Schnell zog sie einen Vorhang weg, der an einer Stelle einen Eingang verdeckte. – »Um des Himmels willen!« rief die Königin, »bedenke doch, mein Zimmer, unsere Kleidung, die Zeit und Stunde, und meine Ehre!«
Aber schon fiel der Vorhang und mit ihm die Scheidewand zwischen dem Ritter und den Damen. Mit lautem Schrei floh die Königin, die in der warmen Nacht leichter gekleidet war, als es die Rücksicht auf ihren Rang einem Ritter gegenüber erlaubte, aus dem Zelt. Der innige Wunsch, dem schottischen Ritter eine schnelle Erklärung zu geben, mochte Edith vergessen lassen, daß ihre Locken nachlässiger hingen, als es dem Anstande damaliger Zeit gemäß war, und daß bloß ein dünnes, loses Gewand aus blaßroter Seide den Hauptteil ihrer Bekleidung bildete. Zwar zog sie den Shawl, den sie von einem Stuhle gerissen hatte, dichter um Nacken und Busen, aber als Ritter Kenneth noch immer starr dort stehen blieb, wo sie ihn zuerst erblickt hatte, trat sie zu ihm und rief: »Eilt auf Euren Posten, Herr Ritter! Ihr seid hintergangen worden. Fragt nichts weiter!« – »Ich habe nichts zu fragen,« antwortete der Ritter, sich auf em Knie niederlassend, mit gesenktem Blick, damit nicht sein Auge die Verlegenheit der Dame merke. – »Habt Ihr alles gehört?« fragte Edith ungeduldig. »Mann! Warum säumt Ihr noch, da jede verlorene Minute Euch in Schaden bringt?« – »Ich habe vernommen, aus Eurem Munde, Lady, daß Schimpf auf mir lastet. – Was kümmerts mich, wie bald die Strafe erfolgt! Nur eine Bitte an Euch, dann will ich versuchen, unter den Säbeln der Ungläubigen, ob Schande sich mit Blut abwaschen läßt!« – »Nicht so!« bat Edith. »Seid klug und säumt nicht länger! Noch kann ja alles gut werden, sofern Ihr Euch eilig entfernt.« – »Ich warte nur auf Eure Verzeihung,« antwortete der Ritter, noch immer knieend, »für meine Anmaßung ...« – »Ich verzeih Euch – o, ich habe ja gar nichts zu verzeihen! Seid Ihr doch durch mich gekränkt worden. Aber geht – ich will Euch lieb und wert halten, wie jeden tapferen Kreuzfahrer, wenn Ihr nur geht!« – »Empfanget zuvor dies kostbare, wenn auch verhängnisvolle Unterpfand,« sagte der Ritter, ihr den Ring reichend, den sie aber ungeduldig ablehnte. – »Nicht doch,« sagte sie, »behaltet ihn! als Zeichen meiner Wertschätzung, meines Bedauerns wollte ich sagen. O entfernt Euch wenn nicht um Euret-, doch um meinetwillen!«
Belohnt durch die sichtliche Teilnahme an seiner Wohlfahrt, erhob sich der Ritter, verbeugte sich tief und schien im Begriff, sich zu entfernen. Da trug Ediths jugendliche Schüchternheit, über die ihre stärkeren Gefühle bisher triumphiert hatten, endlich den Sieg davon. Aus dem Zimmer eilend, löschte sie die Lampe aus und ließ Kenneth in geistiger und leiblicher Finsternis zurück.
Daß er ihr gehorchen müsse, war die erste deutliche Vorstellung, die ihn aus seinen Träumen weckte, und so eilte er zu der Zeltwand, durch die er hineingekommen war; aber den Ausweg zu finden, erforderte Zeit, und da sich Warten mit seiner Ungeduld nicht vertrug, nahm er den Dolch und schnitt die Zeltleinwand entzwei. In die frische Luft gelangt, kam er sich vor, wie betäubt, und um den Pfad wieder zu entdecken, den ihn der Zwerg geführt hatte, mußte er alle Kräfte zusammennehmen. Eine leichte Wolke war, als er das Zelt verließ, vor den Mond getreten. Plötzlich drangen vom St. Georgenberg Laute her, die ihn schnell wieder zu sich brachten: zuerst ein zorniges, wildes Bellen, dann ein Schrei, wie aus Todesangst. Kenneth rannte, selbst von Todesangst befallen, denn er hatte die Stimme seines treuen Hundes auf der Stelle erkannt, querfeldein nach der Anhöhe und hatte, trotzdem ihn der Panzer hinderte, in wenigen Minuten den Gipfel erreicht.
Da brach der Mond durch das Gewölk, und Kenneth sah, daß das englische Banner verschwunden war. Die Stange, an dem es geflattert hatte, lag zerbrochen auf der Erde, daneben sein Hund, mit dem Tode ringend.
Vierzehntes Kapitel
Des Ritters erster Gedanke war, die Schuldigen zu ermitteln, die das Banner Englands geraubt hatten; allein nirgendswo zeigte sich eine Spur von ihnen. Als er die Nutzlosigkeit weiteren Nachforschens erkannte, wandte er sich zu seinem Hunde, dessen dumpfes Gewinsel auf ein baldiges Ende seines Todeskampfes deutete. Das kluge Tier, als fürchtete es, seinem Herrn weh zu tun durch die Schmerzenslaute, die es von sich gab, leckte dem Ritter die Hand, und die Art, wie es, dem Verenden nahe, seine Anhänglichkeit zum Ausdruck brachte, mehrte nicht bloß seine Niedergeschlagenheit, sondern mischte ihr einen hohen Grad von Bitterkeit bei. Laut hub er zu wehklagen an, als eine feierliche Stimme in seiner Nähe in der unter Christen und Sarazenen üblichen Frankensprache die Worte sprach: »Widerwärtigkeit gleicht der Zeit des frühen und späten Regens – kalt, unbehaglich und unfreundlich für Menschen und Tiere, bringt sie doch Blüte und Frucht, denn sie zeitigt die Dattel, die Rose und den Granatapfel.«
Ritter Kenneth vom Leoparden wandte sich um und erblickte den arabischen Arzt, der sich ihm unbemerkbar genaht hatte.
Beschämt, über einem weibischen Ausbruch von Kummer ertappt worden zu sein, beschäftigte sich Ritter Kenneth wieder mit seinem Hunde. – »Wäre nicht des Arztes Hand,« fragte der Araber, »geeigneter als die des Kriegers?« – »Dem Kranken hier ist nicht mehr zu helfen, Hakim,« versetzte Kenneth; »zudem ist er nach Deinem Ritus ein unreines Tier.« – »Wo Allah die Gabe des Lebens und das Gefühl der Freude und des Schmerzes verliehen,« sagte der Arzt, »da wäre es sündhafter Stolz, wollte der Weise, den er erleuchtete, sich weigern, ein Dasein zu verlängern oder einen Todeskampf zu mildern. Laßt mich das verwundete Tier untersuchen!«
Ritter Kenneth trat schweigend hinzu, während der Arzt Roswals Wunde besichtigte, ein Besteck hervorzog, den Lanzensplitter, der in der Wunde steckte, behutsam mit der Zange entfernte und durch einen geschickten Verband den Blutverlust zu hemmen suchte.
»Das Tier kann geheilt werden,« sagte El Hakim, »wenn Ihr mir erlauben wollt, es nach meinem Zelte zu schaffen.« – »Nehmt ihn mit!« versetzte der Ritter. »Ich schenke ihn Euch gern, wenn er gesund wird. Ich selbst werde wohl nie wieder ins Hifthorn stoßen oder Hunden Hallo zurufen. Und für die Kur meines Knappen stehe ich ja noch in Eurer Schuld!«
Der Araber klatschte in die Hände, worauf zwei schwarze Sklaven erschienen, denen er befahl, den Hund aufzuheben und in sein Zelt zu schaffen.
»Ich wollte,« rief Kenneth, als die Sklaven sich entfernt hatten, »ich könnte mit diesem verendenden Tiere tauschen!« – »Es steht geschrieben,« erwiderte der Araber, wiewohl der Ausruf des Ritters nicht an ihn gerichtet war, »daß alle Geschöpfe zum Dienste des Menschen geschaffen seien, und der Herr der Erde ist töricht, wenn er aus Ungeduld seine Hoffnungen mit dem Zustande eines ihm untergeordneten Wesens vertauschen will.«
»Ein Hund, der im Dienste krepiert,« sagte der Ritter ernst, »ist besser, als ein Mensch, der seine Pflicht im Dienste versäumt. Hakim, Du besitzest die wundersamste Wissenschaft, die je ein Mensch besaß; aber die Wunden des Geistes zu heilen, liegt außer Deiner Macht.« – »Keineswegs, sobald der Kranke sein Leiden offenbart und sich der Leitung des Arztes vertrauen will,« antwortete El Hakim. – »So höre,« sagte Kenneth, »da Du so in mich dringst: Gestern nacht ist Englands Banner auf diesem Wall aufgepflanzt worden; ich wurde zu seinem Wächter bestellt; und dort liegt der Fahnenstab zerbrochen, die Fahne selbst ist fort, und hier sitze ich und – lebe noch!« – »Wie?« rief El Hakim, ihn schärfer betrachtend. »Deine Rüstung ist unversehrt, kein Blut klebt an Deinen Waffen? So kommt kein Schotte aus einem Gefecht: Man hat Dich weggelockt von Deinem Posten, oder hast Du Dich weglocken lassen durch die Rosenwangen und schwarzen Augen einer der Houris, die Ihr Nazarener lieber anbetet als Allah, statt sie nur so zu lieben, wie sie es, als aus demselben Stoffe, wie wir, verlangen können. So ist es seit Adam immer gewesen!« – »Und wenn es so wäre, Arzt?« entgegnete Kenneth finster. »Was läßt sich tun?« »Erkenntnis ist die Mutter der Kraft,« versetzte El Hakim, »und Tapferkeit ersetzt Stärke ... Höre mich an! Der Mensch ist nicht gleich dem Baume an den Ort gebunden, auch nicht geschaffen, wie das kaum beseelte Schaltier, an einem nackten Felsen zu hängen. Deine christlichen Bücher befehlen Dir, wenn Du in einer Stadt verfolgt wirst, in eine andere zu fliehen, und auch wir Muselmänner wissen, daß Mohammed, Allahs Prophet, als er vertrieben wurde aus der heiligen Stadt Mekka, Zuflucht und Anhänger zu Medina fand.« – »Was soll das?« rief der Schotte. – »Viel,« antwortete der Arzt; »der Weise flieht vor dem Sturme, den er nicht bändigen kann. Also flüchte Dich vor Richards Rache in den Schatten von Saladins siegreicher Fahne.«