»Ei, Beau-Séant?« erwiderte der König. »Nun, gegen den läßt sich nichts sagen! Er versteht sich auf die Anordnung der Schlacht und kämpft, wenn sie beginnt, in den vordersten Reihen. Aber wäre es recht, dem heidnischen Saladin, der so ausgezeichnet an Tugenden ist, wie es nur ein Heide sein kann, das heilige Land zu entreißen, um es dem Giles Amaury zu geben, dem ärgsten aller christlichen Heiden, einem Götzendiener, Teufelsanbeter, Geisterbeschwörer?« – »Des Hospitaliter-Großmeisters Ruf ist frei von Tadel,« sagte Thomas von Vaux.
»Ist er aber nicht ein schmutziger Geizhals?« rief Richard heftig. »Hat man ihn nicht in Verdacht, daß er den Ungläubigen Vorteile verschachert, die sie durch eigene Kraft nie errungen hätten? Still, Freund! Besser, das Heer venetianischen Schiffern und lombardischen Krämern zu überantworten als solchem Großmeister!« – »Wohlan, noch einen anderen Vorschlag,« entgegnete Thomas von Vaux. »Was sagt Ew. Majestät zu dem tapfern Marquis von Montserrat? dem weisen, stolzen, wackeren Kriegsmann?«
»Weise? listig? meinst Du,« erwiderte Richard; »stolz? im Boudoir der Damen, ja! Konrad von Montserrat! wer kennt nicht diesen Papagei? er ändert ja seine Vorsätze, wie die Fransen an seinem Wams! Der ein Krieger? Eine schöne Figur, wenn er zu Pferde sitzt, ja! Auf dem Turnierplatz und vor den Schranken, auf stumpfe Schwerter und Pappschilder, steht er seinen Mann! aber um Jerusalem zu erobern?...« – »Nun, ich sehe schon, wie die Sachen stehen. Wir werden eben erst hoffen dürfen, am heiligen Grabe zu beten, wenn der Himmel König Richard wieder genesen läßt.«
Richard brach in Lachen aus, zum erstenmal seit langer Zeit. »Es ist doch wunderlich bestellt mit dem Gewissen,« sagte er, »wenn selbst ein so schwerfälliger Patron, wie Du, seinem Fürsten das Geständnis seiner Torheit ablocken kann! Wahrlich, läge es nicht in ihrer Absicht, meinen Feldherrnstab zu führen, so früge ich nicht viel danach, den Puppen, die Du mir der Reihe nach zeigtest, ihre seidenen Zierate abzureißen. Was kümmert mich der Flitterstaat, worin sie einherstolzieren, falls sie nicht als Nebenbuhler in dem ruhmvollen Unternehmen auftreten, dem ich mich gewidmet habe! Ja, Thomas, ich gestehe meine Schwäche und meinen eigensinnigen Ehrgeiz. Ohne Zweifel enthält das christliche Lager manchen besseren Ritter als Richard von England; und klug und geziemend wäre es, dem besten unter ihnen die Führung des Heeres zu vertrauen; aber,« fuhr er fort, sich im Bette aufrichtend, und die Decke hastig von sich werfend, während sein Auge, wie am Vorabend einer Schlacht, funkelte, »wenn solch ein Ritter das Kreuz-Panier auf den Zinnen von Jerusalem aufpflanzen sollte, und ich könnte zu dem edlen Werke das meinige nicht beitragen, so forderte ich ihn, sobald ich wieder die Lanze führen könnte, auf Leben und Tod! Doch, horch! was ertönen dort in der Ferne für Trompeten?« – »Vermutlich König Philipps Trompeten,« entgegnete der tapfere Engländer. – »Du hörst schwer, Thomas,« rief der König, indem er versuchte, sich aufzurichten. »Hörst Du nicht das Klirren und Klingeln? Bei Gott, die Türken sind im Lager. Ich höre ihr Kriegsgeschrei!« Er versuchte von neuem, sich aufzurichten, und Thomas von Vaux mußte alle Kraft aufbieten, um ihn zurückzuhalten. – »Du bist ein treuloser Verräter, Thomas von Vaux,« rief der Monarch entrüstet, als er erschöpft auf sein Lager sank. »O, wenn ich doch nur Kräfte genug hätte, Dir mit meiner Streitaxt das Gehirn zu zerschmettern!« – »Ich wünschte, Ihr besäßet sie, edler Lehnherr,« entgegnete Thomas von Vaux, »denn für die Christenheit war es ein großer Vorteil, wenn Thomas Multon tot und Richard Löwenherz gesund wäre.« – »Mein wackerer Diener,« versetzte Richard, die Hand ausstreckend, die der Baron ehrerbietig küßte. »Vergib Deinem Herrn die Ungeduld und Heftigkeit! Es ist das brennende Fieber, das Dich schilt, und nicht Dein Dir wohlgesinnter Herr, Richard von England. Aber geh, bitte! und bringe mir Nachricht, was für Fremde im Lager sind; denn dieses Getöse rührt nicht von Christen her.«
Thomas von Vaux verließ das Zelt, befahl aber den Pagen und Dienern des Kämmerers, während seiner Abwesenheit ein doppelt wachsames Auge auf ihren Gebieter zu haben.
Siebentes Kapitel
Schottische Krieger hatten sich in beträchtlicher Zahl dem Heere der Kreuzfahrer angeschlossen, natürlich unter dem Befehl des englischen Monarchen, da sie, wie seine einheimischen Truppen vom sächsischen und normannischen Stamme, die gleiche Sprache redeten, einige unter ihnen sowohl in Schottland als England Güter besaßen, ja mitunter durch Bande des Mutes mit Engländern verwandt waren. Es war eben noch die Zeit vor Eduard dem Ersten, dessen unersättlicher Ehrgeiz den Haß zwischen diesen beiden Völkern ein und derselben Insel säen sollte. Zudem war König Richard jederzeit redlich bemüht, zwischen den ihm unterstellten Truppen eine versöhnliche Stimmung zu erhalten. Aber während seiner Krankheit und infolge der ungünstigen Lage, in welcher sich die Kreuzfahrer befanden, wuchs Zwietracht unter den verschiedenen Völkern empor, die sich zu dem Kreuzzuge zusammengeschart hatten. Schotten und Engländer, gleich eifersüchtig und gleich stolz, wie gleich empfindlich gegen Beleidigungen, nützten den Waffenstillstand, der ihnen Rache an den Sarazenen zu nehmen wehrte, zu Fehden und Streitigkeiten unter sich. Und wie unter ihnen, verhielt es sich zwischen Franzosen und Engländern, Italienern und Deutschen, selbst zwischen Dänen und Schweden. Unter den englischen Rittern, die ihrem Könige nach Palästina gefolgt waren, wollte Thomas von Vaux am wenigsten von den Schotten, wissen. Als ihr Nachbar war er von jeher mit ihnen in Fehden verwickelt gewesen, hatte manches Unheil über sie gebracht, auch nicht wenig von ihnen erlitten. Soviel es anging, mied er allen Umgang mit seinen schottischen Waffenbrüdern, verhielt sich ihnen gegenüber mürrisch und maß sie, wenn er sie auf dem Marsche oder im Lager traf, in der Regel mit verächtlichen Blicken. Die schottischen Barone und Ritter mochten sich das nicht gefallen lassen, und es kam so weit, daß er als der erklärte Feind ihres Volkes galt.
Thomas von Vaux stand nur wenige Schritte vom Eingang zum königlichen Zelte, als er die Musik vernahm, die von den Pfeifen, Schallmeien und Trommeln der Sarazenen herrührte, und die das schärfere Öhr des englischen Königs schon minutenlang früher vernommen hatte. Bald nachher sah er im Hintergrunde einer Reine von Zelten, die einen breiten Weg zu Richards Pavillon bildeten einen Haufen müßiger Landsknechte um den fast im Mittelpunkte, des Lagers befindlichen Platz versammelt, woher die Töne drangen. Erstaunt sah er unter den Helmen von mancherlei Form, welche die Kreuzfahrer der verschiedenen Völker trugen, weiße Turbane und lange Spieße: sichre Anzeichen für die Anwesenheit bewaffneter Sarazenen, sowie mit ihren langen Hälsen über die Menge hinwegragend, große, ungestalte Köpfe von Kamelen und Dromedaren. Betroffen von einem so unerwarteten und seltsamen Anblick – denn es war Brauch, während der Dauer des Waffenstillstandes alle Waffen und Merkzeichen an einem bestimmten Orte, fern vom Feinde, außerhalb der Schranken zu lassen – sah sich der Baron ängstlich nach Aufklärung um. Der Ritter, der zuerst auf ihn zukam, war an seinem gravitätischen, stolzen Gange als Spanier oder Schotte auf den ersten Blick kenntlich... »Es ist doch ein Schotte,« murmelte Thomas von Vaux, als der Rittet näher herankam, »und zwar der Ritter vom Leoparden. Für einen Schotten sah ich ihn die Lanze gar nicht übel führen.« Aber er fühlte sich nicht gestimmt, das Wort an den schottischen Ritter zu richten und war schon im Begriff, ihn mürrisch vorübergehen zu lassen, als der Schotte auf ihn zuritt und ihn anredete: »Mein Herr Baron von Gilsland,« sagte er, »ich soll mit Euch sprechen.« – »Mit mir?« entgegnete der englische Baron. »Nun, so sagt, was Euch beliebt, so kurz wie möglich, ich bin hier im Auftrag des Königs.« – »Meine Botschaft geht König Richard noch näher an,« versetzte Ritter Kenneth... »ich bringe ihm hoffentlich Gesundheit.«