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Als sie noch sprach, fiel das Fallgitter schwirrend und rasselnd auf den Boden, und Monthermer, beschämt und voll Ingrimms, mußte draußen bleiben. »Unwürdige Lady,« begann er mit Heftigkeit, dann aber an sich haltend, sagte er ruhig zu dem Herold: »Ihr seid Zeuge, daß sie den Verräter in das Schloß gelassen hat – Ihr seid Zeuge, daß, gesetzlich aufgefordert, Eveline Berenger sich weigert, ihn auszuliefern. Nun tut Eure Pflicht, Herr Herold, nach üblichem Gebrauch!«

Der Herold trat vor und verkündete in der bei solchen Gelegenheiten üblichen Form und Sprache, daß Eveline Berenger, nachdem sie dazu gesetzlich aufgefordert worden, sich geweigert habe, des Königs Truppen in ihre Burg einzulassen und den Leib eines falschen Verräters, genannt Damian de Lacy, auszuliefern, selbst der Strafe des Hochverrats verfallen sei, und mit ihr alle diejenigen, die ihr Hilfe oder Vorschub leisteten oder das Schloß Garde Douloureuse verteidigten. Wer also täte, sei des Treubruchs gegen Heinrich von Anjou schuldig. Sobald die Stimme des Herolds schwieg, bestätigten die Trompeten das Urteil, das er ausgesprochen hatte, durch ein langes, Unheil weissagendes Geschmetter, so daß die Raben und Eulen entsetzt aus ihren Nestern flatterten und mit ahnungsvollem Gekrächz antworteten.

Die Verteidiger des Schlosses sahen einander mit bleichen, niedergeschlagenen Gesichtern an, während Monthermer, hoch seine Lanze hebend, indem er sein Pferd vom Tore abwandte, rief: »Wenn ich nächstens mich Garde Douloureuse nähere, so geschieht es nicht bloß, um den Befehl meines Souveräns zu verkünden, sondern auch, ihn auszuführen.«

Während Eveline noch gedankenvoll dastand und, dem Rückzuge Monthermers und seiner Begleiter nachschauend, erwog, was in dieser dringenden Not zu tun sei, hörte sie einen Flamländer einen Engländer, der neben ihm stand, fragen, was eigentlich ein Verräter sei?

»Wenn einer die Treue, auf die man sich verläßt, bricht – so ist er ein Verräter.«

Diese Worte erinnerten Eveline an ihren prophetischen Traum, »Ach!« sagte sie, »die Rache des bösen Geistes ist der Vollendung nahe. Als Gattin – Witwe, und als Jungfrau! – Schon lange gehören mir diese Benennungen. – Verlobt! – Wehe mir! Es war der Schlußstein meines Unglücks. – Zur Verräterin bin ich jetzt erklärt, wiewohl ich, Gott sei Dank, von aller Schuld frei bin. – Nur eins ist übrig: daß ich verraten werde – und diese böse Prophezeiung wird bis auf den letzten Buchstaben erfüllt sein!«

Dreizehntes Kapitel

Mehr als drei Monate waren seit dem im letzten Kapitel erzählten Ereignis vergangen, doch war dies nur der Vorläufer von andern, noch wichtigern Begebenheiten gewesen, die sich im Verfolg unserer Erzählung entwickeln werden. Da wir aber nicht gesonnen sind, dem Leser einen genauen, ausführlichen Bericht von allen Umständen nach Folge und Datum zu geben, sondern nur eine Reihe von Gemälden, die die ergreifendsten Vorfälle dem Auge oder der Einbildungskraft derer, die daran teilnehmen, vorstellen sollen; so eröffnen wir jetzt eine neue Szene und bringen andere Schauspiele auf die Bühne.

Durch eine sehr verwüstete Gegend, mehr als zwölf Meilen von Garde Douloureuse entfernt, in der Hitze eines Sommernachmittags, wo die Sonne ihre sengenden Strahlen in das schweigende Tal und auf die schwarzen Trümmer der Hütten warf, die es einst schmückten, wanderten langsam zwei Reisende. An ihrer Kleidung, dem Stab, den breitkrempigen Hüten, die vorn mit einer Jakobsmuschel geziert waren, und vor allem an dem Kreuz von rotem Zeuge auf der Schulter erkannte man zwei Pilgrime, die ihr Gelübde erfüllt hatten und jetzt von dem verhängnisvollen Lande zurückgekehrt waren, aus dem in jenen Tagen so wenige von den Tausenden heimkamen, die es aus Liebe zu Abenteuern oder aus heißer Andacht besuchten.

Die Pilgrime waren schon seit dem Morgen durch einen Schauplatz von Verwüstung gezogen, der an Elend kaum den Stätten des Schreckens nachstand, die sie in den Schlachten des Kreuzzuges betreten hatten. Sie hatten Dörfer gesehen, die die ganze Wut des Krieges gelitten zu haben schienen. Die Häuser waren bis auf den Grund niedergebrannt, und oft stießen sie auf Leichname der unglücklichen Bewohner oder auf verstümmelte Gliedmaßen, die man am Galgen oder an Bäumen aufgehängt hatte. Kein lebendiges Wesen ließ sich sehen, außer jenen natürlichen Freibürgern, den wilden Tieren, die stillschweigend den wieder verwüsteten Landstrich einnahmen, aus dem die Zivilisation sie früher vertrieben hatte. Ihren Ohren bot sich ebensowenig Erfreuliches dar wie ihren Blicken. Die in Gedanken verlorenen Reisenden hörten das Gekrächze der Raben, die gleichsam zu beklagen schienen, daß hier schon die Schlachtbank abgeräumt sei, an der sie geschwelgt hatten; oder sie hörten dann und wann das klagende Geheul eines Hundes, der Haus und Herrn verloren hatte; aber kein Geräusch des Gewerbes oder der häuslichen Arbeit war zu vernehmen.

Die schwarzen Gestalten, die mit müden Schritten über diesen Schauplatz der Verheerung und des Elends dahinwanderten, schienen mit ihrer Umgebung durchaus im Einklang zu stehen. Sie sprachen nicht miteinander – nur hielt sich der eine, der kleinere von beiden, immer einen halben Schritt vor seinem Gefährten – sie bewegten sich langsam wie Priester, die von eines Sünders Sterbebette kommen, oder noch besser wie Gespenster, die längs der Kirchhofsmauer hingleiten.

Endlich erreichten sie einen Rasenhügel, auf dessen Gipfel eines von den Grabmälern alter britischer Häuptlinge stand, die aus unaufgerichteten Granitblöcken bestehen und so gestellt sind, daß sie einen Sarg von Steinen oder etwas Aehnliches bilden. Das Grabmal war schon früher von den siegreichen Sachsen zerstört worden, entweder aus Spott oder aus eitler Neugier, oder weil man glaubte, daß bisweilen Schätze an diesen Stellen niedergelegt wären. Der gewaltige platte Stein, der erst die Decke dieses Sarges gewesen, lag in zwei Stücke zerbrochen in einiger Entfernung vom Grabmal, und diese Trümmer, überwachsen mit Schlingkräutern und Gras, zeigten deutlich, daß der Deckel schon seit vielen Jahren geborsten war. Ein verknorpelter Eichbaum breitete noch seine Zweige über das offene, rauhe Mausoleum, als ob der Druiden Wahrzeichen und Sinnbild, zwar schon erschüttert und vom Sturme gebrochen, sich darum noch immer darüber neigte, um seinen Schutz den letzten Ueberbleibseln ihrer Verehrung zu gewähren.

»Dies ist also der Kist-vaen,« sagte der kleinere Pilger, »hier müssen wir die Nachrichten von unserm Kundschafter erwarten. Aber, Philipp Guarine, welche Erklärung der Verwüstungen, durch die wir gegangen sind, steht uns bevor?«

»Ein Einfall der welschen Wölfe, Mylord!« erwiderte Guarine, »und bei Unserer Frau, hier liegt ein armes, sächsisches Schaf, das sie zerrissen haben!«

Der Connetable, denn er war der Pilger, der voranging, drehte sich bei diesen Worten nach seinem Squire um und sah den Leichnam eines Mannes im Grase, wo er so versteckt lag, daß er vorbeigegangen war, ohne das zu bemerken, was sein weniger in Gedanken versunkener Diener entdeckte. Das lederne Wams des Erschlagenen zeigte, daß er ein englischer Bauer gewesen, der Körper lag auf dem Gesichte, und die Ursache seines Todes, der Pfeil, steckte noch in seinem Rücken.

Philipp Guarine zog mit der kalten Gleichgiltigkeit eines Mannes, der an einen solchen Anblick gewöhnt ist, so gelassen den Pfeil aus des Menschen Rücken, wie er ihn aus dem Körper eines Hirsches gezogen hätte. Mit ähnlichem Gleichmut gab der Connetable dem Waffenträger einen Wink, ihm den Pfeil zu geben – er betrachtete ihn genauer und sagte dann: »Du hast Dein altes Handwerk vergessen, Guarine, wenn Du das einen welschen Pfeil nennst. Glaube mir, er flog von einem normännischen Bogen. Aber wie er in den Leib eines englischen Bauers kommt, kann ich schlecht erraten.«

»Irgend ein entlaufener Leibeigener, will ich wetten – irgend ein falschherziger Köter, der sich an die welschen Rudel von Hunden angeschlossen hat,« antwortete der Schildknappe.