»Wissen Sie denn schon, daß der Oberst Mannering auch Zeichner ist? Wohl kaum, denn vor Untergebenen mit seinen Talenten zu paradieren, ist seine Sache bekanntlich nicht. Aber er zeichnet wirklich sehr nett. Nachdem er mit Julien Mervyn-Hall den Rücken gekehrt, ist Dudley dorthin zitiert worden, um für den Gutsherrn mehrere Skizzen zu vollenden, die Mannering, zufolge seiner schnellen Abreise, unvollendet lassen mußte. Aber vier davon hat er vollständig ausgearbeitet, auch jeder ein paar Verse beigefügt. Saul unter den Propheten? werden Sie unwillkürlich ausrufen. Oberst Mannering zeichnet und dichtet? Nun, fürwahr, dieser Mann muß sich ebensoviel Mühe gegeben haben, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, wie andere, es recht leuchten zu lassen. Stolzer und ungeselliger als er, konnte doch kaum jemand sein! und eine größere Abneigung, sich an einer Unterhaltung zu beteiligen, die für die Allgemeinheit interessant zu werden versprach, auch niemand an den Tag legen ... Und nun gar erst seine Vorliebe für dieses Subjekt von Archer, einen Menschen, der doch so tief unter ihm stand! und weshalb? weil er Bruder vom Viscount Archerfield, einem verarmten schottischen Baron, war! ... Wäre dieser Archer nicht an den Blessuren draufgegangen, die er im Gefecht von Caddyboram erhalten, so hätte man vielleicht noch manches erfahren, was über die vielen Widersprüche im Charakter dieses seltsamen Menschen Licht gebracht hätte. Mehr denn einmal wenigstens hat er zu mir geäußert, daß er Dinge wisse, die meine harte Meinung über den Mann recht wohl zu ändern vermöchten ...aber der Tod kam zu schnell über ihn, und wenn er mir, mancherlei Reden nach, solche Genugtuung hat schaffen wollen, so hat ihn der Tod eben zu schnell abgerufen, als daß er es gekonnt hätte.
»Ich beabsichtige, bei dem prächtigen Frostwetter noch eine Tour durch dieses schöne Gebirgsland zu machen. Dudley, der ein ebenso flotter Fußgänger ist, wie ich, macht die Tour ein Stück mit. An der Grenze von Cumberland trennen wir uns; Dudley geht nach London zurück, in das dritte Stock eines Hauses, wo er, seiner beliebten Redensart nach, »die rationelle und kommerzielle Seite seines Berufes ausübt.« Einen größeren Abstand als zwischen den beiden Naturen, die jeder Künstler haben muß, sagt er, wenn er nicht verhungern will, läßt sich unter allen Berufen des menschlichen Lebens nicht wieder auffinden. Im Sommer frei und ungebunden wie ein Indianer, genießt man mit vollen Zügen die großartige Schönheit der Natur, während man im Winter und Frühjahr zwischen seinen engen vier Pfählen hockt und dazu verurteilt, sich in die Schnurren und Grillen von Hohlköpfen zu finden, die aber in der Gesellschaft eine Rolle spielen und auf dem Geldsacke sitzen; diese größere Zeit des Jahres kommt sich jeder Künstler vor wie ein Galeerensklave. Ich habe ihm versprochen, Sie mit ihm bekannt zu machen, Delaserre; und bin der unverhohlenen Meinung, daß seine Kunstfertigkeit Sie ebenso erfreuen wird wie ihn die schwärmerische Begeisterung, mit der Sie an Ihrer Heimat, an Ihren Bergriesen und Wasserfällen, hängen.
»Ich beabsichtige, wenn wir uns getrennt haben werden, eine Straße einzuschlagen, die, wie man mich berichtet, durch eine wilde Gegend im obern Teile von Cumberland nach Schottland führen soll. Ich will nämlich dem cidevant-Oberst, ehe ich seine Stellung rekognosziere, Zeit lassen, sein Lager aufzuschlagen. Und nun, Lebewohl, teurer Freund! Ich dürfte wohl kaum Gelegenheit finden, noch einmal an Sie zu schreiben, ehe ich Schottland erreiche.«
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Wir treffen uns mit dem Leser an einem hellen, frostigen Novembermorgen wieder, auf einer offnen Heide, die zum Hintergrunde eine hohe Gebirgskette hat, aus der der Skiddaw und der Saddleback aufragen. Auf einem nur schwach kenntlichen Pfade, – denn er unterscheidet sich von dem dunklen Heideboden nur durch ein helleres Grün und ist eigentlich nur von weitem sichtbar, weil er dem Auge sozusagen gleich verschwindet, wenn ihn der Fuß betreten hat – bewegt sich die Person zu uns heran, mit der sich unsere Erzählung nunmehr zu befassen hat. Eine militärische Erscheinung ist es, mit aufrechter, kühner Haltung, festem Tritt und – von annähernd sechs Fuß Höhe, Größe und Gestalt stehen im wohltuenden Einklange. Aus der schlichten Tracht läßt sich auf keinen Rang schließen: es kann ebensogut ein vornehmer Herr sein, dem es gefällt, auf solche Weise eine Vergnügungstour zu machen, wie eine Person aus niederem Stande, die sich auf eine bescheidene Tracht beschränken muß. Sein Gepäck konnte kaum bescheidener, schlichter sein: ein kleines Bündel mit Leibwäsche über der Schulter, in der Hand einen eichenen Stock und in der Tasche einen Shakespeare-Band: das ist alles, was der Wanderer, den wir dem Leser vorstellen, an »Ausstattung« bei sich führt.
Zeit der Handlung, in die wir nunmehr treten, ist jener Morgen, an welchem Brown sich von seinem Freunde Dudley verabschiedet und seine einsame »Tour« durch Schottland angetreten hat. Die erste Stunde legt er in etwas trübsinniger Stimmung zurück, hervorgerufen durch die Einbuße der ihm liebgewordenen Gesellschaft des Freundes, Trübsinn ist aber nicht seine Sache, und er streift ihn auch bald von sich, denn die gesunde Motion und kräftige Wirkung der Morgenluft verträgt sich nicht mit Trübsinn. Jedem Bauern, den er trifft, sagt er freundlich guten Tag oder macht einen Scherz mit ihm; »ein lustiger Patron! daß ihn Gott segnen möge!« klingt's aus jedem Munde, wenn er vorüber ist: jede Dirne guckt der athletischen Gestalt, die zu der freien, schlichten Rede des Fremdlings schön paßt, länger nach, als sich eigentlich schickt. Ein munterer Dachshund, der ständige Kamerad des Wanderers, und mit ihm an Frohsinn wetteifernd, rennt auf der Heide umher und springt, wenn er zurückkehrt, lustig an seinem Herrn in die Höhe, um ihm zu sagen, daß er sich über die Wanderung ebenso freue wie er. Unser großer Sittenprediger Johnson meint ja, daß nichts im Leben über die Lust ginge, schnell in einer Postchaise durch eine schöne Gegend zu fahren und alle Eindrücke gleichsam im Fluge in sich aufzunehmen; wer aber in der Jugend fröhlich gewandert ist, der wird dagegen meinen, daß sich auf solche Weise Wohl ein Geschmack recht bequem und leicht befriedigen lasse, daß aber keine Postfahrt dem Bereiter das prächtige Gefühl schaffen könne, das man mit dem Worte Wanderlust so richtig und glücklich bezeichnet. Was nun insbesondere Brown dazu bestimmt hat, seinen Weg durch die unwirtlichen Gegenden des östlichen Cumberland zu nehmen, ist im Grunde genommen nichts anderes gewesen als der Wunsch, die Ueberreste der berühmten römischen Mauer zu sehen, die sich besonders hier besser erhalten hat als irgendwo anders in England. Browns Erziehung ist keine gründliche gewesen, aber weder die Jahre, die er am Schreibpult gestanden, noch die Zerstreuungen in der Knabenzeit, noch der Geldmangel, unter dem sein Leben eigentlich von Beginn an zu leiden gehabt hat, sind ihm ein Hindernis gewesen, sich auf geistigem Boden zu bilden ...»Ha!« rief er begeistert aus, als er eine Höhe erklommen hatte und jene Ruinen aus dem grauen Altertum vor seinen Augen sich erstrecken sah, »das also ist die römische Mauer! Welch ein Volk müssen doch diese Römer gewesen sein, die selbst am äußersten Ende ihres Weltreiches Bauten ausgeführt haben von einer Größe und Dauerhaftigkeit, daß sie noch Jahrtausende später die Bewunderung der Menschen ernten! Wie wenige Spuren von Arbeiten eines Vauban und Coehorn werden noch vorhanden sein, wenn die Kriegskunst in andere Bahnen gelenkt ist? Aber die alten Römerbauten werden ihr faszinierendes Interesse auch dann noch besitzen! All ihre Bauwerke künden den ernsten, majestätsvollen Charakter ihrer Sprache, im Vergleiche mit welcher all unsere Bauten, all unsere Sprachen nur wie aus Bruchstücken zusammengeflickt erscheinen.«