Der Flamländer beschloß mit diesem charakteristischen Fluch eine Rede, die seiner Tochter eine so furchtbare Schilderung vom Zustande Englands gab, wie sie in der Einsamkeit von Garde Douloureuse noch nie zu vernehmen Gelegenheit gehabt hatte. »Sicherlich,« sagte sie, »sind derartige Gewalttätigkeiten nicht von denen zu befürchten, die unter dem Banner de Lacys und Berengers stehen!«
»Berenger besteht nur noch dem Namen nach,« antwortete Wilkin Flammock, »und Damian, wiewohl ein wackerer junger Mann, steht an Charakter und Ansehen noch lange nicht so hoch wie sein Oheim. Auch beklagen sich seine Leute, daß sie unnütz geplagt werden, ein Schloß zu bewachen, das an sich uneinnehmbar ist und eine hinlängliche Besatzung hat. Sie führten hier ein tatenloses, unrühmliches Dasein und verlören alle Gelegenheit zu ehrenvollen Taten, wie sie es nennen, worunter sie aber nur Raufen und Plündern verstehen. Sie sagen, Damian, der Bartlose, war ein Mann, aber Damian mit dem Knebelbart ist nicht viel mehr als ein Weib, und die Jahre, die seine Oberlippe dunkel machten, haben zugleich seinen Mut gebleicht. – Und sie sagen noch mehr, aber es ist zu langweilig, davon zu reden.«
»Gut! aber doch laßt mich wissen, was sie sagen! Laßt's mich wissen, um des Himmels willen!« anwortete Rose, »wenn es, wie es der Fall sein muß, meine treue Gebieterin betrifft.«
»So ist es, Röschen,« antwortete Wilkin, »da gibt es viele unter den normannischen Kriegern, die erzählen sich's, so beim Weinkruge, daß Damian de Lucy ein Liebesverhältnis mit der Braut seines Oheims habe: ja, und daß sie miteinander verkehrten durch – Zauberkünste.«
»Durch Zauberkünste! Wahrhaftig, so muß es sein,« sagte Rose, verächtlich lächelnd, »denn durch irdische Mittel stehen sie in keiner Gemeinschaft, das kann ich bezeugen,«
»Demzufolge schreiben sie es der Zauberkunst zu,« sagte Wilkin Flammock, »daß de Lacy, sobald nur Mylady sich aus dem Schloßtor herausrührt, auch gleich mit seinen Leuten im Sattel ist, wiewohl sie es ganz genau wissen wollen, daß er weder durch einen Boten, noch durch einen Brief, noch auf sonst welchem gewöhnlichen Wege, Nachricht von ihrer Absicht erhalten hat. Auch waren sie jedesmal nur kurze Zeit in den Bergpässen herumgeritten, so hörten oder sahen sie auch schon, daß Lady Eveline außerhalb des Schlosses sei.«
»Das ist mir nicht entgangen,« erwiderte Rose, »und Mylady hat bisweilen ihr Mißvergnügen gezeigt, daß Damian so sorgfältig sich Kenntnis von allen ihren Bewegungen zu verschaffen wüßte und sie dann mit einer so zudringlichen Pünktlichkeit beobachtete und beschützte. Der heutige Tag jedoch hat es bewiesen,« fuhr sie fort, »daß seine Wachsamkeit sehr am Platze ist. Da sie aber selbst bei solchen Gelegenheiten nie zusammenkamen, sondern sich immer in einer solchen Entfernung hielten, daß jede Möglichkeit, sich zu sprechen, ausgeschlossen war, so hätte ich denken sollen, daß auf beide kein Verdacht fallen könnte.«
»Ach, Tochter Röschen,« erwiderte Wilkin, »man kann bisweilen auch die Vorsicht so weit treiben, daß eben dadurch Argwohn erregt wird. Warum, sagen die Reisigen, müssen sie denn immer so förmlich gegeneinander sein? Warum müssen sie sich immer so nahe sein und dürfen doch nie zusammenkommen? Wären sie sich gegenseitig nichts mehr als der Neffe und des Oheims Braut, so dürften sie öffentlich und frei miteinander umgehen; und sind sie anderseits heimliche Liebesleute, so ist doch anzunehmen, daß sie im geheimen zusammentreffen, obwohl sie dies sehr schlau zu verbergen wissen.«
»Jedes Wort, das Ihr sprecht, mein Vater, macht es unumgänglich notwendig, daß Ihr den verwundeten jungen Mann in Euer Haus aufnehmt. Mögen die Uebel, die Ihr fürchtet, noch so groß sein, so könnt Ihr Euch doch darauf verlassen, sie werden nicht dadurch vermehrt, daß Ihr ihm und einigen wenigen seiner treuen Begleiter Obdach gewährt.«
»Seinen Begleitern nicht!« sagte der Flamländer heftig, »Nicht einem von ihnen! Nur dem Pagen, der ihn bedient, und dem Arzt, der ihn behandelt.«
»So kann ich also Euer Dach wenigstens den dreien anbieten?« sagte Rose.
»Tu, was Du willst! Tu, was Du willst!« rief der sie so innig liebende Vater. »Bei meiner Treu, Röschen, es ist sehr gut, daß Du in allen Deinen Forderungen verständig und bescheiden bleibst, weil ich doch mal so närrisch bin, Dir alles gleich zuzugestehen. Das ist nun wieder einmal eine Deiner wunderlichen Regungen von Großmut und Ehre – mir gegenüber freilich stellst Du es als Klugheit und Rechtlichkeit hin. Ach, Rose, Rose, die, welche mehr noch als das Gute tun wollen, bringen zuweilen etwas hervor, was übler ist als das Böse. – Aber ich denke, ich werde diesmal mit der Furcht davonkommen, denn Deine Gebieterin, die, mit allem Respekt zu sagen, ein bißchen abenteuerlich veranlagt ist, wird schon eigensinnig auf das ritterliche Vorrecht bestehen, ihren Ritter in ihrem eigenen Gemach aufzunehmen und ihn in Person zu pflegen.«
Der Flamländer hatte recht prophezeit. Kaum hatte Rose Evelinen den Vorschlag getan, den verwundeten Damian bis zu seiner Wiederherstellung in ihres Vaters Hause zu lassen, als ihre Gebieterin kurz und entschieden das Anerbieten verwarf. »Er ist mein Erretter gewesen,« sagte sie, »und gibt es ein Wesen, vor welchem die Tore von Garde Douloureuse von selbst aufspringen müßten, so ist es Damian de Lacy. – Nein, Jungfer, wirf nicht auf mich einen so argwöhnischen, bekümmerten Blick. – Wer über Verstellung erhaben ist, Mädchen, verachtet den Argwohn, Gott ist's und Unsere Frau, denen ich Rechenschaft schuldig bin, und vor ihnen liegt mein Herz offen!«
Sie gelangten schweigend zu dem Burgtore, woselbst Lady Eveline Befehl erteilte, daß ihr Beschützer, wie sie mit Nachdruck Damian nannte, ihres Vaters Gemach bewohnen sollte; und mit der Klugheit eines reifern Alters gab sie die nötigen Anweisungen für die Aufnahme und Bequemlichkeit seiner Begleitung. Alles tat sie mit der größten Fassung und Geistesgegenwart, noch ehe sie ihre eigene, in Unordnung geratene Kleidung wechselte.
Noch ein Schritt blieb ihr zu tun übrig. Sie eilte zu der Kapelle der Jungfrau, und sich vor ihrer heimlichen Beschützerin niederwerfend, brachte sie ihr Dank für ihre zweite Befreiung dar und flehte um ihren Schuh und durch ihre Fürsprache um den Beistand des allmächtigen Gottes in all ihren Zweifeln, wie sie fernerhin sich verhalten sollte. »Du weißt«, sagte sie, »daß ich nicht in übermütigem Vertrauen auf meine eigenen Kräfte mich in Gefahr begeben habe. O mache mich stark, wo ich am schwächsten bin! Laß meine Dankbarkeit und mein Mitleid nicht einen Fallstrick für mich sein, und während ich dahin strebe, die Pflichten zu erfüllen, die mein dankbares Herz mir auferlegt, errette mich von den bösen Zungen der Menschen – und rette mich – o, rette mich von den hinterlistigen Nachstellungen meines eigenen Herzens!«
Mit andächtigem Eifer betete sie jetzt ihren Rosenkranz ab, dann begab sie sich in ihr Zimmer, rief ihre Frauen und ließ ihre Kleidung in Ordnung bringen.
Elftes Kapitel
In Gewändern von dunkler Farbe, wie in Trauer gekleidet, deren Schnitt mehr einer Matrone geziemte als ihrer Jugend, einfach bis zur Übertreibung, ohne allen Schmuck als ihren Rosenkranz, erfüllte nun Eveline die Pflicht einer Wärterin bei ihrem verwundeten Befreier, eine Pflicht, die die Sitte der Zeit nicht nur erlaubte, sondern gebieterisch erheischte. Rose und Dame Gillian waren ihr zur Seite; Maryorin, die sich in Krankenzimmern wie in ihrem Element befand, wurde in dem des jungen Ritters angestellt, um für alles, was sein Zustand erfordern könnte, Sorge zu tragen.