Von Posten zu Posten hallte diese Mahnung wider, denn die Schildwachen mußten bei der Ablösung das Heer der Kreuzfahrer durch diesen Ruf an den Zweck seines Hierseins erinnern. Konrad kannte freilich diese Vorschrift, und doch traf diese mahnende Stimme jetzt mit seinen Gedanken so seltsam zusammen, daß sie ihm wie ein Ruf des Himmels vorkam, wie eine Warnung vor der Ungerechtigkeit, die er im Sinne hatte. Aengstlich blickte er sich um, und sein Auge fiel auf die breiten Falten der Fahne Englands, die auf einem künstlichen Wall fast in der Mitte des Lagers, den vielleicht weiland irgend ein hebräischer Heerführer sich als Ruhestätte erkoren hatte, schwerfällig in der dünnen Nachtluft flatterte. St. Georgenberg war der Wall von den Kreuzfahrern getauft worden. Ein lebhafter Verstand, wie der Konrads von Montserrat, faßt den Gedanken im Nu. Ein einziger Blick auf die Standarte, und alle Ungewißheit aus seinem Gemüte schien verschwunden. Mit dem raschen, festen Schritt eines Mannes, der einen einmal entworfenen Plan auszuführen gewillt ist, begab er sich nach seinem Zelte und entließ das beinahe fürstliche Gefolge, das zu seiner Aufwartung bereit stand.
»Morgen,« sagte er, »sitze ich an der Tafel des Erzherzogs von Oesterreich. Da wollen wir sehen, wie unser Ziel sich erreichen läßt, ehe wir den finsteren Eingebungen dieses Templers folgen.«
Elftes Kapitel
Leopold, Erzherzog von Oesterreich, war zur herzoglichen Würde im Deutschen Reiche durch seine nahe Verwandtschaft mit dem Kaiser Heinrich dem Ersten gelangt und herrschte über die schönsten Provinzen, welche die Donau durchfließt. Sein Charakter ist in der Geschichte durch seine Gewalttat befleckt, die ihren Grund in den Ereignissen im heiligen Lande hat, und doch fiel diese Schmach, Richard Löwenherz gefangen zu nehmen, als er in Verkleidung und ohne Begleitung durch Oesterreich den Weg zur Heimat suchte, nicht eigentlich auf Leopold selbst. Er war eher ein schwacher und eitler als ehrgeiziger und tyrannischer Fürst. Seine geistigen Kräfte entsprachen seiner körperlichen Beschaffenheit. Er war groß, stark und hübsch, lange blonde Locken umschlossen sein frisches, blühendes Gesicht; in seinem Gange war aber etwas Unbeholfenes, als fände er die Kraft nicht, eine solche Masse zu dirigieren. Auch schien ihm die reichste Kleidung nie zu passen, und nicht selten meinte er, durch Grobheit und unzeitige Heftigkeit zu ersetzen, was er durch seine geistige Schwerfälligkeit einzubüßen fürchtete.
Als er sich dem Kreuzzuge mit einem großen, fürstlichen Gefolge anschloß, hatte er sich eifrig um König Eduards Freundschaft bemüht. Aber er stand, wenn auch nicht an Tapferkeit, doch an Mut und Feuer dem englischen König so auffällig nach, daß ihn dieser bald gering achten lernte. Dazu kam, daß Richard, als ein an Mäßigkeit gewöhnter Fürst, Leopold seine starke Vorliebe für Tafelfreuden sehr verargte.
Dies alles war dem argwöhnischen Erzherzoge nicht entgangen, und die zwischen den beiden Fürsten herrschende Zwietracht wurde durch Philipp von Frankreich genährt, einen der umsichtigsten Monarchen seiner Zeit, der Richards feurigen, herrschsüchtigen Charakter fürchtete.
Auf diese tiefe Abneigung des Erzherzogs von Oesterreich gegen den englischen König Richard baute nun Konrad von Montserrat seinen Plan, der auf eine Lockerung des Kreuzfahrerbundes hinauslief. Er wählte die Mittagszeit zu seinem Besuche, unter dem Vorwande, dem Erzherzog eine vorzügliche Sorte Cypernwein zum Geschenk zu machen, die er vor kurzem erhalten hatte. Die Folge dieser Absicht war eine höfliche Einladung zur Tafel des Erzherzogs.
Zahlreiche Diener, alt und jung, warteten im Zelt auf; Lustigmacher, Zwerge und Minnesänger waren in ungewöhnlicher Zahl vorhanden: unter einem Geschrei und Getöse, das sich besser für eine deutsche Jahrmarktsschenke als für das Zelt eines regierenden Fürsten geschickt hätte, wurde dem Herzog aufgewartet, mit einem Zeremoniell, das sein ängstliches Streben, den Stand und Charakter seines hohen Ranges streng zu behaupten, deutlich verriet. Er wurde von knieenden Pagen bedient, speiste auf Silber und trank seinen Tokayer und Rheinwein aus goldenem Becher. Sein Herzogsmantel war mit Hermelin verziert, seine Herzogskrone kam an Wert einer Königskrone gleich, und seine Füße, die in Sammetschuhen steckten, deren Länge zwei Fuß betragen konnte, ruhten auf einem Schemel aus gediegenem Silber. Seine Aufmerksamkeit teilte er zwischen seinem fürstlichen Gaste, der zu seiner Rechten saß, und seinem »Spruchmeister«, der rechts hinter ihm stand.
Dieser Mann war mit einem Mantel und Wams aus schwarzem Sammet bekleidet. An dem kurzen Stabe, den er trug, waren wie am Wamse Silbermünzen befestigt, und wenn er die Aufmerksamkeit auf seine Rede lenken wollte, klingelte er mit all den Münzen, daß jedermann die Ohren weh taten. Diese Person nahm am Hofe des Erzherzogs einen Rang ein zwischen einem Minnesänger und einem Rat, war abwechselnd Schmeichler, Dichter und Redner; und wer bei dem Herzog gut zu stehen wünschte, pflegte sich deshalb um die Gunst seines Spruchmeisters zu bemühen.
Als Dämpfer der Weisheit dieser wichtigen Person stand auf der anderen Seite hinter dem Erzherzog sein Hofnarr Jonas Schwanker, der fast ebenso viel Geräusch mit seiner Narrenkappe, seinen Schellen und seiner Kolbe machte, wie der Spruchmeister mit seinem Münzenstabe.
Es währte nicht lange, so wurde die Politik mit ihren Trägern von dem Hofnarren in die Diskussion gezogen, der den englischen König nie anders als »Richard vom Ginster« titulierte. Als der Marquis ihn hierüber um Aufklärung bat, sagte er: »Der Ginster auch Besenpflanze genannt, ist das Sinnbild der Demut; es wäre gut, wenn alle, die solch Sinnbild zu dem ihrigen machten, sich auch dieser Tugend erinnerten.« Darauf meinte Jonas Schwanker, daß mancher, der sich selbst erniedrigt hätte, durch Rache erhöht worden wäre.
»Ehre, dem Ehre gebühret,« sagte der Marquis von Montserrat; »wir haben an diesen Heerzügen und Schlachten Anteil gehabt, und mich dünkt, auch andere Fürsten verdienten ihren Teil an dem Ruhme, dessen sich Richard unter den Minnesängern erfreut. Weiß kein Zunftgenosse der fröhlichen Kunst ein Lied zum Preise des königlichen Erzherzogs von Oesterreich, unseres fürstlichen Wirtes?«
Drei Minnesänger nahten sich wetteifernd mit Gesang und Harfenspiel. Zwei wurden vom Spruchmeister, der die Aufsicht über das Gelage führte abgewiesen; der dritte sang in hochdeutscher Sprache:
Welcher Held ists, der die Scharen,
Mit dem roten Kreuz geziert,
Als Feldmarschall wohl erfahren,
Hoch zu Roß ins Treffen führt?
Hier unterbrach der Spruchmeister mit seinem Stabe den Sänger, um der Gesellschaft begreiflich zu machen, was sie sonst nicht erraten hätten, daß ihr königlicher Wirt der Held sei, auf den die Strophe hinziele – und ein voller Becher machte mit dem lauten Rufe »Hoch lebe Herzog Leopold!« die Runde. – Eine zweite Strophe folgte:
Welcher Fürst ist's, dessen Banner
Ueber allen andern schwebt?
Dessen kühner Doppeladler
Sich zur Sonne stolz erhebt?
»Der Adler,« erklärte wieder der Spruchmeister, »ist das Sinnbild unseres edlen Herrn, des Erzherzogs, und der Adler fliegt am höchsten und steigt von allen gefiederten Geschöpfen der Sonne am nächsten.« – »Der Löwe hat einen Sprung über den Adler getan,« warf Konrad von Montserrat achtlos hin.
Der Erzherzog, errötend, heftete sein Auge auf den Marquis, während der Spruchmeister nach einigem Bedenken antwortete: »Der Herr Marquis werden verzeihen, aber ein Löwe kann nicht über einen Adler fliegen, weil er keine Flügel hat.« – »Ausgenommen der Löwe auf dem St. Markusplatze,« entgegnete der Narr.
»Ich meinte nicht den Löwen Venedigs,« entgegnete der Marquis, »sondern die drei wandernden Löwen Englands, die vor allem Getier der Erde den Vorrang haben. Wehe dem, der dagegen spricht!«