»In der vergangenen Nacht erhielten wir die Nachricht, daß sie sich in großer Menge zusammengezogen und Wild Wenlock mit seinen Reisigen in einem ungefähr zehn englische Meilen von hier entfernten Dorfe eingeschlossen und belagert hätten. Er sandte zu meinem Herrn und bat ihn als seinen Verwandten und Waffenbruder um Hilfe. Wir saßen heute früh auf, zu seinem Beistand zu ziehen – als« –
Er schwieg und schien nicht gern fortfahren zu wollen, Eveline nahm das Wort auf: »Als Ihr von der Gefahr hörtet, in der ich mich befand?« sagte sie. – »Ich wünschte, Ihr hättet lieber meinen Tod vernommen.«
»Gewiß, edle Lady,« sagte der Page mit einem Blicke auf den Boden, »nur eine so dringende Ursache konnte meinen Herrn bewegen, seine Truppen halten zu lassen und ihre Mehrzahl gegen die welschen Bergbewohner zu führen, da die Lage seines umzingelten Landsmannes und die ausdrücklichen Befehle des königlichen Statthalters ihm doch vorschrieben, gegen die Aufrührer zu ziehen.«
»Ich wußte es,« fügte sie, »ich wußte es, daß ich geboren ward zu seinem Verderben; aber mir scheint, das ist noch schlimmer, als wovon ich träumte. Ich fürchtete nur seinen Tod zu verursachen, nicht den Verlust seiner Ehre. – Um Gottes willen, Amelot, tu, was Du kannst, und das ohne Zeitverlust! – Auf der Stelle wirf dich aufs Pferd, und zu Deinen eigenen Leuten nimm so viel von den meinigen, wie Du zusammenbringen kannst! – Geh! sprenge fort, mein tapferer Jüngling, – zeige Deines Herrn Banner – zeige ihnen, daß seine Macht und sein Herz mit ihnen ist, wenn auch seine Person abwesend sein muß. – Eile – eile – kostbar ist die Zeit!«
»Aber die Sicherheit des Schlosses? – aber Eure eigene Sicherheit?« sagte der Page, »Gott weiß, wie gerne ich alles tun möchte, seine Ehre zu retten. Ich kenne meines Herrn Sinn. Sollte Euch durch meine Entfernung von Garde Douloureuse irgend ein Leides widerfahren, und hätte ich ihm auch dadurch Land, Leben und Ehre gerettet, ich möchte wohl eher seinen Dolch als Dank und Lohn dafür kosten.«
»Nichtsdestoweniger, teurer Amelot, mache Dich auf!« sagte sie, »sammle, was Du zusammenbringen kannst, und mache, daß Du davon kommst!«
»Ihr spornt ein williges Roß,« sagte der Knappe, – und war schon auf dem Sprunge, »auch sehe ich in meines Herrn Lage nichts Besseres zu tun, als seine Banner wenigstens gegen diese Feinde zu tragen.«
»Zu den Waffen denn!« rief Eveline mit Feuer, »zu den Waffen! und gewinne Dir die Sporen! Bringe mir die Gewißheit, daß Deines Herrn Ehre gerettet ist, und ich selbst will die Sporen Dir anschnallen. – Hier – nimm diesen geweihten Rosenkranz – befestige ihn an Deinem Helm – und möge der Gedanke an die heilige Jungfrau von Garde Douloureuse, die nie die Ihr Geweihten verließ, Dich stärken in der Stunde des Gefechts!«
Sie hatte kaum geendet, als schon Amelot davon geflogen war, und so viel Pferde zusammenbrachte, als er konnte, von seines Herrn Leuten sowohl, als von dem Burg gehörigen Gesinde. So hielten bald vierzig Mann zu Pferde im Schloßhofe. –
Aber obwohl bis dahin der Page willigen Gehorsam gefunden, als die Kriegsmänner hörten, daß sie zu einem gefährlichen Zuge aufbrechen sollten, wenngleich unter keinem andern Führer, als einem jungen Menschen von fünfzehn Jahren, so weigerten sie sich doch entschieden, das Schloß zu verlassen. Die alten Krieger de Lacys behaupteten, Damian selbst wäre noch zu jung, sie zu befehligen, und habe kein Recht, seine Gewalt nun gar einem Knaben zu übertragen; Berengers Leute sagten, ihre Gebieterin möchte zufrieden sein, daß sie am Morgen gerettet worden, statt nun noch die Besatzung des Schlosses zu vermindern und die Gefahr dadurch zu erhöhen. »Die Zeiten,« sagten sie, »sind stürmisch, und das klügste ist, ein steinernes Dach überm Kopf zu haben.« Je mehr die Krieger einander ihre Gedanken und Befürchtungen mitteilten, desto stärker wurde ihre Abneigung gegen das Unternehmen. Als nun Amelot, der inzwischen, nach Pagenart, sich darum kümmerte, daß sein Pferd gesattelt und vorgeführt würde, wieder in den Schloßhof zurückkehrte, sah er die Leute in wirren Gruppen stehen, einige zu Pferde, andere zu Fuß, alle in lautem Gespräch und in größter Unordnung, Ralph Genvil, ein Veteran, dessen Gesicht mit mancher Schramme gezeichnet war, stand abseits von den übrigen und hielt seines Pferdes Zaum in der einen Hand und in der andern den Fahnenschaft, um den das Banner de Lacys noch unentfaltet gewickelt war.
»Was heißt das, Genvil?« fragte der Page ärgerlich, »warum besteigt Ihr nicht das Pferd und laßt das Banner wehen? – Und was veranlaßt diese Verwirrung?«
»Fürwahr, Herr Page,« sagte Genvil, ganz gelassen, »ich bin nicht in meinem Sattel, weil ich einige Achtung vor diesem alten seidenen Lumpen habe, den ich mit Ehren getragen, und ich möchte ihn nicht gerne irgendwohin tragen, wohin die Männer ihm nicht folgen wollen.«
»Heut wird nicht marschiert – heut wird nicht angegriffen – heut wird das Banner nicht entfaltet!« schrieen die Krieger, um der Rede des Fahnenträgers Nachdruck zu geben. »Wie, ihr Memmen, ist das Meuterei?« sagte Amelot und legte die Hand auf das Schwert.
»Droht mir nicht, Herr Page!« sagte Genvil, »und fackelt mir nicht mit Eurem Schwerte vorm Gesicht herum. Ich sage Dir, Amelot, sollte mein Schwert mit dem Deinigen zusammenkommen, nie sollte ein Dreschflegel mehr Spreu um sich geworfen haben, als ich Splitter aus Deinem eben flügge gewordenen, vergoldeten Bratspieß machen wollte. Seht her, hier sind Graubärte, die nicht Lust haben, sich nach der Laune eines Knaben ins Weite führen zu lassen. Was mich anbetrifft, mir ist's einerlei, ob der eine oder andere Knabe das Kommando hat. Aber ich bin für jetzt de Lacys Mann, und ich bin mir nicht klar, ob de Lacy es uns danken wird, wenn wir Wild Wenlock zu Hilfe ziehen. Warum führte er uns nicht diesen Morgen dahin? Statt dessen ließ er uns in die Berge marschieren.«
»Ihr wißt ja sehr gut, weshalb das geschah,« antwortete der Page.
»Ja, wohl wissen wir's, oder wenn wir's nicht wissen, so können wir es erraten,« antwortete der Fahnenträger mit wieherndem Lachen, in das mehrere seiner Gefährten einstimmten. »Ich will diese Verleumdung in Deinen falschen Hals stopfen, daß Du daran erwürgst!« sagte der Page, zog sein Schwert und warf sich blindlings auf den Bannermann, ohne auf den gewaltigen Unterschied ihrer Kräfte Rücksicht zu nehmen.
Genvil begnügte sich damit, seinen Angriff durch eine, wie es schien, ganz leichte Bewegung seines Riesenarmes zu parieren, wodurch er den Pagen zur Seite schob, indem er gleichzeitig einen Hieb mit dem Fahnenschaft auffing.
Ein neues, lautes Gelächter erfolgte, und Amelot, der alle seine Anstrengungen vereitelt sah, warf sein Schwert von sich, und indem ihm aus Stolz und Aerger die Tränen in die Augen traten, eilte er zur Lady Eveline zurück, ihr seinen Mißerfolg zu berichten. – »Verloren ist alles,« sagte er – »die feigen Schufte sind aufsässig und wollen nicht ausrücken, und der Tadel ihrer Feigheit und Zaghaftigkeit wird auf meinen teuern Herrn fallen.«
»Nie soll das geschehen,« sagte Eveline, »und sollte ich mein Leben aufopfern, es zu verhindern. – Folge mir, Amelot!«
Sie warf eine scharlachrote Schärpe um ihre dunkle Kleidung und eilte in den Hof. Gillian folgte ihr unter lebhaften Gebärden des Erstaunens und Mitleids; Rose folgte gleichfalls, sorgfältig alle Aeußerungen der Gefühle unterdrückend, die ihr Herz bewegten.
Eveline trat in den Schloßhof mit dem flammenden Auge und der glühenden Stirne, die ihre Vorfahren in Gefahr und Not zu zeigen pflegten, wenn ihre Seele gewaffnet war, dem Sturme die Spitze zu bieten. In diesem Augenblick schien sie größer als gewöhnlich, und mit klarer und fester Stimme, die dennoch die Zartheit des weiblichen Tons nicht verlor, redete sie die Meuterer also an: »Was ist das, Ihr Herren?« sagte sie – und indem sie sprach, zogen sich die breitschultrigen Gestalten der Krieger enger zusammen, als ob ein jeder für seine Person dem Vorwurf entgehen wollte. Sie glichen einer Gruppe plumper Wasservögel, wenn diese sich dicht aneinander schließen, dem Stoß des leichten, schönen Lerchenhabichts zu entgehen, die Ueberlegenheit seiner Natur und Zucht über ihre ungeschickte körperliche Kraft fürchtend. – »Was ist denn das?« fragte sie noch einmal, »denkt Ihr, es ist Zeit, Meuterei zu treiben, weil Euer Gebieter abwesend ist und sein Neffe und Stellvertreter auf dem Krankenbette liegt? – Haltet Ihr so Euren Eid? – Wollt Ihr so Eures Anführers Gewogenheit erlangen? – Schande über Euch, feige Hunde, die da zagen und den Rücken wenden, so wie sie den Jäger aus dem Gesicht verlieren!«