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Unterdes erwiderte Philipp ruhig auf Richards maßlose Herausforderung: »Ich bin nicht gekommen, neuen Streit zu entzünden, der unserem heiligen Eidschwur und der heiligen Sache, der wir dienen, zuwider wäre. Ich scheide darum von meinem Bruder Richard, wie Brüder voneinander scheiden sollen, und zwischen uns soll kein anderer Wettstreit sein als der, wer von uns am tiefsten in die Reihen der Ungläubigen dringt.« – »So sei es, mein königlicher Bruder,« versetzte Richard, ihm seine Hand mit jener Offenheit reichend, die seinem heftigen, aber edelmütigen Charakter eigen war. »Vielleicht bietet sich bald Gelegenheit, daß wir uns in einem tapferen Ringen versuchen.«

»Laß den edlen Erzherzog an dem Glück dieses Augenblicks teilnehmen,« sagte Philipp.

Leopold trat, halb mürrisch, halb willens, sich zu vergleichen, näher.

»Toren haben für mich so wenig Erinnerungswert wie ihre Torheiten!« sagte Richard gleichgültig, worauf der Erzherzog ihm den Rücken wandte und sich entfernte. Richard sah ihm nach ... »Ein absonderlicher Mut, dessen Glut an Johanniswürmchen erinnert,« sagte er, »bloß in der Nacht sichtbar. – Ich darf dies Banner im Dunkel nicht unbewacht lassen; am Tage reicht der Blick der Löwen hin, es zu schützen. Thomas von Gilsland, Du sollst die Aufsicht über die Standarte führen. Bewache die Ehre Englands!« – »Englands Wohlfahrt ist mir noch teurer,« entgegnete Thomas von Vaux, »und Richards Leben ist Englands Heil und Sicherheit. Eure Königliche Hoheit muß sich daher wieder ins Zelt verfügen, und zwar ohne Aufschub.« – »Du bist ein rauher, gebieterischer Krankenwärter,« versetzte der König lächelnd und wandte sich hierauf zu Ritter Kenneth: »Tapferer Schotte, ich bin Dir eine Gnade schuldig und will sie Dir reichlich gewähren. Da steht das Banner Englands. Bewache es, wie ein junger Krieger seine Rüstung nachts vor dem Ritterschlage. Weiche nicht auf Speerweite von ihm, und verteidige es mit Leib und Leben gegen Schmach und Schimpf. Stoß in Dein Gifthorn, wenn mehr als drei zu gleicher Zeit Dich angreifen sollten. Uebernimmst Du dieses Amt?« – »Gern und willig,« versetzte Kenneth, »und ich stehe mit meinem Kopfe dafür, daß es treu und redlich verwaltet wird. Ich hole meine Waffen und kehre sogleich zurück.«

Die Könige von Frankreich und England verabschiedeten sich von einander, ihren Groll unter scheinbarer Höflichkeit verbergend. Richard grollte Philipp um seiner Einmischung willen, und Philipp grollte Richard um der geringschätzigen Art willen, wie er die Vermittlung aufgenommen hatte.

Diese Ereignisse wurden von den verschiedenen Völkern verschieden beurteilt, und während die Engländer den Erzherzog beschuldigten, die erste Veranlassung zum Zwiste gegeben zu haben, wälzten die Oesterreicher und andere Völker den Haupttadel auf den Hochmut Richards.

»Du siehst,« sagte der Marquis von Montserrat zum Großmeister des Templerordens, »daß seine Kunstgriffe mehr als Gewalt ausrichten. Ich habe die Bande gelockert, bald wirst Du sie reißen sehen.«

»Ich möchte Deinen Plan gutheißen,« erwiderte der Templer, »wenn es nur einen einzigen unter diesen kaltblütigen Oesterreichern gegeben hätte, der die Bande, von denen Du sprichst, mit seinem Schwerte trennte. Gelöste Knoten lassen sich wieder knüpfen; aber eine Schnur, wenn sie einmal zerhauen ist, nicht wieder zusammenfügen!«

Zwölftes Kapitel

Zur Ritterzeit galt ein gefährlicher Posten oder ein gefahrvolles Abenteuer als eine Belohnung kriegerischer Tapferkeit; aber solcher Ritter glich dann dem Kletterer, der einen steilen Hang bezwungen hat und sich vor weiteren schwierigen Punkten sieht.

Es war Mitternacht. Der Mond stand hell am Himmel, als Kenneth von Schottland seine Wache am St. Georgenberg bezog, nahe dem Banner Englands. Ein stolzer Gedanke jagte den andern in der Seele des Kriegers. Das Feuer seiner ehrgeizigen Liebe entflammte seinen kriegerischen Mut. König Richard hatte ihm die Auszeichnung zuteil werden lassen, Englands königliches Banner zu hüten, und so war er kein fahrender Ritter mehr von geringer Bedeutung; er war der Aufmerksamkeit der Prinzessin näher gerückt, wenn er ihr auch örtlich noch immer so fern stand wie früher. Er hatte jetzt reichlich Muße, seinen hochstrebenden Gedanken nachzuhängen. Die Natur ringsumher ruhte im stillen Mondschein oder tiefen Schatten. Die langen Zeltreihen lagen still wie die Gassen einer verödeten Stadt. Neben dem Fahnenstabe lag ein großer Windhund, sein einziger Kamerad; das edle Tier schien seine Aufgabe zu begreifen, denn es hob die Augen von Zeit zu Zeit nach den reichen Falten der schweren Fahne empor; und wenn der Ruf der Schildwachen von anderen Posten herüberklang, antwortete der Hund mit seinem Gebell, zum Zeichen, daß er auch auf seinem Posten wach sei. Dann und wann senkte er den schmalen Kopf und wedelte mit dem Schwanze, wenn sein Herr an ihm vorüberschritt oder, in Gedanken verloren, auf die Lanze gelehnt, zum Himmel emporsah. Dann schob er wohl auch, gierig nach einer Liebkosung, die große rauhe Schnauze in den Panzerhandschuh des Ritters.

Plötzlich ließ er ein grimmiges Knurren hören und schien willens, nach der im Schatten liegenden Seite zu springen.

»Wer da?« rief Kenneth, der dort etwas kriechen sah. – »In Merlins und Maugis Namen,« erklang eine heisere, widerwärtige Stimme, »binde Deinen vierbeinigen Satan an, oder ich komme nicht zu Dir.« – »Wer bist Du?« sagte Kenneth, ohne die Gestalt unterscheiden zu können. »Nimm Dich in acht – ich stehe hier auf Tod und Leben!« – »Halte Dein langbeiniges Vieh fest!« rief die Stimme, »oder ich beschwöre ihn durch einen Bolzen meiner Armbrust.«

Kenneth hörte in diesem Augenblick einen Ton, als ob eine Armbrust gespannt würde. – »Laß Deine Armbrust und tritt ins Mondlicht,« sagte der Schotte, »oder, beim heiligen Andreas, ich spieße Dich an den Boden, was oder wer Du seist!«

Mit diesem Rufe faßte er seine Lanze in der Mitte und schwang sie, als wolle er sie schleudern, schämte sich aber alsbald dieser Absicht und stieß sie wieder in den Boden. Da sah er ein verkrüppeltes Wesen aus dem Schatten heraustreten, und er erkannte einen der beiden Zwerge, die er in der Kapelle von Engaddi erblickt hatte. Er gab seinem Hunde ein Zeichen, der sich knurrend neben der Fahnenstange niederlegte. Der Zwerg kroch keuchend die Höhe herauf. Als er den Gipfel erreicht hatte, nahm er, sich in wichtige Positur setzend, seine Armbrust in die linke Hand und reichte dem Ritter vornehm die Rechte, wie zum Kusse. Da sich der Ritter aber zu keinem Kusse bequemte, fragte er in scharfem, ärgerlichem Tone: »Krieger, warum zollst Du dem Nectabanus nicht die Huldigung, die seiner Würde gebührt? oder hättest Du ihn etwa vergessen?« – »Großer Nectabanus,« entgegnete der Ritter, von dem Wunsche beseelt, die üble Laune des Kleinen zu besänftigen, »das möchte wohl jedem schwer fallen, der Dich einmal gesehen hat. Verzeihe indes, daß ich als Soldat auf Posten keinem erlauben kann, in den Bezirk meiner Wache zu treten.« – »Schon gut,« sagte Nectabanus. »Doch müßt Ihr mir sogleich zu denen folgen, die mich hergesandt haben, Euch zu rufen.« – »Auch darin kann ich Dir nicht willens sein,« erwiderte der Ritter, »denn bis zum Tagesanbruch muß ich bei diesem Banner bleiben.« Darauf schritt er wieder auf und ab, entging aber der Zudringlichkeit des Zwerges dadurch nicht ... »Ihr müßt mir gehorchen, Herr Ritter,« sagte er, ihm den Weg versperrend, »wie es Eure Pflicht ist, oder ich befehle es Euch im Namen einer Person, deren Hoheit den Unsterblichen gebieten könnte, wenn sie auf die Erde niederstiegen.«

Eine kühne Vermutung stieg in Kenneths Seele auf; er unterdrückte sie jedoch. Daß ihm die Dame seines Herzens solche Botschaft durch solchen Boten sende, hielt er für unmöglich und doch zitterte seine Stimme, als er antwortete: »Nectabanus, sage mir offen und ehrlich, ist die Dame, von der Du sprichst, auch nicht etwa die Houri, mit der ich Dich in die Kapelle kehren sah?« – »Anmaßender,« entgegnete der Zwerg, »wähnst Du, die Dame unserer Neigung, die unsere Größe und Ehren teilt, werde sich herablassen, solchem Vasallen, wie Dir, solchen Befehl zu senden? Nein, so hoch Dich die Menschen auch ehren mögen, so hast Du doch die Aufmerksamkeit der Königin Genievra, der Braut Arthurs, noch nicht auf Dich lenken können ... Doch sieh hier das Zeichen! Gehorche also derjenigen von Englands Damen, die es in Deine Hand legt.«