Ich fragte das Eisen, das rot auf dem Ambos glühte:
Warum glühst du länger als der Feuerbrand?
Mich gebar der finstre Schacht, den Brand der grünende Wald!
Liebe schwindet dahin; aber Rache hält ans.
Ich fragte die grünende Eiche: Was gleichen deine Zweige dem Geweihe des Hirsches?
Und sie zeigt an der Wurzel den kleinen nagenden Wurm.
Der Bube, der Geißel gedenkend, eröffnet das Pförtchen des Schlosses zur Nachtzeit.
Liebe schwindet dahin; aber Rache hält aus.
Blitze zerstören Tempel, dringt gleich deren Spitze durch Wolken.
Stürme zerstören Flotten, deren Segel leicht auffangen den günstigen Wind.
Er in der Mitte des Ruhms fällt durch den kraftlosen Feind.
Liebe schwindet dahin; aber Rache hält aus«.
Noch mehr solcher wilden Bilder wurden hingeworfen, deren jedes, wiewohl wunderlich und entfernt, doch in Beziehung zu dem Thema stand, das wie ein Kehrreim am Schlusse jeder Stanze wiederholt ward. So glich diese Poesie einem Musikstücke, das nach wiederholten Abschweifungen durch Phantasie und Variationen immer von neuem zu der einfachen Melodie zurückkehrte, wovon jene nur die Verzierungen waren.
Während der Minstrel sang, waren seine Augen auf die Brücke und die nächste Umgebung geheftet; aber als er an dem Schlusse des Gesanges seine Augen gegen die entfernten Türme von Garde Douloureuse erhob, sah er, daß die Tore geöffnet waren und Wachen und Diener an den Barrieren aufgestellt wurden, als ob sogleich etwas vor sich gehen oder eine Person von Wichtigkeit erscheinen sollte. Als er zu gleicher Zeit die Augen umherwarf, so bemerkte er, daß die Landschaft, die erst so einsam war, als er sich auf dem grauen Steine niedergelassen hatte, von dem aus er sie überschaute, sich mit Gestalten füllte.
Wahrend seiner Träumereien hatten viele Leute allein und in Gruppen, Männer, Weiber, Kinder sich an beiden Seiten des Flusses versammelt und verweilten da, als ob sie irgend ein Schauspiel erwarteten. Auch gab es einen Aufstand bei den flamländischen Mühlen, die er, wiewohl in einiger Entfernung, ganz genau sehen konnte. Es schien sich hier ein Zug in Ordnung zu stellen, der auch bald mit Pfeifen und Handtrommeln und andern musikalischen Instrumenten sich in Bewegung setzte und wohlgeordnet sich dem Platze näherte, wo Vidal saß.
Aber was da auch vor sich gehen mochte, es schien alles einen friedlichen Charakter zu haben. Denn die graubärtigen alten Männer der Niederlassung in ihrer anständigen Bauernkleidung, folgten den ländlichen Musikanten, drei oder vier zusammengehend, auf ihre Stäbe gestützt, und die Bewegung des ganzen Zuges durch ihre abgemessene Gangart regelnd. Hinter diesen Vätern der Niederlassung ritt Wilkin Flammock auf seinem mächtigem Streitroß in vollkommener Rüstung, doch mit unbedecktem Haupte, wie ein Vasall, der sich zum Kriegsdienste für seinen Herrn angeschickt hat. Ihm folgten, und zwar in Schlachtordnung, die jungen Männer der kleinen Kolonie, dreißig an der Zahl, wohl bewaffnet und gut gekleidet, deren starke Gliedmaßen sowohl als ihre blanke glänzende Rüstung eine gewisse Festigkeit und Zucht andeuteten, obwohl ihnen der feurige Blick der französischen Krieger fehlte oder die Miene trotziger Herausforderung, die dem Engländer eigen ist. Sodann kamen die Mütter und Mädchen der Kolonie; dann folgten die Kinder; endlich als Nachtrab kamen die jungen Leute von vierzehn bis Zwanzig Jahren, bewaffnet mit leichten Lanzen, Bogen und ähnlichen, für ihr Alter schicklichen Waffen.
Dieser Zug umschritt den Fuß der Anhöhe, auf der der Minstrel saß, ging dann langsam und geordnet über die Brücke und stellte sich zu einem Spalier auf, als gelte es, eine Person von Wichtigkeit zu empfangen oder einer Feierlichkeit beizuwohnen, Flammock hielt an dem äußersten Ende des so gebildeten Durchganges und beschäftigte sich ruhig, aber eifrig mit allerlei Anordnungen und Vorbereitungen,
Indessen kamen aus den verschiedenen Gegenden Müßiggänger zusammen, wie es schien durch bloße Neugier herbeigerufen, und bildeten ein buntes Gedränge an dem nach dem Schlosse zu gelegenen Ende der Brücke. Zwei englische Bauern gingen ganz dicht an dem Stein, wo Vidal saß, vorüber. »Willst Du uns ein Lied singen, Minstrel,« sagte einer von ihnen, »hier ist ein Kopfstück für Dich!« und warf ihm eine kleine Silbermünze in den Hut.
»Ich habe ein Gelübde getan,« sagte der Minstrel, »und kann die fröhliche Kunst jetzt nicht ausüben.« »Oder Ihr seid zu stolz, englischen Bauern was vorzuspielen,« sagte der ältere Landmann, »denn Eure Aussprache klingt normannisch,«
»Behalte dennoch das Stück Geld,« sagte der Jüngere. »Mag der Pilger empfangen, was der Minstrel zu verdienen verschmäht.«
»Ich bitte Euch, guter Freund, verschont mich mit Eurer Gabe,« sagte Vidal, »ich bedarf ihrer nicht. Statt dessen habt die Güte, mir mitzuteilen, was hier eigentlich vor sich gehen soll.«
»Wie? Wißt Ihr nicht, daß wir unsern Connetable de Lacy wiederhaben, und daß er die flamländischen Weber jetzt mit all den schönen Dingen, die Heinrich von Anjou ihnen verliehen, feierlich belehnen wird? – Wäre Heinrich der Bekenner noch am Leben, um den niederländischen Schuften ihren Lohn zu erteilen, so wäre es ein Stückchen vom Galgen gewesen. Aber komm, Nachbar, sonst geht uns das Schauspiel verloren.« – Mit diesen Worten eilten sie den Hügel hinab.
Vidal richtete seine Augen auf die Tore des Schlosses. Fahnen wurden entfaltet und Reiterei aufgestellt. Obwohl Vidal das aus der Entfernung nur undeutlich erkennen konnte, so ersah er daraus doch, daß jemand von Bedeutung an der Spitze einer ansehnlichen kriegerischen Begleitung aufzubrechen im Begriff stand. Entfernte Trompetenstöße, die an sein Ohr schlugen, schienen dasselbe anzudeuten. Jetzt merkte er schon an dem Staube, der sich wie Säulen zwischen der Burg und der Brücke erhob, wie auch an dem näherkommenden Klang der Blasinstrumente, daß die Schar herangeritten kam.
Vidal seinerseits schien noch unentschlossen, ob er seinen jetzigen Platz, von wo aus er alles, obwohl etwas entfernt, überschauen konnte, innehalten, oder ob er sich in das Gedränge mischen sollte, das jetzt an jeder Seite der Brücke herrschte, ausgenommen da, wo der Durchgang durch die bewaffneten, in Reihe aufgestellten Flamländer offen gehalten wurde.
Ein Mönch eilte an Vidal vorüber, und auf dessen wiederholte Frage nach der Ursache dieser Zusammenkunft, antwortete er in einem murmelnden Tone unter seiner Kapuze hervor, es wäre der Connetable de Lacy, der nun die erste Handlung seiner wiedererlangten Würde ausüben und den Flamländern den königlichen Gnadenbrief über ihre Freiheiten übergeben werde.
»Er beeilt sich recht sehr, wie es scheint, seine Würde auszuüben,« sagte der Minstrel. »Wer nur soeben ein Schwert erhalten hat, ist ungeduldig, es zu ziehen,« erwiderte der Mönch, der noch mehr hinzusetzte, was aber der Minstrel nicht ganz verstand; denn Pater Aldrovand hatte die vier Vorderzähne noch nicht ersetzt, die er bei der Belagerung verloren. Vidal glaubte indessen zu verstehen, daß jener den Connetable hier sprechen und um dessen Fürsprache zu seinen Gunsten bitten wolle.
»Auch ich will ihn sprechen,« sagte Renault Vidal und erhob sich plötzlich von dem Steine, auf dem er saß.
»So folgt mir,« murmelte der Priester, »die Flamländer kennen mich und werden mich durchlassen.«
Aber Pater Aldrovand war in Ungnade, sein Einfluß war also nicht so mächtig, als er sich geschmeichelt hatte; er sowohl, als der Minstrel wurden in dem Gedränge hin und her gestoßen und voneinander getrennt.
Vidal wurde jedoch von den englischen Landleuten wiedererkannt, die kurz zuvor mit ihm gesprochen hatten. »Kannst Du einige Taschenspielerstückchen machen, Minstrel?« sagte der eine. »Du könntest hier eine reiche Ernte haben, denn unsere normannischen Herren lieben die Gaukler.«