»Solche tugendhaften Vorsätze sind leicht und keck ausgesprochen,« sagte der Pilger, »wenn der, der sie ausspricht, weiß, daß er nicht aufgefordert werden kann, die Prahlerei seiner Zunge wahrzumachen. Aber konnte ich Dir die Wiederherstellung Deines Reichtums und Deiner Freiheit verkünden, da will ich meinen, Du würdest es Dir noch einmal klüglich überlegen, ehe Du in der Tat das Opfer brächtest, daß Du in Deiner gegenwärtigen Lage so glattweg versprichst.«
»Verlasse mich, ich bitte Dich, alter Mann,« sagte Damian. »Deine Gedanken können die meinigen nicht fassen – geh und füge zu meinem Unglück nicht noch Schmähungen, die ich nicht zu rächen imstande bin.«
»Aber wie, wenn ich die Gewalt hätte. Dich wieder zum freien reichen Manne zu machen, würdest Du mir dann erlauben, Dich an Deine gegenwärtige Prahlerei zu erinnern? – Ist dem aber nicht so, so kannst Du auf meine Verschwiegenheit bauen, nie werde ich die verschiedenen Gesinnungen des gefangenen und freien Damian verraten.«
»Was meinst Du damit? oder hast Du überhaupt nur im Sinne, mich zu martern?« fragte der Jüngling.
»Nicht also,« antwortete der Pilger und zog aus seinem Busen eine Pergamentrolle hervor, an welcher ein großes Siegel befestigt war. – »Wisse, Dein Vetter Randal ist auf eine seltsame Weise erschlagen worden, und auf ebenso seltsame Art kam seine Verräterei gegen den Connetable und Dich ans Licht. Um Dich für Deine Leiden zu entschädigen, hat der König Dir hiermit die volle Verzeihung gewährt und Dich mit dem dritten Teil der weitläufigen Besitzungen belehnt, die durch Randals Tod der Krone anheimgefallen sind.«
»Und der König hat mir auch meine Freiheit zurückgegeben?« rief Damian aus.
»Von diesem Augenblicke an – auf der Stelle« – sagte der Pilger – »schaut auf dieses Pergament! – Betrachtet des Königs Handschrift und Siegel!«
»Ich muß einen bessern Beweis haben. – Hierher!« rief er aus und rasselte zugleich mit den Ketten. – »Hierher, Du Murrkopf, Du Wärter, Sohn eines sächsischen Wolfshundes!«
Der Pilger, an die Tür schlagend, unterstützte diese Bemühung, den Schließer herbeizurufen, der alsbald eintrat.
»Du, Kerkermeister!« rief Damian sehr ernst, »bin ich noch Dein Gefangener oder nicht?«
Der grämliche Kerkermeister befragte den Pilger mit einem Blick und antwortete dann dem Damian, daß er frei sei.
»Daß Dich der Henker hole, Sklave!« sagte Damian ungeduldig, »Warum umspannen diese Ketten noch die freien Glieder eines normannischen Edlen? Jeder Augenblick, den sie ihn noch fesseln, wiegt eine ganze Lebenszeit eines solchen dienstbaren Leibeigenen, wie Du bist, auf!«
»Sie sind bald abgenommen, Sir Damian,« sagte der Mann. »Ich bitte nur um Geduld. Erinnert Euch nur, daß noch vor zehn Minuten ihr wenig Ursache hattet, zu denken, diese Armbänder würden jemals zu anderm Zweck abgenommen werden, als um Euch zum Schafott zu führen.«
»Ruhig, verfluchter Hund!« sagte Damian, »und beeile Dich! – Und Du, der Du mir diese gute Kunde gebracht hast, ich vergebe Dir Dein voriges Betragen. Du dachtest ohne Zweifel, es sei gut getan, mir noch in den Banden Versprechungen abzulocken, die zu erfüllen mir die Ehre gebieten würde, sobald ich mich in Freiheit befände. Der Argwohn hatte allerdings etwas Beleidigendes, doch Deine Absicht war ja, meines Oheims Freiheit zu sichern.«
»Und ist es denn wirklich Euer Vorsatz,« sagte der Pilger, »Eure neugewonnene Freiheit zu einer Reise nach Syrien anzuwenden und Euer englisches Gefängnis gegen den Kerker des Sultans zu vertauschen?«
»Wenn Du selbst mein Führer sein willst, so sollst Du nicht sagen, daß ich nur einen Augenblick auf der Reise säumte.«
»Und das Lösegeld,« sagte der Pilger, »wie soll das herbeigeschafft werden?«
»Wie? Wie anders als von den Gütern, die dem Namen nach mir verliehen, nach Wahrheit und Recht meinem Oheim gehören und zuerst zu seinem Nutzen angewendet werden müssen.
Wenn ich mich nicht sehr irre, so wird mir jeder Jude oder Lombarde die nötige Summe auf diese Sicherheit hin vorschießen. Darum, Du Hund!« fuhr er, gegen den Gefangenwärter gewendet, fort, »schließ die Klammern etwas schneller um, fürchte nicht, daß Du mir Schmerzen machen konntest, nur zerbrich mir nicht die Glieder!«
Der Pilger sah eine kleine Weile zu, wie verwundert über Damians festen Entschluß. Dann rief er aus: »Ich kann des alten Mannes Geheimnis nicht langer bewahren – eine solche hochherzige Großmut soll nicht das Opfer werden. – Höre nur, braver Sir Damian, ich habe noch ein mächtiges Geheimnis Dir zu vertrauen, und da dieser sächsische Bauer kein Französisch versteht, so kann ich es Dir in seiner Gegenwart sagen. Wisse, Dein Oheim ist ebensosehr in seinem Charakter verändert, wie sein Körper schwach und gebrechlich geworden ist. Verdrießliches Wesen und Eifersucht haben Besitz von einem Herzen genommen, das einst männlich und großmütig war. Sein Leben geht nun auf die Neige, und es tut mir leid, es zu sagen, diese Neige ist verdorben und bitter.«
»Ist das Dein mächtiges Geheimnis?« sagte Damian, »daß Menschen alt werden, weiß ich, und wenn mit Schwäche des Körpers auch Schwache des Geistes oder Gemütes eintritt, so fordert ihr Zustand um so mehr die pflichttreue Aufmerksamkeit derer, die durch Bande des Bluts oder der Liebe den Kranken nahe stehen.«
»Aber des Connetable Herz ist voll Gift gegen Dich, weil ihm von England aus zu Ohren gekommen ist, daß zwischen Dir und seiner verlobten Braut Eveline Berenger ein Liebesverhältnis bestände. – Ha! habe ich jetzt den rechten Fleck getroffen?«
»Nicht im geringsten,« sagte Damian, alle Kraft aufbietend, mit der das Bewußtsein seiner Unschuld ihn zu beseelen vermochte. – »Der Bursch da berührte nur etwas unsanft mein Schienbein mit seinem Hammer. – Fahr fort! – Mein Oheim vernahm diesen Bericht und hielt ihn für wahr?«
»Er hielt ihn für wahr,« entgegnete der Pilger, »das kann ich wohl versichern, da er keinen seiner Gedanken vor mir verbarg. Aber er bat mich, sorgfältig Euch seinen Argwohn zu verhehlen. Sonst, sagte er, wird der junge Wolf sich schwerlich in die Falle wagen, um den Alten zu befreien. Ist er aber erst einmal hier in meinem Gefängnisse, fuhr Euer Oheim fort, dann mag er hier vermodern und umkommen, ehe ich einen Pfennig zur Befreiung des Liebhabers meiner Verlobten sende.«
»Das sollte mein Oheim im Ernst denken!« sagte Damian, höchst bestürzt. »Er konnte so verräterisch gesinnt sein, mich in der Gefangenschaft zu lassen, in die ich freiwillig ging, um ihn zu erlösen? – Pah! das kann nicht sein!«
»Schmeichelt Euch nicht mit falscher Hoffnung,« sagte der Pilger. »Geht Ihr nach Syrien, so geht Ihr zu ewiger Gefangenschaft, während Euer Oheim zum Besitz seines nur um ein weniges verminderten Reichtums zurückkehrt und Eveline Berenger heiratet!«
»Ha!« rief Damian aus, und einen Augenblick zu Boden sehend, fragte er den Pilger mit unterdrückter Stimme, was er ihm in dieser äußersten Not zu tun rate.
»Die Sache ist ganz einfach nach meiner geringen Meinung,« entgegnete der Pilger. »Niemand ist an seine Treue gegen diejenigen gebunden, die selbst keine gegen ihn zu beobachten gedenken. Kommt diesem Verrat Eures Oheims zuvor, laßt sein ohnehin noch kurzes und schwaches Dasein in jener verpesteten Klause vermodern, zu der er Eure jugendliche Kraft verdammen will. Die königliche Gnade hat Euch Ländereien genug zu einem ehrenvollen Auskommen angewiesen; und warum wollt ihr nicht damit die von Garde Douloureuse vereinigen? – Eveline Berenger, wenn ich nicht sehr irre, wird schwerlich Nein sagen. Ja, noch mehr, ich will meine Seele darauf verwetten, sie sagt Ja; denn ich bin genau von ihren Gesinnungen unterrichtet. Was ihre Verlobung anbetrifft, ein Wort von König Heinrich an seine Heiligkeit den Papst, die beide jetzt gerade voll Freude über ihre Versöhnung sind, wird von dem Pergament den Namen Hugo verwischen und Damian an seine Stelle setzen!«