Leben Hügel und Felsen vertraut gewesen wären und auf meine kindliche Phantasie nicht einen tiefen Eindruck gemacht und dort hinterlassen hätten. Mir steht noch deutlich vor Augen, wie ich den berühmten Gebirgspaß in Maisur zum ersten Male erstieg, und alle meine Begleiter über die Erhabenheit der Szenerie nur Ehrfurcht und Staunen empfanden, während ich mich, gleich Ihnen, lieber Freund, von einer Art Heimweh beim Anblick der wilden Felsen ergriffen fühlte. Ja, trotzdem ich in Holland meine Erziehung genossen, erscheint mir ein blauer Berg doch immer wie ein Freund, und jeder rauschende Bergstrom gemahnt mich an ein Ammenlied, das mich in Schlaf lullte. Nie haben mich diese Empfindungen so lebhaft ergriffen wie hierzulande, und mir geht nichts mehr zu Herzen, als daß Ihre Pflicht sie hindert, mich zu begleiten auf meinen Touren durch die herrlichen Täler und in die wilden Berge. Mit ein paar Skizzen habe ich es ja versucht, aber etwas Rechtes bringe ich nicht zu stande. Dudley dagegen zeichnet prächtig, so frisch und flott, als ob eine Zaubergewalt ihm die Hand führte. Ich kann mich noch sehr quälen, und mehr als eine Karikatur, als ein abscheuliches Zerrbild von Landschaft wird doch nie auf meinem Zeichenblatt erscheinen. Ich muß mich an meine Flöte halten, denn Musik ist die einzige Muse, die mich in der Wiege mit holdem Blicke angelacht hat.