»Es könnte wohl sein,« sagte der Connetable, »aber ich schließe vielmehr auf einen Bürgerkrieg zwischen den Bauern und den Markherren selbst. Die Walliser zerstören die Dörfer und lassen nichts wie Blut und Asche zurück, aber hier scheint man auch Schlosser gestürmt und genommen zu haben. Möge Gott uns gute Nachrichten von Garde Douloureuse senden!«
»Amen! erwiderte der Squire, »aber wenn Renault Vidal sie bringt, so ist es das erste Mal, daß er ein Vogel von guter Vorbedeutung ist.«
»Philipp,« sagte der Connetable, »ich habe Dir schon oft gesagt, Du bist ein eifersüchtiger Narr. Wie oft hat Vidal seine Treue in zweifelhaften Umständen – seine Geschicklichkeit in schwierigen Lagen – seinen Mut in der Schlacht – seine Geduld im Leiden gezeigt.«
»Das kann alles sehr wahr sein, Mylord,« erwiderte Guarine. »Dennoch – doch, was nützt das Reden? – ich gestehe, er hat Euch zuweilen sehr gute Dienste geleistet; aber nur ungern möchte ich Euer Leben und Eure Ehre in Renault Vidals Macht gegeben wissen.«
»Im Namen aller Heiligen, Du grämlicher und argwöhnischer Narr, was hast Du denn zu seinem Nachteil anzuführen?«
»Nichts, Mylord,« erwiderte Guariue, »als Verdacht und Abscheu aus Instinkt. Ein Kind, das eine Schlange sieht, weiß nichts von ihren üblen Eigenschaften, es wird ihr aber doch nicht nachstellen und sie haschen wie einen Schmetterling. So ist meine Abneigung gegen Vidal – ich kann mir nicht helfen. Ich könnte dem Menschen seine boshaften, düstern Seitenblicke, wenn er sich von niemand beobachtet glaubt, vergeben; aber sein höhnisches Lachen vergebe ich ihm nie; – er gleicht der Bestie, von der wir in Judäa hörten und die, wie man erzählt, erst lacht, dann zerreißt und umbringt.«
»Philipp,« sagte de Lacy, »ich bin betrübt Deinetwegen – betrübt von ganzer Seele, daß eine so vorherrschende, grundlose Eifersucht im Gehirn eines so wackeren, alten Kriegers sitzt. Um von früheren Proben seiner Treue zu schweigen – hat er sie nicht hier bei unserm letzten Unglück vollauf bewiesen, als wir an der Küste von Wales Schiffbruch erlitten und man uns augenblicklich den Tod gegeben hätte, wenn die Cymries in mir den Connetable von Chester und in Dir seinen treuen Schildknappen, der seine Befehle so manchesmal an den Wallisern vollstreckt hat, erkannt hätten?
»Ich gestehe es,« sagte Philipp Guarine, »der Tod wäre gewiß unser Los gewesen, wäre nicht dieser Mann auf den Einfall gekommen, uns für Pilgrime auszugeben, und hätte er nicht unsern Dolmetscher gespielt. Indem er uns zu dieser Verkleidung verhalf, entzog er uns aber auch alle Möglichkeit, uns von irgend jemand über die Lage der Dinge berichten zu lassen, während doch Ew. Herrlichkeit alles genau hätte erfahren müssen; denn wahrlich, schlimm genug sieht hier alles aus.«
»Noch immer bist Du ein Tor, Guarine,« sagte der Connetable, »denn sieh, hätte Vidal es übel mit uns gemeint, so hätte er uns den Wallisern verraten oder es doch so einrichten können, daß wir durch die Kenntnis ihrer Gaunersprache, so viel Du und ich davon wissen, uns selbst verrieten.«
»Gut, Mylord,« sagte Guarine, »Ich kann wohl zum Schweigen gebracht werden, aber ich bin doch nicht zufrieden gestellt. Trotz all der schönen Worte, die er reden kann – trotz all der schönen Weisen, die er singen kann – wird Renault Vidal in meinen Augen immer ein finsterer, verdächtiger Mann sein, dessen Gesichtszüge immer bereit sind, sich in die Form zu legen, die am besten Vertrauen zu erwecken vermag, dessen Zunge es versteht, zu einer Zeit die schmeichelhaftesten, angenehmsten Worte auszusprechen, zu einer andern verschmitzte Einfalt oder plumpe Ehrlichkeit zu äußern; dessen Auge aber, wenn er sich unbemerkt glaubt, jedem angenommenen Gesichtsausdruck, jeder Versicherung der Rechtlichkeit, jedem Worte der Höflichkeit und Herzlichkeit Hohn spricht. – Doch ich will über die Sache nicht mehr sprechen. – Ich bin ein alter Bullenbeißer von der echten Gattung – ich liebe meinen Herrn, aber ich kann einige von denen nicht ausstehen, die er begünstigt. – Aber dort, wie es mir scheint, kommt Vidal, um uns, wie ich vermute, nach Gutdünken über unsere Lage zu berichten.«
Wirklich erblickte man einen Reiter, der in Eile sich dem Kist-vaen näherte. An seiner Kleidung, die ein wenig an morgenländische Mode erinnerte, verbunden mit dem gewöhnlichen phantastischen Anzuge der Männer von seiner Profession, erkannte der Connetable in dem rasch näherkommenden Manne den Minstrel.
Obgleich Hugo de Lacy seinem Diener nicht mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen glaubte, als seine Dienste es verlangten, wenn er ihn gegen den Argwohn Guarines verteidigte; so hatte er doch im Grunde seines Herzens zuweilen diesen Argwohn selbst gehegt und war als gerechter und rechtlicher Mann oft über sich selbst unwillig, daß er auf das schwache Zeugnis von Blicken oder gelegentlichen Ausdrücken hin seine Treue in Zweifel ziehen konnte, die sich durch so viele Beweise von Eifer und Unbescholtenheit bewährt hatte.
Als Vidal vom Pferde gestiegen war und herankam, um sich vor seinem Gebieter zu verneigen, eilte dieser, ihn mit freundlichen Worten zu begrüßen, als sei er sich bewußt, daß er Guarines ungerechtes Urteil gewissermaßen, schon indem er es anhörte, geteilt habe. »Willkommen, mein ehrlicher Vidal,« sagte er, »Du bist der Rabe gewesen, der uns in den Bergen von Wales gespeist hat, sei nun die Taube, die uns gute Nachrichten von den Grenzen bringt. – Du schweigst? – Was bedeuten diese niedergesenkten Blicke – dieses verlegene Betragen – diese in die Augen gedrückte Mütze? – Um Gottes willen, Mann! sprich! – Fürchte Dich nicht vor mir. – Ich kann Schlimmeres ertragen, als Menschen erzählen können. – Du hast mich in Palästinas Kriegen gesehen, als meine braven Streitgenossen fielen, Mann für Mann rings um mich her, und ich fast allein übrig blieb – und erblaßte ich damals? – Du sahst mich, als des Schiffes Kiel an dem Felsen zerkrachte und die Wellen schäumend über das Verdeck schlugen – erblaßte ich damals? – Nein, und auch jetzt werde ich es nicht.« –
»Rühmt Euch nicht!« sagte der Minstrel und blickte scharf den Connetable an, als dieser die Haltung und Fassung eines edlen Mannes annahm, der dem Schicksal und seiner äußersten Bosheit Trotz bietet. – »Rühme Dich nicht und trau Dir nicht mehr zu, als Du zu tragen vermagst!
Eine minutenlange Pause folgte, während die Gruppe ein eigentümliches Bild abgab. Der Connetable, der den Minstrel nicht zu fragen wagte und sich doch schämte, Furcht vor der schlimmen Kunde zu verraten, die er hören sollte, trat dem Boten gegenüber, hoch aufgerichtet, die Arme übereinander geschlagen, die Stirn frei und voll Entschlossenheit, während der Minstrel, seiner gewöhnlichen Ruhe und Gleichgültigkeit durch die Macht des Augenblicks entrissen, einen scharfen Blick auf seinen Gebieter heftete, als wollte er beobachten, ob sein Mut echt oder nur erkünstelt sei.
Philipp Guarine dagegen, dem der Himmel zwar ein rauhes Aeußere gegeben, aber dabei Verstand und Beobachtungsgeist nicht versagt hatte, faßte seinerseits Vidal fest ins Auge, als suche er es aufzufinden, worin eigentlich der rege Anteil bestehe, der aus des Minstrels Augen sichtbar hervorleuchtete. Er war im Zweifel, ob es der eines treuen Dieners sei, den die schlechte Nachricht erschüttert hat, durch die er seinen Herrn unglücklich machen soll, oder eines Henkers, der sich mit dem Messer über sein Opfer beugt und nur zuzustoßen zögert, bis er die Stelle entdeckt hat, wo der Stoß am schmerzlichsten gefühlt werden möchte. Guarine, voreingenommen, wie er gegen den Minstrel war, traute ihm vielmehr das letztere zu, und es gelüstete ihn heftig, den Stab zu erheben und den Diener zu Boden zu strecken, der sich so an dem verlängerten Leiden ihres gemeinschaftlichen Meisters zu weiden schien. Endlich zeigte sich ein krankhaftes Zucken auf des Connetables Angesicht, und Guarine, der nun bemerkte, daß ein sardonisches Lächeln Vidals Lippen zu kräuseln begann, konnte nicht länger schweigen. »Vidal!« rief er, »Du bist ein –«