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Der Lärm verbreitete sich schnell. Von den vielen christlichen Völkern, die hier versammelt waren, eilten Mannen über Mannen zu den Waffen. Zum Glück war Graf Salisbury mit seinen tüchtigsten Reisigen dem Könige auf der Stelle zu Hilfe geeilt, der ohne einen Augenblick auf das Geschrei und den Tumult zu achten, halb angekleidet, mit dem Schwert in der Scheide unter dem Arm, nur von Thomas von Vaux und einigen Dienern begleitet, den Weg zum St. Georgenberg hin rannte. Er wurde schnell inne, daß bis zum Quartier seiner tapferen Truppen von Poitou, Gascogne, Anjou und der Normandie noch nichts von dem Lärme gedrungen war. Der Ritter vom Leoparden allein hatte den König bemerkt. Schlimme Gefahr ahnend, griff er nach seinem Schild und Schwert und schloß sich an Thomas von Vaux an, der nicht ohne Mühe mit seinem feurigen Gebieter Schritt hielt. Der König kam bald in die Nähe des St. Georgenberges, gefolgt von herzoglichen Mannen sowie von Leuten der verschiedenen Völker, die unwillig über die Engländer oder neugierig auf den Ausgang des ungewöhnlichen Ereignisses waren. Durch dieses Menschengewühl drang Richard, unbekümmert, ob sich die rollenden Wogen desselben hinter ihm schließen oder über ihn hinwegbrausen würden. Oben auf der Anhöhe, auf einer kleinen ebenen Fläche, standen die beiden Banner aufgepflanzt, die sich um den Vorrang stritten, umringt von den Anhängern des Erzherzogs. Darunter stand dieser, dem Beifall lauschend, mit dem seine Mannen nicht geizten. Da schoß, nur von zwei Rittern gefolgt, in seiner tollkühnen Stärke aber einer unbezwinglichen Schar gleich, König Richard unter sie. »Wer hat es gewagt,« rief er mit donnerndem Tone, die Hand an die österreichische Standarte legend, »diesen elenden Lappen neben Englands Banner zu hängen?«

Dem Erzherzog fehlte es nicht an Mut, und solche Frage unbeantwortet zu lassen, war nicht möglich. Gleichwohl schien er durch Richards völlig unerwartete Ankunft so erschrocken und hatte, gleich allen Kreuzfahrern, vor dessen feurigem und trotzigem Charakter so großen Respekt, daß dieser die Frage zweimal wiederholen mußte, ehe der Erzherzog zu antworten vermochte: »Ich, Leopold von Oesterreich!« – »Dann soll Leopold von Oesterreich sehen, was sein Banner bei Richard von England gilt!« und er stieß den Fahnenstock um, zerbrach ihn und warf die Fahne auf den Boden. Dann setzte er den Fuß darauf... »So stampfe ich das österreichische Banner in Grund und Boden,« rief er. »Wer von Euren Rittern wagt es, mich meiner Tat anzuklagen?«

»Ich – ich – und ich!« hörte man von vielen Rittern aus dem Gefolge des Erzherzogs, und er selbst blieb nicht zurück... »Was zögern wir?« rief Graf Wallenrode, ein riesenhafter Krieger von Ungarns Grenze... »Edle Ritter und Waffenbrüder, laßt uns die Ehre des Vaterlandes schützen vor Schmähung durch englischen Stolz!«

Mit diesen Worten zog er sein Schwert und hätte König Richard sicher einen tödlichen Streich versetzt, hätte nicht Kenneth, der Schotte, ihn mit seinem Schilde aufgefangen.

»Ich habe geschworen,« rief König Richard, »niemals nach einem Ritter zu schlagen, dessen Schulter das Kreuz trägt. Drum sollst Du leben, Wallenrode, aber Richards von England gedenken!« Mit diesen Worten faßte er den Ungar um den Leib und schleuderte ihn mit unvergleichlicher Kraft und Gewandtheit so wuchtig nach rückwärts, daß er über den Kreis der erschreckten Ritter hinweg und den Abhang hinunter flog, wo er mit verrenkter Schulter wie ein Toter liegen blieb. Dieser Beweis von beinahe übernatürlicher Kraft ließ es weder dem Herzog noch jemand aus seinem Gefolge geraten erscheinen, den Kampf aufzunehmen. Zwar wurden noch Stimmen laut: »Haut den englischen Hund in Stücke!« Aber die meisten riefen, ob nun aus Furcht oder aus Achtung der Manneszucht: »Frieden! Frieden! im Namen des Kreuzes, der heiligen Kirche und des heiligen Vaters!«

In diesem Augenblick erschien Philipp von Frankreich, von einigen seiner Edlen begleitet, auf der Bühne, höchlich erstaunt, den König von England auf den Beinen und gegenüber dem Erzherzog von Oesterreich, ihrem gemeinschaftlichen Bundesgenossen, in drohender Stellung zu sehen. Richard errötete, von Philipp, dessen Klugheit er achtete, wenn ihm auch seine Person mißfiel, in einer Situation getroffen zu werden, die weder seiner Würde als Monarch noch seinem Charakter als Kreuzfahrer ziemte.

»Was bedeutet diese Zwietracht zwischen Kreuzrittern, die sich brüderliche Liebe gelobt haben?« fragte in strengem Tone König Philipp, »wie kann es geschehen, daß die edelsten Pfeiler dieses heiligen Unternehmens – «

»Mit Verlaub, König von Frankreich,« erwiderte Richard, empört darüber, daß er sich auf gleichen Fuß mit dem Erzherzog gesetzt sah. »Die Waffen ruhen zur Zeit im Lager und doch hat dieser Fürst oder Herzog oder Pfeiler, wenn Ihr wollt, ihn gebrochen aus Uebermut, und ich habe ihn dafür gezüchtigt.« »König Philipp,« versetzte der Erzherzog, »ich appelliere an Euch wegen des Schimpfes, den dieser Mann mir angetan, indem er mein Banner umstürzte, zerfetzte und mit Füßen trat.« – »Weil er so verwegen war, es neben das meinige zu pflanzen,« entgegnete Richard. – »Dazu hielt ich mich durch meinen Rang berechtigt,« rief der Erzherzog, durch Philipps Gegenwart ermutigt. – »Behauptest Du, mir gleich an Rang zu sein,« rief König Richard, »so will ich, beim heiligen Georg, Dich ebenso mit Füßen treten wie den gestickten Fetzen, den Du aus irgend einem Winkel frech hervorgeholt hast.«

»Geduld, mein Bruder von England,« antwortete Philipp, »ich will Leopold zeigen, daß er im Unrecht ist. Wähne nicht, edler Herzog,« fuhr er fort, »daß wir, die unabhängigen Fürsten des Kreuzzuges, dem königlichen Richard dadurch einen höheren Rang einräumen, daß wir dem Banner Englands den höchsten Standpunkt in unserem Lager vergönnen. Das wäre widersinnig, da selbst die Oriflamme, Frankreichs großes Banner, trotzdem der königliche Richard Frankreichs Vasall auf Grund seines in Frankreich gelegenen Besitzes ist, hier einen niedrigeren Platz einnimmt als Englands Löwen. Aber als Brüder des Kreuzes, als Pilger, die unter Verzicht auf alle Pracht und Eitelkeit dieser Welt mit dem Schwerte sich den Weg nach dem heiligen Grabe bahnen, haben wir in Rücksicht auf den hohen Ruhm und die großen Waffentaten König Richards ihm den Vorzug zugestanden, der ihm aus anderen Beweggründen nicht gewährt worden wäre. Ich bin überzeugt, daß Eure Königliche Hoheit in Erwägung dieser Umstände sich nicht besinnen werden, Bedauern darüber zu äußern, daß Ihr Euer Banner an dieser Stelle aufgepflanzt habt, und daß dann Englands königliche Majestät wegen der Euch zugefügten Schmach Euch die Genugtuung nicht verweigern wird.«

Der Herzog brummte, er wollte seine Beschwerde bei der Bundesversammlung vorbringen, und Philipp bewilligte dieses Vorhaben, weil solcher dem Ansehen der Christenheit nachteilige Zwist auf diese Weise am besten gehoben werde. König Richard ließ Philipp ruhig ausreden, rief aber dann: »Das Fieber hat mich noch nicht verlassen, Bruder von Frankreich, aber Du kennst mich und weißt, daß ich niemals viel Worte mache. So wisse, daß ich Englands Ehre weder durch Fürsten, noch durch den Papst, noch durch die Ratsversammlung herstellen lasse. Hier steht mein Banner – und wäre auch die Oriflamme, von der Du wohl eben sprachst, neben ihm aufgepflanzt worden, so sollte sie, das sage ich hier vor allen Anwesenden, keine andere Behandlung erfahren als dieser mit Schimpf beladene Lumpen.« – »Nun,« flüsterte der Hofnarr seinem Begleiter zu, »das ist ja Narrheit, wie aus meinem Munde; indessen dünkt mich, es gibt in dieser Sache vielleicht noch einen größern Toren als Richard selbst.« – »Und wer wäre das?« fragte der Spruchmeister. – »Philipp von Frankreich,« sagte der Hofnarr, »wenn nicht unser königlicher Herzog, sobald nämlich einer von ihnen auf die Herausforderung anbeißt... Aber, höchst weiser Spruchmeister, was hätten wir beide für Könige abgegeben, da doch Richard und Philipp uns als Narr und Sprecher so vollständig geschlagen haben?«