Er gab nun dem Ritter einen Rubinring, den dieser auf der Stelle als jener hohen Dame gehörig erkannte, deren Dienst er sich geweiht hatte. Stumm vor Erstaunen, dies Zeichen in solchen Händen zu erblicken, rief er: »Im Namen aller Heiligen, von wem empfingst Du diesen Ring?« – »Verliebter, törichter Ritter,« erwiderte der Zwerg, »was willst Du mehr wissen, als daß Dich eine Prinzessin beehrt mit Befehlen eines Königs? Zu weiterer Verhandlung mit Dir gelüstets uns nicht, aber wir befehlen Dir kraft dieses Ringes, uns zu der Dame zu folgen, der er gehört. Zögere nicht, denn Du versündigst Dich am Herzen derselben!« – »Guter Nectabanus,« sagte der Ritter, »weiß meine Dame, wo ich mich heute nacht befinde? Weiß sie, daß mein Leben und meine Ehre davon abhängen, daß ich dies Banner bis zu Tagesanbruch bewache? Kann es ihr Wunsch sein, daß ich es verlasse, um ihr meine Huldigung zu zollen? – Nein! nein! die Prinzessin beliebt mit ihrem Diener zu scherzen, und um so mehr muß ich das glauben, als sie solchen Boten gewählt hat.« – »Bleibt bei diesem Glauben!« entgegnete Nectabanus, sich umwendend, als ob er sich entfernen wollte. »Mich kümmerts wenig, ob Ihr gegen das königliche Fräulein als Verräter handelt oder nicht. Lebt wohl!« – »Bleib – bleib – ich bitte Dich, bleib!« rief Kenneth. »Beantworte mir nur eine einzige Frage! Befindet sich die Dame, die Dich schickt, hier in der Nähe?« – »Was liegt daran?« entgegnete der Zwerg. »Rechnet die Treue nach Entfernung? Demungeachtet, argwöhnische Seele, will ich Dir sagen, daß Deine Dame sich nicht weiter von hier befindet, als ein von meiner Armbrust abgeschossener Bolzen reicht.« – »Sage mir, Nectabanus,« fragte der Ritter, den Ring nochmals betrachtend, um sich zu überzeugen, daß keine Täuschung vorliege, »wird mein Besuch verlangt zu einer bestimmten Zeit und Stunde?« – »Zeit und Stunde?« entgegnete Nectabanus; »was nennt Ihr Zeit? was nennt Ihr Stunde? Könnt Ihr eins von beiden fassen? Wird Zeit und Stunde des Ritters anders als nach den Taten gemessen, die er für Gott und seine Dame verrichtet?« – »Nectabanus!« rief der Ritter; »fordert meine Dame wirklich eine Tat von mir in ihrem Namen, um ihrer selbst willen? und laßt sie sich nicht bis zum Tagesanbruch aufschieben?« – »Du sollst auf der Stelle kommen,« versetzte der Zwerg, »und darfst nicht so viel Zeit verlieren, als zehn Körner brauchen, durch die Sanduhr zu laufen. Vernimm, argwöhnischer, fischblütiger Ritter, ihre eigenen Worte: »Sag ihm, die Hand, die Rosen fallen ließ, kann Lorbeeren verleihen.««
Bei dieser Anspielung auf ihr Zusammentreffen in der Kapelle von Engaddi erwachten tausend Erinnerungen in der Seele des Ritters, und diese Worte des Zwerges überzeugten ihn von der Echtheit der Botschaft. Es fiel ihm schwer, eine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, die ihm die Gunst der Dame seines Herzens verhieß. Der Zwerg trug das Seinige bei, seine Bedenken zu vernichten, denn er erklärte, daß er den Ring wiederhaben müsse, wenn ihn der Ritter nicht begleite ... »Halt, noch einen Augenblick!« rief dieser. Dann murmelte er vor sich hin: »Bin ich ein Untertan oder Sklave König Richards? Bin ich nicht ein freier Ritter, der geschworen hat, seine Dienste dem Kreuzzuge zu weihen? Zu wessen Ehren bin ich hier mit Lanze und Schwert? Allein um unserer heiligen Sache willen, und um meiner verehrten Dame willen.«
»Den Ring, den Ring!« rief der Zwerg ungeduldig, »gib ihn zurück, Du falscher, saumseliger Ritter! Du bist nicht wert, ihn zu berühren oder anzusehen.«
– »Einen Augenblick nur, Nectabanus,« sagte Kenneth, »Wenn nun die Sarazenen gerade jetzt einen Angriff machten? Ich beschwöre Dich noch einmal! sage mir, ist's weit von hier, wohin Du mich führen willst?« – »Nur nach jenem Zelt,« versetzte Nectabanus; »und wenn Ihr es einmal wissen müßt, der Mond glänzt auf der vergoldeten Kugel, die das Dach krönt und die ein königliches Vermögen wert ist.« – »Ich kann augenblicklich zurückkehren,« sagte der Ritter, sich alles Weitere aus dem Sinn schlagend. »Kann man dort das Bellen meines Hundes hören, wenn sich jemand dem Banner nähern sollte? Ich will der Dame zu Füßen fallen und sie bitten, daß sie mich auf meinen Posten zurückkehren lasse ... Roswal, hierher!« rief er dem Hunde zu, seinen Mantel neben das Banner werfend, »wache Du an meiner Statt und laß niemand heran.«
Der Hund sah seinen Herrn an, als wollte er ihm versichern, daß er den Befehl verstehe, setzte sich neben den Mantel, spitzte die Ohren und richtete den Kopf in die Höhe.
»Nun komm, Nectabanus,« sagte der Ritter, »laß uns eilen und den Befehlen, die Du überbringst, gehorchen.« – »Eile, wer will,« entgegnete der Zwerg mürrisch. »Du hast Dir Zeit genug gelassen, meiner Aufforderung zu folgen, ich kann mit Deinen langen Beinen nicht Schritt halten.«
Es gab nur ein Mittel, den Zwerg zu zwingen, der langsamer kroch als eine Schnecke. Der Ritter hob ihn vom Boden auf und trug ihn, ohne sich an seine Bitten zu kehren, bis zu hem Zelt mit dem vergoldeten Dache. Er sah eine kleine Schar von Kriegern dort auf der Erde lagern, die ihm durch die zwischenliegenden Zelte bisher verborgen geblieben war. Verwundert, daß das Klirren seiner Rüstung ihre Aufmerksamkeit nicht weckte, setzte er den Zwerg auf den Boden, um ihn Luft schöpfen zu lassen. So erschrocken und entrüstet derselbe auch über diese Behandlung war, so hütete er sich doch, den Ritter im geringsten aufzubringen, und führte ihn schweigend, ohne jede Klage, zur entgegengesetzten Seite des Zeltes, hob den unteren Teil der Leinwand hoch und winkte dem Ritter, darunter hinweg, und auf diese Weise in das Zelt hinein, zu kriechen.
Der Ritter war unschlüssig. Sich so heimlich in ein Zelt zu schleichen, das vermutlich edlen Damen als Behausung diente, erschien ihm ungehörig. Als er sich aber auf die untrüglichen Zeichen besann, die ihm der Zwerg überbracht hatte, meinte er, annehmen zu müssen, daß er nicht wider ihren Willen handle, und bückte sich. Da hörte er, wie der Zwerg ihm zuflüsterte: »Bleib da, bis ich Dich rufe!« – und dann sah er ihn verschwinden.
Dreizehntes Kapitel
Ein Paar Augenblicke blieb Ritter Kenneth allein und im Dunkel. Jetzt reute es ihn, daß er von seinem Posten gewichen War. Aber an eine Rückkehr, ohne Lady Edith gesehen zu haben, war nicht zu denken. Die Disziplin war nun einmal verletzt, und so war er entschlossen, wenigstens die Dame seines Herrschers zu sehen, die ihn zu solchem Verstoß verleitet hatte. Seine Lage war jedoch nicht die angenehmste. Kein Licht brannte in dem Raume, worin er sich befand. Lady Edith gehörte zum Gefolge der Königin von England, und wenn er hier entdeckt wurde, wenn er bekennen mußte, sich heimlich hier eingeschlichen zu haben, so konnte leicht gefährlicher Verdacht wach werden. Da fing sich der Wunsch in ihm zu regen an, sich wieder unbemerkt zu entfernen, als er auf einmal weibliche Stimmen vernahm. In einem anstoßenden Raume, von ihm nur durch eine Leinwand geschieden, schienen Damen zu lachen und flüstern. Wie er durch den Vorhang sah, brannten dort Lampen, und in ihrem Scheine konnte er einzelne Gestalten erkennen.
»Ruft sie – ruft sie, um unserer lieben Frau willen!« hörte er jetzt eine dieser unsichtbaren Lacherinnen rufen, »Nectabanus, Du müßtest Gesandter bei Hofe werden, denn Du weißt Botschaften auszurichten.«
Die gellende Stimme des Zwerges erklang jetzt, doch so gedämpft, daß Kenneth seine Worte nicht verstand. Er hörte nur einiges von Bier und Wein, womit sich die Wache belustigen solle. »Aber, wie werden wir den Geist wieder los, Mädchen, den Nectabanus zitiert hat?« – »Hört mich, königliche Frau,« sagte eine andere Stimme, »wenn der weise fürstliche Nectabanus nicht gar zu eifersüchtig ist auf seine erhabene Braut, so wollen wir uns ihrer bedienen, dem fahrenden Ritter begreiflich zu machen, daß edelgeborene Damen seine anmaßende, übermütige Tapferkeit nicht vonnöten haben.« – »Es wäre nicht mehr als billig,« entgegnete eine andere Stimme, »wenn Prinzessin Genievra dem Ritter, den die Weisheit ihres Mannes hergelockt hat, wieder zeigte, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.«