»Nun, bei dem Grabe meines Vaters!« rief der Minstrel hingerissen, »dieses Mannes Edelmut überwiegt meinen Entschluß!« – Und schnell zu dem Connetable tretend, ließ er sich auf ein Knie nieder und ergriff seine Hand dreister, als er sich gegenüber einem Manne von de Lacys Rang eigentlich erlauben durfte.
»Hier,« sagte Vidal, »auf diese Hand, diese edle Hand, entsage ich –«
Aber ehe er noch ein anderes Wort aussprechen konnte, zog Hugo de Lacy, der vielleicht dieses Benehmen als Freiheit ansah, zu der sein Mißgeschick den andern ermutigte, die Hand zurück und befahl dem Minstrel mit einer finstern Stirn, aufzustehen und zu bedenken, daß in allem Unglück ein Hugo de Lacy doch noch keinen Mummenschanz mit sich treiben ließe.
Zurückgewiesen, stand Renault Vidal auf. »Ich hatte,« sagte er, »den Unterschied zwischen einem armorkanischen Geiger und einem hochgeborenen normannischen Baron vergessen. Ich dachte, daß gleiche Tiefe des Kummers, gleicher Rausch der Freude wenigstens für einen Augenblick die künstlichen Schranken wegnähmen, durch welche Menschen von Menschen getrennt sind. Aber auch so ist es gut, wie es ist. Lebt in den Grenzen Eures Ranges, wie ehedem in Eurem Gefangenenturm hinter Euren Gräben, Mylord, ungestört durch das Mitleid irgend eines so geringen Mannes wie ich, – auch ich habe meine Pflichten zu erfüllen.«
»Und nun nach Garde Douloureuse!« sagte der Baron, sich zu Philipp Guarine wendend. – »Gott weiß, wie sehr mit Recht es jetzt diesen Namen führt! – Hier wollen wir mit eigenen Augen und Ohren die Wahrheit dieser schmerzlichen Nachrichten erforschen. – Steig ab, Minstrel, und gib mir Deinen Klepper. – Ich wollte, Guarine, ich hätte auch einen für Dich, – Vidal, Deine Begleitung ist weniger nötig. Ich will meinen Feinden oder meinem Mißgeschicke ins Angesicht sehen, wie ein Mann. Dessen sei versichert, Geiger; und blicke nicht so düster, Mensch! – Ich werde keinen vergessen, der mir anhing!«
»Einer von ihnen wird mindestens Euer nicht vergessen, Mylord!« erwiderte der Minstrel mit seinem gewöhnlichen zweideutigen Blick und Ausdruck.
Aber eben als der Connetable im Begriff war, sein Pferd anzuspornen, erschienen zwei Personen auf dem Pfade, beide auf einem Pferde. Durch niedriges Gesträuch verdeckt, waren sie ziemlich nahe gekommen, ohne bemerkt zu werden. Es war ein Mann und eine Frau. Der Mann, der vorn auf dem Pferde saß, war ein solches Bild des Hungers, wie die Pilger kaum in all den verwüsteten Ländern erblickten, die sie durchzogen hatten. Sein Gesicht, von Natur spitz und dünn, verschwand beinahe hinter dem ungekämmten Bart und Haar, womit es überdeckt war; und nur das Schimmern einer langen Nase, die so scharf wie die Schneide eines Messers schien, und das Blinzeln der grauen Augen gab eine Andeutung von seinen Gesichtszügen. Seine Beine in den weiten, alten Stiefeln, die sie umgaben, erschienen wie der Stiel eines Besens, der in einem Wascheimer stecken geblieben ist. – Seine Arme waren ungefähr so dick wie eine Reitgerte – und die Teile seines Körpers, die nicht in die Lappen eines Jägerkleides gehüllt waren, schienen mehr einer Mumie, als einem Lebenden zu gehören.
Die Frau, welche hinter diesem Gespenste saß, zeigte ebenfalls einige Spuren von Verfall. Aber da sie von Natur eine stramme hübsche Frau war, so war der Hunger noch nicht imstande gewesen, sie zu einem wichen jammervollen Schauspiel zu machen wie das Gerippe, hinter dem sie saß. Dame Gillians Wange – denn es war des Lesers alte Bekanntschaft – hatte die Rosenfarbe der guten Pflege und die Glätte verloren, die Kunst und gemächliches Leben ihr noch zuletzt statt der zarteren Jugendblüte verliehen hatte. Ihre Augen waren eingesunken und hatten vieles von ihrem kecken und schelmischen Glanz eingebüßt. Aber sie war doch immer gewissermaßen sie selbst; und die Ueberbleibsel früherer Zierlichkeit, zugleich mit den enganliegenden, obgleich schmutzigen Strümpfen, zeigten noch immer einen Ueberrest von Koketterie.
Sobald sie der Pilger ansichtig wurde, stieß sie den Raoul mit der Reitgerte. »Versuche Dein neues Gewerbe, Mann! da Du ja zu einem andern nicht taugst – Hem! – zu den guten Leuten da! hin zu ihnen! – sprich sie um Barmherzigkeit an.«
»Bei Bettlern betteln?« murmelte Raoul, »das hieße mit Falken Sperlinge jagen, Frau!«
»Wenigstens bleibt unsere Hand in Bewegung,« sagte Gillian, und begann in einem weinerlichen Tone: »Gott sei Euch gnädig, liebe heilige Männer, die Ihr durch seine Gnade nach dem heiligen Lande wandern und, was noch mehr ist, auch wieder heimkehren durftet. Ich bitte Euch, spendet etwas von Euren Almosen meinem armen alten Mann, der eine elende Kreatur ist, wie Ihr seht, und einer, die das Unglück hat, seine Frau zu sein! – Der Himmel helfe mir!«
»Schweigt, Weib, und hört, was ich Euch sagen werde,« sagte der Connetable und legte seine Hand an den Zügel seines Pferdes. – »Ich habe jetzt dieses Pferd nötig und –« »Beim Jagdhorn des heiligen Hubert! Du kriegst es nicht ohne Püffe,« antwortete der alte Jäger. »Das ist mir eine schöne Welt, wo Pilger Pferdediebe werden.«
»Still doch, Bursche,« sagte der Connetable. »Ich sage Dir, ich habe jetzt den Dienst der Mähre nötig. Hier sind zwei goldene Byzantiner, wenn Du mir das Tier einen Tag zum Gebrauch überläßt. Sein ganzer Wert wäre wohl mit der Hälfte bezahlt, bekämst Du es auch nie wieder.«
»Aber der Klepper ist mein alter Bekannter, Ihr Herren!« sagte Raoul, »und wenn vielleicht –«
»Schweig mit Deinem Wenn und Vielleicht,« sagte die Dame, und gab dabei ihrem Manne einen so kräftigen Stoß, daß er bald aus dem Sattel gefallen wäre. »Hinunter vom Pferde! und danke Gott und diesem würdigen Manne für die Hilfe, die er uns in unserer Not verleiht. Was nützt uns der Klepper, wenn wir nichts haben, um Futter für ihn und für uns zu schaffen; selbst dann nicht, wenn wir Gras und Hafer mit ihm essen wollten, wie der König Ungenannt, von dem uns der gute Pater zur Nacht vorzulesen pflegte.«
»Halte ein mit Deinem Geschwätz, Frau,« sagte Raoul und wollte ihr aus dem Sattel helfen. Aber sie zog Guarines Beistand vor, der obwohl schon bei Jahren, doch immer den Vorteil einer rüstigen kriegerischen Gestalt hatte.
»Ich danke ergebenst für Eure Güte,« sagte sie, als der Squire sie nach einem Kusse auf die Erde setzte. – »Und ich bitte Euch, Herr, Ihr kommt aus dem heiligen Lande? Ist Euch da nicht eine Kunde von einem Connetable von Chester zu Ohren gekommen?«
De Lacy, der sich eben damit beschäftigte, das Reitkissen hinter dem Sattel wegzunehmen, hielt plötzlich in seinem Geschäft inne und sagte: »Ha! Frau! was wollt Ihr mit ihm?«
»Recht viel, guter Pilger, wenn ich ihn nur antreffen könnte, denn seine Länder und Würden sollen, wie es aussieht, an den falschen Dieb, seinen Verwandten vergeben werden.«
»Wie? an Damian, seinen Neffen?« rief der Connetable schnell und hastig aus.
»Gott, wie Ihr mich erschreckt, Sir,« sagte Gillian und fuhr, zu Philipp Guarine sich wendend, fort, »Euer Freund ist ein heftiger Mann, wie es scheint.«
»Daran ist die Sonne schuld, unter der er so lange gelebt hat,« sagte der Squire. »Aber seht wohl zu, daß Ihr seine Fragen richtig beantwortet, und er wird Euch um so mehr belohnen.«
Gillian ging sogleich auf den Wink ein. »War es nicht Damian de Lacy, nach dem Ihr fragtet? – Ach! der arme junge Mann! Keine Würden, keine Länder gibt's für ihn – viel wahrscheinlicher ist's, daß er einen Platz am Galgen erhält, der arme Junge – und alles für nichts, so wahr ich ein ehrliches Weib bin. – Damian! – nein, nein, es ist nicht Damian, noch die Dame, keiner von beiden – sondern Randal de Lacy, der hat den Braten, der erhält des alten Mannes Länder und Einkünfte und Herrschaften.«
»Was?« sagte der Connetable, »ehe sie wissen, ob der alte Mann tot ist oder nicht? – Mich dünkt, das wäre beides gegen Gesetz und Vernunft.«