»Ach, edler Damian,« sagte Eveline, »brecht nicht mein Herz, indem Ihr Euch einer Unbesonnenheit wegen tadelt, die ganz meine Schuld ist. Eure Hilfe war immer nahe, sobald ich nur einen Wink gab, daß ich ihrer bedürfe; und es verbittert mein eigenes Unglück, daß meine Uebereilung die Ursache Eures Unfalles ist. Antwortet mir, teurer Verwandter, und laßt mich hoffen, daß die Wunden, die Ihr erhalten habt, geheilt werden können. – Ach! wieviel von Eurem Blute sah ich schon fließen, wie grausam ist doch mein Geschick! Stets muß ich Kummer über all diejenigen bringen, für welche ich gern mein eigenes Glück aufopfern wollte! aber laßt uns nicht die uns durch des Himmels Gnade gegönnten Augenblicke in fruchtloser Reue verbringen. –Versuche alles, was Du kannst, Dein Blut zu stillen, das so kostbar ist – für England – für Eveline – für Deinen Oheim.«
Damian seufzte, als sie sprach und schwieg; während Eveline halb wahnsinnig bei dem Gedanken, er könne aus Mangel an Hilfe umkommen, ihre Anstrengungen verdoppelte, sich zum Heil ihres Verwandten und ihrer eigenen Rettung hinauszuarbeiten. Es war alles vergebens, verzweifelnd gab sie ihre Versuche auf, und von einem gräßlichen Gegenstande des Schreckens zum andern übergehend, lauschte sie mit geschärftem Ohr den sterbenden Seufzern des edlen Damians, als – welches Entzücken! – Pferdegetrappel schnell sich näherte. Doch wenn auch dieser freudvolle Ton ihr Erlösung aus dem Grabe verhieß, würde er ihr auch die Freiheit bringen? Es konnten ja die räuberischen Bergbewohner sein, die zurückkehrten, ihre Gefangene zu holen. Aber auch diese würden ihr erlaubt haben, die Wunden Damian de Lacys zu untersuchen und zu verbinden; denn es konnte ihnen weit mehr Vorteil bringen, ihn als Gefangenen zu behalten, als ihn zu töten. Ein Reiter kam herbei, Eveline rief ihn um Beistand an, und das erste Wort, das sie hörte, war ein flamländischer Ausruf des getreuen Wilkin Flammock – ein Ruf, den nur dieses Schauspiel höchst ungewöhnlicher Art dem phlegmatischen Manne entreißen konnte.
Als er von Lady Eveline vernahm, in welcher Lage sie sich befände, und von ihr zugleich beschworen wurde, den Zustand Damian de Lacys genau zu untersuchen, begann er mit bewunderungswürdiger Fassung und einiger Sachkenntnis die Wunden des einen zu verbinden, während seine Begleiter einen Hebebaum herbeibrachten, welchen die Welschen bei ihrem Rückzuge zurückgelassen hatten, und bald imstande waren, an der Befreiung Evelinens zu arbeiten. Mit großer Vorsicht und unter der erfahrenen Leitung Flammocks wurde der Stein endlich so lange gehoben, daß man Eveline sehen konnte. Groß war das Entzücken aller, besonders ihrer treuen Rose, die ohne Rücksicht auf persönliche Gefahr um den Kerker ihrer Gebieterin herumflatterte, wie ein seiner Jungen beraubter Vogel um den Käfig, in den ein mutwilliger Bube sie gefangen hält. Große Vorsicht war notwendig, als man nun den Stein aufhob, weil er leicht nach innen fallen und die Lady beschädigen konnte.
Endlich war das Felsenstück so hoch gelüftet, daß sie hinaus konnte, während ihre Leute aus Wut über ihre erlittene Einsperrung nicht aufhörten mit Stangen und Hebebäumen zu arbeiten, bis sie den schweren Block aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Nun stürzte der große Stein, der die Oeffnung des unterirdischen Ganges versperrt hatte, nach der Seite über und begann den steilen Abhang hinunterzurollen. Immer schneller kollerte und krachte und donnerte er den Berg hinab, mitten unter Feuerfunken, die er aus den Felsen schlug, unter Wolken von Rauch und Staub, bis er endlich in das Bett eines Waldbachs schlug, wo er in fünf große Stücke zerschellte, mit einem Gekrach, das wohl drei Meilen weit gehört werden konnte.
Mit zerrissenen und beschmutzten Gewändern, mit aufgelöstem Haare, erschöpft von dem Aufenthalt in ihrem stickigen Kerker und von der Anstrengung, sich zu befreien, verwandte Eveline doch nicht eine Minute dazu, auf ihren eigenen Zustand zu achten; nein, mit dem Eifer einer Schwester, die ihrem einzigen Bruder zu Hilfe eilt, ließ sie es sich angelegen sein, die schweren Wunden Damians de Lacy zu untersuchen, den Bluterguß zu stillen und ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Wir haben es anderswo gesagt, daß gleich andern Frauen jener Zeit Eveline in der Wundarzneikunst nicht unerfahren war, und jetzt entwickelte sie noch größere Kenntnisse, als man ihr zugetraut. In jeder ihrer Anordnungen lag Klugheit, Umsicht und Zartgefühl; und die Sanftmut des weiblichen Geschlechts, die nimmermüde Menschenliebe, die stets bereit ist, das Elend zu mildern, wo sie es findet, schien in ihr durch den Scharfsinn eines energischen Verstandes noch auf eine höhere, würdevollere Stufe gehoben. Nachdem Rose ein paar Minuten bewundernd die klugen, sinnreichen Anordnungen ihrer Gebieterin angehört hatte, schien es ihr plötzlich einzufallen, daß der Kranke nicht der ausschließlichen Sorge Evelinens allein überlassen werden dürfte; sie ging ihr daher zur Hand und leistete ihr Beistand, soviel sie konnte, wahrend die Diener eine Bahre anfertigten, auf der der verwundete Ritter nach dem Schlosse von Garde Douloureuse gebracht wurde.
Neuntes Kapitel
Der Platz, auf dem das Scharmützel sich abgespielt und Lady Evelinens Befreiung stattgefunden hatte, war eine wilde, abgelegene Stelle, eine kleine, ganz ebene Fläche zwischen zwei sehr rauhen Fußpfaden, von denen der eine sich längs des Flusses hinzog; der andere aber weiter emporführte. Von Bergen und Gehölz umgeben, war diese Stelle besonders reich an Wild, und in früheren Zeiten hatte ein Walliser Fürst, der durch seine allgemeine Gastlichkeit, seine Liebe zur Jagd berühmt geworden, hier ein Jagdhaus errichtet, wo er seine Freunde und Anhänger mit einer Verschwendung, die in Cambria ohne Beispiel war, zu bewirten pflegte.
Die Phantasie der Barden, denen alle Pracht imponierte und die besondere Art von Verschwendung gefiel, die dieser Fürst betrieb, hatte ihm den Beinamen Edris von den Bechern gegeben, und sie erhoben ihn in ihren Gesängen mit so hohen Lobsprüchen, wie nur noch die Helden des weitberühmten Hirlas Horn gepriesen worden waren. Der so schwärmerisch besungene Zecher und Nimrod fiel endlich als ein Opfer seiner Schwelgereien, indem er bei einem Zwist, der nach einem wüsten Gelage ausbrach, erstochen wurde. Empört über dieses Ereignis begruben die versammelten Briten die Leiche des Fürsten an dem Ort, wo er starb, eben in jenem engen Gewölbe, in welchem Eveline eingekerkert war. Nachdem sie den Eingang der Grabesstelle mit Felsstücken gesperrt hatten, türmten sie darüber einen ungeheuren Cairn oder Steinhaufen als Grabhügel, auf dessen Spitze sie dem Mörder den Tod gaben. Aberglaube wob manche Schrecken um den Ort; viele Jahre blieb dieses Denkmal des Edris unverletzt, obgleich das Jagdhaus in Trümmer zerfallen und jede Spur davon erloschen war. In spätern Jahren hatte eine herumstreifende Bande welscher Räuber den geheimen Eingang entdeckt und ihn in der Absicht geöffnet, die Gruft nach Waffen und Schätzen zu durchwühlen, die in alten Zeiten oft mit den Toten begraben wurden. Sie täuschten sich und erhielten durch diese Entweihung des Grabes nichts weiter, als die Kenntnis dieser geheimen Stelle, die sehr gut zum Versteck geraubter Beute oder auch im Notfall einem Flüchtling als Zufluchtsort dienen konnte.
Als die Begleiter Damians, fünf oder sechs an der Zahl, dem Wilkin Flammock mitteilten, was ihnen an diesem Tage zugestoßen, so ging daraus hervor, daß Damian Befehl gegeben, mit Tagesanbruch aufzusitzen, und zwar in viel größerer Anzahl, um, wie sie verstanden hatten, gegen eine Bande rebellischer Bauern aufzubrechen. Doch plötzlich habe er seine Meinung geändert, seine Mannschaft in kleinere Abteilungen getrennt und von ihnen mehrere Bergpässe zwischen Wales und den Marken in der Nähe von Garde Douloureuse durchsuchen lassen. Dies pflegte er so oft zu tun, daß niemand etwas Auffallendes darin fand. Oft wurden dergleichen Streifzüge von den kriegerischen Herren der Marken unternommen, um teils die Walliser allesamt, besonders aber die gesetzlosen Banden, die, keiner regelmäßigen Herrschaft untertan, diese wilden Grenzen beunruhigten, in Furcht zu erhalten.