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Die Aebtissin erzählte indes ihrer Nichte nach der Frühmette, daß ihre Dienerin nicht nur auf eine kurze Zeit von ihr entfernt sei, sondern wahrscheinlich in ein Kloster von der strengsten Regel eingeschlossen würde, da sie ihrer Gebieterin Beistand geleistet habe, Damian de Lacy in ihr Schlafzimmer im Schlosse von Baldringham einzulassen.

Ein Krieger von de Lacys Mannschaft, der bis dahin verschwiegen hatte, was er in jener Nacht gesehen, hatte jetzt zu Damians Unglück geglaubt, sich selbst durch Erzählung der Geschichte einen Vorteil zu verschaffen. Dieser neue Schlag, so unerwartet, so niederwerfend – diese neue Beschuldigung, die so schwer aufzuklären und unmöglich ganz zu widerlegen war, schien Evelinens und ihres Geliebten Schicksal zu besiegeln. Der Gedanke aber, in ihr Verderben ihre innige, treue, hochherzige Dienerin verwickelt zu haben, fehlte noch, sie in einen Zustand zu versetzen, der der Fühllosigkeit der Verzweiflung sich näherte. »Denkt von mir, was Ihr wollt,« sagte sie zu ihrer Tante, »ich will mich nicht länger selbst verteidigen – sagt, was Ihr wollt, ich will nicht mehr antworten – bringt mich, wohin Ihr wollt, ich will nicht länger widerstehen – Gott wird zu seiner Zeit, meinen guten Namen wiederherstellen – möge er meinen Verfolgern vergeben!«

Nach dieser Erklärung schlich Eveline an diesem traurigen Tage auf den leisesten Wink der Aebtissin oder der ihr zur Dienerin beigegebenen Nonne blaß, kalt und schweigend von der Kapelle zum Refektorium, vom Refektorium wieder zur Kapelle, und schien die verschiedenen Entbehrungen, Nutzungen, Ermahnungen und Vorwürfe, denen sie während dieses Tages in einem außerordentlichen Maße ausgesetzt war, nicht mehr zu empfinden, als die Bildsäule von Marmor die Unfreundlichkeit der rauhen Luft und die Regentropfen fühlt, die auf sie fallen und mit der Zeit sie verwüsten und verzehren müssen.

Die Aebtissin, die ihre Nichte liebte, wiewohl sich ihre Zuneigung auf eine sehr quälende Art zeigte, wurde endlich unruhig – nahm den Befehl zurück, Eveline in eine schlechtere Zelle zu setzen, ließ in ihrer eigenen Gegenwart sie zu Bette bringen (worein, wie in alles andere, die junge Lady widerstandslos willigte), und mit einer Art von wiederauflebender Zärtlichkeit küßte sie sie und gab ihr den Segen, als sie das Zimmer verließ. So geringfügig auch dieses Zeichen der Freundlichkeit war, so war es doch unerwartet, und gleich dem Stabe des Moses, öffnete es die verborgene Wasserquelle. Eveline weinte, eine Erleichterung, die ihr den Tag über noch nicht vergönnt gewesen war, – sie betete – und endlich schluchzte sie sich selbst wie ein Kind in Schlaf, nachdem ihr Gemüt dadurch einigermaßen beruhigt worden, daß sie diesen Wogen einer inneren Bewegung einen freien Durchbruch verschafft hatte.

Sie erwachte in der Nacht mehr als einmal, sich ineinandergemischte Träume zurückrufen von Zellen und Burgen, Leichenbegängnissen und Hochzeitsfeier, Wappenkronen, Folter und Galgen; aber gegen Morgen fiel sie in einen sanfteren Schlaf, als ihr bisher zuteil geworden, und auch die Träume wurden sanfter. Unsere Frau von Garde Douloureuse schien in ihren Träumen auf sie herabzulächeln und ihrer Geweihten Schutz zu verheißen. Der Schatten ihres Vaters zeigte sich auch, und mit der Kühnheit der Träumenden betrachtete sie des Vaters Bild mit Ehrerbietung, aber ohne Furcht. – Seine Lippen bewegten sich – sie hörte Worte – ihren Inhalt verstand sie nicht, nur daß sie von Hoffnung, Trost und nahender Glückseligkeit sprachen. Auch glitt leise hinein, die glänzenden blauen Augen auf sie gerichtet, gekleidet in eine Tunika von safrangelber Seide, mit einem himmelblauen Mantel nach altertümlichen Schnitt, eine weibliche Gestalt im höchsten Glanze der Schönheit. Es war, wie es ihr vorkam, die Britin Vanda; aber ihre Gesichtszüge hatten nicht mehr den zürnenden Ausdruck, ihr langes gelbes Haar flog nicht mehr aufgelöst um ihre Schultern, sondern war geheimnisvoll mit Eichenlaub und Misteln durchflochten. Vor allem aber ragte in reizvoller Stellung ihre rechte Hand unter dem Mantel hervor, und es war nicht mehr eine verstümmelte, sondern eine unbefleckte, schön geformte Hand, die die Evelinens drückte. Doch mitten unter diesen Zeichen der Gunst lief ein Schauer durch Evelinens Seele, als die Erscheinung zu wiederholen oder zu singen schien:

Als Gattin, Witwe, als Jungfrau – in Ehe,

Braut, Verräterin, selber verraten, Wehe!

Es ist geschehen, wie's hieß, daß es geschehe.

Gerächt ist also Bandas Wunde:

Nimm hier der Versöhnung Kunde.

Sie beugte sich nieder, als wollte sie Eveline küssen, die in diesem Augenblick aufschrak und erwachte. Und wirklich wurde ihre Hand sanft von einer anderen gedrückt, die so zart und weich war wie ihre eigene. Die blauen Augen und das schöne Haar eines lieblichen Gesichtes, mit verschleiertem Busen und aufgelösten Locken nahte sich in der Tat mit ihren Lippen denen der liebenswürdigen Schläferin im Augenblick des Erwachens; aber es war Rose, in deren Armen Eveline sich fühlte, die ihr Gesicht mit Tränen benetzte, indem sie mit der innigsten Liebe sie zugleich mit Küssen bedeckte.

»Was bedeutet das, Rose?« sagte Eveline. »Gott sei Dank Du bist mir wiedergegeben! Doch was bedeuten diese ausbrechenden Tränen?«

»Laßt mich weinen – laßt mich weinen,« sagte Rose. »Schon lange ist's, daß ich nicht vor Freuden weinte, und lange, hoffe ich, soll es währen, ehe ich wieder vor Kummer weine. – Nachrichten sind in aller Eile von Garde Douloureuse gekommen. – Amelot hat sie gebracht, er ist in Freiheit – sein Herr auch und in hoher Gunst bei Heinrich. – Hört noch mehr – aber laßt es mich nicht so schnell sagen, Ihr werdet blaß!«

»Nein, nein!« sagte Eveline. – »Fahre fort – fahre fort – ich denke, ich verstehe Dich – ich denke so.«

»Der Bösewicht Randal de Lacy, der an allen unseren Leiden schuld ist, wird Euch nicht mehr quälen. Er ist von einem ehrlichen Waliser erschlagen worden, und es tut mir leid, daß sie den Mann für den guten Dienst gehängt haben. Aber die Hauptsache ist, der wackere alte Connetable ist selbst von Palästina zurückgekehrt, ebenso achtungswert als sonst und etwas klüger, als er war; denn es heißt, er wolle seiner Verbindung mit Ew. Herrlichkeit entsagen.«

»Albernes Mädchen!« sagte Eveline, ebenso hoch errötend, als sie zuvor erblaßte. »Scherze nicht bei einer solchen Erzählung. – Aber wie? – Kann dies Wahrheit sein? – Ist Randal wirklich erschlagen? – Der Connetable wirklich zurückgekehrt?«

Nun folgten hastig ausgestoßene Fragen, ebenso hastig und verwirrt beantwortet und vermischt mit Ausbrüchen des Erstaunens, des Danks gegen den Himmel und Unsere Frau, bis das Uebermaß des Entzückens nachließ und in ruhigere Verwunderung überging.

Indessen mußte auch Damian de Lacy Aufklärung erhalten, und die Art, wie er sie empfing, hatte etwas Merkwürdiges. Damian war seit einiger Zeit der Bewohner eines Aufenthalts, den man heutzutage einen Kerker nennen würde, in jenen älteren Zeiten jedoch nur als Haftzelle bezeichnete. Man kann uns vielleicht tadeln, daß wir anerkannte überwiesene Verbrecher mit menschlicherer Wohnung und Nahrung versehen, als sie selbst sich, wenn sie in Freiheit wären, durch fleißige Arbeit würden verdienen können, doch ist dies ein verzeihlicher Irrtum, verglichen mit dem unserer Vorfahren, die Anklage und Ueberführung als gleichbedeutend betrachteten, und den Angeklagten vor der Verurteilung auf eine Weise behandelten, die selbst schon nach einer Anerkennung der Schuld die schärfste Strafe gewesen wäre. Damian war demzufolge trotz seiner hohen Geburt und seinem ausgezeichneten Rang auf eben die Weise, wie man mit dem ruchlosen Verbrecher zu verfahren pflegte, eingekerkert worden. Mit schweren Ketten beladen, erhielt er nur die allergröbste Nahrung und mußte in einer einsamen Zelle, deren klägliches Gerät aus einer schlechten Bettstelle, einem zerbrochenen Tisch und einem Stuhl bestand, über sein Unglück nachsinnen. Ein Sarg – sein Wappen und sein Monogramm befanden sich auf demselben – stand in einem Winkel, ihn an sein nahendes Schicksal zu erinnern, und ein Kruzifix stand in einem andern, ihm anzudeuten, daß es noch eine andere Welt gäbe, jenseit derjenigen, welche sich bald für ihn verschließen würde. Kein Geräusch konnte in die eiserne Stille seines Gefängnisses eindringen – kein Laut, aus dem er sein Schicksal oder das seiner Freunde hätte erraten können. Angeklagt, im offenen Kriege gegen seinen König gefangen worden zu sein, war er dem Kriegsgesetz anheimgefallen, und konnte ohne förmliches Verhör hingerichtet werden; auch erwartete er kein anderes Ende seiner Gefangenschaft.