Wenige Minuten waren verstrichen, als der Connetable wieder die äußere Ruhe erlangt hatte, mit der er bis zu diesem letzten furchtbaren Streiche alle Schläge des Schicksals erduldet hatte. Er wandte sich gegen seine Begleiter und redete den Minstrel mit seiner gewöhnlichen Fassung an. »Du hast recht, guter Bursche,« sagte er, »mit dem, was Du mir da sagtest, und ich verzeihe Dir die Stichelei, die Deinen guten Rat begleitete. In Gottesnamen, sprich nun alles aus, Du sprichst zu einem Manne, der vorbereitet ist, die Leiden zu tragen, die Gott ihm sendet. Gewiß ist es, der beste Ritter wird in der Schlacht erkannt, der gute Christ aber in Tagen der Not und der Bedrängnis.«
Der Ton, in dem der Connetable sprach, schien von entsprechender Wirkung auf das Verhalten seiner Begleiter zu sein. Der Minstrel ließ den höhnenden, verwegenen Ton fallen, mit dem er bis dahin die Leidenschaft seines Herrn gereizt, und in einfacher und ehrerbietiger Sprache, die selbst dem Mitgefühl sich näherte, vollendete er nun seinen Bericht, In der Tat hatte er ein Unglück über das andere mitzuteilen. Die Weigerung der Lady Eveline Berenger, Monthermer mit seinen Leuten in die Burg zu lassen, hatte natürlich allen den Verleumdungen, die ihr und Damian bereitet waren, Glauben verschafft; auch gab es viele Leute, die es aus verschiedenen Ursachen für vorteilhaft fanden, diese Lästerungen auszubreiten und zu bekräftigen. Eine starke Macht war in die Landschaft ausgesandt worden, die aufrührerischen Bauern zu unterdrücken; und die Ritter und Edlen, die dazu befehligt waren, ermangelten nicht, an den unglücklichen Bürgerlichen aufs äußerste das adlige Blut zu rächen, das jene während ihres vorübergehenden Triumphs vergossen hatten.
Die Kampfgenossen des unglücklichen Wenlock stimmten in das allgemeine Gerede ein. Wegen ihrer so eiligen, feigen Uebergabe eines noch haltbaren Platzes von vielen getadelt, versuchten sie, sich selbst zu rechtfertigen, indem sie die feindliche Erscheinung der Reiterei Damians als den einzigen Grund ihrer zu frühzeitigen Unterwerfung angaben.
Diese Gerüchte, von solchen parteiischen Zeugen unterstützt, gingen weit und breit durchs Land, und vereint mit der unleugbaren Tatsache, daß Damian Zuflucht in dem starken Schlosse von Garde Douloureuse gesucht habe, das sich selbst den königlichen Waffen widersetzte, stachelten sie die zahlreichen Feinde des Hauses de Lacy auf und machten dessen Vasallen und Freunde völlig mutlos, indem diese sich vor die Wahl gestellt sahen, entweder ihrem Lehnseide untreu zu werden oder die noch heiligeren Pflichten gegen ihren Landesherrn zu verletzen.
In diesem entscheidenden Augenblick erhielten sie die Kunde, daß der weise, tätige Monarch, der damals das Szepter Englands in Händen hatte, an der Spitze einer großen Armee nach diesem Teil Englands vorrücke, in der Absicht, zugleich die Belagerung von Garde Douloureuse zu beschleunigen und die Unterdrückung des Bauernaufstandes zu vollenden, den Guy Monthermer bereits fast ganz niedergeworfen hatte.
In dieser dringenden Not, und als die Freunde und Untergebenen des Hauses Lacy kaum wußten, welchen Weg sie einschlagen sollten, erschien plötzlich unter ihnen Randal, des Connetables Verwandter und nach Damian sein nächster Erbe, mit einem königlichen Auftrage, diejenigen von den Vasallen seines Hauses, welche sich nicht an der vermeintlichen Verräterei Damians beteiligt hätten, zu seinen Fahnen zu versammeln und sich an ihre Spitze zu stellen. In unruhigen Zeit vergißt man die Laster der Menschen, wenn sie Tätigkeit, Mut und Klugheit, die gerade dann so nötigen Tendenzen, zeigen; und das Auftreten Randals, dem diese Eigenschaften keineswegs fehlten, wurde als eine gute Vorbedeutung von den Anhängern seines Vetters aufgenommen. Schnell versammelten sie sich um ihn, übergaben nach dem königlichen Befehl alle festen Orte, die in ihrer Gewalt waren, und um sich ganz von jeder Teilnahme an den Verbrechen zu reinigen, die man Damian zuschrieb, fochten sie mutig unter Randals Oberbefehl gegen die zerstreuten Bauern, die noch immer das Feld behaupteten oder sich in den Bergschluchten versteckt hatten. Nach jedem Siege gingen sie so unbarmherzig vor, daß selbst Monthermers Truppen im Vergleich mit denen de Lacys menschlich erschienen. Endlich zog Randal mit dem Banner seines Hauses und fünfhundert rüstigen Kriegern vor Garde Douloureuse und vereinigte sich dort mit Heinrichs Lager.
Schon war die Burg hart bedrängt, und die wenigen Verteidiger, durch Wunden, Wachen und Hunger sehr geschwächt, mußten nun obendrein allen Mut verlieren, da sie nun gegen ihre Mauern auch noch das einzige Banner in ganz England wehen sahen, das allein ihnen vielleicht Hilfe hätte bringen können.
Die von hohem Geiste beseelten Ermahnungen Evelinens, die sich durch Unglück und Entbehrung nicht niederdrücken ließ, verloren allmählich ihre Wirkung auf die Verteidiger des Schlosses. In einem tumultuarischen Kriegsrate, zu dem sich nicht allein Offiziere niederen Ranges, sondern auch viele von den Gemeinen herzugedrängt hatten, da eine solche allgemeine Not alle Bande der Kriegszucht lockert und jedermann die Freiheit gibt, für sich selbst zu sprechen und zu handeln, wurden Vorschläge zur Kapitulation gemacht und besprochen. Mitten in diesen Beratungen erschien zu aller Erstaunen Damian de Lacy, der sein Krankenbett verlassen hatte. Bleich und schwach, mit dem schauderhaften Geisterblicke, der nach einer langen Krankheit zurückbleibt, lehnte er sich auf seinen Pagen Amelot. »Edle Herren und Krieger!« sagte er, »doch wie kann ich die einen oder die anderen so nennen? Edle Männer sind immer bereit, für das Wohl einer Frau zu sterben – Krieger verachten das Leben, wenn es die Ehre gilt.«
»Weg mit ihm! Weg mit ihm!« riefen einige Soldaten, ihn unterbrechend. »Er will wohl, daß wir, die wir unschuldig sind, den Tod der Verräter sterben und in der Rüstung an den Mauern aufgehängt werden, ehe er sich von seinem Schätzchen trennt.« »Schweig, unverschämter Sklave!« schrie Damian mit Donnerstimme, »oder mein letzter Schlag soll ein gemeines Ziel haben, indem er einen solchen Schurken wie Dich trifft. – Und Ihr,« fuhr er zu, den anderen fort. »Ihr, die Ihr von den Beschwerden Eures Berufes zurückschaudert, weil der Tod sie vielleicht einige Jahre früher endigen kann, wie es doch einmal geschehen muß, – Ihr, die Ihr Euch schrecken laßt, wie Kinder beim Anblicke eines Totenkopfes – glaubt nicht, daß Damian de Lacy auf Kosten dieses Euch so teuren Lebens sich retten wollte! Schließt Euren Handel mit König Heinrich ab! Uebergebt mich seiner Gerechtigkeit oder Strenge; oder wenn Euch das besser gefällt, schlagt mir das Haupt ab und werft es als Friedenszeichen über die Mauern dieses Schlosses; ich vertraue Gott, daß er zu seiner Zeit meine Ehre in helles Licht stellen werde. Mit einem Worte: überliefert mich, tot oder lebendig, oder öffnet die Tore, damit ich mich selbst übergebe. Nur, so wahr Ihr Menschen seid, da ich nichts Besseres von Euch sagen kann, tragt wenigstens Sorge für die Sicherheit Eurer Gebieterin, stellt die Bedingung, daß ihr kein Leides geschehen darf, und rettet Euch selbst von der Schande, als feige und meineidige Schurken in die Gruft zu fahren.«
»Mich dünkt, der junge Mann spricht gut und vernünftig,« sagte Wilkin Flamock. »Laßt uns also des Königs Gnade wiedergewinnen, indem wir ihn überliefern und dabei die besten Bedingungen für uns und unsere Gebieterin ausmachen, eh noch der letzte Bissen von unserm Vorrat verzehrt ist.«
»Ich würde schwerlich diese Maßregel vorgeschlagen haben,« sagte Pater Aldrovand, der vor kurzem vier Vorderzähne durch eine Steinschleuder verloren hatte; »da sie aber von dem, den es hauptsächlich angeht, so großmütig angeboten wird, so halte ich es mit den gelehrten Scholiasten: Volenti non fit injuria!!«
»Priester und Fläminger,« fügte der alte Bannersmann Ralph Genvil. »Ich sehe, wohin der Wind Euch treibt. Aber Ihr betrügt Euch selbst, wenn Ihr unsern jungen Gebieter Sir Damian zum Sündenbock für Euer leichtsinniges Fräulein machen wollt. – Nein, runzelt nicht die Stirn und tobt nicht, Sir Damian! Wißt Ihr keinen gescheitern Ausweg zu finden, so wissen wir es. – Krieger de Lacys, werft Euch auf die Pferde, zwei auf eines, wenn es nötig ist! – Wir wollen diesen hartnäckigen Knaben in die Mitte zwischen uns nehmen, und der schmucke Squire Amelot soll auch mit gefangen sein, wenn er uns durch seinen kindischen Widerstand aufhält. Dann laßt uns einen tüchtigen Ausfall machen; die, die sich durchhauen, fahren gut dabei, und die, welche fallen, nun, die sind auch versorgt.«