»Ein Ueberbringer böser Zeitungen,« sagte Vidal, ihn unterbrechend, »und daher der Mißdeutung jedes Narren ausgesetzt, der keinen Unterschied zwischen dem Urheber des Bösen und dem, welcher es ungern hinterbringt, zu machen weiß.«
»Wozu dieser Aufschub?« sagte der Connetable. »Kommt, Herr Minstrel, ich will Euch eine Qual ersparen. – Eveline hat mich verlassen und vergessen?«
Der Minstrel bejahte mit einer Verbeugung.
Hugo de Lacy ging einigemale vor dem steinernen Denkmal auf und nieder, indem er sich bemühte, der tiefen Erschütterung, die er empfand, Herr zu werden. »Ich vergebe ihr,« sagte er.– »Vergeben? sagte ich so? – Ach! ich habe nichts zu vergeben. – Sie hat sich nur des Rechts bedient, das ich in ihrer Hand ließ. – Ja – die Zeit unseres Verlöbnisses war abgelaufen. – Sie hat von meinen Verlusten gehört – von meinen Niederlagen – von der Zerstörung meiner Hoffnungen – von der Vernichtung meines Vermögens. Nun hat sie die erste Gelegenheit ergriffen, die ihr das strenge Recht zugestand, ihre Verpflichtung gegen den aufzuheben, der einen Bankerott an Glück und Ruhm erlitten hat. – Mehr als ein Mädchen würde so gehandelt haben – hätte vielleicht klüglicherweise so handeln müssen – aber dieses Mädchens Name hätte doch nicht Eveline Berenger lauten sollen.«
Er lehnte sich auf seines Knappen Arm und ließ einen Augenblick das Haupt an dessen Schulter ruhen, mit einer so tiefen Rührung, wie Guarine noch nie an ihm gewahr wurde, und die er mit linkischer Teilnahme dadurch zu beschwichtigen suchte, indem er ihn ermahnte, »guten Mutes zu sein – er hätte ja nur ein Weib verloren.«
»Ich sage das nicht aus Eigennutz, Philipp,« sagte der Connetable wieder mit seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung. »Ich bedaure weniger, daß sie mich verlassen, sondern, daß sie mich falsch beurteilt hat – daß ich von ihr behandelt wurde wie der unglückliche Schuldner vom Pfandleiher, der sich des Pfandes bemächtigt, sobald der Augenblick verflossen ist, bis zu welchem es eingelöst werden konnte. Denkt sie denn, daß ich meinerseits ein so strenger Gläubiger gewesen wäre? – Seit ich sie kenne, und als ich noch Reichtum und Ruhm besaß, hielt ich mich Ihrer kaum für würdig, und sollte ich nun darauf bestanden haben, daß sie mein vermindertes Glück, meine Erniedrigung teilen sollte? – Wie wenig hat sie mich jemals gekannt! Sonst hätte sie nie geglaubt, daß mich mein widriges Schicksal so selbstsüchtig gemacht habe! – Doch es ist so – sie ist dahin – möge sie glücklich sein! – den Gedanken, daß sie mir Kummer bereitet, will ich in meiner Seele unterdrücken; und ich will denken, sie hat das getan, was ich selbst oder ihr bester Freund mit Ehren ihr hätte raten müssen.«
So sprach er, und zum Erstaunen seiner Diener nahm sein Gesicht die gewöhnliche Festigkeit und Ruhe an.
»Ich wünsche Euch Glück!« flüsterte der Knappe dem Minstrel zu. »Eure bösen Neuigkeiten haben weniger tief verwundet, als Ihr es zweifelsohne für möglich gehalten habt.«
»Ach!« erwiderte der Minstrel, »ich habe noch andere und noch schlechtere zu bringen.«
Diese Antwort wurde in zweideutigem Tone gegeben, der ganz mit der Eigentümlichkeit seines Wesens übereinstimmte und aus dem Innersten eines heimtückischen Charakters hervorging.
»Eveline Berenger ist also verheiratet?« fragte der Connetable, »und laßt mich einmal eine gewagte Mutmaßung anstellen – sie gab die Familie nicht auf, wiewohl sie ein Mitglied davon verließ – sie ist noch immer eine de Lacy, ha!? – Tölpel, der Du bist, willst Du mich nicht verstehen? – Sie ist mit Damian de Lacy vermählt – mit meinem Neffen!«
Die Anstrengung, mit der der Connetable diese Vermutung hervorstieß, bildete einen krassen Gegensatz gegen das gezwungene Lächeln, das er seinem Gesicht dabei gleichsam abnötigte. Mit einem solchen Lächeln mag ein Mann, der eben Gift trinken will, eine Gesundheit ausbringen, indem er den verhängnisvollen Becher an seine Lippen setzt.
»Nein, Mylord, – nicht verheiratet,« antwortete der Minstrel, mit einer Betonung, die der Connetable nach seiner Weise auslegte.
»Nein, nein!« antwortete er schnell, »nicht verheiratet – vielleicht nur versprochen – verlobt. Und warum nicht? Die Zeit der älteren Verlobung war verflossen, – warum nicht eine neue eingehen?«
»Lady Eveline und Sir Damian sind nicht verlobt, soviel ich weiß,« antwortete der Diener.
Diese Antwort trieb de Lacys Geduld aufs äußerste.
»Hund, spielst Du mit mir?« rief er aus. »Elender Bänkelsänger! Du marterst mich. Sprich das Schlimmste mit einemmal aus, oder ich will Dich im Augenblick zum Minstrel an Satans Hof machen!«
Ruhig und gefaßt entgegnete der Minstreclass="underline" »Lady Eveline und Sir Damian sind weder verheiratet, noch verlobt, Mylord, Sie lieben sich und leben zusammen ›par amour‹.«
»Hund! und Sohn eines Hundes! Du lügst.« Und der aufs äußerste empörte Freiherr faßte dem Minstrel bei der Brust und schüttelte ihn mit allen seinen Kräften. Aber wie groß auch seine Stärke war, er vermochte Vidal, einen geübten Ringer, nicht aus der festen Stellung, die er eingenommen hatte, zu heben, so wenig wie sein Zorn ihn aus seiner Gelassenheit bringen konnte.
»Bekenne, Du hast gelogen!« sagte der Connetable, und ließ ihn los, nachdem er durch seine Heftigkeit ebensowenig erreicht, als wenn Menschenkraft sich an den Felssteinen der Druiden versucht hätte, die sich wohl schütteln, aber nicht aus ihrer Lage bringen lassen.
»Könnte ich durch eine Lüge mein Leben erkaufen, ja das Leben meiner ganzen Zunft,« sagte der Minstrel, »ich wollte keine sagen. Aber die Wahrheit selbst wird immer Lüge genannt, wenn sie unsere innersten Wünsche zunichte macht.«
»Hör ihn, Philipp Guarine, hör ihn,« rief der Connetable aus und wandte sich rasch zu seinem Squire. »Er erzählt mir von meinem Unglück, von der Schande meines Hauses – von der Verdorbenheit derer, die ich am meisten auf der Welt liebte – er erzählt mir davon mit ruhigem Blick, festem Auge und flinker Zunge. – Ist das, kann das natürlich sein? – Ist de Lacy so tief gesunken, daß seine Schande von einem gemeinen herumziehenden Minstrel erzählt wird, so ruhig, als ob es sich um das Thema einer armseligen Ballade handelte. – Vielleicht gedenkst Du eine daraus zu machen, he?« – schloß er, einen wütenden Blick auf den Minstrel schleudernd.
»Vielleicht würde ich es tun, Mylord,« sagte Vidal, »müßte ich nicht darin auch vom Mißgeschick Renault Vidals erzählen, und daß er einem Herrn diente, der weder die Geduld besaß, Beleidigungen und Unrecht zu ertragen, noch den Mut hatte, sich an dem Urheber seiner Schande zu rächen.«
»Du hast recht, Du hast recht, guter Bursche,« sagte der Connetable heftig. »Die Rache allein ist uns geblieben! – und doch, an wem?« Indem er so sprach, ging er kurz und heftig auf und nieder. Er schwieg – stand still – und rang seine Hände in großer Bewegung.
»Ich sagte es Dir wohl,« sagte der Minstrel zu Guarine, »meine Neuigkeiten würden doch eine empfindliche Stelle berühren. – Erinnerst Du Dich des Stiergefechtes, das wir in Spanien sahen. Tausend kleine Wurfspieße reizten und peinigten das edle Tier, ehe es den letzten tödlichen Stoß von der Lanze eines maurischen Kavaliers empfing.«
»Mensch oder Teufel, sei, was Du willst,« erwiderte Guarine, »der Du mit Wohlgefallen Dich an dem Schmerz eines andern weiden kannst, ich rate dir, nimm dich vor mir in acht! – Gib Dein kaltes Höhnen andern Ohren zu hören, denn wenn meine Zunge auch stumpf ist, so trage ich ein Schwert, das scharf genug ist.«
»Du hast mich unter Schwertern gesehen,« antwortete der Minstrel,« »und weißt, wie wenig sie einen Mann, wie ich bin, schrecken.« – Doch zog er sich, indem er so sprach, ein wenig von dem Knappen zurück. Dieser hatte ihn eigentlich nur in der Fülle des Herzens angeredet, die sich, wäre er allein gewesen, in einem Selbstgespräch Luft gemacht hätte, jetzt sich aber auf den nächsten Zuhörer ergoß, ohne daß der Sprecher sich vergegenwärtigte, welche Empfindungen seine Worte erregen konnten.