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Nach diesem Ergusse geistiger Natur fühlte er menschliche Regungen und lenkte die Schritte nach einer kleinen Schenke am Wege in einem Talgrunde, der von einem Bächlein durchrieselt wurde. Neben dem Hause stand eine mächtige Esche, die Haus und Stall, eigentlich bloß eine Lehmhütte, beschattete. Dort stand ein Gaul, der eben beim Fressen war. Das Aeußere der Schranke sah nicht vielversprechend aus, trotzdem sein Schild einen Bierkrug zeigte, aus dem in einen drunter stehenden Humpen braunes Naß floß, während unter ihm Worte zu lesen oder vielmehr zu entziffern standen, die etwa heißen mochten: Hier wird für Bewirtung und Obdach aufs beste gesorgt. Aber Brown war nicht wählerisch, sondern trat in die Schenke. Was ihm zuerst in die Augen sprang, war die Gestalt eines in weiten Reitrock gehüllten kräftigen Landmannes, dem das im Stalle stehende Pferd gehörte. Er kaute an einigen derben Schnitten gekochten Rindfleischs, während er hin und wieder einen Blick durch das Fenster hinauswarf, um zu sehen, wie es seinem Gaule mundete. Neben seinem Teller stand ein großer Bierkrug, dem er von Zeit zu Zeit tüchtig zusprach. Die Wirtsfrau war mit Backen beschäftigt. Auf einem steinernen Herde, wie sie in dieser Gegend im Gebrauche, brannte Feuer, mitten auf einem Kamin von ungeheuerm Format, an welchem zwei Bänke angebracht waren. Auf der einen von ihnen saß eine Frau von ganz auffallender Leibesgröße, die in einen roten Mantel gehüllt war und eine gekrempte Haube auf dem Kopfe trug. Im übrigen sah sie ganz aus wie eine Kesselflickerin oder ein Bettelweib. Sie hatte eine kurze schwarze Tabakspfeife im Munde und rauchte tüchtig. Brown verlangte etwas zu essen. Die Wirtin wischte mit ihrer mehlbestreuten Schürze die einzige Tischdecke ab, stellte einen Holzteller hin, legte Messer und Gabel daneben und sagte, der Herr möchte es machen wie Herr Dinmont und sich das Fleisch munden lassen. Dabei zeigte sie mit dem Finger auf das Rindfleisch, von welchem sich genannter Herr Dimnont ein paar derbe Schnitten abgesäbelt hatte; dann füllte sie einen Humpen mit Hausbier und stellte ihn neben den Teller. Brown war kein Kostverächter und ließ sich nicht lange nötigen. Eine Weile lang war sein Nachbar noch zu sehr befaßt mit seiner leiblichen Stärkung, als daß er sich um ihn hätte bekümmern können; dann aber taute er doch so weit auf, daß er, wenn Brown zum Bierkruge griff, ihm freundlich zunickte. Als nun aber unser Wanderer sich dabei machte, dem kleinen Wasp, wie sein Hund hieß, eine Portion Fressen zu reichen, schien es dem schottischen Pächter, denn ein solcher war Herr Dinmont, doch nicht mehr gut möglich, seinen Nachbar ohne eine »Ansprache« zu lassen.

»Ein netter Dachs, Herr,« begann er, »stellt auf der Jagd gewiß seinen Mann, vorausgesetzt natürlich, daß er dressiert ist; denn auf die Dressur kommt ja doch bei Hunden alles an.«

»Allerdings, Herr,« erwiderte Brown, »leider ist es bei ihm in dieser Hinsicht ein wenig versehen worden. Was an meinem Hunde besonders zu schätzen ist, ist seine Eigenschaft, einen guten Gesellschafter abzugeben.«

»So? Na, Herr – nehmen Sie es mir aber nicht weiter übel – das ist doch recht schade, Herr, denn an Dressur darf's eben nie fehlen, weder beim Menschen noch beim Tiere ...Ich habe ein halbes Dutzend Dachse zu Hause, und zwei Jagdhunde außerdem, auch noch fünf Windspiele und verschiedene andere Köter. Aber dressiert sind sie alle, erst auf Kaninchen, dann auf Wiesel, letzterhand auf Dachse und Füchse ...meine vierfüßigen Patrone fürchten sich jetzt vor keinem haarigen Bieste mehr.«

»Ich glaub's Ihnen schon, daß Sie Ihre Menagerie gut dressiert haben,« erwiderte Brown lächelnd, »aber gibt's denn viel Wild hier?« »Viel Wild?« rief der Pächter, »na, Herr! daß es mehr Hasen in der Gegend gibt, als ich Schafe in meinen Ställen habe, dürfen Sie mir schon glauben; und was die Feld- und Haselhühner angeht, na, so kommen meine Tauben im Taubenschlage auch nicht mit. Aber haben Sie schon 'mal Birkwild gejagt, Herr?«

»Nein, habe einen Birkhahn überhaupt noch nicht gesehen, außer einem ausgestopften im Keswicker Museum.«

»Na, da haben wir's! Zu merken war's ja an der südlichen Redeweise ... aber daß es so wenig Leute drunten in England gibt, die Lust haben, sich 'mal bei uns einen Birkhahn anzusehen, das ist doch höchst sonderbar! Wissen Sie was? Sie scheinen mir ein recht braver Kerl zu sein, und wenn Sie 'mal bei mir mit vorkommen wollen, in Charleshope, bei Dandy Dinmont ... da sollen Sie nicht bloß einen Birkhahn sehen, sondern auch einen schießen und essen; Herr!«

»Nun, das letztere müßte wohl die Hauptsache dabei sein, Herr. Wenn ich 'mal Zeit übrig habe, dann werde ich an Ihre Einladung denken, Herr.«

»Wenn Sie Zeit 'mal haben werden? Was soll das heißen, Herr? Sie können ja doch gleich mitkommen, Herr. Wie reisen Sie eigentlich?«

»Ich? Zu Fuß, Herr; und wenn der schmucke Gaul im Stalle Ihnen gehört, Herr, dann möchte es für mich wohl nicht eben leicht sein, Schritt mit Ihnen zu halten.«

»Das wohl, Sie müßten denn sieben Stunden in einer laufen können ... Aber vor Nacht können Sie noch bis Riccarton kommen und im dortigen Wirtshause Einkehr halten; oder wenn es Ihnen beim Jockey Grieve auf der Heide lieber sein sollte, auch dort, denn der würde Sie sicher gern aufnehmen; ich reite ohnehin bei ihm vorbei und kippe einen bei ihm: da kann ich's ihm ja gleich sagen, daß er auf Sie rechnen solle ... Aber halt, Weib!« wendete er sich an die Wirtin, »wie wär's denn mit Ihrem Gaule? Den könnten Sie doch dem Herrn borgen?«

Aber der Wirtsgaul war auf die Weide gelassen worden, und bis man ihn eingefangen hätte, wäre mehr Zeit verloren gegangen, als Herr Dinmont hätte warten wollen ... drum sagte er: »Na, da müssen wir uns eben drein sitzen, Herr! Aber vergessen Sie nicht, morgen bei mir mit vorzukommen; und nun, Frau Wirtin, schnell meine Zeche! Ich muß wacker zureiten, damit ich vor Einbruch der Dunkelheit noch an der Furt bin, denn Ihr wißt doch, bei Euch auf der Heide ist's nicht ganz geheuer.« »Aber, Herr Dinmont! Was fällt Ihnen denn ein? Wie können Sie denn unsere Heide in solchen Mißkredit setzen,« erwiderte die Wirtin, »seit Sawney Culloch vor zwei Jahren in Carlisle gehenkt worden, zusammen mit Rowley Overdees und Jack Penny, ist kein Mensch mehr in unsrer Heide belästigt worden. Wem möchte es in ganz Newcastle einfallen, so etwas zu tun? Wir sind ehrliches Volk hier.«

»Na, Wirtin, so lange der Teufel blind ist, mögt Ihr recht haben; aber meines Wissens sieht er noch recht gut! Ich bin fast überall in Galloway und Dumfriesshire, auch in Carlisle und zu Stoneshire auf dem Markte gewesen und hab verteufelt wenig Lust, wieder so nahe zu Hause noch ausgeplündert zu werden; deshalb ist's schon gescheiter, ich mache mich beizeiten auf den Trab.«

»So? In Dumfries und Galloway seid Ihr gewesen?« fragte die alte große Frau, die bisher, ohne sich mit einem Worte in die Unterhaltung zu mischen, am Kamine auf der Bank gesessen und ihre Pfeife geraucht hatte.

»Allerdings, Frau, und müde genug bin ich von der Tour geworden.«

»Dann kennen Sie wohl auch einen Ort mit Namen Ellangowan?« fragte die Alte.

»Ellangowan? Das war doch das Bertramsche Familiengut? ... O ja, den Ort kenne ich ganz gut. Ist doch der alte Laird vor etwa vierzehn Tagen gestorben. Hab wenigstens so gehört.«

»Gestorben? Laird Bertram?« fragte die Alte und ließ ihre Stummelpfeife vor Schreck zur Erde fallen – dann stand sie auf und trat vom Kamine hinweg ...»Gestorben?« wiederholte sie, »der Laird? Wißt Ihr das bestimmt?«