Der Kerl, der einen ganz andern Empfang erwartet hatte, starrte ihnen einige Augenblicke nach, dann steckte er seine blutige Trophäe wieder in den Sack und ritt zurück zu denen, die ihn abgesandt hatten.
»Das kommt davon, wenn man sich in Liebeleien mischt,« sagte Genvil. »Da mußte sich Sir Damian mit Wenlock zanken, weil jener mit der Frau des Müllers was vorgehabt hat, und nun glauben die Bauern steif und fest, unser Herr sei auf ihrer Seite. Es wäre noch alles gut, wenn nicht andere dieselbe Meinung hätten. – Ich wollte, wir wären aus all der Verwirrung hinaus, die einen solchen Verdacht uns auf den Hals ladet – ja, und sollte ich mein bestes Pferd darum geben – ich kann es ohnedies leicht in dem harten Dienst verlieren, und ich wünschte, das wäre noch das Schlimmste, was es uns kosten kann.«
Mißmutig und ermüdet kehrten sie zur Burg von Garde Douloureuse zurück, und nicht ganz ohne Verlust, indem einige hin und wieder zerstreut zurückblieben, da die Pferde müde wurden, andere wieder diese Gelegenheit benutzten, zu den Banden der Aufrührer und Plünderer überzulaufen, die sich jetzt in verschiedenen Gegenden sammelten und durch solche liederlichen Ausreißer verstärkt wurden. Amelot fand bei seiner Rückkehr in das Schloß, daß der Zustand seines Herrn noch immer sehr bedenklich war, und daß Lady Eveline, obgleich schon sehr erschöpft, sich noch nicht zur Ruhe begeben hatte, sondern seine Rücklehr mit Ungeduld erwartete. Ihrem Befehl gemäß, wurde er sogleich zu ihr geführt, und mit schwerem Herzen berichtete er ihr den fruchtlosen Ausgang seines Unternehmens.
»So mögen die Heiligen sich unser erbarmen!« sagte Lady Eveline. »Es scheint, als sei ich mit einer Seuche oder Pest behaftet, die alle die befalle, die sich meine Wohlfahrt angelegen sein lassen. Von dem Augenblick an, wo sie das tun, werden selbst ihre Tugenden für sie Fallstricke, und was in jedem andern Falle ihnen Ehre erwerben würde, bringt den Freunden Eveline Berengers Verderben.«
»Fürchtet nichts, schöne Lady,« sagte Amelot. »Es gibt noch Männer genug in meines Herrn Lager, diese Störer der öffentlichen Ruhe zu unterdrücken. Ich will mich nur so lange verweilen, bis ich seine Befehle vernommen habe, und dann will ich morgen fort und eine hinreichende Macht zusammenziehen, um die Ruhe in diesem Teile des Landes wiederherzustellen.«
»Ach, Ihr kennt doch das Schlimmste noch nicht,« erwiderte Eveline. »Seit Ihr fortzogt, erhielten wir Kunde, daß alle Soldaten in Sir Damians Lager schon längst des untätigen Lebens überdrüssig wären, das sie in letzter Zeit hier führen mußten. Durch die Nachricht von der Verwundung, ja vom Tode ihres Anführers völlig mutlos gemacht, hätten sie nun samt und sonders sich aufgemacht und wären verschwunden. Doch sei guten Mutes, Amelot!« sagte sie, »dies Haus ist fest genug, einen noch schwereren Sturm auszuhalten, und wenn alle Menschen Euren Herrn in Wunden verlassen, so ist es um so mehr die Sache Eveline Berengers, ihren Befreier zu pflegen und zu beschützen.«
Zwölftes Kapitel
Die schlimmen Nachrichten, mit denen das letzte Kapitel schloß, mußten wohl oder übel Damian de Lacy überbracht werden, da sie ihn hauptsächlich angingen. Lady Eveline selbst übernahm es, sie ihm mitzuteilen, und was sie sagte, vermischte sie mit Tränen, und wiederum unterbrach sie diese Tränen um Worte der Hoffnung und des Trostes zu sprechen, an die sie freilich selbst kaum glauben mochte.
Der verwundete Ritter ließ die Augen unverwandt auf ihr ruhen und hörte die unselige Zeitung an, wie einer, den sie nur insoweit rührte, wie sie diejenige betraf, aus deren Munde er sie vernahm. Als sie geendet hatte, fuhr er fort, sie wie im Traume unverwandt anzusehen, so daß sie aufstand, um diesen Blicken zu entgehen, die sie in Verwirrung setzten. Da beeilte er sich, ihr zu antworten, um sie noch zurückzuhalten. »Was Ihr mir da gesagt habt, schöne Lady,« erwiderte er, »wäre aus jedem Munde hinreichend, mir das Herz zu brechen, denn es lehrt mich, daß die Macht und Ehre meines Hauses, die meinem Schutze so feierlich anvertraut wurden, infolge meines Unglücks verloren gegangen find. Aber wenn ich Euch sehe und Eure Stimme höre, so vergesse ich alles andere, nur das nicht, daß Ihr gerettet und hier in Ehre und Sicherheit seid. Eure Güte gewähre mir also die Bitte, mich von dem Schlosse, das Ihr bewohnt, irgend anderswohin bringen zu lassen. Ich bin in keiner Weise Eurer fernern Sorge würdig, da mir nicht länger die Schwerter anderer zu Gebote stehen und ich gegenwärtig durchaus unfähig bin, das meinige zu ziehen.«
»Und wenn Ihr großmütig genug seid, nur an mich bei Eurem Unglück zu denken, edler Ritter,« antwortete Eveline, »glaubt Ihr denn, daß ich vergessen könnte, weswegen und bei wessen Errettung ihr diese Wunden empfingt? –Nein, Damian, sprecht nicht davon, daß ich Euch soll fortschaffen lassen. – Solange noch ein Türmchen von Garde Douloureuse steht, solange sollt Ihr in diesem Türmchen Obdach und Schutz finden. Dies würde, ich bin davon überzeugt, auch der Wille Eures Oheims sein, wäre er hier.«
Es schien, als ob Damian einen plötzlichen Schmerz an seinen Wunden fühlte; denn die Worte wiederholend: »Mein Oheim!« kehrte er sich ganz um und wandte sein Gesicht von Evelinen ab; dann faßte er sich wieder und sprach: »Ach! wüßte mein Oheim, wie schlecht ich seinen Befehlen nachgekommen bin, er würde mich, statt mir den Schutz dieses Hauses zu gewähren, von den Zinnen hinabwerfen lassen!«
»Fürchtet seine Unzufriedenheit nicht,« sagte Eveline, wiederum im Begriff hinauszugehen, »bemüht Euch vielmehr, durch ruhige Fassung Eures Gemütes die Heilung Eurer Wunden zu fördern; dann zweifle ich nicht, werdet Ihr imstande sein, die Ordnung im Gebiet des Connetables wiederherzustellen, noch lange vor seiner Rückkehr.«
Sie errötete, als sie die letzten Worte aussprach, und verließ eilig das Zimmer. Als sie in ihre Kammer gelangt war, entließ sie ihre andern Dienerinnen und behielt nur Rose bei sich. »Was denkst Du von all dem, mein kluges Mädchen, meine Ermahnerin?« sagte sie.
»Ich wollte,« sagte Rose, »dieser junge Ritter hätte nie das Schloß betreten – aber, da er einmal hier ist, er verließe es jetzt gleich – oder er könnte mit Ehren für immer hier bleiben!«
»Was verstehst Du unter dem Hierbleiben für immer?« fragte Eveline scharf und schnell.
»Laßt mich diese Frage mit einer andern beantworten. – Wie lange ist jetzt der Connetable von Chester von England abwesend?«
»Drei Jahre auf den St. Klemenstag,« sagte Eveline. – »Was soll das hier?«
»Nun, nichts als –«
»Als was? – Ich will's, sprich aus!«
»In wenigen Wochen werdet Ihr das Recht haben, über Eure Hand zu verfügen.«
»Und denkst Du, Rose,« antwortete Eveline und erhob sich mit Würde, »daß es keine andern Bande gibt, als die, welche des Schreibers Feder aufsetzt? – Nur wenig wissen wir von des Connetables Schicksalen; doch wir wissen genug, um zu erraten, daß seine hochfliegenden Hoffnungen gescheitert und sein Schwert und sein Mut zu schwach gewesen sind, das Glück des Sultans Saladin zu ändern. Setze den Fall, er kehrte binnen kurzem zurück, aber, wie wir viele Kreuzfahrer zurückkommen sahen, arm und mit geschwächter Gesundheit – setze den Fall, er fände seine Güter verwüstet, seine Krieger durch die letzten Ereignisse zerstreut: wie würde es klingen, sollte er auch seine verlobte Braut als Gattin eines andern finden, als Frau seines Neffen, dem er am meisten vertraute? – Glaubst Du, ein solches Versprechen sei dem Pfande in der Hand eines Lombarden zu vergleichen, das auf Tag und Stunde eingelöst werden muß, oder es ist verfallen?«
»Ich kann nichts weiter sagen, Mylady,« erwiderte Rose, »als daß die, welche sich an den Buchstaben ihres Vertrags halten, in unserm Lande darüber hinaus nicht gebunden sind.«