Heinrichs Auge bedrohte den kühnen Sprecher, doch unterdrückte der König seinen Zorn, als er den bittenden Blick seines Lehnsmannes gewahrte. »Was wolltest Du ihn fragen?« sagte er. »Sei kurz, denn seine Zeit ist gemessen.« »Wenn Ihr es gestattet, mein Fürst, so wollte ich nur fragen, warum er es jahrelang aufgeschoben hat, das Leben dem zu nehmen, dem er nachstellte, da es doch oft in seinen Händen war – ja, da es ohne seinen scheinbar treuen Dienst hätte verloren gehen können?«
»Normann!« sagte Cadwallon, »ich will Dir antworten. Als ich zuerst in Deinen Dienst ging, war es meine Absicht, Dich schon in derselben Nacht zu erschlagen. Da steht der Mann,« und er zeigte auf Philipp Guarine, »dessen Wachsamkeit Dich damals gerettet hat.«
»In der Tat,« sagte de Lacy, »ich erinnere mich, daß ich manchmal etwas bemerkte, was mir nicht geheuer vorkam. Aber warum schobst Du Deinen Vorsatz auf, als nachher mein Leben oft in Deine Hand gegeben war?«
»Als der Mörder meines Souverains Gottes Söldner war,« antwortete Cadwallon, »und der Sache des Himmels in Palästina diente, war er vor meiner irdischen Rache sicher.«
»Eine wunderbare Enthaltsamkeit bei einem welschem Meuchelmörder!« sagte der König verächtlich.
»Ja,« antwortete Cadwallon, »eine Enthaltsamkeit, die christliche Fürsten dadurch ausüben, daß sie die Abwesenheit eines nach dem heiligen Lande gezogenen Nebenbuhlers benützten, sich seine Besitzungen anzueignen.«
»Nun! bei dem heiligen Kreuze!« sagte Heinrich, und wollte seinem Zorn Luft machen, denn die Beleidigung traf ihn besonders, [Weniger ihn, als seinen Großvater Heinrich I., welcher seinem ältern Bruder Robert erst das Anrecht an die Krone und hernach die Normandie raubte, während dieser sich auf einem Kreuzzuge befand.] aber plötzlich hielt er an sich und sagte mit der Miene der Verachtung: »Zum Galgen mit dem Buben!«
»Noch eine Frage,« sagte de Lacy, »Renault, oder wie Du heißt, auch auf meiner Rückreise hast Du mir Dienste geleistet, die sich mit Deinem festen Entschluß, mich zu töten, kaum vereinbaren lassen. – Du standest mir im Schiffbruch bei – Du führtest mich sicher durch Wales, wo schon mein bloßer Name meinen Tod herbeigeführt hätte – und dies alles, nachdem der Kreuzzug schon vollendet war?«
»Ich könnte Deine Zweifel lösen,« sagte der Barde, »nur möchte man glauben, ich spräche für mein Leben.«
»Darum stehe nicht an, fortzufahren,« sagte der König, »denn wollte auch der heilige Vater für Dich bitten, seine Bitte wäre vergeblich.« »Gut denn,« sagte der Barde, »so vernimm die Wahrheit. – Ich war zu stolz, weder den Meereswogen noch den Walisern einen Anteil an meinem Rachewerk einzuräumen. Wisse auch, obwohl es vielleicht eine Schwäche Cadwallons ist, indem ich mit Dir umging und mich an Dich gewöhnte, schwankte ich zwischen Abscheu und Bewunderung. Ich dachte noch immer an meine Rache, aber als an etwas, das ich wohl nie erfüllen würde. Sie erschien mir mehr wie ein Bild in den Wolken, als wie ein Gegenstand, dem ich einmal näher treten mußte. Und als ich Dich noch heute so fest entschlossen sah, Dein furchtbares Unglück wie ein Mann zu tragen, – so daß Ihr mir dem letzten Turme eines zerstörten Palastes zu gleichen schienet, der noch immer sein Haupt zum Himmel erhebt, indes die stolzen Mauern, die prächtigen Gemächer rings in Trümmern liegen: – da sagte ich im stillen zu mir selbst: Möge es mein eigener Tod sein – den Mann töte ich nicht! Da, eben da – es sind nur einige Stunden verflossen – hättest Du nur die Hand anzunehmen brauchen, die ich Dir bot, so hätte ich Dir gedient, wie ein Diener seinem Herrn. – Ihr wieset sie zurück mit Verachtung – und doch mußte ich mir erst in Erinnerung rufen, wie Ihr im Stolze des normannischen Uebermuts über das Feld hinsprengtet, wo Ihr meinen Herrn erschlugt, ehe in mir wieder der Entschluß fest stand, den Streich zu tun, der Euch zugedacht war und nun wenigstens einen von Eurem gewalttätigen Geschlecht erschlagen hat. – Jetzt will ich keine Fragen mehr beantworten. – Führt mich zum Beil oder zum Galgen! – dem Cadwallon ist es gleich – meine Seele wird bald bei meinen freien, edlen Vorfahren sein.«
»Mein Herr und König,« sagte de Lacy und beugte sein Knie vor Heinrich, »könnt Ihr dieses hören und einem alten Diener eine Bitte abschlagen? – Verschont diesen Menschen! – Löscht nicht ein solches Licht aus, weil es ausschweifend und wild ist.«
»Steh auf, steh auf, de Lacy, und schäme Dich Deiner Bitte!« sagte der König, »Deines Verwandten Blut – das Blut eines edlen Normanns haftet an Hand und Stirn des Welschen. So wahr ich ein gekrönter Fürst bin, er soll sterben, ehe es abgewischt ist. – Fort, zu seiner Hinrichtung, auf der Stelle!« – Cadwallon ward sogleich unter Wache abgeführt.
»Du bist wahnsinnig, de Lacy – Du bist wahnsinnig, mein alter, treuer Freund, so in mich zu dringen,« sagte der König und nötigte de Laey aufzustehen. »Siehst Du nicht, daß ich hierin für Dich Sorge trage. Dieser Randal hat sich durch Freigebigkeit und Versprechungen viele Freunde gemacht, die wohl nicht so leicht zur Vasallenpflicht gegen Dich zurückkehren würden, da Du ganz arm und bar an Macht und Reichtum heimkamst. Hätte er gelebt, wir hätten viele Mühe gehabt, ihn ganz der Macht zu berauben, die er erworben hatte. Wir danken es dem Waliser Mörder, der uns von ihm befreite, aber seine Anhänger würden über falsches Spiel schreien, bliebe der Mörder verschont. Wenn Blut für Blut geflossen ist, wird alles vergessen sein, und ihre Treue wird wiederum in ihrem rechten Bette ihrem rechtmäßigen Lehnsherren zuströmen.«
Hugo de Lacy erhob sich von seinen Knien und versuchte ehrerbietig, die politischen Gründe seines klugen Fürsten zu bekämpfen, die, wie er deutlich sah, weniger seinen Vorteil bezweckten, als vielmehr dazu dienen sollten, bei der Wiedereinsetzung des rechtmäßigen Herrn nach Möglichkeit alle Unruhen zu vermeiden.
Heinrich hörte geduldig seine Gründe an und widerlegte sie mit Gelassenheit, bis die Totentrommel gerührt wurde und die Schloßglocke zu läuten begann. Da führte er de Lacy zum Fenster, auf das, denn es war schon finster, ein starkes, rotes Licht von draußen fiel. Eine Schar Bewaffneter, ein jeder eine brennende Fackel in der Hand, kehrte die Terrasse entlang von der Hinrichtung des wilden, doch hochgesinnten Briten zurück, und der Ausruf: »Lange lebe König Heinrich! so müßten alle Feinde der edlen Normannen sterben!« hallte in die Nacht.
Sechzehntes Kapitel
Man hatte allgemein geglaubt, Eveline Berenger sei nicht unter die Obhut der Aebtissin, ihrer Tante, sondern in strengeren Gewahrsam gebracht worden; aber das war ein Irrtum. Freilich, selbst diese Haft war streng genug; denn unverheiratete Tanten, ob Aebtissinnen oder nicht, sind eben nicht sehr duldsam gegen die Irrtümer, deren man Eveline anklagte; und das unschuldige Mädchen mußte ihr Brot in Scham und Bitterkeit essen. Mit jedem Tag wurde ihre Haft unerträglicher durch den Spott, den sie unter den verschiedensten Gestalten, bald als Mitleid, bald als Trost, bald als Ermahnung erdulden mußte, der aber, seiner Hülle entkleidet, offenbar nichts wie der Ausdruck des Zorns und der Beschimpfung war. Rosens Gesellschaft allein hielt sie aufrecht und auch diese wurde ihr endlich an demselben Morgen entrissen, als so viele wichtige Begebenheiten sich zu Garde Douloureuse ereigneten.
Die junge, unglückliche Lady befragte umsonst eine sauertöpfische Nonne, die an Rosens Stelle erschien, ihr beim Ankleiden zu helfen, warum man ihre Gesellschafterin und Freundin nicht bei ihr ließe. Ueber diesen Punkt behauptete die Nonne ein hartnäckiges Schweigen, warf aber dagegen manche Bemerkungen hin über die Wichtigkeit, die man der eitlen Ausschmückung eines gebrechlichen Kindes, vom Staube geboren, beilege, und über das harte Los, daß eine Braut des Himmels gezwungen sei, ihre Gedanken von ihren höheren Pflichten abzulenken und statt dessen Häkchen zu festigen und Schleier zierlich zu legen.