Diese melancholische Wohnung war nun fast einen Monat Damians Aufenthalt gewesen, als, so sonderbar es scheinen mag, seine Gesundheit, die so sehr unter seinen Wunden gelitten hatte, allmählich sich wiederherzustellen begann. Entweder war ihr die strenge Diät vorteilhaft, zu der er gezwungen war, oder aber die Gewißheit, wie traurig sie sein mag, ist mancher Natur zuträglicher, als der fiebrische Kampf zwischen Leidenschaft und Pflicht. Doch schien jetzt das Ende seiner Gefangenschaft nahe bevorzustehen; sein Wärter, ein grämlicher Sachse aus der niedrigsten Klasse, begann ihn, wortreicher, als er gewöhnlich war, zu ermahnen, daß er sich auf eine baldige Veränderung seines Zustandes gefaßt machen sollte, und der Ton, in dem er sprach, überzeugte den Gefangenen, daß keine Zeit zu verlieren sei. Er forderte einen Beichtvater, und der Gefangenenwärter, obwohl er ohne Antwort sich entfernte, schien durch sein Benehmen anzudeuten, daß dieses Verlangen wohl erfüllt werden würde.
Am nächsten Morgen zu einer ungewöhnlich frühen Stunde, ließ sich das Rasseln und Knarren von Ketten und Riegeln hören, und Damian wurde aus dem bisher ununterbrochenen Schlaf erweckt, den er seit ein paar Stunden genossen hatte. Seine Augen richteten sich auf die langsam sich öffnende Türe, als erwarte er den Scharfrichter und seine Gehilfen; aber der Kerkermeister führte einen kräftigen, gedrungenen Mann in Pilgerkleidung herein.
»Ist es ein Priester, den Ihr mir bringt, Wärter?« fragte der unglückliche Gefangene.
»Er kann die Frage am besten selbst beantworten,« sagte der mürrische Beamte und entfernte sich sogleich.
Der Pilger blieb gleich beim Eingang stehen, mit dem Rücken nach dem kleinen Fenster oder sogenannten Luftloch, durch das die Klause nur ein sehr unvollkommenes Licht empfing, und blickte scharf auf Damian hin, der auf dem Rande seines Bettes saß, und dessen bleiche Wangen und verworrene Haare in traurigem Einklang mit seinen schweren Ketten standen. Er erwiderte den Blick des Pilgers, aber das unvollkommene Licht ließ ihn nur soviel sehen, daß der Fremde ein kräftiger alter Mann sei, der die Jakobsmuschel an seinem Hute trug, zum Zeichen, daß er über das Meer gefahren war, und einen Palmenzweig in der Hand hatte, zum Zeichen, daß er das heilige Land besucht habe.
»Benedicite, ehrwürdiger Vater,« sagte der junge Mann. »Seid Ihr ein Priester, und kommt Ihr, mein Gewissen zu entlasten?«
»Ich bin kein Priester,« erwiderte der Pilger, »sondern einer, der Euch sehr trostlose Nachrichten bringt.«
»Ihr bringt sie einem, dem Trost schon lange etwas Fremdes ist, und an einem Orte, der ihn niemals kannte,« erwiderte Damian.
»Nm so freimütiger kann ich in meiner Mitteilung sein,« sagte der Pilger. »Wer sich in Betrübnis befindet, wird leichter böse Nachrichten ertragen, als der, den sie mitten in Zufriedenheit und Wohlsein überraschen.«
»Aber die Lage eines Elenden,« sagte Damian, »kann noch elender werden durch Ungewißheit. Ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, das Schlimmste mit einem Wort auszusprechen. – Kommt Ihr, das Todesurteil dieser armseligen Gestalt anzukündigen, so möge Gott der Seele gnädig sein, die so gewaltsam von ihr losgerissen wird.«
»Ich habe keinen solchen Auftrag,« sagte der Pilger. – »Ich komme aus dem heiligen Lande, und beklage es um so mehr, Euch hier zu finden, weil meine Botschaft für den freien und reichen Damian de Lucy bestimmt war.«
»Von meiner Freiheit,« sagte Damian; »laß diese Ketten, von meinem Reichtum dieses Gemach sprechen. – Doch melde Deine Neuigkeiten! – Sollte mein Oheim, denn ich fürchte, Deine Erzählung betrifft ihn, meines Arms und meines Vermögens bedürfen, so enthalten dieser Kerker und meine Erniedrigung mehr Qualen, als ich geglaubt hätte.«
»Euer Oheim, junger Mann,« sagte der Pilger, »ist ein Gefangener, ich wollte vielmehr sagen, ein Sklave des großen Sultans, in dessen Hände er in einer Schlacht fiel, wo er sich ungemein auszeichnete, obwohl es ihm nicht möglich war, die Niederlage der Christen abzuwenden. Er wurde gefangen genommen, als er den Rückzug deckte, doch erst, nachdem er, zu seinem Unglück, wie sichs nachher auswies, Hassan Ali, den Liebling des Sultans, erschlagen hatte. Der grausame Heide ließ den würdigen Ritter in noch schwerere Eisen schlagen, als Ihr ertragt, und gegen seinen Kerker ist dies ein Palast. Des Ungläubigen erster Entschluß war, den tapfern Connetable den furchtbarsten Tod, den seine Peiniger nur erfinden konnten, leiden zu lassen. Aber er erfuhr, daß es ein Mann von großem Reichtum und Einfluß sei' und so hat er ein Lösegeld von zehntausend goldenen Byzanthinern gefordert. Euer Oheim erwiderte ihm, daß eine solche Zahlung ihn gänzlich arm machen und ihn zwingen würde, alle seine Ländereien loszuschlagen, wobei ihm dann auch Zeit gewährt werden müßte, sie zu Gelde zu machen. Der Sultan versetzte, daß ihm wenig daran gelegen wäre, ob ein Hund, wie der Connetable, fett oder mager würde, und daß er dennoch auf den vollen Betrag des Lösegeldes bestehe. Doch so viel gab er nach, die Zahlung in drei Terminen annehmen zu wollen, unter der Bedingung, daß zugleich mit dem ersten Teil des Geldes der nächste Verwandte und Erbe de Lacys ihm als eine Geisel für die noch fällige Schuld überliefert würde. Unter dieser Bedingung willigte er ein, daß Euer Oheim in Freiheit gesetzt werden sollte, sobald Ihr in Palästina mit dem Gelde angelangt wäret.«
»Nun mag ich mich erst recht in der Tat unglücklich nennen,« sagte Damian, »daß ich meinem Oheim, der mir Waisenkind immer ein Vater gewesen, nicht Liebe und Treue zeigen kann.«
»Es wird das ohne Zweifel eine schwere Enttäuschung für den Connetable sein,« sagte der Pilger. »Da er sich ungemein sehnte, in dieses glückliche Land zurückzukehren, um seine Vermählung mit einem Fräulein von hoher Schönheit und großem Reichtum zu vollziehen.«
Damian schauderte zusammen, daß seine Fesseln klirrten, antwortete aber nichts.
»Wäre er nicht Euer Oheim,« fuhr der Pilgrim fort, »und als ein verständiger Mann sehr wohl bekannt, so sollte ich denken, hierin sei er nicht ganz klug zu Werke gegangen. Wie er auch vorher in England gewesen sein mag, zwei Sommer, im Kriege und in Palästina zugebracht, und ein dritter in der qualvollen Entbehrung eines heidnischen Gefängnisses, haben einen gar trübseligen Bräutigam aus ihm gemacht.«
»Ruhig, Pilgrim,« sagte de Lacy mit gebietendem Tone. »Es geziemt Dir nicht, einen edlen Ritter wie meinen Oheim zu beurteilen, noch geziemt es mir, daß ich auf Eure Bemerkungen höre.«
»Ich bitte um Verzeihung, junger Mann,« sagte der Pilger. »Ich hatte dabei nur Euer Bestes im Auge. Für Euch kann es doch wohl nicht von Vorteil sein, wenn Euer Oheim einen leiblichen Erben bekommt.«
»Schweige, niedriger Mensch!« sagte Damian. »Beim Himmel, ich denke schlechter von meiner Klause als zuvor, seit ihre Türen sich einem solchen Ratgeber öffneten, und schlechter von meinen Ketten, weil sie mich daran hindern, ihn zu züchtigen. – Mach', daß Du davon kommst, ich bitte Dich.«
»Nicht eher, als bis ich Eure Antwort für Euren Oheim habe,« antwortete der Pilger. »Mein Alter verachtet den Zorn Deiner Jugend, wie der Fels den Schaum, den der Bach gegen ihn spritzt.«
»So sagt meinem Oheim,« antwortete Damian. »Ich bin selbst ein Gefangener, sonst käme ich zu ihm geeilt. – Ich bin ein seines Vermögens beraubter Bettler, sonst wollte ich ihm alles bringen, was mein ist.«