»Lord Gilsland,« sagte der Marquis in normannischem Französisch, »Ihr wißt doch, daß wir hier sind, um von seiten der Fürsten vorstellig zu werden, welche Gefahr die Gesundheit König Richards in den Händen eines heidnischen Arztes läuft?« – »Marquis,« versetzte der Engländer grob, »ich verstehe mich nicht auf viel Worte und höre auch nicht gern viel Worte. Aber ich glaube, was meine Augen gesehen, was meine Ohren gehört haben, und darum glaube ich, daß dieser Heide den König Richard zu heilen vermag, und glaube, daß er ihn auch heilen wird. Die Zeit ist kostbar; und somit Gott befohlen, Ihr Herren.« – »Nicht doch,« sagte Konrad von Montserrat, »der König selbst hat gewünscht, wir möchten bei der Behandlung zugegen sein.«
Thomas von Vaux besprach sich leise mit dem Kämmerer, dann sagte er: »Wenn Ihr Euch ruhig verhaltet, so seid willkommen, Ihr Herren; stört Ihr aber den Arzt in seiner Kur, so muß ich Euch ohne Rücksicht auf Euren hohen Rang aus Richards Zelt entfernen. Frisch vorwärts, El Hakim!«
Der Großmeister warf auf den unhöflichen Krieger einen grimmigen Blick; seine Stirn hellte sich aber auf, als sein Auge auf den Marquis fiel. Beide folgten dem Ritter und dem Araber in das königliche Zelt, wo Richard auf seinem Lager sie mit Ungeduld erwartete.
»Hoho!« rief er, »eine erlauchte Gesellschaft, die meinen Sprung ins dunkle Grab mit ansehen will. Seid gegrüßt als Stellvertreter unserer Bundesversammlung, Ihr Herren! Richard will wieder unter Euch der alte sein, oder Ihr sollt seine Ueberreste zu Grabe tragen. Wohlan, Herr Hakim, ans Werk!«
Der Arzt befühlte lange und aufmerksam den Puls, während alle in atemloser Erwartung umherstanden. Dann füllte er den Becher mit Quellwasser und tauchte den kleinen roten Beutel hinein, den er wie voriges mal aus seinem Busen nahm. Als er den Trank hierauf dem König reichen wollte, kam dieser ihm zuvor: »Einen Augenblick, Doktor! Du hast meinen Puls gefühlt, laß mich nun auch den Deinigen fühlen... Ich verstehe, wie es einem tüchtigen Ritter geziemt, auch einiges von Deiner Kunst.«
Der Araber reichte ihm die Hand ohne Bedenken, und einen Augenblick lang lagen seine langen, schmalen Finger in der großen Hand des Königs gleichsam begraben.
»Sein Blut geht ruhig,« sagte Richard. »So klopfen die Adern nicht bei einem Menschen, der einen König vergiften will. Thomas von Vaux, mag ich das Leben behalten oder sterben, so entlaß diesen Arzt in Ehren und Sicherheit. Empfiehl uns, Freund, dem edlen Saladin! bleibe ich am Leben, so werde ich ihm den Dienst danken, wie es sich einem Krieger gegenüber gebührt.«
Er richtete sich jetzt im Bette auf, nahm den Becher, leerte ihn bis auf den Boden, dann gab er ihn dem Araber zurück und sank erschöpft auf die Kissen. Der Arzt winkte den Rittern, sich zu entfernen; aber während die übrigen dem Winke folgten, ließ Thomas von Vaux sich durch keine Vorstellungen bewegen, das Zelt zu verlassen.
Zehntes Kapitel
Montserrat und der Großmeister des Tempelritter-Ordens sahen, als sie vor dem königlichen Zelt standen, in dem sich der im letzten Kapitel geschilderte Auftritt abgespielt hatte, daß eine starke Wache mit Streitäxten und Bogen davor aufzog. Die Krieger blickten so trübe, als folgten sie einem Leichenzuge, und schritten so behutsam, daß man kein Schild, kein Schwert klirren hörte. Vor den beiden hohen Herren senkten sie mit tiefer Ehrerbietung, doch unter demselben tiefen Schweigen die Waffen.
»Die Laune dieser insularen Köter hat sich recht geändert,« sagte der Großmeister zu Konrad von Montserrat, als sie an Richards Leibwache vorbei waren. »War hier sonst ein Lärmen und Toben! immer, als ob sie bloß Jahrmarkt und Kirmes zu feiern hätten.«
»Kettenhunde sind treu,« entgegnete Kunrad, »und der König, ihr Herr, hat ihre Anhänglichkeit dadurch gewonnen, daß er immer mit jubiliert hat, sobald ihm der Sinn danach stand.« – »Er ist aus lauter Launen zusammengesetzt,« erwiderte der Großmeister. »Habt Ihr wohl gehört, wie er uns, statt ein Gebet zu sprechen, beim Becher hochleben ließ?«
»Er hätte die Wirkung dieses Bechers schon empfunden,« antwortete der Marquis, »wäre Saladin ein Türke, wie jeder andere; er gibt sich aber den Anschein von Treue, Redlichkeit und Rittersinn, als ob solch ungetaufter Hund, wie er, das Recht dazu hätte... Es heißt ja sogar, er habe dem Könige von England das Ansinnen gestellt, ihn in den Schoß des Rittertums aufzunehmen.« – »Beim heiligen Bernhard,« rief der Großmeister, »da wäre es Zeit, Wehrgehenk und Sporen wegzuwerfen.«
Sie waren jetzt zu ihren Pferden gelangt, die in einigem Abstande vom königlichen Zelt, umringt von einer stattlichen Schar von Knappen und Pagen, auf einem Rasenflecke ästen. Konrad schlug nach einer kleinen Pause vor, Rosse und Gefolge zu entlassen und sich durch das ausgedehnte Christenlager zu Fuß nach ihrer Wohnung zu begeben. Der Großmeister war damit einverstanden. Sie machten sich auf den Weg durch die breite Esplanade zwischen den Zelten und den äußeren Festungswerken. Auf diesem verhältnismäßig einsamen Wege konnten sie sich heimlich und unbemerkt, ausgenommen von den Schildwachen, an denen sie vorbeikamen, unterhalten. Vom Lager und Kreuzzuge ging ihr Gespräch auf ein interessanteres Thema über... »Wenn es sich mit Eurer Tapferkeit und Frömmigkeit vertrüge, ehrwürdiger Ritter Giles Amaury,« sagte nach ziemlich langer Pause der Marquis mit einem Blick auf das düstere starre Angesicht des Templers, »so möchte ich Euch bitten, das dunkle Visier, das Ihr tragt, zu lüften und Euch Auge in Auge mit einem Freunde zu unterhalten.« – Der Templer lächelte. »Es gibt auch helle Masken,« sagte er, »die das Gesicht so gut wie dunkle Visiere verbergen.« – »Das will ich nicht bestreiten,« antwortete der Marquis, die Hand ans Kinn legend mit einer Bewegung, als ob er seine Maske abnehme; »sie ist gefallen, die helle Maske, die Euch störte... was haltet Ihr von den Aussichten dieses Kreuzzuges?« – »Ich will Euch,« sagte der Großmeister, »mit einer Parabel antworten, die mir ein Heiliger der Wüste erzählte: Ein Landwirt betete zum Himmel um Regen und murrte, als keiner fiel, über seine Not. Zur Strafe für seine Ungeduld sandte ihm Allah den Euphrat über Haus und Hof. Da hatte er Wasser genug, aber weder Haus mehr noch Hof, es zu brauchen, das war der Lohn für seine Ungeduld.«
»Wahr gesprochen!« antwortete der Marquis. »Hätte doch das Meer neun Zehntel von der Seemacht dieser christlichen Fürsten verschlungen! Das letzte Zehntel hätte den Plänen der Edlen Palästinas mehr genützt als das ganze lateinische Königreich Jerusalem.« – »Allerdings,« erklärte der Templer; »aber es kann den Kreuzfahrern doch gelingen, auf den Mauern Zions das Kreuz wieder aufzupflanzen.« – »Was wird das dem Templer oder Montserrat helfen?« meinte der Marquis. – »Euch könnte es schon helfen,« entgegnete der Großmeister, »Ihr könnt doch König von Jerusalem werden.« – »Das klingt ja sehr schön,« sagte der Marquis, »aber recht hohl. Gottfried von Bouillon wählte am besten die Dornenkrone als Wappenbild. Ich muß wohl sagen, Großmeister, die morgenländische Regierungsform ist mir durchaus sympathisch. Eine Monarchie sollte nur aus König und Untertanen bestehen, entsprechend dem Urbegriffe: ein Hirt und seine Herde. Ein König soll frei auftreten, Großmeister, nicht hier durch einen Graben, dort durch ein Festungswerk, hier durch ein Lehnsvorrecht, dort durch eine Baronie gehemmt werden. Um mich kurz zu fassen, so sehe ich wohl, daß die Ansprüche Guidos von Lusignan auf den Thron den meinigen vorgehen müßten, wenn Richard wieder genäse.« – »Genug,« erwiderte der Großmeister, »Du hast mich von Deiner Aufrichtigkeit überzeugt.« – »Du wirst doch nichts verraten?« fragte Montserrat, ihn argwöhnisch musternd. »Verlaß Dich drauf, ich trete in die Schranken gleich dem besten Templer, der je eine Lanze einlegte.« – »Dennoch wirst Du scheu vor einem mutigen Rosse,« erwiderte der Großmeister: »immerhin schwöre ich Dir bei dem heiligen Tempel, dessen Verteidigung unser Orden gelobt hat, daß ich Dir als treuem Waffenbruder Verschwiegenheit bewahren werde.« – »Bei welchem Tempel?« sagte Montserrat, dessen Spottliebe seiner Klugheit oft ein Schnippchen schlug. »Schwörst Du bei jenem Tempel auf Zion, von König Salomo erbaut, oder bei dem symbolischen Gebäude, von welchem im Rate Deines mächtigen Ordens unter den Gewölben Eurer Pfründen die Rede gewesen sein soll?«