»Ich kann nur eins,« sagte Vidal, »und das will Euch zeigen, wenn Ihr mir ein wenig Platz machen wollt.«
Sie traten ein wenig zurück und ließen ihm Zeit, seine Mütze abzuwerfen, Beine und Knie zu entblößen, indem er die ledernen Halbstiefel, die sie einhüllten, abzog und nur die Sandalen anbehielt. Dann wand er ein dunkles Tuch um die braune, sonnenverbrannte Stirn und sein Oberkleid abschleudernd, zeigte er seine fleischigen, muskulösen Arme, nackt bis zur Schulter.
Aber während sich die Leute um ihn her an diesen Vorbereitungen belustigten, entstand eine lautere Bewegung unter der Menge. Zugleich ertönten die Trompeten näher, beantwortet von allen Instrumenten der Flamländer, wie auch von Jubelrufen in normannischer und englischer Sprache: »Lange lebe der tapfere Connetable! Unsere Frau für den kühnen de Lacy!« – alles verkündigte, daß der Connetable ganz nahe sei.
Vidal bemühte sich energisch, sich dem Führer des Zuges zu nähern, dessen Helm mit den hohen Federn und dessen rechte Hand mit dem Kommandostab ihm allein sichtbar waren, weil ihn Offiziere und Bewaffnete dicht umdrängten. Endlich gelang es ihm soweit, daß er nur etwa zehn Fuß noch von dem Connetable entfernt war. Dieser befand sich jetzt in einem kleinen Kreise, den man nur mit Mühe frei hielt. Er kehrte dabei dem Minstrel den Rücken zu, und eben beugte er sich vom Pferde nieder, um den königlichen Gnadenbrief Wilkin Flammock zu überreichen, der sich auf ein Knie niedergelassen hatte, ihn um so ehrfurchtsvoller entgegenzunehmen. Die Haltung des Flamländers nötigte dabei den Connetable, sich so tief zu bücken, daß der Federbusch seines Helms sich fast mit der Mähne seines edlen Streitrosses zu vermischen schien.
Im selben Augenblick sprang Vidal mit außerordentlicher Gewandtheit über die Köpfe der Flamländer, die den Kreis schlossen, hinweg, und ehe ein Auge blinzeln konnte, faßte sein rechtes Knie Halt auf dem Hinterteil des Pferdes, seine linke Hand packte de Lacy beim Kragen, und sich wie der Tiger nach dem Sprunge an seine Beute klammernd, zog er einen kurzen scharfen Dolch und stieß ihn dem Connetable hinten in den Nacken, da wo das Rückgrat und Gehirn ineinander übergehen. Der Stoß wurde mit der größten Treffsicherheit und mit gewaltiger Kraft geführt. Der Unglückliche sank aus dem Sattel, ohne zu zucken oder zu stöhnen, wie der Stier im Amphitheater unter dem Stahl des Toreadors; in seinem Sattel aber saß sein Mörder, schwang den blutigen Dolch und trieb das Roß zur Flucht an.
Es war wirklich die Möglichkeit vorhanden, daß die Flucht gelingen konnte, so regungslos, wie vom Schlage getroffen, standen im ersten Augenblicke alle Umstehenden da, durch die Schnelligkeit und Kühnheit der Tat erstarrt; aber den stämmigen Vater Rosas verließ die Geistesgegenwart nicht. Er ergriff das Pferd beim Zügel, und mit Hilfe der andern, die nun durch sein Beispiel aus der Erstarrung gerissen wurden, nahm er den Reiter gefangen, band ihm die Arme und rief laut, er müsse vor König Heinrich geführt werden. Diese Worte, in Flammocks starker entschlossener Stimme, beschwichtigten das wilde Geschrei über Mord und Verrat, das aus tausend Kehlen erscholl und dadurch entstanden war, daß die verschiedenen Völkerschaften angehörenden und daher einander feindlich gesinnten Zuschauer sich gegenseitig den Vorwurf der Verrätern machten.
Alle diese Ströme vereinigten sich aber jetzt in einem Bett und wogten vorwärts gegen Garde Douloureuse, ausgenommen einige aus dem Gefolge des ermordeten Edelmannes, die zurückblieben, um den Leichnam ihres Herrn mit gebührender Feierlichkeit und Trauer von dem Orte, wohin er mit so großem Prunk und Triumph geritten war, wegzuschaffen. Als Flammock Garde Douloureuse erreichte, wurde er sogleich mit seinem Gefangenen und denen vorgelassen, die er auswählt hatte, um als Zeugen zur Ueberführung des Verbrechers zu dienen. Gleich anfangs wurde ihm auf sein Gesuch um Audienz geantwortet, der König hätte befohlen, daß jetzt niemand vor ihn gelassen werden sollte; aber die Nachricht von der Ermordung des Connetables war doch so überraschend, daß der Hauptmann von der Wache es wagte, Heinrichs Ruhe zu stören und ihm das Ereignis mitzuteilen. Er kehrte mit dem Befehl zurück, daß Flammock und sein Gefangener sogleich in das königliche Gemach treten sollten. Hier fanden sie Heinrich von mehreren Personen umgeben, die ehrfurchtsvoll hinter dem königlichen Stuhl in einem dunklen Teil des Gemachs standen.
Als Flammock hereintrat, bildeten seine breiten, starken Glieder einen auffallenden Gegensatz zu seinem vor Entsetzen über das eben Erlebte bleichen Wangen und zu seiner Befangenheit, sich in dem königlichen Audienzzimmer zu befinden. Neben ihm stand sein Gefangener, unerschrocken trotz seiner furchtbaren Lage. Das Blut, das aus der Wunde seines Opfers gespritzt war, zeigte sich auf seinen bloßen Gliedern und seinem engen Kleide, besonders aber auf seiner Stirn und dem darum gewundenen Tuche.
Heinrich warf einen strengen Blick auf ihn, den jener aber nicht nur ohne Furcht ertrug, sondern selbst mit einem finstern Blicke des Trotzes zu erwidern schien.
»Kennt hier keiner diesen Bösewicht?« fragte Heinrich und blickte umher.
Auf diese Frage antwortete niemand, bis Philipp Guarine aus der Gruppe, die sich hinter dem königlichen Stuhle befand, hervortrat und mit fast versagender Stimme antwortete: »Da Ihr es erlaubt, mein Fürst – sofern mich nicht sein sonderbarer Anzug irre macht – so würde ich sagen, er wäre ein Minstrel aus dem Haushalt meines Herrn, namens Renault Vidal.«
»Du bist im Irrtum, Normann!« erwiderte der Minstrel, »die Stelle als Diener und meine niedere Abkunft waren nur angenommen – ich bin Cadwallon, der Brite – Cadwallon, der erste Barde Gwenwyns von Powislaws und – sein Rächer.« –
Als er die letzten Worte aussprach, erblickte er einen Pilger, der allmählich aus dem Hintergrund hervortrat, wo das Gefolge sich befand, und jetzt vor ihm stehen blieb.
Des Welschen Augen quollen gespensterhaft hervor, als wollten sie aus ihren Höhlen brechen, indem er mit einem Tone des Erstaunens und Schreckens ausrief: »Erscheinen die Toten vor den Königen? – Oder wenn Du lebst, wen habe ich erschlagen? – Ich habe von dem Sprunge und Dolchstoß doch nicht geträumt? – dennoch steht mein Opfer vor mir! – Habe ich nicht den Connetable von Chester erschlagen?«
»Du hast wirklich den Connetable erschlagen,« antwortete der König. »Aber wisse, Waliser, es war Randal de Lacy, dem ich heute morgen diese Würde übertragen hatte, denn wir glaubten, daß unser vielgetreuer Hugo de Lacy auf seiner Rückkehr vom heiligen Lande umgekommen sei, weil die Nachricht einlief, daß das Schiff, auf dem er sich befand, gescheitert sei. Du hast Randals kurze Erhebung nur um einige Stunden verkürzt; denn die morgende Sonne hätte ihn schon wieder ohne Land und Würden gesehen.«
Der Gefangene ließ in Verzweiflung das Haupt auf die Brust sinken. »Ich glaube,« murmelte er, »er hätte so schnell seine Haut verändert und sei wieder in Glanz hervorgetreten. Mögen die Augen mir aus dem Kopfe fallen, die sich durch dergleichen Spielwerk, wie Federhut und lackierter Stab, betrügen ließen!«
»Ich werde Sorge tragen, Waliser, daß Deine Augen Dich nicht wieder betrügen!« sagte der König sehr ernst. »Ehe die Nacht eine Stunde älter ist, sollen sie für alles, was irdisch ist, geschlossen sein.« »Darf ich Ew. Gnaden um die Erlaubnis ersuchen,« sagte der Connetable, »dem unglücklichen Mann einige Fragen vorlegen zu dürfen.«
»Sobald ich ihn erst selbst werde gefragt haben,« sagte der König, »warum er seine Hände in das Blut eines edlen Normannen tauchte?«
»Weil er, dem ich meinen Stoß zugedacht hatte,« sagte der Brite, den feurigen Glanz seiner Augen von dem Könige auf de Lacy und zurück auf den König werfend, »das Blut des Abkömmlings von tausend Königen verspritzt hat, gegen den sein Blut und auch Deines, stolzer Graf Anjou, ebensowenig ist, wie eine Pfütze auf der Landstraße gegen eine silberne Quelle.«