»Was frage ich nach meinem Anzug?« erwiderte Eveline im selben Tone wie zuvor.
»So fragt nach Eurer Ehre, nach Eurem Rufe,« sagte Rose, dicht an ihre Gebieterin reitend und es ihr ins Ohr flüsternd. »Bedenkt, und zwar schnell, wohin der verwundete junge Mann gebracht werden soll.«
»Nach dem Schlosse,« antwortete Eveline ganz laut, als ob sie gleichsam die Ziererei des Geheimnisses verachte. »Führt uns zum Schlosse, und das auf dem kürzesten Wege!«
»Warum nicht lieber in sein Lager oder nach Malpas?« sagte Rose; »teuerste Gebieterin, glaubt mir, das wird das beste sein.«
»Warum nicht – warum nicht? – Warum ihn nicht lieber an der Landstraße liegen lassen, als willkommene Beute für das Messer eines Welschen oder den Zahn eines Wolfes? – Ein- Zwei-, dreimal ist er mein Retter gewesen. Wohin ich gehe, soll er gehen, und ich will nicht einen Augenblick früher in Sicherheit sein, als ich weiß, daß er es ist.«
Rose sah, daß sie keinen Eindruck auf ihre Gebieterin machte, und ihre eigene Ueberlegung sagte ihr, des Verwundeten Leben könne gefährdet werden, wenn der Transport unnötig in die Länge gezogen wurde. Ein Ausweg fiel ihr ein, dem vorzubeugen; doch war es notwendig, deshalb ihren Vater zu befragen. Sie gab ihrem Zelter die Reitgerte, und in einem Augenblick war ihr winziges, aber schönes Figürchen und ihr feuriger, kleiner Zelter an der Seite des riesigen Flamländers und seines großen schwarzen Rosses, und sie ritt sozusagen in deren breitem Schatten. »Mein teuerster Vater,« sagte Rose, »die Lady hat die Absicht, Sir Damian nach dem Schloß bringen zu lassen, wo er dann wahrscheinlich sehr lange wird verweilen müssen. – Was denkt Ihr davon? – Wird das gut sein?«
»Für den jungen Mann gewiß, Röschen;« antwortete der Flamländer, »er wird um so mehr der Gefahr des Fiebers entgehen.«
»Wohl wahr! Ist es aber auch verständig von meiner Gebieterin?« fuhr Rose fort.
»Verständig genug, wenn sie verständig verfährt. – Aber weshalb zweifelst Du an ihr, Röschen?«
»Ich weiß nicht,« sagte Rose, die selber gegen ihren Vater ungern ein Wörtchen von Furcht und Zweifel wollte fallen lassen, »aber wo es böse Zungen gibt, da gibt's auch Böses zu erzählen. Sir Damian und meine Gebieterin sind sehr jung. – Es wäre wohl viel besser, lieber Vater, so denke ich, Ihr bötet dem verwundeten Ritter Eures Daches Schutz an, statt daß er nach dem Schlosse gebracht werde.«
»Das werde ich nicht tun, Dirne,« antwortete der Flamländer etwas heftig. »Das werde ich nicht tun, wenn ich's vermeiden kann. Der Normann soll nicht über meine friedliche Schwelle kommen, der Engländer noch weniger, um sich über mein einfaches, sparsames Leben aufzuhalten und meinen Vorrat zu verzehren. Du kennst sie nicht, weil Du immer bei Deiner Lady und in ihrer Gunst bist. Aber ich kenne sie wohl, und das Beste, was ich noch von ihnen erlangen konnte, war ›fauler Flandersmann‹ und ›flämischer Tölpel‹ tituliert zu werden. – Ich danke allen Heiligen, daß sie seit des Welschen Gwenwyns Aufstand nicht mehr sagen können, ›flämische Memme‹.«
»Ich habe stets geglaubt, mein Vater,« erwiderte Rose, »Ihr wäret zu verständig, um auf diese niedrigen Verleumdungen zu achten. Gedenkt, wir gehören zum Banner dieser Lady, sie ist stets meine liebevolle Gebieterin gewesen, und ihr Vater war Euer guter Herr; selbst dem Connetable seid Ihr verpflichtet, denn er hat Euer Privilegium erweitert. Mit Geld kann man Schulden bezahlen, aber Freundlichkeit kann man nur mit Freundlichkeit vergelten. Und ich sage es Euch vorher, Ihr werdet nie mehr eine solche Gelegenheit haben, dem Hause der Berenger und de Lacy Gutes zu erweisen, als wenn Ihr die Türe Eures Hauses dem verwundeten Ritter öffnet.«
»Die Tür meines Hauses?« antwortete der Flamländer. »Weiß ich denn, wie lange ich dieses oder irgend ein Haus auf Erden mein eigen nennen kann? Ach! meine Tochter, wir zogen hierher, um der Wut der Elemente zu entfliehen, aber wer weiß, wie bald wir durch die Raserei der Menschen umkommen können.«
»Ihr sprecht sonderbar, mein Vater,« sagte Rose. »Es stimmt nicht mit Eurer sonst so sichern Einsicht überein, aus dem plötzlichen Ueberfall eines welschen Freibeuters ein so allgemeines Unglück zu weissagen.«
»Ich denke nicht an den einäugigen Räuber,« sagte Wilkin, »obgleich die wachsende Frechheit solcher Räuber wie Dawfyd kein gutes Zeichen für die Ruhe im Lande ist. Aber Du, die Du in jenen festen Mauern lebst, vernimmst nur wenig, was draußen vorgeht, und Euer Zustand ist daher sorgenloser. Du hättest auch diese Nachrichten nicht von mir erfahren, es sei denn, daß ich es für nötig gefunden, mich in ein anderes Land zu begeben.«
»Euch wegbegeben, mein teuerster Vater, von einem Lande, wo Eure Betriebsamkeit und Sparsamkeit Euch ein so ehrenvolles Auskommen verschafft haben?«
»Ja, und wo der Hunger von Bösewichtern, welche mir den Ertrag meiner Arbeit beneiden, mir leicht einen ehrlosen Tod bereiten kann. Es sind unter dem englischen Pöbel in mehr als einer Grafschaft Unruhen ausgebrochen, die Wut des Volkes richtet sich gerade gegen unsere Nation, als ob wir Juden oder Heiden wären und nicht bessere Christen und bessere Menschen als sie selbst. Zu York, Bristol und anderswo haben sie die Häuser der Flamländer gestürmt, ihr Gut geplündert, ihre Familien gemißhandelt, und selbst ermordet. Und warum? Wahrscheinlich nur deswegen, weil wir Künste und Gewerbe zu ihnen brachten, die sie vorher nicht kannten, und weil ein Wohlstand, den sie ohne uns nie in Britannien erblickt hätten, der Lohn für unsere Kunst und Mühe wurde. Röschen, dieser böse Geist verbreitet sich täglich mehr. Hier zwar sind wir sicherer als sonst irgendwo, weil wir eine ziemlich zahlreiche und starke Kolonie bilden. Aber ich traue unsern Nachbarn nicht, und wärest Du, Rose, nicht in Sicherheit gewesen, schon lange hätte ich dieses alles aufgegeben und Britannien verlassen.«
»Alles aufgegeben, und Britannien verlassen!« Wundersam klangen diese Worte in den Ohren seiner Tochter, die am besten wußte, wie es ihrem Vater mit seiner Betriebsamkeit geglückt war, und wie es seinem festen und ruhigen Charakter gar nicht ähnlich sah, sichere und gegenwärtige Vorteile aus Furcht vor entfernter oder möglicher Gefahr aufzugeben. Endlich erwiderte sie: »Droht diese Gefahr wirklich, mein Vater, so scheint es mir, Euer Haus und Eigentum kann keinen bessern Schutz finden, als die Gegenwart dieses edlen Ritters. Wo lebt der Mann, der irgend eine Gewalttat gegen das Haus wagen wollte, welches Damian de Lacy beherbergt?«
»Das weiß ich doch nicht!« sagte der Flamländer in demselben gesetzten, aber doch abweisenden Tone. »Möge der Himmel es mir vergeben, wenn es Sünde ist! aber ich sehe nichts wie Narrheit in diesen Kreuzzügen, die die Priester so erfolgreich gepredigt haben. – Da ist nun der Connetable fast drei Jahre schon abwesend, und wir erhielten keine sichere Nachricht, ob er lebt oder tot ist, ob er gesiegt hat oder eine Niederlage erlitt. Er zog aus, als ob er gesonnen sei, nicht eher abzuzäumen oder das Schwert einzustecken, bis das heilige Grab den Sarazenen entrissen wäre, und wir hören jetzt nichts davon, ob den Sarazenen auch nur ein Dorf genommen wurde. Während der Zeit wird das Volk zu Hause immer mißvergnügter – ihre Herren mit dem besten Teile ihres Geleites sind in Palästina, ob tot oder noch am Leben, ist schwer zu wissen – sie selbst werden unterdrückt und geschunden von Haushofmeistern und Stellvertretern, deren Joch nie so leicht ist und nie so leicht ertragen wird wie das des wirklichen Herrn. Die Bürgerlichen, die natürlich die Ritter und den Adel hassen, halten den Zeitpunkt für günstig, ihnen die Spitze zu bieten – ja, es gibt auch einige von edlem Blut, die sich nichts daraus machen, sie anzuführen, um ihren Teil an der Beute zu haben. Die Abenteuer in der Fremde und die Gewöhnung an ein liederliches Leben haben viele arm gemacht; und wer arm ist, wird für Geld den eigenen Vater morden. Ich hasse arme Leute, und ich wollte, der Teufel holte einen jeden, der sich nicht mit seiner Hände Arbeit ernähren kann!«