Tief beschämt und zornentbrannt über diese Worte, war Kenneth im Begriff, zu fliehen, als ihn folgende Worte hinderten.
»Nein, wahrlich,« sagte die, die zuerst gesprochen hatte, erst soll Muhme Edith erfahren, wie sich dieser prahlerische Wicht benommen, und wie er gegen seine Pflicht gefehlt hat. Das wird eine gute Lehre für sie sein, denn mir ist schon manchmal der Gedanke gekommen, Calista, daß sie den nordischen Abenteurer gegen alle Vernunft wirklich ins Herz geschlossen hat.«
Eine andere Stimme murmelte etwas von Klugheit und Einsicht. »Klugheit?« lautete die Antwort. »Eitler Stolz ists, und das Verlangen, für strenger zu gelten als wir andern. Ihr wißt doch, wenn sie an uns einen Fehler bemerkt, weiß niemand so höflich darauf hinzuweisen wie Lady Edith. – Aber da kommt sie schon.« Ein Schatten glitt langsam an der Wand hin und verlor sich unter den übrigen Personen.
Trotz der bitteren Täuschung, die er durch eine übermütige Laune der Königin Berengaria erlitten hatte – denn er schloß, daß die mit dem lauten gebieterischen Tone Richards Gemahlin sei, – beruhigte es doch den Ritter einigermaßen, zu wissen, daß Edith keinen Teil an dem Streiche hatte, der ihm mit solcher Hinterlist gespielt worden war. Seine Neugier wurde so lebhaft, daß er seinen Fluchtgedanken aufgab und unruhig durch eine kleine Spalte blickte, um Augen- und Ohrenzeuge dessen zu sein, was sich nun ereignen würde.
Es schien, als warte Edith auf die Befehle der Königin und als wolle diese nicht recht mit der Sprache heraus, aus Furcht vielleicht, daß weder sie noch ihre Gesellschafterinnen imstande sein möchten, ihr Lachen zu unterdrücken; denn Ritter Kenneth konnte halb unterdrücktes Kichern unterscheiden.
»Eure Majestät scheinen in recht fröhlicher Stimmung zu sein,« sagte Edith endlich. »Ich dagegen war schon willens, mich zu Bett zu begeben, als ich Befehl erhielt, Eurer Majestät aufzuwarten.« – »Ich will Dich nicht lange von Deiner Ruhe abhalten, Muhme,« erwiderte die Königin, »doch fürchte ich, Du wirst nicht gut schlafen, wenn ich Dir sage, daß Du Deine Wette verloren hast.« – »Meine Königin,« sagte Edith, »ich bin keine Wette eingegangen.«
»Nun, holde Muhme, der Böse spielt doch, unserer Wallfahrt gar nicht achtend, ein recht böses Spiel mit Dir! Kannst Du leugnen, daß Du Deinen Rubinring gegen mein goldenes Armband setztest, der Ritter vom Leoparden sei nicht von seinem Posten wegzubringen?«
»Eure Majestät,« entgegnete Edith; »diese Damen sind Zeuge, daß Königliche Hoheit mir den Ring vom Finger zog, als ich es nicht für sittsam hielt, auf so etwas zu wetten.«
»Aber, Lady Edith,« sagte eine andere Stimme, »mit Verlaub, Ihr müßt doch zugeben, daß Ihr großes Vertrauen in diesen Ritter setztet?« – »Und wenn das der Fall war,« entgegnete Edith unwillig, »ist das ein Grund für Dich, der Laune Ihrer Majestät das Wort zu reden? Ich habe kein Wort mehr von ihm gesprochen, als Ihr und alle, die ihn im Felde gesehen, und hatte kein höheres Interesse, ihn zu verteidigen, als Ihr, ihn herabzusehen.« – »Fräulein Edith,« sagte eine dritte Stimme, »hat es Calista und mir nie verzeihen können, daß wir Eurer Majestät erzählten, sie habe zwei Rosenknospen in der Kapelle fallen lassen.« – »Wenn Eure Majestät,« antwortete Edith, »mich nur zu dem Zwecke herbeschieden, daß ich mir die Sticheleien der Kammerfrauen anhören soll, so möchte ich bitten, mich wieder zu entlassen.« – »Still, Florisa!« sagte die Königin, »laßt Euch nicht durch unsere Güte verleiten, den Abstand zwischen Euch und einer Verwandten des Königs außer acht zu setzen. Du aber, liebe Muhme,« fuhr sie fort, wieder in ihren spöttischen Ton zurückfallend, »solltest uns Armen doch ein bißchen Lachen nicht mißgönnen, nachdem wir so viele Tage in Sack und Asche gebüßt haben.« – »Ich gönne Euch alle Freude, meine Königin,« erwiderte Edith, »doch werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht wieder lachen, ehe ich nicht – «
Sie brach ab, wahrscheinlich aus Ehrerbietung gegen die Königin, doch hörte Kenneth ihren Worten die starke Erregung an, die ihr Gemüt beherrschte.
»Verzeih mir,« sagte Berengaria, »verzeih der leichtsinnigen, aber lustigen Prinzessin aus dem Hause Navarra. Worauf läuft denn im Grunde der ganze Jux hinaus? Ein junger Ritter ist durch List hierher gelockt worden, hat sich von seinem Posten entfernt oder locken lassen, aber um Deinem Helden Gerechtigkeit zu lassen, meine Liebe, Nectabanus hat ihn nicht anders bestimmen können, als indem er ihn beschwor in Deinem Namen!« – »Gerechter Himmel, Majestät!« rief Edith bewegt, »das vertrüge sich weder mit Eurer noch meiner Ehre! Sagt, daß Ihr nur scherzet, und verzeiht, daß ich Eure Aeußerung auch nur einen Augenblick ernst nehmen konnte!« – »Lady Edith ists leid um den Ring, den wir ihr abgenommen haben,« sagte die Königin unmutig. »Wir wollen Dir das Pfand wiedergeben, liebe Muhme, das ihn bestimmte, herzukommen; es liegt uns wenig am Köder, nachdem der Fisch angebissen.« – »Eure Majestät wissen nur zu gut,« erwiderte Edith, »daß Sie nichts wünschen können, was Ihnen augenblicklich zu Gebote stände. Aber einen ganzen Scheffel Rubine opferte ich lieber als meinen Ring oder Namen, um einen wackeren Menschen zu einem Fehltritte zu verleiten, der ihm Ungnade und Strafe zuziehen muß.« – »O, also um das Wohl unseres treuen Ritters sind wir in Besorgnis?« sagte die Königin. »Du schätzest Unsere Macht zu gering, liebe Muhme, wenn Du von Strafe sprichst gegen jemand, mit dem Wir, Englands Königin, Unsern Scherz getrieben haben! auch für andere Damen schlagen Kriegerherzen,, nicht bloß für Dich! glaube mir, ich gelte genug bei Richard, um diesen Ritter, an dessen Schicksal Lady Edith so großen Anteil nimmt, vor Strafe zu schützen.«
»Königliche Gebieterin,« rief Edith, und Ritter Kenneth hörte tief ergriffen, daß sie sich der Königin zu Füßen warf – »um der heiligen Jungfrau willen, seid vorsichtig! Ihr kennt König Richard nicht, seid erst seit kurzem mit ihm vermählt! Eher könnte Euer Atem den wildesten Sturm hemmen, als Eure Zunge meinen königlichen Verwandten bewegen, einen Fehltritt im Dienste nachzusehen. Um Gottes willen, entlaßt den Ritter, wenn Ihr ihn wirklich hergelockt habt. Lieber litte ich die Schande, ihn gerufen zu haben, als die Unruhe, daß er noch nicht an den Ort zurückgekehrt, wohin ihn seine Pflicht ruft.« – »Steh auf, Muhme, steh auf!« sagte die Königin: »sei überzeugt, es wird alles besser gehen, als Du glaubst. Es tut mir leid, mit einem Ritter, an dem Du so lebhaften Anteil nimmst, Scherz getrieben zu haben. – Aber ringe doch nicht die Hände! Nectabanus soll den Ritter zu seinem Posten zurückführen: Wir aber wollen ihn künftig mit unserer Gnade beehren und bei unserm Gemahl alle Schuld auf uns nehmen... Ich wette, er wartet in irgend einem Nachbarzelt.« – »Bei meiner Lilienkrone und meinem Rohrszepter!« sagte Nectabanus, »Eure Majestät irren sich, er ist näher bei der Hand, als Ihr wißt. Er liegt hinter jener Scheidewand verborgen.« – »Und hätte jedes Wort mit angehört, das wir gesprochen haben?« rief die Königin zornig. »Hinaus, mit Dir, Du Ungeheuer von Narrheit und Bosheit!«
Nectabanus entfloh mit einem so gellenden Geschrei, daß es dem Ritter zweifelhaft blieb, ob Berengaria ihren Vorwürfen nicht noch einen Denkzettel angehängt hätte.
»Was ist nun zu tun?« sagte die Königin leise zu Edith, mit nicht verhehltem Unmut. – »Was geschehen muß,« antwortete Edith fest und bestimmt; »wir müssen den Ritter vorlassen und uns seiner Ehre überantworten.«