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»Mich dünkt, Fahnenträger,« erwiderte Amelot, »Ihr solltet die Führung des Zuges übernehmen, da Ihr genau wißt, was zu tun ist. Ihr mögt um so besser zum Befehlen taugen, weil Ihr – doch will ich Euch keinen Vorwurf machen.«

»Weil ich so schlecht zu gehorchen weiß,« erwiderte Genvil, »das wollt Ihr sagen. Und meiner Treu, ich leugne es nicht, etwas Wahres steckt darin. Aber wir wollen eines närrischen Wortes oder einer übereilten Handlung wegen keine dummen Streiche machen. – Komm, laß Frieden unter uns sein!«

»Von ganzem Herzen!« erwiderte Amelot, »ich will sogleich einige Leute vorausschicken, wie Du mir geraten hast.«

»Nimm den alten Stephen Pontoys mit zwei von den Chester Speeren dazu. – Er ist so schlau wie ein alter Fuchs, und weder Hoffnung noch Furcht bringt ihn um eines Haares Breite weiter, als sein Scharfsinn gut heißt.«

Amelot befolgte den Wink, und auf seinen Befehl sprengten Pontoys und zwei Lanzen voraus, den Weg zu untersuchen und die Lage derer auszukundschaften, zu deren Hilfe sie heranrückten. »Jetzt, da wir auf dem alten Fuße stehen, Herr Page,« sagte der Fahnenträger, »sage mir, wenn Du es kannst, liebt nicht jene schöne Lady unsern artigen Ritter ›par amours'‹

»Das ist eine schändliche Verleumdung!« rief Amemlot voll Unwillen. »Seinem Oheim ist sie verlobt, und ich bin überzeugt, sie würde eher sterben, als einen solchen Gedanken hegen, und so auch mein Herr. Ich habe schon früher diesen ketzerischen Glauben bei Dir wahrgenommen, Genvil, und ich bat Dich, ihn zu verdammen. Du weißt ja auch, es kann nicht sein, denn Du weißt, daß sie fast gar nicht zusammenkommen.«

»Wie sollte ich das wissen?« sagte Genvil, »und wie solltest Du es wissen? – Bewache sie auch noch so streng – viel Wasser schleicht durch die Mühle, das Müller Hob nicht gewahr wird. – Sie schreiben sich, das kannst Du nicht leugnen.« »Ich leugne es,« sagte Amelot, »so wie ich alles leugne, was ihre Ehre antastet!« – »Doch wie in des Himmels Namen erlangt er eine so genaue Kenntnis von allem, was sie beginnt? Erst heute morgen haben wir ein Beispiel dafür erlebt.«

»Wie soll ich das erklären?« antwortete der Page. »Es gibt doch gewiß solche Wesen, die wir Heilige und gute Engel nennen, und lebt eines auf Erden, das ihres Schutzes würdig ist, so ist es Eveline Berenger.«

»Wohl gesagt, Herr Geheimnisbewahrer,« erwiderte Genvil lachend, »aber das geht bei einem alten Reitersmann nicht durch. Heilige und Engel! Wahrhaftig! Ein sehr heiliges Treiben!«

Der Page wollte seine Verteidigung fortsetzen, als Stephan Plontoys mit seinen Begleitern zurückkehrte. »Wenlock wehrt sich tapfer,« rief er aus, »obgleich ihn diese Bauern grausam in den Klauen haben! Die großen Armbrüste tun gute Dienste, und ich zweifle nicht, er wird sich halten können, wenn es Euch nur gefällig ist, etwas scharf zuzureiten. Sie haben die Barrieren gestürmt und hatten eben von neuem angegriffen, wurden aber wieder zurückgetrieben.«

Die Schar ritt nun rascher weiter, und so erreichte man bald den Gipfel einer kleinen Anhöhe, an deren Fuß das Dorf lag, wo Wenlock sich verteidigen mußte. Die Luft hallte von Geschrei und dem Jubel der Aufrührer wider, die so zahlreich wie Bienen, mit dem verbissenen Mute, der dem Engländer eigentümlich ist, die Palisaden umschwärmten und sich bemühten, sie niederzureißen oder hinüberzuklettern, trotz des heftigen Hagels von Pfeilen und Steinen, durch den sie fast ebenso große Verluste erlitten wie durch die Schwerter und Streitäxte dort, wo es zum Handgemenge kam.

»Wir kommen zur Zeit! wir kommen zur Zeit!« rief Amelot, ließ die Zügel fallen und schlug fröhlich in die Hände. – »Schwinge Dein Banner in die Luft, Genvil – laß es recht sichtbar wehen vor Wenlock und seinen Leuten. Kameraden! Halt! laßt Eure Rosse einen Augenblick verschnaufen. – Höre doch einmal, Genvil, wenn wir auf jenem breiten Fußweg uns auf die Wiese hinabzögen, wo dort das Vieh ist.«

»Bravo! mein junger Falke!« antwortete Genvil, dessen Liebe zur Schlacht angesichts der Spieße und beim Schall der Trompete aufflammte. »Das gibt uns ein freies Feld zum Angriff auf jene Buben.«

»Was für eine dicke, schwarze Wolke die Schufte machen!« sagte Amelot, »aber wir wollen das Tageslicht hineinbringen mit unsern Lanzen. – Sieh, Genvil, die Belagerten ziehen eine Flagge auf, um uns zu zeigen, daß sie uns gesehen haben.«

»Für uns ein Zeichen!« rief Genvil aus. – »Beim Himmel, es ist die weiße Flagge – das Zeichen der Uebergabe.

»Uebergabe! Das werden sie sich doch nicht einfallen lassen, da wir zur Hilfe kommen,« erwiderte Amelot, als zwei oder drei Trauertöne aus den Trompeten der Belagerten mit einem donnernden, lärmenden Jubelruf der Belagerten zusammenklangen und kein Zweifel mehr möglich war.

»Wenlocks Fahne sinkt,« sagte Genvil, »und die Bauern dringen von allen Seiten in die Verschanzungen ein. Feigheit oder Verräterei ist das. Was ist nun zu tun?« – »Auf sie anrücken!« sagte Amelot, »den Platz wiedernehmen und die Gefangenen befreien.

»Anrücken? Wirklich?« antwortete der Fahnenträger, »nach meinem Rat gehen wir nicht um eines Pferdes Länge weiter. Soviel Nagel in unserm Küraß sind, soviel Bogenschüsse bekommen wir, ehe wir noch den Hügel hinabgeritten sind. Und nachher den Platz stürmen – es wäre wahrer Unsinn!«

»So komm doch ein wenig weiter mit mir vor,« sagte der Page, »wir finden vielleicht einen Weg auf, wo wir ungesehen hinabkommen können.«

Demzufolge ritten sie ein klein wenig vorwärts, um den vordern Abhang des Hügels zu untersuchen, indem der Page noch immer an die Möglichkeit glaubte, mitten im Tumult hinunterzukommen, als Genvil ungeduldig antwortete: »Unbemerkt! – Ihr seid schon bemerkt worden – dort kommt ein Geselle, so schnell sein Pferd nur traben kann, auf uns zu.«

Indem er noch so sprach, hatte sie der Reiter schon erreicht. Er war ein kleiner, untersetzter, dicker Bauer, in ganz gemeiner Jacke und Hose von Fries, eine blaue Mütze auf dem Kopfe, die er tief über die buschigen roten Haare gezogen hatte. Seine Hände waren voll Blut, und an seinem Sattelbogen hing ein leinener Sack, gleichfalls mit Blut befleckt. »Ihr gehört zu Damian de Lacys Haufen, nicht wahr?« sagte der rohe Bote, und als sie die Frage bejahten, fuhr er mit derselben plumpen Höflichkeit fort, »Hob, der Müller von Twinford, empfiehlt sich dem Damian de Lacy, und da er dessen Absicht kennt, die Unordnung im Gemeinwesen zu verbessern, so schickt er ihm hier Zoll von der Grütze, die er gemahlen hat,« und hiermit nahm er aus dem Sacke ein menschliches Haupt – und hielt es dem Amelot hin. »Es ist Wenlocks Haupt,« sagte Genvil, – »wie seine Augen starren!«

»Sie werden nicht mehr nach Weibern starren,« sagte der Bauer. »Ich habe ihm das Gelüst versalzen.« – »Du?« rief Amelot entsetzt.

»Ja, ich selbst,« erwiderte der Bauer, »ich bin Groß-Justitiarius der Gemeinden in Ermangelung eines Bessern.«

»Groß-Henker willst Du sagen,« erwiderte Genvil.

»Nennt es so, wie Ihr wollt,« erwiderte der Bauer, »wahrlich, es geziemt sich doch für Männer im Staate, ein gutes Beispiel zu geben. Ich heiße keinem Menschen was tun, was ich nicht auch bereit bin zu tun. Es ist ebenso leicht einen Menschen selbst aufzuhängen, als zu sagen, hängt ihn auf! Es soll keine Trennung der Aemter stattfinden in der neuen Welt, die jetzt glücklicherweise in Altengland erschaffen wird.«

»Elender!« rief Amelot, »trage dieses blutige Geschenk dem zurück, der Dich geschickt hat. Wärst Du nicht auf gutes Vertrauen gekommen, ich hätte Dich mit meiner Lanze an die Erde genagelt. – Aber seid versichert, Eure Grausamkeit soll furchtbar vergolten werden. – Komm, Genvil, laß uns zu unsern Leuten zurückkehren; unser Weilen kann hier zu nichts weiter dienen.«