»Ganz bestimmt,« erwiderte Dinmont, »ist doch in der ganzen Grafschaft des Redens davon kein Ende gewesen! Der Sensenmann holte ihn gerade an dem Vormittag, als sein Gut versteigert werden sollte. Infolgedessen wurde die Versteigerung ausgesetzt, und viele Leute hatten den Weg dorthin umsonst gemacht ...Es ging auch die Rede, er sei der letzte des alten Geschlechts, und wohl keinen hat's gegeben, der ihn nicht von Herzen beklagt hätte ...aber was ist dagegen zu machen? Das adelige Blut wird nun einmal in Schottland von Jahr zu Jahr spärlicher.«
»Gestorben!« wiederholte die Alte, in welche der Leser wohl schon die alte Bekannte von ihm, mit Namen Meg Merrilies, wiedererkannt haben dürfte ...»Gestorben! Na, das gleicht vieles aus ... Und ohne Erben, sagt Ihr, sei er gestorben?« »Jawohl, Frau,« sagte der Pächter, »und ebendeshalb ist ja doch das Gut und alle Habe unter den Hammer gekommen! Wäre ein Erbe dagewesen, hieß es, so hätt's zu keiner Versteigerung kommen können.«
»Versteigert!« rief die Zigeunerin in einem Tone, der sich fast wie ein unartikulierter Schrei anhörte, »wer hat's gewagt, auf Ellangowan zu bieten, der nicht von Bertrams Blute war? ...und wer hat sagen können, daß der schmucke Junker nicht zurückkäme, sein Erbe in Anspruch zu nehmen? ...Wer hat's gewagt, Gut und Schloß Ellangowan an sich zu bringen?«
»Ich glaube, Frau, es ist einer von dem Schreibervolk, Glossin mit Namen, glaub' ich.«
»Glossin? Gibbin Glossin? Daß mich doch gleich ...! den Wicht hab' ich ja, weiß der Teufel wieviel mal im Korbe getragen, war doch seine Mutter kein Haar vornehmer als ich! Dieser Wicht wagt die Baronie Ellangowan zu kaufen? ... Jesus! ist das eine Welt geworden! viel Gutes hab ich dem Wicht ja nie gewünscht, aber solches Unglück doch, weiß Gott! auch nicht! Der bloße Gedanke verursacht mir Herzspannen!« – Sie schwieg eine Weile, wehrte aber dem Pächter, als er gehen wollte, mit der Hand, da er ihr bei jedem Absatz, den sie in ihrer Rede machte, den Rücken drehte, aber jedesmal wieder gutmütig stehen blieb, wenn er sah, welch regen Anteil sie an seinen Antworten nahm.
»Da wird man ja bald weiteres hören und sehen, denn Erd und Meer werden ja nicht länger Ruh und Frieden halten ...Wißt Ihr, ob derselbe Mann noch Sheriff in der Grafschaft ist, der es vor einigen Jahren war?«
»Nein, der soll nach Edinburg versetzt worden sein ...aber, meiner Sixen, Frau, jetzt muß ich weg.«
Sie folgte ihm zu seinem Pferde, und während er dasselbe sattelte, bestürmte sie ihn in einemfort mit Fragen über den Tod des Laird Bertram und das Schicksal von seiner Tochter, worüber sie aber von dem ehrlichen Manne nicht viel erfahren konnte.
»Habt Ihr 'mal einen Ort gesehen, Derncleugh mit Namen, ein knappes halbes Stündchen von Ellangowan?«
»O ja, Frau, aber das Nest sieht schlimm aus, alle Hütten sind verfallen, auf keiner mehr sitzt das Dach; ich war mit einem dort, der hindurchritt, um sich den Grund und Boden anzusehen, weil er die Absicht hatte, sich dort anzukaufen.«
»Es war einmal eine trauliche Stätte,« sprach die alte Frau vor sich hin, »aber das ist geraume Zeit her ... Habt Ihr vielleicht eine alte Weide dort gesehen, so gut wie umgebrochen, aber noch im Erdreiche wurzelnd und grüne Zweige treibend ... dort hab ich manchen Tag gesessen und gestrickt.«
»Mit der alten Frau scheint's nicht richtig zu sein, denn sonst schwatzte sie wohl nicht in einem weg von Weidenbäumen und von Ellangowans .. Na, Frau, jetzt muß ich aber fort, Gott befohlen! Da habt Ihr ein paar Pence, kauft Euch ein halbes Maß Hausbier, aber befaßt Euch nicht soviel mit alten Geschichten, das tut nie gut!«
»Schönen Dank, mein Herr! Nun will ich Euch auch einen guten Rat geben, da Ihr mir auf all meine Fragen so bereitwillig geantwortet habt. Aber Ihr dürft nicht fragen, warum ich Euch den Rat gebe. Die Mumps wird gleich wieder da sein, die Tib, die Wirtin, meine ich, und die wird Euch fragen, ob Ihr Euren Weg über die Willies-Heide oder über das Conscowthart-Moor nehmen wollt .. sagt Ihr, was Ihr wollt; bloß nehmt Euch in acht« – setzte sie hinzu, die Stimme senkend, »daß Ihr den Weg nicht reitet, den Ihr ihr sagt.«
Der Pächter mußte lächeln, sagte aber, daß er ihren Rat nicht unbeachtet lassen wolle. Während die Zigeunerin beiseite trat, fragte Brown, der dem Gespräch aufmerksam zugehört hatte, ob er sich wirklich nach dem Rate zu richten gedenke ...
»Weiter fehlte nichts!« antwortete der Pächter, hell auflachend, »dazu ist mir die alte Hexe denn doch zu schmutzig! Nein, da redete ich doch noch lieber mit der Tib Mumps als mit ihr .. wiewohl ihr auch nicht über den Weg zu trauen ist, und wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, dann bleibt in dem Hause hier nicht über Nacht!«
Im andern Augenblick erschien die Wirtin mit dem Abschiedskruge, dem eifrig zugesprochen wurde. Sie fragte, wie die Meg gesagt, ob der Pächter über die Höhe oder durchs Moor reiten wolle; er sagte, durchs Moor, grüßte Brown aufs freundlichste, sagte nochmals, daß er drauf rechne, ihn spätestens morgen in Charlieshope zu sehen, und ritt dann im schnellsten Trabe von dannen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Brown zahlte kurz darauf gleichfalls seine Zeche, denn er war willens, dem Rate des Pächters gemäß zu handeln. Ehe er aber den Fuß aus der Stube setzte, konnte er nicht umhin, die Zigeunerin nochmals zu mustern: sie war wirklich dieselbe Hexe, die wir vor so vielen Jahren zum ersten Male in Ellangowan getroffen. Freilich hatte die Zeit ihre Rabenlocken grau gefärbt und ihrem wilden Gesicht die Runzeln nicht erspart; aber die hohe Gestalt hatte sie noch immer, wie damals, und an Elastizität hatte sie auch noch nichts eingebüßt. Sie stand am Fenster, mit leicht rückwärts geneigtem Kopfe, so daß die große Haube, die sie trug, ihre Augen nicht behindern konnte, den Wanderer genau zu betrachten. Es war, wie wenn sie durch jede Gebärde, die er machte, durch jeden Klang seiner Stimme auf das tiefste ergriffen würde. Aber auch er war nicht weniger seltsam berührt von der Wahrnehmung, daß er den Blick gleichfalls nicht ohne eine seltsame Erschütterung aus diese alte Frau richten konnte ... »Ist mir dieses Weib im Traum erschienen, oder ruft es mir Gestalten in die Erinnerung, die ich in den Pagoden Indiens gesehen?« So sprach er bei sich selbst; und während die Wirtin das zum Herausgeben auf die ihr von Brown gereichte Guinee notwendige Silbergeld zusammensuchte, sah er plötzlich, daß die Zigeunerin auf ihn zutrat, und fühlte, wie sie ihn bei der Hand nahm. Er war keiner anderen Meinung, als daß sie ihm werde wahrsagen wollen, indessen schienen es andere Gefühle zu sein, die sie jetzt beschäftigten.
»Sagen Sie mir, junger Herr, um Gottes willen sagen Sie mir, wie Sie heißen und woher Sie kommen.«
»Ich heiße Brown, liebe Mutter, und komme direkt aus Ostindien.«
»Aus Ostindien!« wiederholte sie, dann ließ sie seufzend seine Hand fallen ...»so kann es nicht sein! Nein, dann kann es nicht sein! Aber ich bin nun einmal solche Närrin geworden, daß mir alles, was ich sehe, als dasjenige vorkommt, was ich gern sehen möchte. Aber Ostindien! Nein, nein, dann kann's nicht der Fall sein! Nun, seien Sie, wer sie wollen, junger Herr, aber Sie haben ein Gesicht und eine Stimme, die meinen Geist in alte Zeiten zurückversetzt ...Gott befohlen, junger Herr! Beeilen Sie Ihre Weiterreise; und sollten Sie ja einmal Leuten von unserer Rasse begegnen, dann mischen Sie sich in nichts, was sich Ihren Augen zeigt, und Sie werden unbehelligt bleiben.«
Brown hatte mittlerweile sein einzelnes Geld bekommen und drückte der Zigeunerin einen Schilling in die Hand; dann sagte er der Wirtin guten Tag und schlug denselben Weg ein, wie der Pächter, und schritt rüstig vorwärts, den frischen Hufspuren entlang, die das Roß des andern ins Erdreich gedrückt. Meg Merrilies sah ihm eine Zeitlang nach; dann murmelte sie vor sich hin: »Ich muß den Burschen wiedersehen – und kann auch nach Ellangowan zurückgehen. Der Laird ist tot, wohlan! Tod begleicht Schulden – und einstens war er ja auch ein freundlicher Mann. – Der Sheriff ist versetzt; also kann ich mich wieder dort aufhalten – ohne zu riskieren, daß ich wieder eingesperrt werde. – Ja, das schöne Ellangowan muß ich noch einmal sehen, eh' ich sterbe.«