– »Unserer königlichen Gemahlin?« rief Richard. »Nein, beim Himmel, das ist zu stark! ist das Edith Plantagenet, die weise und edle? Oder ein liebekrankes Fräulein, das nicht um ihren Ruf, sondern um das Leben ihres Geliebten besorgt ist? Bei König Heinrichs Seele! Es fehlt wenig, so laß ich Deines Günstlings Schädel vom Galgen nehmen und als Zierat neben dem Kruzifix in Deine Zelle stellen.«
»Und dennoch würde ich sagen,« erklärte Edith unerschrocken, »es sei die Reliquie eines wackeren Ritters, der unwürdig und grausam hingerichtet wurde von« – hier hielt sie inne – »von einem, der besser hätte wissen sollen, wie man Ritterlichkeit belohnt.« – »O still, um Gottes willen!« flüsterte die Königin. »Du machst ihn rasend!«
Der König schickte sich eben an zu zorniger Antwort, als ein Karmelitermönch ins Gemach trat, in den langen Mantel dieses Ordens aus gestreiftem groben Tuch gehüllt, sich dem König zu Füßen warf und ihn beschwor, die Hinrichtung aufzuschieben.
»Bei Schwert und Szepter!« rief Richard, »die ganze Welt hat sich gegen mich verschworen; Narren, Weiber, Mönche stellen sich in meinen Weg. – Wie kommts, daß der Verbrecher noch lebt?« – »Mein gnädigster Herr!« erklärte der Mönch, »ich habe den Lord von Gilsland gebeten, die Hinrichtung so lange aufzuschieben, bis ich mich selbst vor Eurer – « »Und er war so gutmütig, Deinem Gesuch zu willfahren?« schrie der König. »Der Satan über ihn! Doch sprich: Was hast Du zu dieser Sache zu melden?« – »Gnädigster König, ein wichtiges Geheimnis, aber unter dem Siegel der Beichte, ich wage nicht, es zu künden, weder laut noch im geheimen! Doch, wenn ich es Dir künden könnte, so würde es Dich, das schwöre ich, von dem blutigen Vorsätze, den Du gegen ihn gefaßt hast, abbringen.« – »Ehrwürdiger Vater,« sagte Richard, »daß ich die Kirche ehre, bezeugen die Waffen, die ich um ihretwillen trage. Künde mir dies Geheimnis, und ich werde handeln, wie es der Sache gemäß ist.«
»Mein König,« entgegnete der fromme Mann, Kutte und Oberkleid zurückschlagend, um ein härenes Gewand und ein Gesicht zu enthüllen, das einem lebendigen Skelett glich. »Zwanzig Jahre lang habe ich in den Höhlen Engaddis diesen elenden Körper gemartert, um eine schwere Sünde zu büßen. Wähnt Ihr, ich könnte eine Lüge ersinnen, um meine Seele in Gefahr zu bringen?«
»Also Du bist der Einsiedler, von dem so viel gesprochen wird?« erwiderte der König. »Du siehst freilich den Geistern ähnlich, die an öden Stätten wandeln. Aber Richard fürchtet Gespenster nicht! Auch bist Du, dünkt mich, derjenige, an den die Fürsten den Verbrecher sandten mit einer Botschaft an den Sultan, als ich, den sie doch zumeist anging, krank und siech darniederlag? Nun, vergleicht Euch jetzt noch untereinander. Mich gelüstets nicht nach Karmelitergürteln. Und was Dein Geheimnis angeht, so laß Dir sagen, je angelegentlicher Du Dich für ihn verwendest, desto schneller wird ihn der Tod ereilen.« – »Nun, so möge Gott Dir gnädig sein, König!« sprach der Eremit in tiefer Bewegung. »Du richtest ein Unheil an, das Du, und wenn es Dich ein Glied kosten sollte, dereinst wirst ungeschehen machen wollen... Verblendeter Fürst, stehe ab davon!« – »Hinweg!« rief der König, mit den Füßen stampfend. »Die Sonne ist über Englands Schande aufgegangen; und noch ward die Schande nicht gerächt ... Beim heiligen Georg schwöre ich – «
»Schwört nicht!« rief ein Mann, der eben ins Zelt getreten war. – »Ha! gelehrter Hakim!« sagte der König, »hoffentlich kommst auch Du, meine Freigebigkeit auszunützen?« – »Ich komme, Gehör zu bitten, augenblickliches Gehör, denn ich bringe wichtige Kunde.« – »Entferne Dich, Berengaria,« sprach der König, »und auch Du, Edith. Keine weiteren Bitten! Eins will ich Euch versprechen: die Hinrichtung soll bis zur Mittagszeit verschoben werden. Geh, Berengaria! Und Du, Edith,« fügte er hinzu, mit einem Blick, der selbst die mutige Seele seiner Verwandten mit Schrecken erfüllte, »wenn Du klug bist, dann geh!«
Die Frauen eilten zurück in das Zelt der Königin, wo sie sich ihrem Kummer überließen und gegenseitig Vorwürfe machten. Edith war die einzige, die es verschmähte, ihrem Kummer auf diesem Wege Erleichterung zu schaffen, und versah still ihre Dienste bei der Königin, die in leidenschaftliche Aeußerungen ausbrach und ihren Leichtsinn lebhaft verwünschte.
Siebzehntes Kapitel
Der Einsiedler wandte sich auf der Schwelle noch einmal um und hob warnend die Hand wider den König .. »Wehe dem,« rief er, »der den Rat der Kirche verwirft und seine Zuflucht nimmt zu den Ungläubigen! König Richard, noch schüttle ich nicht den Staub von meinen Füßen, noch scheide ich nicht aus Deinem Lager. Das Schwert fällt nicht, allein es hängt an einem Haar. Stolzer Monarch, wir sehen uns wieder!« – »Es sei so, hochmütiger Priester!« erwiderte Richard.
Der Eremit verschwand aus dem Zelt, und der König, zu dem Araber gewandt, fuhr fort: »Weiser Hakim, stehen die Derwische des Orients auch auf so vertrautem Fuße mit ihrem Fürsten?« – »Die Derwische sind entweder Weise oder Verrückte,« antwortete der Arzt; »wer das Gewand der Derwische anlegt, nachts wacht und tagsüber fastet, kennt kein Mittelding. Er besitzt entweder Weisheit genug, sich in Gegenwart von Fürsten bescheiden zu betragen, oder ist, wenn ihm die hohe Gabe der Vernunft fehlt, für seine eignen Handlungen nicht verantwortlich.« – »Mich dünkt, unsere Mönche sind vorwiegend von letzterem Schlage,« sagte Richard. »Doch zu Deiner Angelegenheit! Womit kann ich Dir dienen, gelehrter Arzt?« – »Großer König,« sagte El Hakim, sich nach orientlischem Brauche tief verbeugend, »laß Deinen Diener ein Wort sprechen, und doch leben. Ich wollte Dich erinnern, daß Du nicht mir, ihrem niedrigen Werkzeuge, sondern den höheren Geistern, deren Wohltaten ich ja bloß unter den Sterblichen austeile, Dein Leben verdankst.« – »Und ich wette, daß Du nun ein anderes begehrst,« unterbrach ihn der König, »ist's nicht so?« – »Allerdings ist dies meine demütige Bitte an den großen König,« sagte Hakim. »Schenket dem zum Tode verurteilten Ritter das Leben! Hat er doch nichts anderes sich zuschulden kommen lassen, wie schon Adam, der Vater aller Menschen, auch!«
»Und Deine Weisheit, Hakim, könnte Dich erinnern, daß Adam sie mit dem Tode büßte,« sprach der König ernst, während er, bewegt mit sich selbst sprechend, im engen Raume seines Zeltes auf und nieder ging. »Gerechter Gott! was er begehrte, wußte ich, sobald er ins Zelt trat. Ein armseliges Leben ist mit vollem Recht zum Tode verurteilt, und ich, ein König und Krieger, auf dessen Befehl tausende fielen, soll hier keine Macht haben, obgleich die Ehre meiner Waffen, meines Hauses, meiner Gemahlin durch den Schuldigen gefährdet wurde? Beim heiligen Georg! das bringt mich zum Lachen! das erinnert mich an Blondels Märchen vom verzauberten Schlosse, das der vom Schicksal verfolgte Ritter nie betreten konnte, weil ihn allerhand Gestalten daran hinderten, die, eine der andern unähnlich, ihm doch feindlich gesinnt waren. Kaum war die eine verschwunden, so kam die andere; und so erschienen der Reihe nach Gemahlin, Base, Eremit, Hakim! Ha, ha, ha!« Und Richard lachte laut auf, denn sein Zorn hatte sich in der Tat gelegt, da seine Entrüstung wie gewöhnlich zu heftig gewesen war, um lange zu dauern ... »Ein Todesurteil,« sagte Hakim, den König mit einer Miene, die nicht frei von Verachtung war, betrachtend, »sollte nicht aus lachendem Munde kommen. Laß Deinen Knecht hoffen, daß Du ihm des Mannes Leben schenkst.«
»Nimm statt seiner tausend Gefangene!« antwortete Richard. »Du sollst sie auf der Stelle erhalten; aber dieses Mannes Leben ist verwirkt.« – »Wie unser aller Leben!« rief Hakim, »aber der Schöpfer alles Lebens übt auch Gnade und treibt seine Pfänder nicht ein mit Strenge oder zur Unzeit.« – »Welches besondere Interesse veranlaßt Dich, zwischen mich und die Justiz zu treten?« – »Du hast gelobt, Gnade und Gerechtigkeit zu üben,« entgegnete El Hakim; »und doch vollstreckst Du jetzt bloß Deinen eigenen Willen. Zudem wisse, daß manches Menschenleben von meiner Bitte abhängt.« – »Erkläre Dich deutlicher,« sagte Richard. »Doch glaube nicht, mich durch Vorspiegelungen zu hintergehen.« – »Das sei fern von Deinem Knecht!« rief der Arzt; »doch muß ich Dir bekennen, daß die Arznei, der Du Deine Herstellung verdankst, ein Talisman ist, der sich nur bereiten läßt unter gewissen Himmels-Aspekten, wenn die göttlichen Mächte dem Vorhaben am günstigsten sind. Ich bin nur das bescheidene Werkzeug der Vorsehung. Ich tauche den Talisman in ein Gefäß mit Wasser, benutze die Stunde, die sich zur Vorbereitung des Mittels für den Kranken eignet, und die Kraft des Trankes bewirkt die Heilung.« – »Ein kostbares,« sagte der König, »und zugleich bequemes Mittel. Da es der Arzt in der Tasche tragen kann, erspart es die ganze Karawane von Kamelen, durch die wir Spezereien und Arzneimittel aus einem Weltteil in den andern schleppen. Seltsam, daß noch andere Mittel in Gebrauch sind.«