Eveline trat in das Zimmer mit einem leisen Schritt, um nicht den Kranken zu stören. Sie hielt an der Tür still und sah sich um. Es war einst ihres Vaters Zimmer, und sie hatte es seit seinem gewaltsamen Tode nicht betreten. Längs den Wänden hing ein Teil seiner Rüstungen und Waffen, mit Falkenhandschuhen, Jagdstangen und anderm Jagdgeräte. Diese Reliquien riefen wie leibhaftig die stattliche Gestalt des Sir Raymond vor ihre Seele. »Runzle nicht die Stirn, mein Vater,« ihre Lippen bildeten die Worte, aber die Stimme sprach sie nicht aus. »Runzle sie nicht! Eveline wird Deiner nie unwürdig sein!«
Pater Aldrovand und Amelot, Damians Page, saßen an seinem Bette und standen beim Eintritt Evelinens auf, und der Pater, der sich ein wenig mit der Heilkunde abgegeben, sagte zu Evelinen, der Ritter hätte ziemlich lange geschlafen und scheine eben jetzt zu erwachen.
Zu gleicher Zeit trat Amelot vor und bat schnell und leise, daß Ruhe im Zimmer herrschen möge und alle Zuschauer entfernt werden möchten. »Mein Herr,« sagte er, »pflegt zuweilen seit seiner Krankheit zu Gloucester etwas wild zu reden, wenn er vom Schlafe erwacht, und würde mit mir unzufrieden sein, erlaubte ich irgend jemand, alsdann in seiner Nähe zu bleiben.«
Demzufolge gebot Eveline den Frauen und dem Mönch, sich in das Vorzimmer zurückzuziehen, während sie in der Tür stehen blieb und ihren Namen von Damian nennen hörte, als er sich schmerzensvoll auf seinem Lager umwandte. »Ist sie in Sicherheit und unverletzt?« war seine erste Frage, und die Heftigkeit, in der er sie stellte, bewies, wie sehr ihm vor allem diese Sorge am Herzen lag. Als Amelot bejahend antwortete, seufzte er wie einer, dessen Brust von einer schweren Last befreit worden, und mit minder bewegter Stimme fragte er den Pagen, wo sie waren? – »Das Zimmer,« sagte er, »mit allem Geräte ist mir ganz fremd.«
»Mein teuerster Herr,« sagte Amelot, »Ihr seid jetzt zu schwach, um Fragen vorzulegen und Erklärungen zu empfangen.«
»Sei es, wo es sei,« sagte Damian, immer mehr zur Besinnung kommend. »Ich bin nicht an der Stelle, wohin mich meine Pflicht ruft. – Laßt meine Trompeten zu Pferde blasen – zu Pferde! – Und laß Ralph Genvil mein Banner tragen. – Zu Pferde! zu Pferde! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.«
Der verwundete Ritter machte einige Versuche, sich aufzurichten, wurde aber bei seiner Schwäche von Amelot mit geringer Mühe zurückgelegt. »Du hast recht,« sagte er und sank in liegende Stellung nieder. »Du hast recht, – ich bin zu schwach – doch warum soll mir auch die Kraft bleiben, wenn die Ehre verloren ist?«
Der unglückliche junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seufzte wie im Todeskampfe, doch schien der Schmerz mehr seine Seele als seinen Körper zu erschüttern. Eveline näherte sich seinem Bette mit schwankendem Schritte: sie fürchtete, sie wußte selbst nicht was, doch zeigte sie den innigsten Anteil an dem Schmerz des Leidenden. Damian blickte auf, wurde sie gewahr, und wiederum verhüllte er sein Angesicht mit seinen Händen.
»Wozu diese heftige Leidenschaft, Herr Ritter?« sagte Eveline mit einer anfangs schwachen, bebenden Stimme, die aber allmählich mehr Festigkeit und Sicherheit erhielt. »Kann es Euch, die Ihr zu den Pflichten der Ritterschaft geschworen habt, so großen Schmerz erregen, daß der Himmel Euch schon zweimal zum Werkzeug erwählte, Eveline Berenger zu retten?«
»O nein! nein!« rief er schnell aufeinander. »Da Ihr gerettet seid, ist alles gut – aber die Zeit drängt – ich muß sogleich aufbrechen – nirgends darf ich mich jetzt aufhalten – am allerwenigsten in diesem Schlosse – noch einmal, Amelot, laß die Leute aufsitzen!«
»Nein, mein guter Lord,« sagte das Fräulein. »Das kann nicht geschehen. Als Eure Schutzbefohlene kann ich meinen Beschützer nicht so plötzlich abreisen lassen – als Euer Arzt kann ich meinem Patienten nicht erlauben, sich selbst zu verderben. – Ihr könnt unmöglich ein Pferd besteigen.«
»Eine Trage – eine Bahre – einen Karren, den entehrten Ritter, den Verräter wegzuschleppen – alles noch zu gut für mich – ein Sarg wäre das beste von allem. Aber gib wohl acht, Amelot, daß er nur einer sei, wie für den geringsten Bauern, keine Sporen auf der Sargdecke – kein Schild mit dem alten Wappen der de Lacys, kein Helm mit dem ritterlichen Kamme darf den Leichenwagen dessen zieren, dessen Name entehrt ist.«
»Ist sein Verstand zerrüttet?« sagte Eveline und blickte mit Schrecken von dem Verwundeten auf seinen Diener hin, »oder steckt ein furchtbares Geheimnis hinter diesen abgebrochenen Worten? – Ist es so, so sprecht es aus, und kann es wieder gut gemacht werden durch Leben und Eigentum, so soll meinem Befreier nichts Uebles widerfahren.«
Mit niedergeschlagenem, traurigem Blick, sah Amelot sie an, schüttelte seinen Kopf und blickte dann auf seinen Herrn hin mit einer Miene, welche sagen wollte, daß er ihre Fragen in Damians Gegenwart nicht beantworten könnte. Lady Eveline bemerkte diesen Wink, schlich in das Vorzimmer und gab dem Amelot ein Zeichen, ihr zu folgen. Er gehorchte, nachdem er zuerst einen Blick auf seinen Herrn geworfen, der in derselben trostlosen Stellung verharrte, das Gesicht mit den Händen bedeckt, wie einer, der das Licht scheut und alles, was vom Licht beschienen wird.
Als Amelot im Vorzimmer war, gab Eveline ihren Dienern ein Zeichen, sich bis ans äußerste Ende zurückzuziehen, und befragte ihn nun heimlich, worauf die Worte der Sorge und Verzweiflung, die sein Herr gesprochen, zurückzuführen seien. »Du weißt,« sagte sie, »daß ich Deinem Herrn zu helfen verpflichtet bin, sowohl aus Dankbarkeit, weil er mich mit Gefahr seines Lebens gerettet hat – als auch weil er mein Verwandter ist. Sage mir daher, wie es um ihn steht, daß ich ihm helfe, wenn ich es vermag – das heißt,« setzte sie hinzu, und ihre Wange färbte eine dunkle Röte, »wenn es sich für mich schickt, die Ursache seines Kummers zu hören.«
Tief verneigte sich der Page; doch geriet er in so große Verlegenheit, als er zu sprechen begann, daß auch Eveline verwirrt und ratlos war. Demungeachtet drang sie in ihn, ohne Bedenken und Verzug zu sprechen, wenn nur das, was er zu sagen hätte, sich für sie schickte.
»Glaubt mir, edle Lady,« sagte Amelot, »augenblicklich würde ich Eure Befehle erfüllt haben, fürchtete ich nicht meines Herrn Zorn, daß ich ohne seine Erlaubnis von seinen Angelegenheiten rede. Da ich aber weiß, er ehrt Euch höher, als irgend einen Menschen auf der Welt, so will ich auf Euren Befehl, soviel sagen: wenn er von den Wunden geheilt und sein Leben gerettet wird, so würden doch seine Ehre und Würde in noch größere Gefahr geraten, sofern der Himmel nicht selbst Hilfe sendet.«
»Sprich weiter,« sagte Eveline, »und sei versichert, wenn Du Dich mir anvertraust, wirst Du Damian de Lacy keinen Nachteil bringen.«
»Ich glaube es wohl, Lady,« sagte der Page. »So wißt denn, wenn es Euch nicht bereits bekannt ist, daß die Bauern und der Pöbel, die im Westen die Waffen gegen den Adel ergriffen haben, behaupten, sie würden bei ihrer Empörung nicht allein von Randal de Lacy, sondern auch von meinem Herrn Sir Damian unterstützt.«
»Lügner sind es, die ihn eines so schändlichen Verrates gegen seinen eigenen Blutsfreund und seinen Landsherrn zu beschuldigen wagen,« sagte Eveline.
»Wohl weiß ich, daß sie lügen,« sagte Amelot, »aber das hindert nicht, daß ihre falschen Behauptungen bei denen Glauben finden, die ihn nicht genau kennen. Mehr als ein Ausreißer von den Unsrigen hat sich zu diesem zusammengelaufenen Gesindel gesellt, und das macht das böse Gerücht noch wahrscheinlicher. Und dann sagen sie, – sagen sie – daß – mit einem Wort – daß mein Herr danach strebe, die Ländereien seines Oheims, welche er für ihn verwaltet, an sich zu reißen, und daß, wenn der alte Connetable – ich bitte um Verzeihung, Mylady! – von Palästina heimkehren sollte, es ihm schwer werden dürfte, sein Eigentum zurückzuerhalten.«
»Diese elenden, niederträchtigen Menschen urteilen über andere nach ihren eigenen niedrigen Gesinnungen und glauben, daß solchen Versuchungen, denen sie selber nicht würden widerstehen können, auch edlere Naturen erliegen müßten. Aber sind denn wirklich die Empörer so vermessen und so mächtig? Wir haben von ihren Gewalttaten gehört, aber doch nur, als ob es ein kleiner Volksauflauf wäre?«